Hab ich es schon gesagt? Also, wenn nicht, dann jetzt. Ich habe alle Bücher von Murakami gelesen und fein säuberlich in meinem Regal bewahrt. Ich les sie auch zweimal oder dreimal, wenn ich Lust drauf habe.
Warum, frag ich mich immer wieder. Ich weiß natürlich die Antwort und will sie meinen geneigten Lesern auch nicht verheimlichen. Ich weiß zwar, dass es im Leben des Menschen Geheimnisse geben soll, so auch bei mir, die ich nicht mal meinen Tagebüchern anvertraue, manche lüfte ich jedoch auch ganz gern. Weil ich damit einem anderen Menschen etwas mehr von mir zeigen möchte. Und natürlich als Buchhändlerin möchte ich den ebenfalls Leseleidenschaftlichen nicht vorenthalten, warum ich Murakami so sehr liebe und schätze.
Es ist ganz einfach im Grunde. Weil ich alle seine Protagonisten so mag. Wieso fragt man sich jetzt wohl?
Nun ja, es liegt darin begründet, dass alle seine Protagonisten Einzelgänger sind. Menschen, die sich in ihrer Welt ein wenig verloren und fremd fühlen. Die entweder aus den Schritten ihres eigenen Weges ein wenig gescheitert sind oder einfach aus den Geschehnissen in ihrem Leben geworfen werden. Die sich in das Alleinsein zurückziehen, weil sie genug von den Menschen haben, die sie entweder langweilen oder sie Angst vor Verletzungen haben, denen sie nicht gewachsen sind. Vielleicht auch hin- und wieder aus der Erkenntnis daraus, dass sie selber kein Mensch sein wollen, der andere verletzen möchte. Das läßt sie so allein und einsam wirken. Obwohl, unkommunikativ sind sie nie, diese Protagonisten von Murakami. Wenn es darauf ankommt, können sie reden, auch das wirklich Wichtige zur Sprache bringen, wenn auch mir kargen, einfachen Worten. Auch sind sie Grenzgänger zwischen Himmel und Erde, zwischen dieser Welt und dem Jenseits. Machen Erfahrungen und haben Erlebnisse mit Dingen, die ein funktioneller Mensch, der Tag für Tag seinem Trott nachgeht, niemals machen geschweige denn verstehen würde. Und so bleiben sie auch deswegen meistens für sich, versuchen zu verstehen, was da gerade geschieht und wieso gerade ihnen.
So, nun genug warum ich Murakami so liebe im Allgemeinen.
In seinem ersten Band seines neuen Buches * Die Ermordung des Commendatore* findet man ihn wieder, diesen einsamen, stillen und ruhigen Einzelgänger. Ein Ich-Erzähler, der seine Geschichte damit beginnt, wie ihm eines Tages seine Frau verkündet, sie könne nicht mehr mit ihm leben. Aus heiterem Himmel. Der Ich-Erzähler ist Maler, Porträtist um genauer zu sagen. Damit verdient er seinen Lebensunterhalt. Und das nicht mal schlecht. Er ist angesehen in seinem Beruf. Er hat eine besondere Gabe. Er erkennt in seinen zu poträtierenden Menschen das ureigene Wesen und kann es auf der Leinwand wiedergeben. Und das nicht einmal, weil sie ihm stundenlang Modell sitzen, das nämlich mag er gar nicht. Mit den zu porträtierenden Menschen verabredet er sich für eine oder zwei Stunden und läßt sich ein wenig aus ihrem Leben erzählen, versucht der Spur dieser Leben zu folgen und daraus seine charakterlichen Schlüsse zu ziehen, die sich dann in den Linien und Farben im Porträt des Menschen niederlasssen und eben nicht einfach nur naturgetreu ein Gesicht darstellen, sondern erkennen lassen, was für ein Mensch da wohl auf dem Bild zum Vorschein gekommen ist.
So schreibt er an einer Stelle: * In jedem Menschen findet sich, wenn man tief in sein Inneres blickt, unweigerlich ein Licht, das zum Vorschein kommt, sobald man seine beschlagene Oberfläche (und die haben wahrscheinlich viele) mnit einem Tuch reinigt und poliert. Und dieser Geist durchdringt dann ganz von selbst das Werk.*
Der Erzähler wird also verlassen. Seine Frau bietet ihm an, sie würde ausziehen und er könne die Wohnung behalten. Aber das lehnt er ab, im Gegenzug bietet er an, er zöge aus, würde ihr alles lassen, nehme nur ein paar Habseligkeiten mit, und das wars. Und so macht er es auch. Packt einen kleinen Karton, setzt sich in sein Auto, einem alten Peugeot 205 mit Handschaltung.
Auch das sind mir die lieben Dinge, die ich in Murakamis Werken schätze. Seine Protagonisten sind altbacken, lieben die alten Autos und die alte Musik, aus den 60ern, 70ern, 80ern, aber auch den Jazz und Opern. Und so kommt all dies natürlich auch immer wieder zum Vorschein in seinen Büchern. Sie sind voll von Musik und Fetischen diesbezüglich. So erzählt er mit Leidenschaft von alten Tannoy Autograph Lautsprechern, Röhrenverstärker von Marantz. Ich muss nicht sagen, dass das alles auch autobiografisch ist. Das ist eben auch Murakami selbst, der ja über eine lange Zeit auch ein Jazz-Cafe betrieb.
Und nun fährt er einfach los, dieser Ich-Erzähler, ohne ein Ziel im Sinn zu haben, läßt sich treiben. Übernachtet mal hier, mal dort, im Auto, im Motel oder einfach in einem Zelt. Und all die Zeit versucht er von den Erinnerungen der Jahre seiner Ehe mit seiner Frau zu entkommen, jedoch lassen sie ihn verständlicherweise nicht so los, wie er erhofft hat. Ich kann dieses eifnach so herumfahren mit dem Auto sehr gut nachvollziehen. Auch ich habe das früher, als ich noch ein Auto besaß, des öfteren, wenn mir daheim etwas zu viel wurde, getan. Mich einfach ins Auto gesetzt und losgefahren.
Irgendwann hat er jedoch genug von der Herumfahrerei und fragt einen Freund, ob er nicht einen Rat weiß, eine Wohnung oder ein Haus, das er anmieten könne. Und wie der Zufall es will, bietet dieser ihm das Haus seines Vaters, der gerade wegen hochgradiger Demenz in einem Altersheim untergebracht wurde, an. Dazu muß gesagt werden, dieser Herr Vater war und ist ein berühmter Maler Japans, namens Tomohiko Amada. Er hat sich nach einem Aufenthalt in Wien in der Anschlußzeit 1938 Österreichs an Deutschland von der westlichen Malerei abgewandt und nach einer längeren Zurückgezogenheit einem traditionellen Malstil Japans zugewandt, der Nihonga-Technik. Warum und wieso und was das Geheimnis seines plötzlichen Abbruches seines Aufenthaltes in Wien damals 1938 war, wird am Ende des Buches offenbart. So finden wir in Murakamis Büchern auch immer Ereignisse der Weltgeschichte, mit denen sich seine Protagonisten beschäftigen oder sie gar selber erlebt haben.
So zieht er in das Haus des berühmten Malers und von jetzt an entsteht eine so typische verworrene Erlebnisgeschichte des Erzählers, die teils märchenhaft, mystisch, die ihm da oben im einsamen Haus auf einem Berg, in dem er sich selber genügt, umgeben von einer riesigen Schalplattensammlung des berühmten Malers, allesamt klassische Werke und dem nun nicht mehr benutzten Atelier des selben. Hier möchte er sein Leben neu beginnen.