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So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein - Christoph Schlingensief -

Ein zutiefst menschliches Buch. Mit diesem Satz endete eine Rezension in der TAZ über Schlingensiefs Krebstagebuch.
 
Schlingensief schreibt hier während seiner Erkrankung über seine Gedanken, Gefühlswelten und wie er mit der Krankheit umgeht. Es ist ein Krebstagebuch.
 
Das Buch hatte ich damals kurz Zeit nach meiner eigenen Krebserkrankung gelesen. Selber hatte ich es geschafft und mein Wunsch, dass auch Schlingensief, dieser unglaublich kreative Mensch und dessen Werke ich überwiegend mit Faszination verfolgte, ist leider nicht in Erfüllung gegangen, damals.  Christoph Schlingensief starb am 21. August 2010 in Berlin.
 
Vor einigen Tagen habe ich mir das Büchlein noch mal zur Hand genommen und gelesen und war genauso fasziniert und bewegt beim Lesen wie damals.
 
Schlingensief hat von Anfang, also von der Erstdiagnose an alle seine Gedanken, seinen inneren Kampf in einem Dialog mit sich selber, hineingesprochen in ein Aufnahmegerät und dann einfach in diesem Buch wiedergegeben.
 
Und auch jetzt bei erneutem Lesen hatte ich das Gefühl, Schlingensief sitzt mir gegenüber und erzählt mir ganz persönlich all das, was er durch- und mitgemacht hat. Alle Höhen und Tiefen. Alle Ablehnung, Annahme, alle Hoffnungen, Sehnsüchte, Wünsche und Reflexionen über sein Leben. Er war in diesem Moment wieder ganz lebendig.
 
Wie er sich damit auseinandersetzt, wieso eine so verdammte scheiß Krankheit sich in seinem Körper breit macht. Wo kommt das her? Genau diese Frage hab ich mir damals auch gestellt. Wieso Lene? Wieso kann so etwas Bösartiges in dir wachsen. Wo du alles gemacht hast, gesunde Ernährung, Sport, kein Alkohol, keine Zigaretten! Und dann das!
 
Man fragt sich, so auch Schlingensief, was hat man falsch gemacht? Schlingensief kommt immer wieder zu dem Ergebnis...nix, was soll er schon groß falsch gemacht haben. Er hat nicht geraucht, gut, hier und da vielleicht ein Gläschen zuviel getrunken, ansonsten gearbeitet, geschafft, ist aufgegangen in der Leidenschaft seines Berufes. Klar, sagt er an einer anderen Stelle, er hätte sich vielleicht mehr Zeit nehmen sollen, hätte langsamer durch sein Leben gehen sollen.
 
Aber das ist doch nicht die Ursache einer Krebserkrankung! Da gibt es doch ganz andere Beispiele von Menschen, die nicht nur hektisch, schnell und rastlos und dabei noch ihren Körper malträtieren mit allerhand Drogen und Alkohol durchs Leben laufend und die...kriegen keinen Krebs.
 
Ne...was soll das... genauso hat Schlingensief dann irgendwann voller Wut aus sich herausgeschrien. Es gibt kein falsches Leben. Dieser verdammte Krebs kommt, ohne dass du etwas dabei getan hast, unerwartet, einfach peng...mitten hinein in dein Leben....und dann, von einem Tag auf den anderen, ist alles ganz anders.
 
Für mich war und ist das alles nachvollziehbar was Schlingensief da schreibt, gerade wenn man selber die Erfahrung gemacht hat. Wer weiß denn schon, was das für ein Gefühl ist, wenn man da liegt, im Krankenhaus, auf die Diagnose wartet, hofft, dass der Krebs vielleicht doch nicht so aggressiv ist, dass der Differenzierungsgrad niedrig auffällt.
 
Wer weiß denn schon was es heißt, nach der Operation da zu liegen und zu warten, wie geht es jetzt weiter. Bestrahlung, Chemo all das ganze Procedere.
 
Du liegst da....herausgenommen aus der Welt und drumerhum geht alles einfach weiter. Die Menschen gehen zur Arbeit, lachen, ins Kino, tanzen, was weiß ich...aber du gehörst nicht mehr dazu.
 
Und plötzlich hat sich dein Blick verändert. Wieso entdeckt man erst in so einer Erkrankung mehr denn je, wie schön das Leben ist, wie es einem durch und durch geht, wenn man sich an einen Baum lehnt...wenn man seine Blätter fühlt, wenn man in den Himmel schaut... Ist das das Positive an einer Krebserkrankung, dass man all das entdeckt, was einem verloren gegangen ist?  Vorher? Als man hechelte und hechelte und alles auf das Morgen verschob. Und...ist es vielleicht dann die Aufgabe, davon zu erzählen? Aber was soll das, wenn einem sowieso nicht mehr viel Zeit bleibt?
 
