
Ohne Geld durch Deutschland? Wandern, nur mit dem Nötigsten bepackt, einen Hund an der Leine, für den man auch noch sorgen muß? Auf den Spuren der eigenen Vergangenheit, sich selber finden, reflektieren, bearbeiten und sich neu finden und erfinden? Vielleicht dem Leben einen neuen Sinn geben?
Wer würde das so machen wollen. Ohne Geld, angewiesen auf fremde Hilfe, Freundlichkeit, um ein Bett zu haben für die Nacht, etwas zu essen, zu trinken, und manchmal eine Möglichkeit die schmutzige Kleidung zu waschen und natürlich das Futter für den Hund. Wenn man so unterwegs ist, ist die Sorge um das eigene Überleben ist schon groß genug, warum aber noch eine weitere?
Geht das alles überhaupt? Sind die Menschen in unserem Land so gastfreundlich, dass sie einen Fremden, ungeachtet ihres Mißtrauens, ihrer Angst, geschürt durch ständig neue Medienberichte, die von Gewalt und Kälte, Abstumpfung der Gefühle und Taten von impulsiven Grausamkeiten erzählen?
Aber es hat tatsächlich einmal, es ist genau 29 Jahre her, Deutschland noch ein Wohlstandsland, gemacht. Von jetzt auf gleich. Jedenfalls beginnt so sein Buch. An einem frühen Frühlingsmorgen brach er auf. Wer?
Michael Holzach, Reporter der Zeitung "Die Zeit", geboren im April 1947, in Heidelberg, gestorben 1983 in Dortmund. Sein Buch "Deutschland umsonst - Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland" war damals gut verkauft, es wurde sogar verfilmt.
Holzach war bekannt für seine genauen und intensiven Recherchen seiner Berichterstattungen. So lebte er einmal ein Jahr lang bei den Hutterern in Nordamerika, um das Leben eines längst vergessenen Volkes mitzuerleben und berichtete in einer Ausgabe der Zeitschrift Geo mit Auszügen aus seinen erfahrungen.
Holzach setzte sich in seiner jorunalistischen Tätigkeit vorwiegend mit Themen, wie Jugendarbeitslosigkeit, Gastarbeitern Arbeitslosen und der Anti-Atom-Bewegung auseinander.
Aber er kam an seine Grenze, an einen Punkt, wo er sich nicht mehr mit dem, was er tat, identifizieren konnte. Daher wohl der Aufbruch.
Ich wollte dieses Buch schon immer lesen, gerade auch, weil ich ja selber im letzten Jahr eine zweimonate Pilgerschaft unternommen habe, allerdings, wenn auch mit wenig Geld, aber eben doch mit einer Sicherheit. Ein wenig hab ich da schon eine Ahnung davon bekommen, was es heißt, zu verzichten, sich auf das Nötigste zu beschränken, Schlaf- und Aufenthaltsplätze mit Menschen zu teilen, mit denen ich sonst niemals in Berührung gekommen wäre. Auch mal durchzuhalten, wenn der Hunger nagt und es sind noch 1o km bis zur nächsten Möglichkeit der Einkehr. Auch das Wandern durch tagelangen Regen, von Morgens bis Abends, alles das hab ich ja ein wenig miterlebt. Aber nach genau 32 Tagen und 1ooo km war ich am Ziel.
Holzach wanderte fast 25oo km in einem halben Jahr, auf den Spuren seiner Vergangenheit, von Hamburg aus ist er losmarschiert. Hat alles hinter sich gelassen, die Sicherheit seiner Wohnung, den Überfluß und seine Lebensgefährtin, die nicht verstand, aber akzeptierte.
Am Morgen des Beginns seiner Wanderung maschierte er zum Tierheim, übernahm die Sorge für einen halbjährigen Mischling, den er zärtlich"Feldmann" nannte, wie wohl alle Hunde im Sauerland genannt werden, erklärte er im Buch und machte sich auf den Weg.
Ein schönes Buch, das sich lohnt, auch noch 3o Jahre später zu lesen. Ich war sofort ganz eingetaucht in Holzachs Erlebnisse, Gefühle, in seinem Denken und Wahrnehmen über die Menschen und die Situation in unserer Gesellschaft. Es hat sich vieles geändert in Deutschland seit dieser Zeit, aber ich denke, die Erfahrungen, die Holzach gemacht hat, würde man heute genauso wieder machen. Der Mensch hat sich nämlich nicht sehr viel geändert.
Er bleibt wohl immer der skeptische, beurteilende und verurteilende, der allem Fremden gegenüber eher mißtrauisch ist und die Motivation eines Menschen, eine solche Pilgerschaft auf sich zu nehmen, eher fragwürdig anschauen wird.
Holzach hat alles erlebt in diesem halben Jahr. Menschen, von denen er nicht dachte, dass er Unterschlupf findet, haben ihm Gastfreundschaft geschenkt und Menschen, von denen er es angenommen hat, haben ihn abgewiesen.
So z.B. kam er einmal an ein Kloster, durchnäßt vom Regen und ausgekühlt und bat um ein Nachtlager und etwas zu essen. Der Pförtner wies ihn ab, der Abt sei nicht da, um das zu entscheiden. "Und wenn ich der Heiland wäre", stellte Holzach ihm eine Frage. Darauf fluchte der Pförtner gar und lief rot an.
