Ich schreibe einfach gern:)
Der Himmel zog sich zu, von Ferne hörte ich ein Donnergrollen. Sollte ich mich tatsächlich aufmachen und ins Open-Air-Kino fahren? Man muß nämlich wissen, vor Gewitter im Freien hab ich wirklich Respekt, ja fast ein wenig Angst. Liegt an einer Kindheitserinnerung, Einschlag, Feuer und so.
Aber meine Lust auf Kino hat gesiegt und so fuhr ich los. Muß sagen, war das erste Mal im Freilichtkino Maybachstraße. Aber schön. Der große Platz hinter dem Media-Park-Gelände, direkt hinter dem Lokal "Maybach!". Doch.. hat mir gefallen. Große Leinwand aufgebaut, Liegestühle zum Selberholen. Was genervt hat, war die ewig lange Werbung mit Einspielungen von Filmen, die in nächster Zukunft laufen. Fand ich ein wenig viel.
Was mich zu dem Film "Die Kunst des negativen Denkens" verleitet hat, war eigentlich erstmal nur der Titel. Ich wußte gar nichts von dem Film. Erst wollte ich auch gar nicht weiter informiert werden, weil schon allein der Titel, wie gesagt, hat mich magisch angezogen. Was sich dahinter wohl verbirgt. Hab dann aber doch mal kurz ins Programm geschaut und meine Neugier war weiter geweckt.
Kurz! Worum es ging? Also eine Therapeutin, die an einem Buch über das positive Denken arbeitete, hatte eine Gruppe Gescheiterter und Behinderter im Schlepptau, eine junge Frau an den Rollstuhl gefesselt mit ihrem Mann als Begleiter, eine ältere Frau mit einer Halskrause, deren Behinderung mehr im seelischen Bereich lag, ein Rollstuhlfahrer, der nach einem Schlaganfall auch nicht mehr sprechen konnte. Diese Gruppe machte sich auf zu einem Ehepaar, der Mann ebenfalls an den Rollstuhl nach einem Unfall gefesselt, der sich aber total in seine Welt voller Aggressionen über sein Unglück zurückgezogen hatte und nur noch in einem dunklen Zimmer vor seinem PC saß, um Filme anzuschauen und dazu hörte er Johnny Cash. Seine Frau hatte keinen Zugang mehr zu ihm und daher der Versuch, diese Gruppe ins Haus zu holen und einen Therapieversuch zu wagen.
Ach ich kann Euch sagen, herrlich schräg-schrill, dazu aber mit dem nötigen Ernst hinter all den komischen und schwarzen humorträchtigen Dialogen und Bildern.
Denn...in der Tat, wie geht man mit einer plötzlich erlittenen Behinderung um! Wie gestaltet man sein Leben. Kann man tatsächlich in ein positives Denken kommen? Kann man dennoch sein Leben zufrieden und freudig leben.
Positive Gedanken zu entwickeln in Situationen, wo es eigentlich hoffnungslos aussieht und die man nicht annehmen kann, ist doch eines der größten Kunst im Leben.
Ich dachte beim Film auch an die Parallelen dazu im Sloterdijk Buch der von einer Krüppel-Anthropologie sprach. D.h. ein Mensch, der eine Behinderung hat, kann in seinem tiefsten Inneren Kräfte entwickeln, die ihn dazu bewegen können, aus dem Unmöglichen das Mögliche zu machen. Das hat mir natürlich gefallen. Er spricht auch davon, dass so manchem Nichtbehinderten eine Behinderung fehlen würde, damit er sozusagen in die Bewegung kommt, also nicht stehen bleibt und Energien entwickelt, sich weiter zu entwickeln. Aber ich will nicht abschweifen.
Die Gruppe findet sich also ein. Geir, der Hauptprotagonist, also der rollstuhlfahrende, sich zurückgezogene Ehemann will die Leute nicht und er setzt alles dran, es ihnen zu zeigen. Er ist voller Aggressionen, vor allen Dingen der Therapeutin gegenüber, die mit ihrem esoterischen Gequatsche ihn zur Weißglut bringt. Schnell steht fest, das geht so gar nicht. Als sie ihn total nervt, haut er ihr eine rein, das wiederum steckt die anderen an, und der Schlaganfall-Patient gibt ihr ne Kopfnuss, sie fällt, blutüberströmt, ist entsetzt, greift ihre Sachen und verschwindet. Herrlich.
Jetzt bleiben sich alle selbst überlassen. Und was sich da entwickelt, also, wie die Gruppe sich selber therapiert, ist nicht nur köstlich, herrlich, sondern so lebendig, real und wahr, wie es nur sein kann.
