Vier Wochen habe ich warten müssen, um über ein phänomenales Buch, ein Meisterwerks m.E., zu sprechen. Ich hatte die die Gelegenheit und darüber freue ich mich immer noch, Ende Januar bei einer vom Verlag veranstalteten Präsentation des Buches „Löwenmädchen“ mit dem Autor des Buches und dem Übersetzer, geleitet von einer Moderatorin des WDR, teilnehmen zu dürfen. Das Verrückte war, ich hatte die Einladung kurzfristig bekommen und ich hatte null Ahnung, worum es in dem Buch überhaupt ging. Schon unterwegs, wir fuhren zu viert, zwei Kollegen aus einer anderen Buchhandlung, meine Chefin und ich, Richtung Veranstaltung, die in dem wunderschönen Zirkuszelt an der Mülheimer Brücke stattfand, hörte ich mir Lobeshymnen der Kollegen an. Dass die Veranstaltung in einem Zirkuszelt stattfand, hab ich dann erst später verstanden!
Also, um welches Buch geht es? „Das Löwenmädchen“ von Erik Fosnes Hansen. Der Autor bekannt geworden durch sein zehn Jahre zuvor erschienenes Buch „Der Choral am Ende der Reise“, dass lange Zeit auf den Bestsellerlisten stand. Hansen ist Norweger, seine weiteren Veröffentlichungen waren „Der Falkenturm“, „Momente der Geborgenheit“ und ein Portraitbuch über die norwegische Prinzessin Märtha Louise sowie ein „Kochbuch für kochunfähige Herren“. Das war mir bis zu diesem Abend auch nicht bekannt. Und er schilderte humorvoll seine Arbeit an der Biographie von Märtha Louise, seine Zeit des Aufenthalts im Königshause und sprach über Männer, die verlassen, also frau- und mutterlos ihr Wesen in Fastfoodketten trieben und höchstens mal ein Spiegelei in die Pfanne bekamen.
Nun denn, das alles ist nur nebensächlich. Denn an diesem Abend ging es um „das“ Buch schlechthin, „Das Löwenmädchen“.
Worum also geht es?
Die um viele Jahre jüngere Frau des Stationsvorstehers Arctander ist schwanger, im achten Monat. Auf dem Nachhauseweg durch den knirschenden Schnee erspäht sie das Nordlicht, wie einen Schleier aus Grün und dem explodierenden Sternenwirbel. Sie tauchte ein in eine Welt des Farbwechsels und in ein zartes Gespinst von Licht. Darüber vergaß sie alles, sah ihre Schritte nicht mehr stürzte und mit diesem Sturz begannen die Wehen einzusetzen. Sie überlebte die Geburt nicht, aber zur Welt brachte sie ein kleines Mädchen, dessen Vater sich entsetzt abwendete und nicht von einem „Menschlein“ sondern von einem Wiesel sprach! Warum? Die kleine Tochter des Stationsvorstehers Arctander und seiner Frau, Eva, war ein genetischer Defekt. Sie ist einem embryonalen Entwicklungsstand stehen geblieben, in dem der Körper des Kindes über und über behaart ist. In der Wissenschaft nennt man diese Krankheit „Hypertrichose“, ein sehr seltener Gendefekt. Das weiß aber zu der Zeit, an dem Eva geboren wird, niemand. Wir befinden uns im Jahre 1912 in einer kleinen Provinzstadt Norwegens. Das Apothekerehepaar, die einmal die Paten der kleinen Eva werden und der Geburtshelfende Arzt, glauben zu diesem Zeitpunkt noch, dass der kleinen Eva die Haare ausfallen werden. Mit Bestürzung müssen sie also erkennen, dass es nicht passieren wird.Der Vater wendet keinen zweiten Blick mehr auf seine kleine Tochter, zumal sie ihn auch noch daran erinnert, dass durch ihre Geburt ihm die geliebte Frau genommen wurde.
Hansen erzählt an diesem Abend über die Wirklichkeit und die Realität der Menschen, den sogenannten „Freaks“, die mit solcher Art oder anderen Behinderungen, zur Welt gekommen sind. Da sei nur mal an den in Deutschland bekanntesten, den so genannten „Elefantenmensch“ namens Joseph Merrick, erinnert, der mit sich mit seiner körperlichen Behinderung seinen Lebensunterhalt auf Jahrmärkten verdiente und dem später dann ein amerikanisches Filmdrama gewidmet wurde.
Wie geht es weiter! Eva wird in die Einsamkeit hineingeboren! Der Vater lässt sie im Kreise ihrer Paten und des Doktors, die ihre einzigen Bezugspersonen in ihrer kleinen Welt sein werden, taufen und hält sie ab da an versteckt im oberen Stübchen seiner Stationsvorsteherwohnung. Er stellt zuerst eine Amme ein, die sich um sie kümmert, später ein Kindermädchen, er selber nimmt lange Zeit keinen Kontakt zu seiner Tochter auf. Erst als die Wissenschaft sich um Eva reißt, fängt er an, sich ihr zuzuwenden, wenn auch notgedrungen, aber immer wieder erhofft er sich Erkennisse, die Abhilfe schaffen könnten, später resigniert er, , auch sie, Eva, irgendwann begreifen sie, das es immer so bleiben wird. Das ihr Körper behaart sein wird, mit einem langen seidigen Fell, das gepflegt und gebürstet werden muss.
