Milena Michiko Flasar hat einen wunderbar poetischen Roman über die Leistungsgesellschaft in Japan geschrieben. Ein stiller, ruhiger dahingleitender Roman, gerade mal 140 Seiten lang, der den Leser nachdenklich hinterläßt und die Frage aufwirft, wie schnell kann es gehen, dass man in einer Gesellschaft zum Aussenseiter wird.
Es ist aber auch ein Roman über eine Freundschaft zwischen zwei Männern, der eine älter, 58 Jahre alt, und einem jungen Mann, gerade mal 20 Jahre alt, die sich auf einer Parkbank kennenlernen und zu anfangs der eine, der junge Mann, den älteren nur aus sicherer Entfernung beobachtet und sie erst nach und nach ins Gespräch kommen.
Für den jungen Mann wird die Bekanntschaft, die zur Freundschaft zum älteren Mann wird, lebensverändernd sein, sie wird ihn herausholen aus seinem bis dahin abgewandten Leben aus der Welt, wie sie sich ihm zeigt.
Dieser junge Mann, der Ich-Erzähler des Romans namens Taguchi Hiro, ist ein Hikkikomoro. In Japan leben ca 100.000 bis 300.000 solcher Menschen. Junge Menschen, die das Haus ihrer Eltern nicht verlassen. Eine genaue Zahl ist das jedoch nicht. Denn in vielen Familien wird dieses Vorkommnis aus Angst und Scham vor der Gesellschaft verschwiegen. Die Zeit der in sich zurückgezogenen jungen Menschen im Elternhaus kann oft bis zu 15 Jahren andauern. Sie haben Angst, diese jungen Menschen, vor dem riesigen Leistungs- und Anpassungsdruck in Schulen und Gesellschaft.
Taguchi Hiro aber traut sich nach zwei Jahren in seinem Zimmer, in dem er sich eingeschlossen hatte, dieses endlich zu verlassen. Er macht einen Spaziergang zum nahegelegenen Park und setzt sich auf eine Parkbank. Von dort will er die Welt um sich herum ersteinmal im sicheren Abstand nur betrachten. Es ist genau die Bank, auf der er als Kind immer mit seiner Mutter gesessen hat.
Eines Tages setzt sich ein älterer Mann, ein Salarymann, ihm gegenüber. So wie er, Taguchi, kommt dieser Salaryman, nun ebenfalls jeden Tag auf diese Bank. Zum verstehen: Ein Salaryman ist zumeist ein männlicher Angestellter einer großen Firma, der er treu dient, korrekt gekleidet in Anzug und Krawatte.
Daher nennt ihn Taguchi auch, weil er nach einem Namen sucht, ihn einfach nur Krawatte.
Nach und nach kommen diese beiden unterschiedlichen Männer, die sich jedoch so unähnlich nicht sind, ins Gespräch. Langsam erzählen sie sich ihre bis dahin stattgefundene Lebensgeschicchte.
Dem Salaryman hat man in seiner Firma gekündigt. Er entsprach nicht mehr den Leistungsanforderungen. So sitzt er jetzt jeden Mittag auf dieser Bank, sich nicht trauend nach Hause zu gehen und seiner Frau zu gestehen, was geschehen ist. Tag für Tag sitzt er da, isst seine liebevoll gefüllte Bentobox, die ihm seine Frau jeden Morgen mitgibt, liest Zeitung, und schläft irgendwann ein. Er erzählt Taguchi von seinem Leben, nicht nur von der Kündigung, sondern auch von dem schrecklichen Trauma seines verstorbenen Sohnes.
Auch Taguchi öffnet sich nach so langen Jahren, die er sich der Welt verschlossen hat, von seinem Leben und dem Grund, aus dem heraus er sich der Welt verweigert hat. Denn auch er hat ein Trauma zu verarbeiten, an dessen Schuld er leidet. Er hat seiner früheren Freundin, die nach heftigem Mobbing und schrecklichen Demütigungen aus dem Leben ging, nicht geholfen. Das ist seine Schuld, die er auf seinen noch jungen Schultern trägt.
Wie es endet, verrate ich natürlich nicht. Stelle nur anheim, das Buch zu lesen, denn es ist ein großer Schatz.
Nachdenklich, wie ich es anfangs bezeichnete, macht es absolut. Denn dem Druck der Leistungsgesellschaft, Mobbing in Schulen, denen sich schon Kinder oft im Grundschulalter ausgesetzt sehen, herrscht nicht nur in Japan. Auch in unserer Gesellschaft ist es schon angekommen.
Es weitet den Blick auf Menschen, die sich diesem Druck widersetzt haben, aber auch gerade auf die, die es nicht geschafft haben, das zu verarbeiten, die gescheitert sind und am Ende irgendwo landen, in der Arbeitslosigkeit, in Drogen, in der Psychiatrie oder einfach in den Selbstmord getrieben.
Es ist der Blick auf den Menschen, wozu uns dieses Buch aufruft, niemals zu urteilen, sondern immer zu hinterfragen, was hat Menschen dazu gebracht, zum Aussenseiter zu werden oder dahin, wo sie wegen ihrer nicht vorhandenen Resilizenz geworfen wurden.
Mich hat dieses Buch sehr berührt, weil ich im Laufe meiens Lebens Menschen gesehen haben, die in solche Not gerieten und wie sie dann von der Gesellschaft verworfen und abgeschnitten wurden.
Meine Frage an Menschen, die ein Buch gelesen haben, ist immer: Welche Botschaft hat das Gelesene für euch?
Diese Botschaft ist ganz einfach:
Werden wir menschlicher, werden wir ein Mensch, der andere nicht abschätzend betrachtet, sondern uns für sie interessieren und sie halten, da wo sie sind und wo sie uns begegnen.