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Strandgut - Benjamin Myers -

Strandgut von Benjamin Myers möchte ich heute vorstellen und eine Leseempfehlung geben für alle, die sich für Soulmusik interessieren, denn da ist man bei diesem Buch gut aufgehoben. 
 
Meyers ist nicht nur britischer Schrifsteller, sondern auch Journalist. Seine Erstlingswerke beziehen sich hauptsächlich auf Musikerbiografien, wie z.B. Muse und Green Day.  In seinen Büchern begegnen wir einem Autor, der sich ausreichend mit Natur, Landschaft und den Unwägbarkeiten des Lebens seiner Menschen, über die er schreibt, beschäftigt und ein guter Beobachter all dessen ist. Sein Durchbruch als Schriftsteller hatte er mit dem lange auf Bestsellerlisten stehenden Buch - offene See - für das er viele Preise einheimste. 
 
Bucky, um den es in diesem Buch geht, läßt den Leser einfach nicht los. Selten bin ich beim lesen eines Buches so gefangen genommen von einem Protagonisten. Selbst, wenn ich das Buch beiseite gelegt habe und meinen Tätigkeiten nachgegangen bin, erschien es mir so, als ginge er neben mir her und erzählte mir von seinem Leben.  Fast wie ein Freund, den ich schon lange kenne.
 
Bucky ist 70 Jahre alt, lebt in Chicago und leidet. Zum einen unter seinen fürchterlichen Schmerzen, die ihm sein Rücken bereitet und denen er sich nur entziehen kann durch starke Opiate. Und dann hat er seine über alles geliebte Frau verloren. Sein Leben nach ihrem Tod ist zum Stillstand gekommen. Das Leben hat für  ihn seinen Sinn verloren. Er denkt nur noch daran, dass sein Leben hoffentlich bald zu Ende geht. Er ist ein Schiffbrüchiger geworden. 
 
Aber dann geschieht das völlig Unerwartete für ihn. Er bekommt eine Einladung nach Scarbourough, einer kleinen Küstenstadt im Norden England. Dort soll ein Soulfestival stattfinden. Und er soll dort auftreten. 
 
Und ja, Bucky ist bzw. war ein Soulmusiker in seinen jungen Jahren. Er kann es kaum fassen, als er hört, dass er in Großbritanien sozusagen eine Kultfigur in der Soul-Musikszene ist, wo er doch in Amerika völlig in Vergessenheit geraten ist. Mit gerade mal zwei Hits ist er bekannt geworden. Es hätte mehr werden können  aus ihm. Aber die Musikindustrie hat ihn abgezockt, wie so viele junge Musiker. 
 
Und dann kam da noch das  Erlebnis auf einer Reise mit seinem Bruder zu einem Konzert von dem großen James Brown hinzu. Denn diese Reise endete traumatisch für sie beide. 
 
Sein Traum, ein großer Musiker zu werden und der Traum seines Bruders, ein guter Anwalt zu werden, scheiterte an diesem Wochenende.
 
Er macht sich also nach langem Hin- und her auf, um diese Reise anzutreten und die Einladung anzunehmen. Immerhin wird die Reise bezahlt, nebst allem, was dazu gehört. 
 
In England angekommen, wird er von Dinah, die das Festival mitorganisiert, am Flughafen abgeholt. Von diesem Moment an, ist Dinah wie eine Hoffnungsträgerin für ihn, ein Engel an seiner Seite. 
 
Und einen Engel kann er beim Aufenthalt und bevorstehendem Auftritt auf diesem Festival wahrlich gebrauchen. Denn die kurze Zeit vor seinem großen Auftritt ist nicht einfach. Zum einen hat er seine Opiate im Flugzeug vergessen, so dass er nicht nur unter Schmerzen, sondern auch unter dem Entzug leidet. Zum anderen bricht in dieser wilden Natur von Scarbourough, dass von der wilden See umspült wird, sein ganzes Leben auf. 
 
Mit Dinah, obwohl ein Altersunterschied von 20 Jahren besteht,  verbindet ihn sofort eine innige Freundschaft, so, als würden sie sich schon immer kennen. Das Leben beider schweißt sie zusammen. Denn auch Dinah hat ihr Päckchen zu tragen. Auch sie pendelt nur noch durch ihr Leben wie eine Schiffbrüchige. Eine gescheiterte Ehe, ein Alkoholiker ihr Mann, ein fast 25jähriger Sohn, der seinen Weg nicht gefunden hat und nur vor dem Flachbildschirm seines Computers hängt, kurz, schlicht ein desolater Zustand, dem sie sich nie getraut hat, zu entfliehen. Das einzige was sie am Leben hält ist ihre Liebe zur Soulmusik, wie von vielen der Menschen, die in Sacarbourough leben und die sich wie verrückt auf dieses einmal im Jahr anstehende Festival freuen. Nur, um für eine kurze zeit die Schwere des Lebens zu entgehen.
 
So erzählt der Roman nicht nur über das Leben von Bucky Bronco, was war und was nun an diesem Wochenende mit ihm geschieht, sondern auch von Dinah, die durch die Begegnung mit Bucky ihr Leben endlich wieder in die Hand nimmt.
 
Er erzählt aber auch von dem nicht existierenden Amerika, wo angeblich jeder seinen Traum verwirklichen kann, sondern wo Menschen niemals aus ihrem desaströsen Leben herausfinden, weil das System es ihnen nicht ermöglicht. Es macht die Abgründe der Musikindustrie sichtbar, die junge Musiker ausnutzen mit Knebelverträgen, aus denen sie nicht mehr herauskommen, so wie es Bucky auch geschehen ist. 
 
Und es weist daraufhin, dass Musik auch ein Lebenselixier sein kann und ist, dass uns in schweren Zeiten Halt und Hoffnung gibt, manchmal aber auch nur das Vergessen für einen Moment einens kurzen Songs.  Und wir Menschen brauchen in diesen Zeiten kurze Momente zum Durchatmen. 
 
Am Ende des Buches dachte ich an die Aussage des spanischen Schriftstellers Jose Ortega de Gasset:" 
 
Das Leben ist seinem inneren Wesen nach ein ständiger Schiffbruch. Aber schiffbrüchig sein, heißt nicht ertrinken. Der arme Sterbliche, über dem die Wellen zusammenschlagen, rudert mit den Armen, um sich oben zu halten. Diese Reaktion auf die Gefahr seines eigenen Untergangs, diese Bewegung der Arme ist die Kultur - eine Schwimmbewegung. Solange die Kultur nichts ist als dies, erfüllt sie ihren Sinn!"
 
Es bleibt also imemr die Hoffnung, die Abgründe, die sich im Leben zeigen, zu überwinden. 
Bucky Bronco findet diese Hoffnung an einem Ort, von dem er nichts gewußt hat. Einem Ort am Meer. 
 
Hoffnung ist ein Ort, der am Meer liegt.
 
Viel Vergnügen!
 
Standgut
Benjamin Myers
Dumonat Verlag
ISBN: 978-3-7558-0037-8
14,00 Euro 
 
 
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