Ich schreibe einfach gern:)
Die Bahn mal wieder. Obwohl ich schon eine S-Bahn vorgeplant habe, man kann ja nie wissen, klappt es nicht. Zwischen Hoechst und Rödelheim gibt es ein Stellwerkproblem, will sagen, es kommen gar keine S-Bahnen, aber gar keine. Aber immerhin, die Bahn hat´s gut organisiert, es gibt Taxen, die nach Rödelheim fahren und von dort aus kann ich dann beruhigt weiter nach Frankfurt- Hbf fahren. Prima, und nichts muß ich vorstrecken. So soll es sein.
Aber es staut sich ein wenig. Viele sind unterwegs an diesem Morgen, zur Arbeit, anderen, wichtigen Terminen, jedenfalls der eine oder andere sagt es, mensch, ich hab nen wichtigen Termin. Ich ja auch. Mein Job hängt vielleicht davon ab, denke ich.
Aber da ist die Frau, vielleicht ein wenig jünger als ich, sie hat auch einen Termin. Zur Uniklinik muß sie. Ich schau sie mir an, die Frau und merkwürdigerweise denke ich sofort, ohjeh, das ist sicher nichts Gutes. Keine Ahnung, wieso mir der Gedanke kommt. Aber ich hab´s ihr einfach angesehen, wie sie da vor mir steht, klein, ein wenig zusammengesunken, ein wenig Angst, doch, ich kann auch ein wenig Angst in ihrem Gesicht erkennen, auch wenn sie versucht, sie zu verstecken. Das ich recht habe, erfahre ich erst später.
Wieso später? Ja, ich seh sie nämlich wieder. Auf der Rückfahrt. Stehe an der Bushaltestelle, weil Busse eingesetzt sind, immer noch wegen des Stellwerkfehlers. Da steht sie. Ich hab sie zuerst gar nicht gesehen. Aber sie spricht mich an, meint, na, hat es geklappt mit ihrem Vorstellungsgespräch. Yep erzähle ich ihr und strahle über´s ganze Gesicht.
Und bei Ihnen, frag ich sie? Naja, es müssen noch weitere Untersuchungen und so. Also doch..meine ich zu ihr. Ich hätte ihr direkt angemerkt, dass es nichts Gutes verheißt, ein Termin an der Uniklinik. Ich werde ein wenig leiser und flüstere ihr fast ins Ohr bzw. frage sie, wo sitzt er denn? Sie schaut mich an und erkennt, ich weiß Bescheid. Dieser verdammte Krebs. Es ist noch nichts sicher, meint sie, sie mache sich nicht verrückt, aber ihre Körperhaltung erzählt etwas anderes.
Mir geht das an die Nieren. Ehrlich. Ich weiß ja, wie es ist. Das Warten, Aushalten, Hoffen, Sehnen!
Naja, wir kommen dann ein wenig näher ins Gespräch, über die Sache, mit dem Krebs. Ich mach ihr Mut, denke ich, jedenfalls zeigt sie mir es. Ich hab´s auch gehabt, sag ich ihr. Ist jetzt vier Jahre her und es kann alles gut gehn.
Und ich hab viel gemacht, danach, in dieser Zeit, viel gelebt, was ich wegen all der Pflichten und Verantwortung, die einfach da waren, vergessen hab. Aber dann hatte ich Zeit.
Es gibt ja auch was Positives, dann, wenn man es wirklich schafft, also, wenn es gut endet. Und es wird gut enden, sag ich ihr einfach mal. Nie den Mut verlieren, wie auch immer. Was soll ich auch sonst sagen, oder?
Wir sitzen noch ne Weile im Bus zusammen und erzählen dies und das. Es ist sehr berührend, wie wir da sitzen, zwei Fremde, die sich nicht mehr fremd sind, weil sie sich ausgetauscht haben, über das, was das Leben so stark verändert hat bei der einen und das, was das Leben vielleicht noch mit ihr macht, der Anderen. Ich hoffe, es wird genauso gut ausgehn wie bei mir. Ehrlich, ich wünsche ihr das von ganzen Herzen. Ich hab sie jetzt immer bei mir. In meinen Gedanken, in meinem Herzen und sprech immer mal wieder ein Stoßgebet in ihre Richtung. Ich würde mir wirklich wünschen, es wird helfen. Ehrlich! Ob gute Wünsche und Gedanken von Fremden an Fremde wirken? Ich weiß es nicht. Aber gut hat´s getan, dieser kleine Austausch.
Es gibt es ja doch noch, dass Fremde sich wie Brüder begegnen, auch hier in unserem Land. Ich hab das bisher nur in anderen Ländern kennengelernt, dieses einfach mal mit dem Nebenmann erzählen, was bedrückt. Was ist schon dabei. Manchmal entlastet ein so kleines Gespräch zwischen Fremden ungemein.
Naja..ich dachte auch, nichts ist Zufall, oder. Wieso treffen sich da zwei, die eine hatte den Krebs, überstanden, erleichtert und die andere muß noch voll Sorgen der Zukunft entgegensehen. Es ist doch so, jeder hat dem anderen was zu sagen und manchmal treffen sie sich, diese Beiden, diese Menschen, die sich gegenseitig etwas geben können. Dieses mal konnte ich Mut machen. Vielleicht brauch ich Morgen auch mal einen Zuspruch, vielleicht auch von einer Fremden. Weiß man´s. Ich mag mich nicht verschließen, will immer offen sein, für den Menschen, der mir entgegenkommt. Man weiß nie.
Es laufen so viele herum mit verschlossenen Gesichtern, kein Lächeln auf den Lippen, bloß nicht ansprechen, haben sie auf ein Warnschild geschrieben, vor sich hertragend. Dabei würde doch jeder gern überwinden, manchmal, diese große und doch so kleine Distanz. Alles würde einen Hauch menschlicher zugehen.
Na dann.. nichts ist umsonst, sag ich doch immer.