Ein Pfarrer drehte den Schlüssel im Schloß noch zweimal rum, als Holzach an seine Türe klopfte. "Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, habt Ihr auch mir getan" ging ihm durch den Kopf. Holzach war nicht sondernlich religiös, aber diese Sätze bleiben einem Menschen doch im Innersten verhaftet, wenn man sie einmal gehört hat, oder?
Aber auch zutiefst berührende Momente erlebte Holzach. Wie er z.B. an einem Gefängnislager vorbeikam, ausgehungert, wie fast immer und ein Sträfling ihm über den Zaun hinweg, etwas für seinen Hund zu essen gab und ihn bat, noch eine halbe Stunde zu warten, dann gäbe es Essensrationen, die würde er dann mit ihm teilen. Holzach war berührt, kam ins Nachdenken. Dieser Sträfling saß 1o Jahre ab wegen Totschlags. Hat nicht jeder Mensch, auch der schlimmste Sünder einen guten Kern, ging ihm nach diesem Erlebnis durch den Kopf? Die anderen Häftlinge taten es dem ersten nach, so daß Holzach reichlich beschenkt seine Wanderung fortsetzen konnte.
Aber auch er selber lernte sich kennen, wozu er fähig war, im Denken und Handeln. Betteln zu müssen, hat ihm immer wieder neue Überwindung gekostet. Er berichtet davon, wie er sogar, einige Male zum Dieb wurde, in einem Lebensmittelladen, in dem er sich Schokolade stahl.
Begegnungen aller Art hatte er auf seine Reise mit Tippelbrüdern, Bettlern, herumreisenden Musikanten, Aussätzige unserer Gesellschaft aller Art und war ihnen so nah wie kein anderer Mensch.
Sehnsucht hatte er gar an manchen Stellen verspürt, mit Aussätzigen ganz anderer Art, einer Gruppe von Sintis, die ihn ein paar Tage nach einer Verletzung aufgenommen hatte, deren leben zu teilen. Nie hat er sich so wohlgefühlt als in in ihrer Gemeinschaft. Die starke Familienzugehörigkeit, das Füreinander einstehen hat ihm imponiert.
Holzach wandere quer durch Deutschland, vom Norden bis hin in den Süden, er durchstreifte alle Gebiete zurück zu den Spuren seiner Vergangenheit, aber auch immer berührt in dieser Zeit noch von den Spuren des Nachkriegsdeutschlands durch Militärgebiete, besetzt vonden Amerikanern und Engländern, die immer noch für den Ernstfall probten. Deutschland sprach noch immer über den Krieg. Holzach erfuhr auch noch immer Judenfeindlichkeit, das war wohl einer der erschreckensten Erfahrungen, die er gemacht hat, was im Kopf so mancher Kleinbürger noch wucherte. Hat sich das geändert? Ich glaube eher nicht, wenn man manchmal Aussprüche, vielleicht auch unbedacht, aus dem Munde so mancher Gesinnungsgenossen hört.
Frei hat er sich gefühlt am Ende seiner halbjährigen Wanderschaft. Kommen und gehen, wann er will, nicht verpflichtet zu sein, irgendwas und irgendjemand gegenüber. Nicht verwachsen zu sein mit der Uniformiertheit der Menschen, die ihm auf seiner Wanderschaft eher wie ein Sklaventum vorgekommen ist. Menschen, die in ihrer täglichen Routine ihr Menschsein nicht mehr spüren, angepaßt dem Mainstream hinterherjagen, sich abrackern für eine Welt, für die es sich gar nicht lohnt, zu rackern. Um sich dann, nach getaner Arbeit zu verschanzen hinter Gartenzäunen am Nutella- und Becellmargarine gedeckten Tischchen beim Frühstück die Dauerberieselung von Fernseh und Radio auszusetzen, die im Zehnminutentakt ihre Werbebotschaft und den Verkehrsbericht mit der Wetterlage herunterleiern.
Am Ende läßt Holzach in seinem Buch offen, wie und was ihn verändert hat, was er mitgenommen hat in sein wiederaufgenommenes altes Leben? Man kann sich nur eigene Projektionen machen.
Allerdings hatte er nicht mehr viel Zeit dazu, seine Erfahrungen in sein altes Leben zu integrieren. Holzach starb drei Jahre später bei einem Unfall. Er wollte seinen Hund Feldmann" aus der stark von Strömungen unterzogenen Emscher retten, an dessen Randwiesen er auf Bildersuche stand und es ihm zwar gelang, aber er selber dann mit dem Kopf gegen einen Betonpfeiler stieß und ertrank.
Merkwürdig dachte ich beim Lesen des Buches, wissend um dieses Ende von Holzach, hat er wohl dieses Leben, sein Leben nicht wirklich geliebt. Hat er sich wohl nie so richtig Zuhause gefühlt. Hat er auf seiner Wanderschaft alles erlebt, was es wirklich wichtig ist, um so früh aus dem Leben zu scheiden?
Es lohn sich, dieses Buch nach so vielen Jahren zu lesen. Er hat uns immer noch viel zu sagen, dieser junge Holzach von damals. Und ehrlich, ich hätte direkt einmal Lust in seine Fußstapfen zu treten. Vielleicht hätte man es als Frau ja einfacher?
Michael Holzach
Deutschland umsonst - Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland -
Hoffman und Campe
9,95 Euro
ISBN: 978-3-455-10302-1
Viel Vergnügen!