Angeregt zu diesem Beitrag hat mich der Artikel im KSTA über Gerhard Richter. Er ist gestern mit der höchsten Ehrung der Stadt Köln ausgezeichnet worden, in dem man ihn zum „Kölner Ehrenbürger“ ernannt hat. Man liest nicht nur in diesem Beitrag, sondern auch, wenn man sich mit seinem Bildern beschäftigt und den vielen Aussagen, die er immer wieder gemacht hat, dass er eher ein scheuer und zurückhaltender Mensch ist. Für mich hat er ein ganz besonderes Charisma und ich selber habe ihm, was er natürlich nicht weiß, etwas zu verdanken, nämlich die Entdeckung der Kunst überhaupt und die Liebe zu ihr.
Da ich in jungen Jahren durch mein Elternhaus geprägt wenig an Bildung mitbekommen habe, da ich immer damit beschäftigt war, diese Prägungen aufzuarbeiten und mir Werte selber zu schaffen, eine eigene Familie zu gründen, die Kinder zu erziehen und mir ein gut funktionierendes soziales Umfeld zu schaffen, was angesichts der vielen ungünstigen Erfahrungen aus dem Elternhaus heraus, kein leichtes Unterfangen war, habe ich wenig oder so gut wie nie Zeit gehabt, mich um Kunst zu kümmern.
Als die Kinder dann flügge wurden und bedingt durch meine Krebserkrankung hatte ich in den Monaten danach mehr Zeit für mich und die Überlegung und der Wunsch und Traum, der immer in mir war, mich für Opern und Malerei zu interessieren, wurde somit immer mehr Realität.
Meine erste Ausstellung, die ich besuchte, war gerade die Retrospektive von Gerhard Richter im Jahre 2005 in Düsseldorf. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie die Vielseitigkeit seiner Werke mich gefangen genommen hat. Ich habe, meiner Erinnerung nach, Stunden in den Ausstellungsräumen verbracht und mich in seine fotorealistischen Darstellungen oder einfachen farbflächigen Bilder vertieft. Dazu gab es Hinweise über die Entstehung seiner Werke. Ganz besonders faszinierten mich zu meinem Erstaunen seine teils einfach in Grau gehaltenen Werke oder die im Gegenteil kleinflächigen kleinen buntfarbigen Mosaikbilder. Wie kommt ein Maler dazu, nur graue Bilder zu malen, dachte ich mir bei deren Anblick. Gerhard Richter hat dazu gesagt, dass die Bilder eine Metapher fürs Leben seien. Er war selber bei Erschaffen dieser Bilder in einer schwierigen, ja fast depressiven Lebensphase und das stetig immer wiederholende Malen der Farbe grau, hat ihn damals sehr bewegt. Er brachte damit zum Ausdruck, dass unser Denken, dass in einem Leben, in dem eine Zeit entsteht, in der keine Bewegung ist, eine eher traurige Stimmung vorherrscht, kein Leben sei und das in diesem Moment nichts passiert, falsch ist. Das es nämlich genau das Gegenteil von diesem Denken ist.
Gerade in dem Moment, wo wir denken, es passiert nichts, passiert das Wesentlichste und Veränderlichste. Das hat mich tief beeindruckt. Diese Sätze von ihm habe ich nie vergessen.
Drei Wochen später habe ich im Haus Lebenswert eine Kunsttherapie begonnen. Dort habe ich selber angefangen zu malen, obwohl ich der Meinung war, das nicht zu können. Die Begegnung mit dem Kunsttherapeut war ein wichtiges Ereignis in meinem Leben. Dort lernte ich, dass in jedem Mensch ein Künstler steckt. Wir dürfen uns nur nicht an gesehenen Kunstwerken messen, sondern einfach zu Stiften, Papier und Farben greifen und damit beginnen, das zu malen, was aus unseren Tiefen herauskommt. Ich habe mich darauf eingelassen und war erstaunt und verblüfft, was ich über mich in diesen Bildern erfahren habe. Seitdem ist mir klar geworden, dass Kunst uns selber einen Spiegel vorhält, ebenso den Spiegel unserer Gesellschaft und es ist ein Verlust, sich nicht damit auseinanderzusetzen.
Damals haben wir im Zuge der Kunsttherapie auch die Ausstellung „Art Brut“, die eine Sammlung des Herrn Jean Dubuffet zeigte. Dieser hat von 1945 an bis zum Ende des 20. Jahrhundert Werke von Menschen gesammelt, die Kunst praktiziert haben in ihren jeweiligen Situationen, in ihrem Alltag, in Gefängnissen, in Verfolgung und anderen Nöten. Diese Ausstellung war für mich ein Wunder und hatte eine Ausstrahlung, die bis heute wirkt. Sie zeigte, was Menschen aus sich hervorbringen können und damit ihre traumatischen verarbeiten . Kunst ist auch und gerade Therapie. Schade, dass wir verlernt haben, mit unseren Händen selber etwas zu tun.
Auch das bewegende Leben der Malerin Frida Kahlo und ihre Werke sind für mich Ausdruck einer wunderbaren Kreativität und Verarbeitung persönlicher Traumata und haben großen Einfluß auf mein Leben.
Ich kann nur jedem empfehlen, sich einmal auf eine Ausstellung einzulassen. In diesem Zusammenhang ist auch das Museum Max Ernst in Brühl zu empfehlen. Auch er ist ein wunderbarer Künstler, von dem man viel über sich selber erfahren kann, wenn man sich in seine Werke vertieft. Daher freue ich mich sehr für Herrn Richter für diese Ehrung, obwohl ich ihn persönlich nicht kenne. Er hat es verdient!