Letzte Woche rief mich eine Freundin an und bat um meinen Ratschlag! Der Mann ihrer Tochter hatte diese von einem auf den anderen Tag verlassen. Die Tochter wiederum wollte mit ihrer Mutter nicht mehr kommunizieren, da sie plötzlich meinte, ihre Bindung an sie sei zu eng und sie wäre ihr im Moment keine Hilfe. Die Tochter war mit ihrem Mann in einer katholischen Sekte sehr aktiv. Die Mitglieder dieser Sekte haben sie sehr bedrängt und jeden Tag vor ihrer Türe gestanden. Mitglieder der gleichen Sekte, in Berlin ansässig, haben sie dann mitgenommen nach Berlin. Die Tochter hat ihrer Mutter nicht mehr die Türe auf gemacht und sie auch nicht mehr am Telefon sprechen wollen. Jetzt wollte sie von mir wissen, ob sie nochmals auf sie zugehen solle. Ich war ratlos! Was sollte ich ihr sagen! Ich habe immer ein ein Problem damit, wenn ich jemandem Ratschläge erteilen soll. Meiner Meinung nach ist das alles immer sehr subjektiv, was man da sagt. Niemand befindet sich in der Lage des anderen. Ich hab ihr dann nach langem Zuhören gesagt, ich wüsste nicht, wie ich reagieren würde, aber ich würde ihr empfehlen, auf ihr Herz und ihren Bauch zu hören. Meiner Meinung nach liegt die Antwort oft in uns selber und wir trauen uns nur nicht, die Verantwortung für die eigene Entscheidung zu übernehmen.
Ich erinnere mich an einen Fall, da hatte sich eine Freundin nach 35 Jahre Ehe plötzlich in einen anderen Mann verliebt. Sie befand sich zu der Zeit in einer Krise und auch die Ehe war etwas verkümmert, nachdem die Kinder groß waren und die beiden plötzlich wieder ein Paar sein sollten. Es war alles sehr emotional und der besagte Mann machte dieser Freundin ganz eindeutig Avancen. Jetzt sollte sie sich entscheiden, ob sie dem nachgeben sollte oder nicht. Eine andere „Freundin“ riet ihr daraufhin, dass man seinen Gefühlen folge leisten solle. Man solle das als Geschenk betrachten und sich nehmen, was einem entgegenkommt. Gott sei dank hat die verliebte Freundin diesen Rat nicht befolgt, denn sonst hätte sie ihre Ehe, die sowieso durch das Ereignis in einen Sturm geraten ist, aufs Spiel gesetzt oder möglicherweise ihren Mann verloren.
Ich kann mich auch an viele Situationen in meinem Leben erinnern, wo Menschen mir in brenzligen Situationen regelrechte Wortschwälle über mich ausgeschüttet haben. Als ich vor Jahren an Krebs erkrankte, meinte jeder mir sagen zu müssen, was ich möglicherweise falsch gemacht habe und was ich jetzt unbedingt ändern müsse. Ich war immer total fertig nach diesen Lawinen von vermeintlichen Ratschlägen. Damals fiel mir zum ersten Mal auf, das in dem Wort Ratschläge das Wort „Schläge“ steckt. Und genau so habe ich es empfunden und empfinde es auch heute noch oft so, das manch vermeintlicher Rat eher ein Schlag ins Gewicht ist. Er zeigt mir manchmal eher noch mehr, was ich alles nicht geleistet oder falsch gemacht habe, als dass er mir Mut zuspricht.
Im Grunde geht es in Fällen wie diesen doch eher darum, dass jemand da ist, der zuhört. Oft findet man nämlich die Antwort auf Fragen zur Problematik schon in dem Moment, wo man sich jemandem anvertrauen kann. Es ist meines Erachtens doch eher das Zuhören, was man sich wünscht. Zumal es m.E. keine wirklich guten Ratschläge gibt, denn jeder ist anders und denkt und handelt anders. Und manchmal ist es so, dass diejenigen, die die vermeintlich guten Ratschläge erteilt haben, dann in genau denselben Situationen selber mit ihren Problemen nicht klar kommen. Merkwürdig, dass man immer weiß, wie der andere es richtig machen soll oder meint, was für ihn richtig ist, aber sich selber in ähnlichen Situationen ganz anders verhält. Daher passe ich jetzt immer auf, wer mir was, wozu rät! Ich selber neige dazu, lieber zu schweigen und dem anderen einen guten Geist für seine Entscheidung zu wünschen und egal, wie er sich entscheidet, ihm zu signalisieren, ich bin da.