Ich schreibe einfach gern:)
Nach einem Einkauf fiel mein Blick auf eine Litfaßsäule. Ein großes Bild vom alten Didi Hallervorden mit der Überschrift:“ Sein letztes Rennen“ glotzte mich an. Ich konnte mich gar nicht wehren. So geht Werbung. Schon machte ich mir Gedanken. Was das wohl für ein Film ist? Hm..dachte ich, bestimmt wieder so ein sich aneinanderreihender Slapstick-Fetzen. Bin ich kein Typ für, ehrlich gesagt. Ich meine, als ich jung war, ganz jung, da gab es Dick und Doof, Pat und Patachon , die kleinen Strolche und später dann Jerry Lewis. Da konnte ich mich kringeln, ehrlich. Vielleicht auch war ich damals so empfänglich dafür, weil das wirkliche Leben so schwer war und Ablenkung gut tat. Das hat aber irgendwann aufgehört, das mit dem Ablenken wollen. Ernst ging ich mein Leben an, aufarbeiten wollte ich und ganz präsent wollte ich im Hier und Jetzt sein. Denn es war hart. Daher, nö, mit so nem Slapstick-Kram war mir nicht beizukommen. Dafür hatte ich nur noch ein müdes Lächeln. Daher war ich auch für den ollen Hallervorden überhaupt nicht empfänglich. Fand das nur doof, diese Blödelei. Hinzu kam, ich hatte auch lange Zeit keinen Fernseher. Daher entging mir wohl auch Palim Palim. Alle Welt redete davon, nur ich wusste nicht Bescheid. Erst jetzt, nach dieser Werbung auf dem Plakat hat mich ein Freund meines Vertrauens in die Weihen des Palim Palim Slapticks eingeweiht. Ehrlich muss ich zugeben, das war schon sehr, sehr lustig.
Aber „Sein Letztes Rennen“ war und ist kein Palim Palim. Das durfte ich erfahren. Er kann auch anders. Der Freund meines Vertrauens ist ein wirklicher Hallervorden-Fan und so haben wir ihn uns gemeinsam angeschaut den Film. Eine kurze Rezension in der Süddeutschen Zeitung hab ich mir noch einverleibt und dachte, gut, so schlecht kann der nicht sein, der Film. Lass ich mich mal drauf ein. Ich hatte ein gutes Gefühl, schon vorher.
Mein Gefühl hat sich wieder mal bestätigt. Es ist ein sehr schöner Film mit einem wunderbaren Didi Hallervorden. Ich glaube, er hat sich in dem Film selber gespielt, daher hat er sich wohl auch so bei den Dreharbeiten dafür eingesetzt. Hat sich richtig reingeworfen. 9 kg soll er abgenommen haben, als er für den Film das Laufen begann. In seinem Alter. Respekt. Denn so sportlich scheint der in seinem vorherigen Leben wohl nicht gewesen zu sein.
Jetzt ist es auch raus. Es geht nämlich ums Laufen, genauer gesagt ums Marathonlaufen. Hallervorden spielt die Rolle seines Lebens, wie ich finde. Er, der alte Paul Averhoff lebt noch mit seiner Frau in seinem Häuschen im Grünen. Aber es geht nicht mehr. Seine Frau ist pflegebedürftig. Averhoff schafft das nicht mehr. Die Tochter ist mit Beiden und ihrem eigenen Leben überfordert. Was bleibt ist das Altenheim. Schweren Herzens ziehen die Beiden um. Stumm und mit Widerständen versuchen sie sich einzuordnen. Seiner Frau fällt das scheinbar leichter. Sie weiß, dass ist ihre letzte Station. Da sitzen sie nun um den Tisch und sollen Kastanienmännchen basteln. Fürs Herbstfest. Auweia… Wie leblos und widerspenstig werkelt Averhoff herum, ist schließlich genervt und fragt, was das soll. Wie geht das denn weiter. Herbstfest, Winterfest, Frühlingsfest, Sommerfest. Das kann es doch wohl nicht sein. Schrecklich diese Möchte-gern-Dumpfbacken-arrogante –Entertain-Psychologin. Dieser Blick von ihr auf die Alten, denen sie ständig die Angst vor dem Dahinsiechen und dem Tod einreden will. Es läuft einem schauerlich über den Rücken, weil man denkt, genau solche Typen sind es, die einen einfach fertig machen wollen. Scheinbar hat die wohl selber ein Riesenproblem. Averhoff hat die Nase voll. Ich gehe, sagt er zu seiner Frau, und zwar nach Hause. Sie will nicht. Kannst ja nachkommen, sagt er ihr und marschiert davon. Ein Blick zurück, der gleichzeitig auch ein Blick auf die vielen Jahre ihres gemeinsam gelebten Lebens zum Ausdruck bringt, lässt ihn umkehren. Ne, das geht gar nicht. Also, was nun?