Denn....weg mit dem ganzen emotionalen Quatsch und Gerede "positiv Denken!": Nein...es ging genau um das Gegenteil. Also, was kann eine ungute Situation, Lebensbedingung, etwas, womit man überhaupt nicht klar kommt, verändern? Natürlich sie annehmen! Aber! Bevor man sie annimmt, müssen erstmal alle Wut, alle Aggressionen hinausgeschleudert werden.
Und gerade im Falle einer körperlichen Behinderung braucht das Zeit, diese Aggressionen, die sich oftmals gegen sich selbst richten, übrigens nicht nur bei Behinderungen, herauszulassen. In jeder Situation, mit der man im Leben nicht zurecht kommt, können sich Aggressionen gegen andere und zu guter letzt auch gegen sich selber richten.
Man versteckt sie, die Aggressionen, weil ständig von einem gefordert wird, doch das Gute zu sehen, das Positive. So gibt es im Film eine Szene, wo aufgelistet werden soll, wem es denn eigentlich am schlechtesten geht. Jeder sollte das beurteilen. Herrlisch.
Aber nicht nur die Behinderten hatten ihre Probleme anzunehmen, mit der Situation fertig zu werden, die, die ihnen angegehörten, Lebensgefährte, Ehemann, haben ebenfalls ihre schweren Probleme. Fühlen sich schuldig, wollen zuweilen weglaufen, nicht mehr aushalten wollend.
Was macht ein Paar, jung, sich liebend, wenn einer von ihnen plötzlich im Rollstuhl sitzt? Es geht um Gefühle und zwar die ganz großen. Wo ist es noch Liebe und wo geht es nur um Mitleid, sich schuldig fühlen, weil man keine Kraft mehr hat, oder eben weil man sich schuldig fühlt, wegen all der Weglaufgefühle! Und natürlich die Sexualität. Wie lebt man Sexualität in einer solchen Situation. Sie ist ja noch da, lebendig. Aber wenn der Mann, so wie im Film zu seiner Frau sagt, ich will nicht, dass du auf einen Krüppel stehst, was macht Frau dann damit, wie geht sie damit um. Wie kann sie ihren Partner noch erreichen.
Aber ich will auch nicht den ganzen Film in allen Szenen beschreiben;-) obwohl ich es könnte. Aber der Tag, in denen sie sich allein überlassen bleiben, wird der chaotischste, aggressivste Tag im Leben sämtlicher Beteiligter. Aller Haß, alle Wut kommt raus, nicht zuletzt wird das ganze eine exessive Party, in der gesoffen und gekifft wird. Herrliche Szenen sag ich Euch. Es geht soweit, dass es am Ende ein russisches Roulette gibt.
Da wird man aufmerksam. Obwohl, dem Tode durch Unfall und Krankheit nahe gewesen, jedoch überlebt, dann die Situation, in der man sich befindet, nicht annehmen könnend, spielt man mit dem Tod in Gedanken. Selbstmordgedanken sind da nicht unüblich. Aber das ist gleichzeitig auch die Befreiung von allem.
Und wenn der Film zu Ende ist, fühlt man sich mit den Protagonisten mitbefreit. Denn so ist es.... wer sich selber und dem Peiniger oder dem Gegner, wie auch immer, nicht all seine Wut, Aggression entgegenhalten kann, der kann auch nichts neues Schaffen in der Beziehung zum anderen und zu sich selber, also eine neue Sichtweise bekommen und das Leben wieder dankbar annehmen.
Manchmal...manchmal hilft ne Kotztüte. Ein herrlicher Filmausschnitt, in dem die Therapeutin ein selbstgestricktes Beutelchen allen unguten Gedanken entgegenhält und sagt, spuckt es aus. Ich werd mal überlegen, ob ich mir so ein Beutelchen auch zulege. Wenn´s hilft!;-)
Also, schaut ihn Euch an, wenn er die Möglichkeit habt.
Die Kunst des negativen Denkens
Denn....es braucht immer zwei Pole im Leben. Es gibt nicht nur das Gute. Das Böse muß erst raus, damit das Gute entstehen kann.
Übrigens...die Gewitterwolken und die Blitzlichter, die uns umgaben, beim sSchauen des Films, sind nicht näher gekommen und haben brav gewartet, bis der Film zu Ende war. Und was sage ich, ich hab´s vorausgesagt, auch allen anderen Kinobesuchern, denn ich bin ein guter Himmelsbeobachter;-)