Es geht einem nahe wie er seine Gefühle beschreibt, dieses auf- und nieder. Dieses Hinausschreien, dieser verdammte Scheiß wie er immer wieder sagt. Diese Verzweiflung, die einen immer wieder überfällt, ganz plötzlich.
 
Wie geht man in all der Zeit mit diesen Gedanken um, die dich quälen, klein machen,  ja fast zerbrechen wollen. Auch da war ich Schlingensief sehr nahe. Denn er sagt, man muß sie wegdenken. Genau, das war auch meine Erfahrung. Der Gedanke, der hochkommt und dich fertig machen will, so dass du vor Angst nicht einschlafen kannst, man muß ihn wegdenken. Das ist auch eine Strategie, die man in einer solchen Erkrankung lernt und die man später mitnimmt, ins Leben nach der Erkrankung, wenn es einem dann vergönnt wird, sie besiegt zu haben.
 
Schlingensief setzt sich in seinem Tagebuch auch mit dem Glauben auseinander, wer ist Gott, was verlangt er vom Menschen, wie und was soll man glauben, hat man zu glauben, was wird einem eingeimpft und was ist persönliche Freiheit des Glaubens.
 
Ein Satz ist mir hängengeblieben, weil er für mich in meinem Leben immer sehr wichtig war:" Du mußt Dein Leben verlieren, um es zu gewinnen!" Das verstehe, wer es kann. Ich hab es ziemlich schnell kapiert, obwohl ich einige Umwege gegangen bin. Es hat immer mit Loslassen zu tun. Alles was man festhält, wird einen bis zum Erbarmen quälen, erdrücken, nicht möglich machen, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wirklich wichtig sind und die im Heute angegangen werden müssen.
 
Es beinhaltet auch, ein gewisses sich Ergeben in sein Schicksal....ändere was tu ändern kannst und nimmt gelassen an, was du nicht ändern kannst. Das hatte Bonhoeffer doch auch   gesagt und wenn man es ausprobiert, stellt man fest, es ist wahr.

 

Schlingensief spricht an was mit dem eigenen Willen zu schaffen ist. Viele sagen ja...ich hab´s geschafft, mein Wille war groß. Aber man hat sich getäuscht, wenn man denkt, mit seinem Willen kann man alles beeinflußen. Manches, aber nicht alles.
 
Selber bin ich auch ein Mensch, der einen sehr festen, starken eisernen Willen hat, aber gerade eine solche Erkrankung zeigt einem, wie schnell einem da eine Grenze gesetzt wird. Man kann vieles wollen und das ist auch gut so und damit auch vieles bewegen, aber irgendwann wird einem eine Grenze gesetzt. So ist das. Da heißt es zu akzeptieren.
 
Stark hat mich auch berührt, wie Schlingensief die Szene, den Augenblick beschreibt, in dem er nach einer Operation aufwacht, in diesem Beobachtungszimmer liegt und neben ihm ein Kind in einem Bett, auch operiert und seine Mutter sitzt bei ihrem Kind, unglücklich. Und mir ist fast das Herz stehen geblieben, wie Schlingensief in dieser Situation von sich selber wegschauen kann, weg von seiner eigenen Situation, von seiner eigenen Schwere und der Mutter Mut macht, sich mehr um das Kind Sorgen macht, sich selber vergißt.
 
Auch ich erlebte eine ähnliche Situation. Ich erinnere mich noch sehr genau daran. Ich bin aufgewacht in diesem Zimmer und da lag neben mir eine Patientin, ebenfalls tumoroperiert, sie stöhnte. Ich lag da und dachte, wieso kommt denn keiner und ich rief nach Hilfe, tut doch etwas für sie. Tatsächlich kann man eigenen Schmerz vergessen. 
 
Ein Moment, den man wohl nie vergessen wird. Im Angesichts des eigenen Leides doch die Möglichkeit und die Haltung haben zu können, von sich wegzuschauen, vielleicht geht es dem anderen doch noch viel schlechter. Es geht im Leben doch immer um das Du nicht um das Ich. Das gehört auch zur Entdeckung des Loslassens zum "das Leben verlieren" können um es zu gewinnen.
 
Man hat wie dieser Mann gekämpft mit Gott, mit seiner Familie, mit sich selber. Und ich kann es nicht anders sagen. Wer meint, er hätte in seinem Leben schon gekämpft, der weiß nicht, was es heißt, mit dem Bösen in Form eines Tumors in sich zu kämpfen.
 