Er war ja der große legendäre Averhoff, der Marathon-Läufer, der Olympiasieger. Bilder des vergangenen Triumphes ziehen vor seinen Augen vorbei. Und da weiß er es. Er will und wird nochmal sein Bestes geben. Er will den Berlin-Marathon laufen. Herrlich. Doch, seine Frau und der Rest der Welt reagieren spöttisch, verständnislos, abwehrend, Einhalt gebietend. Er lässt sich nicht beirren und beginnt gegen alle Widerstände mit dem Training. Da kommt doch plötzlich Leben in die Bude. Gespannt verfolgen die Insassen, allesamt sympathisch, seine Läufe und ganz aus dem Häuschen sind sie, als Averhoff einen jungen Pfleger, dem man ansehen kann, dass er mit all den Abläufen von Zeitmanagement in der Pflege, dem Trübsinn, dem Fehlen von Menschlichkeit, sein Problem hat, herausfordert. 1o km sollen das Pensum sein. Wunderbar, was dann folgt. Seine Frau steht ihm wieder zur Seite. Sie war immer seine Trainerin. Geduldig sitzt sie auf der Bank mit der Stoppuhr in der Hand und spornt ihn an. Es ist hart, sehr hart. 3oo Mark und der Sieg ist dir, bietet ihm der junge Pfleger an. Aber da kennt man den legendären Averhoff nicht. Einen Sieg lässt der sich nicht schenken. Natürlich gewinnt er,-). Das Altenheim ist aus dem Häuschen. Da beginnt das Leben wieder zu flackern. Da kommt Hoffnung auf. Nicht nur für Averhoff, auch für sie, seine Frau, die sich schon ergeben hatte, stumm dem Getriebe des Seniorenalltags in einem Altenheim folgend.
Ich will jetzt den Film nicht zu Ende erzählen. Ihr sollt ihn Euch ja anschauen. Ihr müsst ihn Euch anschauen. Denn es ist zwar ein Film, nur ein Film. Aber in ihm entdeckt man so viel Wirklichkeit, das man gar nicht weiß, wo man anfangen soll mit dem Reden über all die Problematiken, die in einem langen Leben eines Menschen stecken und wie die Umwelt darauf reagiert, was sie entgegenzusetzen hat und wie man auch altes Leben noch gelingend und beglückend leben kann. Wie geht Leben. Wie geht gemeinsames Leben am Ende, wenn es schwer wird. Wie reagieren Angehörige. Wie sieht es in den Pflegeheimen aus.
Denn das, was Averhoff da in der letzten Phase seines Lebens noch einmal beginnt ist das Gegenteil von Resignation, Mutlosigkeit, Sprachlosigkeit und Bewegungsstarre. Es ist das pure Leben, prall voller Lebendigikeit, Glücksgefühle, Ernsthaftigkeit und Lebensfreude. Warum denn, verdammt noch mal auch nicht? Der Film hat eine Botschaft, eine ganz deutliche und klare.
Leben heißt nicht Stillstand. Leben bedeutet aktiv sein, sich bewegen, sich seinen Freuden und Leidenschaften, Hobbys , Talenten, Interessen mit all der Ernsthaftigkeit zuzuwenden, mit der man auch in jungen Jahren sein Dasein geführt hat. Und der Marathon ist doch letzten Endes in diesem Film nichts anderes wie ein Bild für das Leben des Menschen. Man startet, läuft los und dann geschieht all das unterwegs, was uns hochfliegen aber auch abstürzen lässt, was uns aufgeben lassen will, dann wieder Mut macht und weiter geht es. Es ist wohl nicht unbedingt der „Lauf in den Frieden“ wie der olle Erich Fromm es immer haben möchte. Ganz so ist es nicht, das Leben. Ich hab ja schon immer gesagt, das Leben ist auch Kampf, dass einem zuweilen unendlich viel Mühe kostet, aber wofür es sich lohnt, denn am Ende wartet doch auch der Siegeskranz. Wie dieser Siegeskranz für jeden Einzelnen ausschaut, ist sicher ganz individuell. Aber ganz bestimmt ist es ein Zurückschauen auf ein erfülltes Leben.
Schön ist der, der Film. Vielleicht schau ich ihn mir nochmal an. Dieter Hallervorden in einer ganz großen Rolle, wahrscheinlich der Rolle seines Lebens. Am Ende möchte man aufstehen, um ihm zuzurufen:“ Gut gemacht Didi“ Es liegt an uns, es gut zu machen, auch am Ende unseres Lebens!