Ich schreibe einfach gern:)
Wer hat nicht schon davon geträumt! Einmal eine Millionen zu gewinnen. Im Lotto oder bei "Wer wird Millionär!" Jedenfalls, ich kenn ne Menge Menschen, Woche für Woche tragen sie ihr Geld in die Lottozentralen, um vielleicht irgendwann einmal das große Los zu ziehen. Meine Mama war auch immer so ein Kandidat. Jedesmal, wenn ich sie besuchte, erzählte sie mir ihre Märchen. Kind, wenn ich mal im Lotto gewinne, dann kauf ich euch ein Haus. Sie hat nie kapiert, das ich gar kein Haus wollte.
Der Traum vom Millionärsdasein bleibt für die Meisten ein Traum. Manchmal werden jedoch Märchen wahr und wenn nur im Kino. Ich hab nix gegen Märchen, im Gegenteil, ich liebe sie. Immerhin ein Ort, wo meistens das Gute gegen das Böse gewinnt, der Aufrichtige, ohne sich anzustrengen, weil wie von selbst, fällt ihm alles in den Schoß, da kann er gar nix dafür, siegt über die Ungerechtigkeit dieser Welt.
Und von diesem Märchen, genauer gesagt, vom Film "Slumdog Millionär" will ich Euch erzählen. Ich hab ihn nämlich gesehen, heute Abend. Es hat mich gejuckt. Ich war nur verhindert bisher, wegen der Lit.-Cologne. Aber schon seit Wochen wartete ich auf den Start. Schon allein, weil er in Indien spielt. Ich hab mich gefreut auf die Bilder, die Farben, die Menschen, die Musik. Und! Ich bin belohnt worden. Gut, es ist eben ein Märchen, aber ein wunderschönes.
Gedreht wurde er in Mumbai. Jamal, ein junger Mann, der sich aus den Schlingen seiner Kindheit, aufgewachsen im Elendsviertel von Mumbay, befreit, sitzt in der "Wer wird Millionär-Show" und beantwortet einfach so nebenher, ohne sich großartig anzustrengen, ja eigentlich, ohne großes Wissen, denn Schule kannte er nicht, Frage für Frage und steht vor der 20 Mio. Rupienfrage.
Wie kann ein junger Mann, in den Slums Mumbays aufgewachsen, diese Fragen beantworten? Diese Frage stellt sich der Moderator. Er traut ihm nicht. Schon bei der vorletzten Frage versucht er ihm eine Falle zu stellen. Auf der Toilette während der Pause will er ihn auf eine falsche Fährte führen. Jamal hat die Wahl zwischen B und D. Und er vertraut auf seine Intuition, auf sein Schicksal, dessen er sich sicher ist und trifft die richtige Antwort.
Der Moderator, selber aufgestiegen aus den Slums Indien gönnt ihm sein Glück nicht. Das kennt man doch auch aus dem realen Leben. Wer gönnt schon seinem Nächsten das Glück? Er läßt ihn einsperren. Er soll als Betrüger entlarvt werden. Im Gefängnis wird er einer Folter unterzogen. Man will ihm sein Geheimnis entlocken. Aber Jamal hat kein Geheimnis. Er hat nur sein Leben. Und sein Leben gibt ihm die Antworten. Frage für Frage wird er konfrontiert mit den Bildern seines Lebens, aus denen ihm Geschehnisse wieder vor Augen treten, in denen er genau mit der Fragestellung konfrontiert wird.
Da ist die Frage nach dem Kopf auf der 100 Dollar-Note. Wer ist der Mann, den man dort abgedruckt sieht? Und einmal im Leben hatte er einen solchen Schein in der Hand, in einer Situation, die sein Leben bedrohte. Und so geht es weiter. Er wird mit seiner Kindheit konfrontiert. Er verliert seine Mutter bei einem brutalen Überfall in den Slums. Mit seinem Bruder versucht er, wie Millionen anderer Kinder, zu überleben. Bettelt, sucht nach Abfällen auf den Müllhalden, stiehlt, arbeitet, betrügt. Wie sonst sollen sie überleben. Und ich hab es gesehen, als ich im letzten Jahr in Indien war. Diese Kinder, verwaist, in Lumpen gekleidet, man möchte sie am liebsten alle mitnehmen. Sie sind zu zweit, bis Latika, ebenfalls ein Waisenmädchen zu ihnen gelangt. Jamal sieht in Latika sein Schicksal. Für ihn steht fest, sie gehört zu ihm für immer. Eine Liebesgeschichte beginnt sich zu entspinnen, zu einer Zeit, wo sie noch nicht wissen, was Liebe bedeutet. Sie geraten alle drei in die Fänge von skurpellosen Kriminellen, die sie auflesen und abrichten zum Betteln. An einem bestimmten Zeitpunkt wählen sie einige aus, denen sie die Augen ausbrennen. Blinde bringen mehr Geld. Jamals Bruder wird Zeuge eines solchen Vorgehens und so beginnt die Flucht der beiden Brüder. Abenteuerlich ihr Leben, aber sie überleben. Jeder auf seine Weise. Nur entwickeln sie sich ganz unterschiedlich. Während Jamal der aufrichtige, treue, immer nach Latika, die sie verloren haben, suchend bleibt, durchschaut sein Bruder die Welt auf seine Art. Nur der stärkere gewinnt. Schnell beginnt er sich an die kriminellen Machenschaften zu gewöhnen, findet seinen Weg unter Kriminellen und entfremdet sich von seinem Bruder mehr und mehr, bis auch sie sich aus den Augen verlieren.
