Ich schreibe einfach gern:)
Bücher, die auf der Bestseller-Liste stehen, finden sich größtenteils nicht auf meiner Leseliste. Hin- und wieder beschleicht mich dann ein schlechtes Gewissen, ich als Buchhändlerin müsste doch wissen, warum, wieso, wozu diese Bücher dort stehen. Falls diese Gewissensmeldung dann in meine Gedanken einzieht, ziehe ich mir ein bisserl verdruckst eins der Bücher aus dieser Liste hervor. So wie in den vergangenen Tagen das Buch von "Bronnie Ware" mit dem Titel:"5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen"
Ich bin schon oft an diesem Titel hängen geblieben, aber eine gewisse Verzagtheit ob des Wortes "Sterbende" hatten mich zurückgehalten. Nein, ich bin nun wahrhaftig kein Mensch, der sich vor dem Thema Tod drückt. Aber in den letzten Jahren ist mir der Tod durch nahestehende Verwandte und Freunde, aber auch durch die Bedrohung meiner eigenen Krebserkrankung doch sehr auf die Pelle gerückt.
Bisher glaubte ich zumindest, dass ich Vieles, was mir im Leben widerfuhr oder was ich selber zu verantworten hatte, aufgearbeitet hatte. Ich bin ja schon so ein Typ "Denker=Analytiker",-) Will sagen, alles was mir von außen begegnet, Worte, Gesten, Handlungen, aber auch meine eigenen selbigen dieser drei Dinge, erforsche ich sehr gründlich. Zu oft nicht mal aufgezwungen, es ist eher so, dass in meinen Ruhephasen diese gedanklichen Erforschungen und Analysen sich mir aufdrängen, ohne dass ich sie gerufen habe.
Eigentlich bin ich ja auch ein Mensch, der sich selber oft sagt, lebe das Heute, nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft. Aber ich weiß auch, dass die Vergangenheit das Heute prägt und das Heute die Zukunft. Soweit so gut.
Ich hab mich also ans Lesen der 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen, gemacht. Und ehrlich, ich konnte es, so es die Zeit zugelassen hat, nicht mehr aus den Fingern legen.
Zum einen hat mich die bewegende und faszinierende Lebensgeschichte der Autorin gefesselt, die sie sehr offen und berührend schildert. Ich hab mich oft in ihrem Suchen nach dem richtigen Weg für ihr Leben wiederentdecken müssen. Wie viele Umwege sie gegangen ist, wie viel Mut sie besessen hat. Vor allen Dingen der Mut, ihre Zelte in ihrer Heimat einfach abzubauen und dahin zu gehen, wo es ihr in einem Moment ihres Lebens als richtig erschien. Sie hatte sich in der Welt, in der sie sich befand, nicht mehr zurechtgefunden. Sie hatte erkannt, dass ein Mitläufer-Leben, das ständig davon geprägt ist, den Erwartungen des Außen zu entsprechen, nicht ihr Ding ist und sein soll. Ich will jetzt nicht allzu viel von ihrem Lebensweg berichten, das würde den Rahmen sprengen. Ich will ja auch ein wenig neugierig machen.
Aber nach einigen Irrungen, Wirrungen und dem Suchen und Finden, nach dem Ausstieg aus ihrem Beruf als Bankangestellte fand sie sich als House-Sitterin für sterbende Patienten wieder, ohne dass sie eine Ausbildung hatte oder je zuvor etwas in diesem Bereich gearbeitet hatte. Zaghaft, schüchtern und vorsichtig tastete sie sich an diese Arbeit heran und wurde nach kurzer Zeit zu einer vertrauenswürdigen, gern angestellten Betreuerin von pflegebedürftigen Menschen, die den nahen Tod vor Augen hatte. Durch ihr Menschsein, ihre Sensibilität und ihre besondere Gabe, Zuhören zu können, wurde sie zu einer Person, der diese Menschen ihr Leben anvertrauten und denen am Ende der vielen Gespräche immer mehr bewusst wurde, was sie in ihrem Leben versäumt hatten und was sie jetzt, im Angesicht des Todes sehr bereuten. Natürlich, auch wenn das nicht selbstverständlich ist, das habe ich oft schon selber erlebt, sind diese Menschen aber am Ende mit sich selber, ihrem Leben und den Menschen in die Versöhnung gekommen, haben ihren Frieden geschlossen und sind ruhig eingeschlafen.
