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Anders leben - ganz anders -

Als ich die Ankündigung des von mir empfohlenen Films sah, dachte ich, hm...Roeschen, ist das was für Dich? Ich meine, ich bin ja schon ein älteres Modell,-) und die Jungs, um die es sich in dem Film dreht, sind ja so alt wie meine Kinder. Genau! Das war es! Genau deshalb wollte ich mir den Film anschauen. Zum einen, wollte ich wissen, was so andere junge Leut´s treiben. Welche Ziele sie haben, welche Werte ihr Leben bestimmen und womit sie sich so beschäftigen. Naja...die Beschäftigung erschloss sich beim Lesen der Filmkritik. Straßenmusiker sind sie. Oha!
 
Für Straßenmusiker hab ich eine Vorliebe. Ich geb zu, auch ich hab nicht immer Zeit, stehen zu bleiben, wenn irgendwo ein Akkordeon, eine Gitarre oder gar ein ganzes Ensemble seinen musikalischen Genuss zum Besten gibt. Erst neulich, bei einem Spaziergang mit meinem Sohn am Kölner Rheinufer entlang haben wir verweilt. Ein Folk-Gitarrist, schon a bisserl älter,-) schmetterte seine Songs ala Dylan und Cohen und ich muss sagen, der war außerordentlich gut. Die Beine baumelnd auf dem Mäuerchen, den blauen Himmel im Blick, den Sohnemann neben mir, ach, was kann es herrlicheres geben und wenn dann eben die Zeit dazu da ist zuzuhören, dann ist das schon ein perfekter Tag. Schade, dass sich so wenig Menschen Zeit nehmen, einmal innezuhalten und der Musik zu lauschen.
 
Jedenfalls, wir, also der  Freund meines Vertrauens und ich, haben ihn uns angesehen, sogar zu später Stunde. Warum eigentlich läuft ein so schöner Film in den Kinos zur nächtlichen Stunde? Hm...liegt das vielleicht am Alter? Ich meine, die jungen Leut´s sind ja noch zu nachtschlafender Zeit unterwegs, wir ollen Haudegen lieben ja mittlerweile eher das frühere Zubettgehen.
 
Und...wir hatten es nicht bereut. Begegnet sind uns in diesem Film zwei herzerfrischende junge Männer, denen man die Lebensfreude in ihren stets lachenden Gesichtern in jeder Lebenslage ansehen konnte und die sich eines Tages vorgenommen hatten, mit zwei Mülltonnen, in denen sie all ihre musikalische und sonst nicht verzichtbaren Habseligkeiten aufbewahrten, durch Deutschland zu ziehen, um erstens ihrer Leidenschaft, der Musik, nachzugehen, zum anderen, weil sie ausprobieren wollten, wie es ist, so ganz "Unplugged" zu leben. Ohne Sicherheiten im Hintergrund, ohne zu wissen, wo landen wir abends, wer bietet uns ein Nachtlager an, gibt´s was zu essen und ja, wie nehmen die Menschen uns und unsere Musik auf.
 
Es gibt sicher viele Menschen, die getreu ihrem ganz persönlichen Idealvorstellungen nach alternativen Lebenswegen suchen und sie, wenn sie sie gefunden haben, danach leben und ihnen treu bleiben. Erst neulich berichtete die ARD von einem jungen Paar mit einem kleinen Kind, dass ganz ohne Geld und ohne Absicherungen lebte. Gut sogar. Bewundernswert fand ich jedenfalls. Es gibt nicht genug Menschen, die endlich mal raus aus der Gleichschaltung, dem Mitmachen, dem Manipuliertwerden, dem Leistungsdruck, dem Erfolgsdruck, dem Karrieredruck und dem Konsumwahn sich zu entziehen suchen. Nur so, kann man dagegen halten und etwas verändern, finde ich jedenfalls. Jede Stimme, jeder Fuß zählt, auch wenn man manchmal denkt, ach naja, was soll ich armseliges Würstchen schon bewerkstelligen. Falsch gedacht!
 