Ich möchte nicht all zu viel vom Film vorwegnehmen. Es lohnt sich einzutauchen in ein Märchen, das doch kein Märchen ist.- Denn das, was wir im Film sehen, ist auch heute noch Indien. Obwohl es zur Industrienation geworden ist, deren Zukunft neben China einmal weltbeherrschend sein wird, hungern Millionen Inder täglich, leben in den elensten Baracken, liegen auf den Straßen, in den Ecken, davon träumend, dem Elend irgendwann einmal entfliehen zu können. Gerade Mumbai ist ein Beispiel, wo man der Slumbevölkerung ihren letzten Wohnraum genommen hat, um auf den Geländen Bauprojekte zu errichten. Daraus ist dann das riesige Elendsviertel Dharavi entstanden. Es ist der größte Slum Asiens. Hier ist sich jeder selber der Nächste, Todeserfahrungen schon von Kindheit an an der Tagesordnung. Wer da herauskommt, muß wirklich Glück haben, denn für die Meisten gibt es keine Zukunft.
Am Ende kommt es, wie es in einem Märchen eben kommen muß, sonst wäre es kein Märchen.
Ein schöner Film, wie ich finde. er hat den Golden Globe 2009 bekommen für Drehbuch, beste Regie, Film und Soundtrack. Und die Musik allein ist einfach klasse, Bollywood-Klänge vom Feinsten und am Ende wird man dann noch von den typischen Bollywood-Tanzeinlagen belohnt. Als ich nach Delhi geflogen bin im letzten Jahr hab ich mir diese Dinger am Fließband reingezogen. Sie sind einfach nur herrlich. Seitdem bin ich ein richtiger Fan geworden. Diese Leidenschaft teile ich nun mit Missindia, mit der ich mich ja vor ein paar Wochen getroffen hab und die mir ein paar Geheimtipps gegeben hat, wo in Köln ich Bollywood-Filme vom Feinsten anschaun kann.
Also, wer Zeit und Lust hat, schaut ihn Euch an. Ein Märchenfilm, der aber doch auch Neugier wecken kann, auf ein Land, von dem wir doch so wenig wissen. Der Regisseur Danny Boyle war mir schon vom Film "Trainspotting" bekannt. Seine Filme sind immer unterschiedlich, er bedient unterschiedliche Genres, von Krimikomödien, Science Fiction, Zombi-Horror, Drogenkult, man findet ihn überall.
Als ich dann über die dunklen Straßen nach Hause gefahren bin, war ich doch nicht ganz im Hier und Jetzt, sondern alle Bilder meiner Indienreise waren wieder ganz nah bei mir. Und ich empfand sehr tief den Wahnsinn dieser Welt. Während ich hier satt und zufrieden durch die Straßen brause, kämpfen weltweit Millionen Menschen um ihr Überleben, um ein Stück Brot, werden getötet, töten, haben kein Dach über dem Kopf und träumen sicher von viel weniger, als davon Millionär zu werden. Es ist nicht gerecht in dieser Welt. Die Gier einer wenigen, gemessen an der Weltbevölkerung sieht tatenlos zu. Und wir machen uns Sorgen um die Finanzkrise. Gemessen an den Menschen in den Slums Asiens, Afrikas und Lateinamerikas sind Harz IV-Empfänger in unserer Welt schon kleine Millionäre. Aber es nutzt nichts zu vergleichen, ich weiß das.
Höre ich also auf und laß den Film einfach einen Film sein, den es lohnt, anzuschauen. 