Eva verlässt das Haus nie. Wie funktioniert Einsamkeit? Ich möchte eine kleine Passage wiedergeben, die mich unglaublich berührt hat, weil ich auch darin ein kleines Stück von meinem Leben wieder erkannt habe!
„ So funktioniert Einsamkeit!
Wenn du so allein bist, dass du glaubst, schlimmer geht es nicht, genau dann wird es schlimmer. Im selben Augenblick. Und dann kannst du wählen. Ob du schreien willst oder ob du ganz still in einem Zimmer sitzt und fühlen willst, dass du draußen vor der Tür stehst und anklopfst.
Wenn du schreist, dann weil es keine Wörter gibt, die einsam genug sind. Aber wenn du stillsitzt, hörst du immerhin das Klopfen an der Tür. „
Eva wächst also im Bahnwärterhäuschen ihres Vaters auf, sitzt am Fenster, schaut den an- und abfahrenden Zügen zu, kennt jedes Geräusch, weiß um jede Minute des Fahrplans. Später schließt sie Freundschaft mit dem Telegraphist, der ihr das Morsealphabet schenkt und sie es in null Komma nichts lernt. Sie malt, zeichnet, liest und schaut, das ist ihre Welt.
Aber sie muss zur Schule, auch wenn der Vater sich weigert. Sie begegnet einer unglaublichen Ablehnung, die Mitschüler fürchten sich, ekeln sich, sie haben kein Erbarmen. Kinder können grausam sein.
Aber Eva wird erwachsen, sie kommt in die Pubertät und trotz ihrer Behinderung entdeckt sie auch ihre Schönheit und sie verliebt sich. Sie macht sehr früh ihre ersten sexuellen Erfahrungen, ohne Angst, denn ihr genetischer Schaden hat auch zur Folge, dass sie gebärunfähig bleiben wird, ein Leben lang. Sie wird gehasst, aber gleichzeitig auch begehrt t, eine Erfahrung, die ihr Leben bestimmt.
Die Wissenschaft nimmt Zugriff auf den Menschen „Eva“, sie wird vorgeführt, betrachtet von hunderten gierigen Blicken, denen sie ausgesetzt ist, alleine, auf einem Stuhl auf einer großen Bühne, sich nicht wehrend gegen die Hände und den Übergriff. Am Ende dreht sie der Wissenschaft den Rücken zu.
Was wird aus ihrem Leben? Während einer wissenschaftlichen Begutachtung auf einem Kongress begegnet sie in nächtlichen Stunden anderen Menschen mit Gendefekten, auch sie Vorzeigebeispiele für die Wissenschaft. Einer erzählt ihr von einer Wandertruppe, die in einer Show genau diese Verunstaltungen zeigt, und die es zu Reichtum und Wohlstand gebracht haben, weil sich die Menschen an ihnen ergötzen. Auch an Eva wird die Botschaft gerichtet „komm mit uns“!
Aber Eva begreift noch nicht, hofft, auf Liebe, Verständnis, dass aus ihrer Einsamkeit Zweisamkeit wird, will nicht begreifen, dass es nicht gehen wird. Am Ende ist ihr Schmerz so groß, weil die Ereignisse sich überschlagen und ihr das Schlimmste angetan wird, was einem Mädchen angetan werden kann. Erst da entscheidet sie sich.
Ich habe dieses Buch Seite für Seite verschlungen, atemlos, eingetaucht in die Einsamkeit Evas, habe die Stille und ihre Welt verstanden! Dieses Buch konfrontiert mit so vielen Fragen! Wie gehen wir mit Behinderungen um? Sind sie einfach ein Zufallsprodukt der Evolution? Oder haben Behinderte eine Botschaft an uns vermeintlich „Gesunde?“ Wie kommen die Behinderten selber mit ihrer Einsamkeit zurecht? Was macht ein solcher Mensch, und es gibt sie tatsächlich, diese Menschen, mit seinem Leben? Wie verdient er seinen Lebensunterhalt, kann er Liebe erfahren? Es gibt wohl zwei Welten, die der Behinderten und die der Gesunden! Warum ist das so? Wieso hat nur der vermeintlich Gesunde seinen Platz in unserer Gesellschaft! Warum müssen sich Behinderte verstecken, sich ausgegrenzt und einsam fühlen? Warum können wir nicht akzeptieren, dass alles seinen Sinn hat? Dass Menschen mit Behinderungen besondere Fähigkeiten entwickelt haben, in allen Sinnesbereichen, aus denen wir lernen und die uns auf unsere oft fehlende Sensibilität aufmerksam machen können?
Ich denke, jeder wird beim Lesen des Buches seine ganz eigenen Fragen haben! Daher empfehle ich dieses Buch von ganzem Herzen. Hansen erzählt mitreißend die Geschichte von Eva in höchster literarischer und sprachlicher Qualität.