Für Isabel! Ihr hab ich versprochen, diesen Beitrag zu schreiben. Wer sie ist? Eine Französin, die ich gestern Abend in der Filmpalette in der Lübecker Straße kennen gelernt habe. Wir waren beide viel zu früh im Kino, weil sich die Veranstalter und der KSTA mit der Angabe des Uhrzeit des Filmbeginns vertan hatten. So standen wir da plötzlich rum und hatten noch eine Stunde Zeit. Nun, so kamen wir ins Gespräch und tranken zusammen ein Bier, rauchten eine Zigarette und kamen auf die unglaublichsten Gesprächsthemen.
Ausgangspunkt war natürlich der von uns beiden anzuschauende Film. Ihre Frage;“ Warum schaust DU dir diesen Film an“? Welchen Film ich meine? Also, es handelt sich um eine Dokumentation über einen beeindruckenden Menschen namens Simon Wiesenthal mit dem Titel“ Ich habe euch nicht vergessen“!
Wer war Simon Wiesenthal? Ich muss gestehen, ich hatte früher nur am Rande mitbekommen, dass er der Mensch war, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Naziverbrecher aufzuspüren und sie zur Rechenschaft zu ziehen. Ja, er sagte, es ginge nicht darum, zu hassen, der Hass löst sich irgendwann auf, man kann nicht ununterbrochen hassen, es sei ihm nie darum gegangen, die Naziverbrecher hinzurichten, sondern es sei sein unbändiger Wunsch und Drang gewesen, sie zur „Rechenschaft“ für ihre Taten zu ziehen.
Was sieht man im Film! Bilder des Grauens und der Schreckenstaten! Obwohl wir sie oft gesehen haben, führen sie immer wieder zur Erschütterung. Der Mensch, eine Bestie, zu Taten fähig, die man sich in seinem schlimmsten Träumen nicht ausmalen kann und doch sind sie geschehen. Er schildert Beispiele von Verantwortlichen der Verbrechen, die so grausam waren, und er sagt selber an einer Stelle, manchmal fragt er sich, ob er das alles nur geträumt hat. So wahr und doch wird es im Nachhinein so unglaublich! Wirklich, man muss einfach weinen, wenn er erzählt, das er Zeuge davon gewesen ist, wie „Eichmann“ Eltern vorgeführt hat und zu ihnen sagte, die Männer rechts, die Frauen links. Und die Kinder? Wie er sah, dass der Vater weinte, weil er sein Kind haben wollte. Und wie diese Bestie Mensch es fertig brachte, das Kind zu nehmen, einen anderen Wärter zu benutzen, der ein Bein des Kindes halten musste, ein anderer das andere, und wie das Kind vor den Augen der eigenen Eltern in zwei Stücke gerissen wurde. Dann hat man jeweils ein Teil den Eltern gegeben. Der Schock bei diesen Worten ist so unermesslich, und das ist sein Anliegen gewesen, sein Leben lang, diese Gräueltaten, dürfen nicht vergessen werden. Die Generationen danach müssen es erfahren, wozu Menschen fähig waren und immer noch sind. Denn Wiesenthal hat sich nicht nur für die eigene Leiden seines Volkes eingesetzt, er hat gekämpft gegen den Völkermord in der ganzen Welt.
Ich konnte es verstehen, das mit dem eigenen „nicht-glauben wollen, an das, was man erlebt hat. Jeder Mensch, der eine zutiefst traumatische und schmerzhafte Erfahrung in seinem Leben gemacht hat, kommt einmal an diesen Punkt.
Simon Wiesenthal, einzig Überlebender des Holocausts. Alle seine Familienangehörigen kamen um. Seine Mutter, er konnte sie nicht mehr retten. Noch als sie sich im Güterwaggon befand, lief er daran vorbei, suchte sie, und musste ein Leben lang darunter leiden, ihr nicht hatte helfen können.
Seine Mutter, die im Ghetto fünf Tage lang nichts gegessen hatte, damit sie die Lebensmittel aufsparen konnte, für ihre Kinder, wenn sie kamen, um sie zu bekochen.
Simon Wiesenthal, der sich nach der Befreiung in den Dienst der Amerikaner stellte, um zu erzählen, aufzuschreiben, wer die Verbrecher waren. 92 Namen hatte er auf seiner Liste. Aber nicht nur die Namen, sondern Berichte über alle Gräueltaten. Ohne ihn hätte es wohl kaum die Nürnberger Prozesse gegeben, ohne ihn wären die Kriegsverbrechen, die auch weiterhin in dieser Welt geschehen waren, nicht angeprangert, verfolgt und verurteilt worden.
Simon Wiesenthal, der trotz aller dieser unglaublichen und doch geschehenen Dinge, ein Mensch geblieben ist, der lachen konnte. Der die Hoffnung auf das Gute im Menschen nie aufgegeben hat. Wer kann das schon von sich sagen. Wenn man heute schaut, wie schnell Menschen die Hoffnung verlieren wegen geringfügiger Ereignisse, manchmal sogar schon wegen Projektionen noch nicht einmal eingetretener Ereignisse. Wiesenthal der sagte, ein Leben ohne Hoffnung geht nicht, die Hoffnung ist die Realität.
Dieser Mann lebte mit Millionen von Toten, so sagte seine Frau einmal. Für andere begann danach das , soweit möglich, normale Leben, für sie und ihren Mann war die Vergangenheit immer gegenwärtig, aber so sehr sie sich auch oft wünschte, auch endlich mal einen Neuanfang zu wagen, so sehr unterstützte sie ihren Mann in seiner Arbeit.
Absolut berührend ist die letzte Szene, in dem man ihm wohl sagte, er sei ein Held und er darauf antwortete, ich bin „kein Held“, sagt das nicht, ich bin einfach nur ein Überlebender und dankbar!
Simon Wiesenthal, den man wärend der Gespräche weinen sieht!
Ich kann diesen Film nur empfehlen:“Ich habe Euch nicht vergessen“, Filmpalette Köln. Warum er so heißt? Ein anderer Überlebender hat ihn in der Nachkriegszeit gefragt, was er mit seinem Leben angefangen habe, warum er nicht wieder als Architekt gearbeitet hätte. Die Antwort Simon Wiesenthals war, mein Beruf ist gewesen“ Ich habe Euch nicht vergessen“
Tatsächlich er hat sie nicht vergessen und er hat sie wohl wieder gesehen nach seinem Ableben, wie er es geglaubt hat. Wenn man ein Bild von ihm im Film sieht, wie er mit der Hand über seine Stirn fährt, sieht man in diesem einzigen kleinen Augenblick nicht nur sein eigenes Leiden sondern das Leiden von Millionen von Frauen, Männern und Kindern.
Ach ja, um zum Anfang zurückzukommen! Was habe ich auf Isabels Frage geantwortet?
Auch ich will nicht vergessen, wenn ich auch in dieser Zeit nicht gelebt habe. Aber ich will weiter mit meinen Kindern darüber reden und mit meinen Enkeln, wenn es so weit ist. Weil ich auch nicht will, dass es vergessen wird!
Isabel und ich sind still nach Hause gegangen und haben uns versprochen, uns wiederzusehen! Vielleicht der Anfang einer Freundschaft!