Ich frage mich immer wieder, ob der heutige Mensch sich überhaupt noch Gedanken darüber macht, dass er sterben wird. Ob er bewusst lebt, mit allem, was er tut und denkt. Vielleicht nur hin und wieder blitzt in ihm dieser Gedanke auf, der dann sofort verdrängt wird, indem er zu neuen Taten schreitet, sich ablenkt, sich leiten und verleiten lässt, wie ein Schaf in einer Herde, die von irgendeinem System gelenkt wird, damit alle werden, wie sie sein sollen und wie man sie gebrauchen kann. Mich stimmt das traurig.
Warum kommt man oft erst vor dem nahenden Tod zur Einsicht und Erkenntnis ? Warum fängt man nicht einfach an, bewusst zu leben, ohne dass man am Ende dasteht und sagt, dies und das habe ich versäumt. Dies und das bereue ich zutiefst.
Nun, die 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen, hat Bronnie Ware in ihrem Buch aufgezählt, herausgearbeitet aus vielen Gesprächen mit den Sterbenden . Ich könnte sie jetzt aufzählen, was ich aber tunlichst vermeiden möchte, denn ich möchte das Buch ja Jedem wärmstens empfehlen. Ich selber habe nicht vorgespinxt, sondern hab das Buch Seite für Seite gelesen. Ich habe mir nicht mal das Inhaltsverzeichnis vorher angeschaut.
Aber eines kann ich verraten, es geht um die ganz existentiellen Dinge, mit denen wir täglich konfrontiert sind, um Freude, um das Glücklich sein, um die Einfachheit, um Freunde und Menschen, die einem nahestehen. Das alles findet man wieder in den 5 Dingen.
Ich selber habe am Ende des Buches gedacht, hm...ich war bisher der Ansicht, ich habe alle diese Punkte bis zum heutigen Tage versucht im Blick zu haben. Und siehe da, ganz heimlich und leise schleichen sich hier und da doch ein paar Dinge ein, die ich ein wenig aus den Augen verloren habe. Natürlich gibt es immer gute Gründe dafür. Die haben die Sterbenden auch alle aufgezählt und begründet. Aber am Ende erschienen diese damals so guten Gründe verrückt und nichtig.
Manchmal braucht man nur einen kleinen Anstupser, wie diesen von Bronnie Ware´s Buch, der einen zurückholt auf den Stand der Dinge, der es möglich macht, dass man sich mal wieder Zeit nimmt, über sein Leben ganz bewusst nachzudenken, sich nicht ständig zu verlustigen oder abzulenken, sondern den Blick auf sich selber lenkt und sich fragt, wo stehe ich eigentlich. Was wäre, wenn ich wüsste, mein Leben ginge in naher Zeit zu Ende. Würde ich etwas anders machen? Würde mir bewusst, dass ich eigentlich sehr wenig Dankbarkeit in mir habe, für das, was das Leben gerade in diesem Moment für mich bereit hält, für die Menschen, mit denen ich zusammen bin. Würde ich vielleicht entdecken, dass ich eigentlich wenig geliebt habe und geliebt worden bin. Würde mir bewusst, dass diese Liebe sich eigentlich hätte zeigen müssen, jeden Tag, in jeder kleinen Geste, in jedem freundlichen Wort. Oder das ich viel Zeit, viel zu viel Zeit in unnütze Dinge gesteckt habe, die in mir am Ende doch nur Leere zurückgelassen haben.
Was würde man bereuen...Und...wenn ich der Mensch wäre, der bis hierhin der Ansicht war, bewusst gelebt zu haben, wird es dennoch etwas geben, was ich am Ende bereuen werde?
Ich denke, Mensch kann sich nicht genug mit dem Tod beschäftigen und den damit verbundenen aufkommenden Lebensfragen. Je mehr man sich damit beschäftigt, umso mehr wird man versuchen, sein Leben so zu führen, wie es für einen selber und für die Menschen in seiner Umgebung und für die Umwelt an sich, richtig, erfüllend und beglückend ist.
Schaut also mal rein. Nehmt Euch dieses Buch zu Herzen!
Bronnie Ware
5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen
(Einsichten, die ihr Leben verändern werden)
arkana-Verlag
isbn: 978-3-44234129-0
19,99 Euro