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Über die Liebe zur E-Gitarre

It might get loud - Es könnte laut werden - so der Titel des Dokumentarfilms, den ich in Frankfurt vor ein paar Tagen mit einem Freund zusammen geschaut habe.
 
Aber sicher, es/sie könnte(n) laut werden, die E-Gitarren, aber so was von. Man muß sie schon lieben. Daher, hätte ich den Film gedreht und ihn betiteln müssen, hätte ich bestimmt noch einen Untertitel mit angegeben, nämlich It might get loud oder Von der Liebe zur E-Gitarre!
 
Musik ist für mich Lebensfreude pur. Musik kann mein persönliches Befinden, meine Gefühle, je nachdem ob Traurigkeit, Melancholie oder Freude vorherrschen, um einiges verstärken. Musik ist für mich schon immer so was wie eine Therapieform gewesen, sei es nun Rock´n Roll, Blues, Jazz oder Klassik.
 
Wenn ich transparente, von der Klarheit durchtränkte E-Gitarrenriffs höre, springt meine Seele ebenfalls wie eine Seite. Es ist, als wenn die Gitarre mit meiner Seele spielt und ihr völlig neue Melodien entlockt.
 
Live-Konzerte, Sessions, wie auch immer, können mich völlig in den Bann ziehen, da versinke ich in den Klängen der Musikinstrumente, filtere mal die Gitarre, die Drums, den Bass, das Saxophon, was auch imme an Musikinstrumenten sich da auf der Bühne ein Stelldichein geben, heraus und reite auf den Wellen der Töne, um mich herum alles vergessend.
 
Aber den Klang einer E-Gitarre, ihr Schreien, ihr Wimmern, Jaulen, Aufheulen, das Spielen mit der Technik und die Botschaft, die eine E-Gitarre an mich hat, haut mich jedesmal um.
 
Und genau darum geht es in dem Film, um die Liebe, die Faszination und die Botschaft, die Musiker mit ihrer Gitarre zum Ausdruck bringen wollen. Ein Statement dreier hervorragender E-Gitarristen der Musikgeschichte überhaupt.
 
Da ist zum einen "The Edge", Gitarrist der Band U2, Jimmy Page, Gitarrist der legendären Led Zeppelin und Jack White, Gitarrist der ebenso legendären White Strips. Schon allein diese Namen garantieren eigentlich für einen absoluten Hype.
 
Alle drei versammeln sich, um über die E-Gitarre an sich zu plaudern, wie sie selber die Liebe zum Instrument entdeckt haben, wie ihr Weg in musikalischer Richtung verlief und sie zu dem gemacht haben, die sie dann geworden sind.
 
Keine Minute Langeweile entsteht, man ist berührt, wenn man den Erzählungen, aber vor allen Dingen den Möglichkeiten, die E-Gitarre zu einem Instrument der Rebellion zu verzaubern, lauscht.
 
Von der ersten Szene an, in der Jack White sich mit einem Stück Holz, einer Colaflasche und ein paar Seiten eine Gitarre selber baut, zieht ein Lächeln über mein Gesicht, das abwartend dem entgegenblickt, was da noch kommen wird.
 
Die Wahrheit ist es nicht mehr, so ähnlich sagt White in Bezug auf die E-Gitarre und meint aber nicht das Negative, dass sie dadurch verursacht, sondern das Verstärkte der Wahrheit, des Tons, der Riffe, der Botschaft, die die E-Gitarre hervorbringt. Die Technik hat wie überall auf jedem Gebiet, die Wahrheit zu einer neuen Wahrheit gemacht. Das Langsame schnell, das Leise laut, das Zarte wild und das Freudige in Extase. Dass ist es, was jeden Gitarristen, wenn er seine eigenen Gefühle, den Song und Text, eigenes Empfinden, Denken und Handeln ins Spiel mit der Gitarre einbringt, einfach umhaut. Ein Gitarrist, der nur die Technik beherrscht, ist kein richtiger Gitarrist, wenn er sich nicht von dem arachischen, animalischen Klang, dem Grundton, seines Instruments, berauschen, verführen und inspirieren läßt. Er muß sich selbst vergessen. Ein unglaublich starkes und beeindruckendes Moment, in dem man eine Szene sieht, in der Jack White sich die Finger blutig spielt und am Ende des Stücks die Gitarre von Blut überzogen ist. Ist das Liebe? Aber wenn nicht, was dann?
 
Drei Generationen erzählen da ihre Geschichte, drei auch in ihrer Ausstrahlung sehr unterschiedliche Gitarristen.
The Edge, der ruhige, stille Sucher nach immer neuen Variationen auf seinem Instrument, mit dem er die Botschaft seiner Musik an den Mann/Frau bringen will. Ausschnitte aus Konzerten, Bilder von Dublin, von den blutigen Kämpfen, damals, als die Musik von U2 entstand und eine zutiefst berührte und an der Seele rüttelnde Mitteilung, die er da von sich gibt, "Der Mensch hat keinen Respekt mehr vor dem Leben eines Anderen", er tötet um des Tötens willen.
 