Verdammt, sagt Schlingensief und so heißt ja auch der Titel seines Buches So schön wie hier kanns im Himmel nicht sein!
Was interessiert mich das Leben im Himmel, sagt Schlingensief. Das Leben findet hier und jetzt statt, einzigartig, unwiederholbar. 
 
Und genauso ist es. Was wissen wir denn schon vom Himmel. Wir haben vielleicht eine Hoffnung, einen Wunsch, einen Traum, aber wir wissen gar nichts. Und da können sie alle kommen, die Kirchenmänner und uns einbleuen wollen, wie schlimm das alles ist, mit dem Leben, mit den Menschen, mit den angeblichen Sünden. Sie wollen uns doch nur ein schlechtes Gewissen machen, uns klein- und gebeugt halten.
 
Aber das Kreuz zeigt einen aufgerichteten Menschen, der zwischen Himmel und Erde steht.
 
Er hat sich auch mit Inkarnation beschäftigt.  Gelesen, gefragt, nachgedacht, Er sagt kann ja sein, dass ich im nächsten Leben der Straßenbahnfahrer, oder LKW-Fahrer, oder Stein oder Wurm bin. Diese Theorie gibt es ja auch. Aber anstatt darüber zu lachen, macht er in diesem Moment die Erfahrung, alles hat einen Sinn. Jeder Mensch in unserer Gesellschaft hat seinen Platz und er wird aus dieser Erfahrung heraus wohl niemals mehr einen Menschen urteilen, verurteilen oder aburteilen. Guck mal, wie ist der denn, der kann ja nix, der hat es zu nichts gebracht.
 
Und ja, auch beim zweiten Lesen dieses Buches kann ich bezeugen, es ist ein unglaublich zutiefst berührendes menschliches Buch. Und man fragt sich, was es eigentlich bedeutet dieses Wort  "menschlich"
 
Menschlich heißt nämlich nichts anders, als zu weinen, zu lachen, zu schimpfen, zu kämpfen, zu jammern, zu klagen, traurig zu sein, die ganze Palette von Gefühlen wahrzunehmen, sich nicht zu verurteilen, wenn man mal daneben gelegen hat. So wie Schlingensief an einer Stelle beschreibt, als er während der Chemo wieder mal auf die Bühne geht, um an einer Inszenierung mit zu helfen und entdeckt, wie ungerecht er die Kollegen angeschimpft hat. Ja...er steht dazu, aber wenigstens hat er sich danach entschuldigen können. Das ist alles menschlich, man kann mal daneben sein, ungerecht sein, aber wichtig ist, dass man erkennt, sich entschuldigt und sich versöhnt.
 
All das hat Schlingensief in seinem Prozeß der Krankheit entdecken dürfen.
 
Diese Krankheit, dieser Krebs, ist ein Problem, das man wohl niemals lösen wird. Freuen wir uns über Probleme, die wir noch lösen können. Die größte Freiheit, sagt Schlingensief in seinem Buch, ist wahrscheinlich, dass man ein Problem lösen kann.
 
Er hat es nicht geschafft. Leider! Um all das, was er gelernt hat in dieser schweren Zeit selber anzuwenden. Doch er hat den menschen dieses Buch geschenkt.
 
Selber habe ich es geschafft. Erstmal und durfte all das Gute, dass ich gelernt hatte in dieser Zeit auch anwenden und erleben.
 
Ich hab´s gestern mal wieder gedacht und gefühlt, bis in die tiefsten Tiefen meiner Seele, als ich mit meinem Rädle unterwegs war, am Rhein entlang. Die Sonne schien, auch wenn es kalt war. Spaziergänger waren unterwegs, überall freundliche, fröhliche Menschen. Genau da kam mir der Gedanke...das ist auch Welt...obwohl im gleichen Moment viel Schreckliches passiert, geschieht auch das Andere und schenkt einem Freude am Leben.  Die Welt ist nicht nur schlecht, sie ist in erster Linie wunderschön, die Schöpfung, all das, was wir jeden Tag ansehen dürfen und es schon gar nicht mehr wahrnehmen, weil wir wie schwarzgekleidete Momo-Zeit-Männer durch das Universum rasen und glauben, mit Geld könne man alles kaufen. Aber nicht das Leben. Es stirbt auch der Reichste.
 
"Ich habe keinen Bock auf Himmel", sagt er an einer Stelle. Genau! Ich hab auch noch keinen Bock auf Himmel. Das Leben ist einfach zu schön, um schon zu gehn.
 
Am Ende des Buches empfand ich eine tiefe Dankbarkeit in mir für all die Jahre nach meienr Erkrankung und das Leben, das ich bis heute hatte.
 
 
Christoph Schlingensief
So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein
 
Kiepenheuer und Witsch
ISBN: 978-3-462-04111-8
 
20,00 Euro
 

 
 

 

 
 
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