Aber diese beiden Jungs sind nochmal ganz anders. Sie haben überhaupt nicht zu erkennen gegeben, dass sie irgendwelchen Idealvorstellungen über ihr Leben hinterherlaufen, nein, sie wollten einfach nur mal das tun, was ihnen am meisten Freude macht, nämlich ihre Musik. Wenn man den Film anschaut und sie begleitet, dann erkennt man sehr, sehr schnell, mit welcher Begeisterung diese Beiden ihre Musik machen, spielen, komponieren, auftreten und sich weiterentwickeln wollen.
 
Ich glaube, genau das war es, was mich angesprochen hat, diese Begeisterungsfähigkeit für etwas, was einem Freude macht und das, gegen alle Unkenrufe und Warnungen auch durchzuziehen, sich nicht verbiegen lassen. Wo sieht man denn heutzutage noch Begeisterungsfähigkeit bei jungen Menschen? Ich behaupte sogar, dass spätestens ab Schulalter dem Kind und Jugendlichen jedwede Begeisterung für Irgendetwas abhanden kommt. In der Schule herrscht Leistungsdruck, Wissensabfrage und Ausbildung zu funktionstüchtigen Erwachsenen, die dann später angepasst in unserer Gesellschaft eingegliedert werden sollen. Bloß keine Individualität, der einzige Feind gegen unsere kapitalistisch, wachstumsorientierte und gleichgeschaltete Gesellschaft!
 
Die Wege der Beiden jungen Leute waren und sind sicher nicht immer einfach. Romantisiert wurde im Film von ihnen aber gar nix. Man kann miterleben, wie sie auch in den schwierigsten Situationen nach Auswegen gesucht und sie gefunden haben, ihr sonniges Gemüt nicht verloren haben. Ja, man muss es schon so sagen, die beiden haben ein so unglaublich sonniges Gemüt, frei von Attitüden, Vorsagen und anderen Verdrehtheiten. Sie sind ganz bei dem, was sie tun. Sie leben absolut im Heute. Auch hatte man nicht einmal das Gefühl, dass sie mit moralischem Zeigefinger auf den angepassten Mitbürger zeigten. Das war nicht ihr Ding. Missionare sind sie also keinesfalls. Das hat mir auch gut gefallen. Sein Sachen zu machen und dennoch den Respekt vor dem ganz anderen Leben nicht zu verlieren. Keine Vorurteile, keine Urteile jedweder Art auch immer.
 
Elias Gottstein Carl Luis Zielke zeigen in diesem Film, dass ein junger Mensch immer eine Perspektive hat, auch wenn er arbeitslos ist. Dazu gehört natürlich eine Kreativität, ein meistern können von schwierigen Lebenssituationen, nicht aufzugeben, nach anderen Möglichkeiten zu suchen und sich nicht kirre machen zu lassen. Selber denken, seine eigene Sicht auf die Welt und unsere Gesellschaft zu haben, nicht übernehmen, sich selber reflektieren, nach Erkenntnis suchen, erfrischend wie man all das bei diesen jungen Leuten in dem Film sehen darf.
 
Seit ich den Film gesehen habe, kann ich die lebensfrohen, lachenden, zuversichtlichen, stets in sich ruhenden Gesichter dieser beiden Jungs nicht vergessen. Ja, bevor ich es vergesse. Die Beiden zeigen auch, was Freundschaft bedeutet. Dass sie sich gut verstanden, auch hin- und wieder bestimmt aufkommende Meinungsverschiedenheiten mit ihrer positiven Lebenshaltung bereinigen können, zeigt die ganze Art, wie sie miteinander umgehen.
 
Und die Musik??? Natürlich kommt die in dem Film auch nicht zu kurz. Und sie hat mir gefallen, transparent, Posaune, Gitarre, Keyboard (herrlich wie das in der Mülltonne eingebaut wurde) und ein Beat, herrlich zum Mittanzen und natürlich mit schönen Texten, die alle von dem erzählen, was die Beiden so denken und erleben.
 
Also, ob jung oder alt. Egal! Ein lohnenswerter Film!
 
Unplugged: Leben Guaia Guaia

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