Ich schreibe einfach gern:)
Es war vor ein paar Tagen. Der Herbst war nun endlich da, ich hatte mich an diesem Tag in meine Höhle zurückgezogen, Sofa, Musik, Tee und den Kaminofen angezündet:) Langsam aber sicher, wird es nötig, wenn man in hohen Räumen wohnt, die im Sommer zwar angenehme Kühle verbreiten, aber bei Anbruch der kühleren Jahreszeit schnell unangenehm frisch werden.
Es war still den ganzen Tag lang. Mal kein Telefon, kein Geklingel von Mehrfach-Postboten irgendwelcher Privatzusteller und auch kein Nachbar wollte was von mir.
Am Spätnachmittag hatte ich das Essen zubereitet und wartete auf den Rest der Mannschaft. Endlich, der Hunger nagte schon etwas in meinem Bauch:), zwei Stunden Laufen, das zehrt:)
Endlich kam er, der Sohnemann. Bei Muttern schmeckt es doch immer noch am Besten.
Ich öffnete die Türe und sah zu, wie er langsam die Treppe hochkam, Freude verspürend. Was hatte er denn da in der Hand?
Oben angelangt strahlte er übers ganze Gesicht. Schau mal Mutter! Nein! Es war kein Riesenblumenstrauß, es war einfach nur ein kleines Herbstblatt! Hab ich aufgehoben, hat mir gefallen, sagte er zu mir. Ich nahm das Blatt entgegen und eine Welle von Zärtlichkeit durchflutete meinen Körper. Hört sich jetzt vielleicht melodramatisch, merkwürdig oder sentimental an, aber so war es.
Dieses kleine Herbstblatt, abgeschüttelt vom Baum, durch einen leichten Windhauch, war plötzlich eine große Kostbarkeit. Ich kann es nicht erklären, aber es rührte mich zutiefst an.
Blätter verfärben sich ja in den stärksten gelb-orange-rot-Tönen. Aber dieses hier, dass ich in der Hand hielt, war noch von frischem Grün halb durchzogen, nur an manchen Stellen verfärbte es sich gelb und die kleinen, feinen Linien waren noch stark zu erkennen.
Es war nicht einmal sehr trocken, fühlte sich noch ganz geschmeidig und frisch an. Ich ging in die Küche und stellte es in eine mit Wasser gefüllte Vase. Dieses eine Blatt. Jetzt stand es auf dem Tisch, den ich gedeckt hatte. Die entzündete Kerze leuchtete daneben. Einfachheit dachte ich!
Es steht jetzt schon seit Tagen dort und sieht immer noch ganz frisch aus. Ich hab dem kleinen Blatt wohl noch ein wenig das Leben verlängert.
Das kleine Blatt bewegt mich im Inneren jetzt schon seit Tagen. So vielerlei geht mir durch den Kopf. Ich seh es gar vor Augen, wenn ich unterwegs bin.
Manchmal denke ich, das kleine Blatt, ist nur ein Zeichen. Am Baum hat es die Fülle gebracht. Es kommt auf jedes einzelne Blatt an, um die Pracht des Ganzen sichtbar werden zu lassen. Aber alle fallen nicht zugleich vom Baum, jedes unterschiedlich zu anderen Zeiten. Nur langsam leert sich der Baum und wird kahl.
Und hat man mal auf einer Bank gesessen, vor einem Baum und beobachtet wie sie fallen, die einzelnen Blätter, wird man sehen, keines fällt gleich oder trudelt muß man ja schon fast sagen. Nimmt man ein einziges Blatt ins Visier und beobachtet wie es herunterwirbelt und meint, man könnte ausrechnen, welche Richtung es nimmt, wo es aufkommt, ist man am Ende doch immer wieder überrascht, dass man es falsch eingeschätzt hat.
Es wird sich jetzt wohl nicht weiter verfärben, hier daheim, in meiner kleinen Vase, nur noch austrocknen und bleiben, wie es herabgefallen ist.
Ich hab es lieb gewonnen, dieses kleine Blatt. Ich häng richtig dran und möcht es noch ganz lang anschauen können, selbst wenn es am Ende ganz trocken geworden ist und vor sich hin bröselt.
Das kleine Blatt erinnert mich auch an den Menschen. Jeder einzelne trägt auf seine ganz besondere Weise zum großen Ganzen bei. Jeder unterschiedlich in seinem Denken, Fühlen und Handeln. Und doch sind alle zusammen die Fülle der Menschheit. Und alle haben ihre Aufgabe.
Und jeder fällt am Ende allein. Und jeder fällt anders. Der eine fällt schon früh, der andere sehr spät. Der eine leuchtet bis zum Ende in aller Farbenpracht, der andere verblüht schon früh. Und keiner weiß warum? Es gibt so viele Geheimnisse die wohl nie zu ergründen sind, obwohl man stetig bemüht ist, sie zu erforschen.
Das kleine Blatt ist mir so viel Wert.
Das kleine Blatt sagt mir auch jeder einzelne Mensch sollte es wert sein. Wozu? Dass man ihn sein Leben leben läßt, ihn blühen läßt, ihm den Raum gibt, zur Fülle der Gemeinschaft beizutragen, jeder auf seine Weise, ob bunt, ob grau, die Welt zu mischen mit aller Kreativität. Auf den Einzelnen kommt es eben doch an! Nicht nur jedes einzelne Blatt, auch jeder einzelne Mensch läßt eben erst den ganzen Reichtum, den Glanz und die Herrlichkeit sehen.
Behalten wir lieb, was uns geschenkt wird, ein kleines Blatt, den einzelnen Mensch oder entdecken wir sie einfach wieder die Liebe.
Es muß nicht immer ein Blumenstrauß oder anderes Großartiges sein. Der Mensch hat so schnell das Einfache nicht mehr im Blick, das Kleine, Unscheinbare. Man muß es wohl wieder lernen, wenn man ganz offen für die kleinen und großen Geheimnisse der Schöpfung sein will.
Das kleine Blatt war ein großes Geschenk für mich!