Dann Jimmy Page, der von den dreien zwar der Älteste, aber immer noch wie ein Schulbub wirkt, wenn sein Lächeln im Gesicht zeigt, wie sehr er mit seiner Musik, seiner Gitarre verbunden ist. Mit Page besucht man die Hallen von Headley Grange, in denen damals das legendäre Stairway to Heaven entstanden ist. Glücklich der, der diese Zeiten miterlebt hat. Wir, die Alt- und Spät Rock´n Roller, waren doch hin- und weg, sehnten uns nach einer ganz anderen Art von Revolution, der, der Musik und ihrer Beeinflußung auf das menschliche Handeln. Wir wollten doch, dass alle durch das Aufschreien der Gitarre zum wachgerüttelt wurden, wir wollten nicht nur ein wenig Spaß und Vergessen haben, wir wollten nach dem Ende eines Konzert anders nach Hause gehen, bekehrt, wachsamer, achtsamer und sensibler für unser Leben und unsere Umwelt sein, oder? Ich jedenfalls! Und auch heute noch hat diese Haltung sich in mir nie verändert. Musik kann mich immer wieder neu erwecken und zum Nachdenken bringen. Das eben nicht nur durch die Texte, sondern eben gerade durch die Klänge, verstärkte, mich oft bis ins Mark hinein verletztende Jammern, Wimmern und Aufheulen der E-Gitarre.
 
Meine Gitarre ist meine Stimme, sagt Jack White an anderer Stelle. Und so ist es. Diese Stimme hat in der Vergangenheit der Musikgeschichte und der E-Gitarre so viel erzählt vom Menschen, seinem Leiden, seinen Freuden, seinem Scheitern, seiner Hoffnung, letztendlich vom Kampf des Lebens schlechthin.
 
Gerade White bringt das immer wieder zum Ausdruck, er, der eher von den rohen Klängen des Blues-Sängers Son House inspiriert wurde, obwohl er in einer Zeit des Hip-Hops hineingewachsen ist. Oder Jimmy Page, dessen Gesicht geradezu verklärt scheint, wenn er in seinem Zimmer mal eben eine Scheibe vom alten Link Wray ""Rumble" auflegt und wie von Geisterhand selber Luftgitarre dazu spielt. Einfach nur schön.
 
Nein...eigentlich muß man am Ende des Films zwar sagen, alle drei Musiker sind eher stille Typen gewesen, die sich Schritt für Schritt ihren Weg in die Musikwelt gesucht haben und es fast schon schicksalshaft gewesen ist, wie bei The Edge, der durch einen kleinen Spickzettel am schwarzen Brett seiner Schule seine Band fand, was wäre gewesen, wenn dieser Zettel nicht gewesen wäre, sagt er an einer Stelle. Was wohl? Ich dachte, dann wär es vielleicht anders gewesen, aber er wäre heute dennoch The Edge, wie auch immer. Die Liebe zum Instrument, die Sehnsucht nach der Kreativität, das Charisma, das Talent, das findet immer seinen Weg, meine ich jedenfalls.
 
Sicher...E-Gitarren und die damit verbundene Technik sind nicht mehr die Wahrheit, aber sie schaffen eine neue Wahrheit, eine Intensität an Klängen, Effekten, Echos, die manchmal völlig brachial in unser Innerstes einbrechen können, wenn wir offen sind und bleiben.
 
Am Ende des Films haben wir noch lange diskutiert, der Freund und ich, auf einer Mauer am Main-Ufer. Ob das eigentlich alles war, jetzt, mit der Geschichte der Musik. Es gibt schon alles, meinte ich, was soll noch Neues kommen? Entschieden wurde sich gegen diese meine Haltung, Einstellung gewehrt. Musik entwickelt sich ständig weiter. Niemals kann man sagen, es wird nichts Neues geben. Hätte Mozart länger gelebt, er hätte noch tausende Sinfonien und Klavierkonzerte erdacht und erfunden.
 
Und so wird es wohl auch sein. Das Neue in der Musik steht schon im Raum, es muß nur noch gefunden werden. Und auch die E-Gitarre hat m.E. noch nicht ihr Ende gefunden, in dem, was sie hervorbringen kann, sondern sie braucht nur neue Entdecker, Menschen erfüllt von einem anderen Zeitgeist, einer anderen Gefühls- und Erlebenswelt, die diesen Geist, dieses Wollen zur Veränderung des Menschen hervorbringt und beeinflußt durch die Musik, damit es weitergeht auf den Wellen der Rhythmen und Klänge. Damit in 50, 100 Jahren sichtbar wird, wie Musik nicht nur das Leben der Musiker selbst beeinflußt hat, sondern auch die Zuhörer.
 
Seht ihn Euch an, dieses kleine Wunderwerk von Film "It might get loud" von Regisseur David Guggenheim, der bei einem U2-Konzert einmal von seiner Frau gefragt wurde, na, du möchtest wohl gern "Bono" sein und ihr darauf antwortete, niemals! The Edge, er wäre gerne Gitarrist gewesen, einer wie The Edge.
 
Und wenn man mich fragen würde, ich wäre gern "Jack White", einer, der sich die Finger blutig spielt an der Gitarre, ergriffen von der eigenen Faszination und dem Moment des Vergessens, wenn man auf der Bühne steht, oder einfach nur so für sich, neuen Inspirationen hingegeben, und sie das erste Mal selber hört, die man da auf seiner Gitarre erfunden hat, glücksselig und satt, einfach so, nur vom Ton und Rhythmus.
 
Aber seht ihn Euch selber an! Hier ein paar Links!
 
It might get loud Wahnsinn!
 
It might get loud Impressionen[/popup]

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