Das Buch, dass ich heute vorstellen möchte, ist schon vor 70 Jahren erschienen, aber erst jetzt zum 80.ten Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz neu aufgelegt worden und nun auch in deutscher Sprache erhältlich. Sein Buch reiht sich ein in die Klassiker der Holocaust-Literatur, wie Imre Kertesz, Simon Wiesenthal, Ruth Klüger, Primo Levi und viele Andere, von denen ich einige vor Zeiten schon gelesen habe.
Der jüdische Autor, József Debreczeni, ungarischer Journalist und Intellektueller, lebte damals wegen der ungarischen Rassengesetze, in Ungarn. Doch auch sein öffentlicher Status als Journalist waren kein Hindernis ihn im Frühjahr 1944 mit den vielen Anderen in die Güterzüge Richtung Auschwitz zu deportieren. In schonungsloser Weise berichtet er aus seinen eigenen Erfahrungen und der seiner Mithälftlinge über die Hölle, die er und Andere erlebt haben bis zum Tag der Befreiiung.
Sein Bericht beginn an einem Bahndamm irgendwo in Osteuropa. Er schreibt:
„Der lange Zug bestand aus niedrigen Güterwagen der Deutschen Reichsbahn. Als er bremste, raunten die benommenen, apathischen Menschen einander zu: ‚Wir halten an‘. […] Quietschend öffneten sich die Türen und ein deutscher Feldjäger in grasgrüner Uniform herrschte uns an: ‚Austeigen! Zur Seite! Los, los.‘“
Die Menschen, Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche sprangen aus den Wagongs als der Zug hielt.
„Sie spreizten die Beine, hockten sich hin, gleichmütig wie Tiere. […] Ich glaube, […] an einem Waldrand voller blühender Bäume vollzog sich eine erstaunliche Metamorphose. Hier wurden die Menschen der plombierten Höllenzüge zu Tieren. So wie alle anderen, die Hunderttausenden, die der Wahnsinn aus 15 Ländern in die Todesfabriken und Gaskammern spie.“
In Auschwitz angekommen, schreibt er:
„Der Mann mit dem Papier sieht jeden von uns an und deutet nach rechts oder links. […] ‘Bis zum Lager sind es zehn Kilometer bergaufwärts. Ihr‘, sagt er und deutet auf die Menschen in der linken Reihe, ‚die Älteren und Schwächeren, fahrt mit dem Lastwagen, die anderen gehen zu Fuß. Wer von denen auf der rechten Seite sich nicht stark genug fühlt für den Marsch, kann zur anderen Seite wechseln.‘ […] Auch ich mache eine unwillkürliche Bewegung in die Richtung, doch erblicke in dem Moment einen der Leichenkarren. […] Der Häftling, der ihn zieht, sieht uns nicht an, sagt nur mit gedämpfter Stimme: ‚Hierbleiben! Nur zu Fuß! Nur zu Fuß.‘“
Er hatte Glück auf die Stimme zu hören und reihte sich in die Marschgruppe ein. Für ihn wartete nicht die Gaskammer, sondern der Tod durch Zwangsarbeit, er gehörte noch zu den Brauchbaren.
Debreczeni wird zur Nummer 33031 und von nun an wandert er durch viele Aussenlager des
nahen Konzentrationslagers Groß-Rosen im schlesischen Eulengebirge. Sein Weg war das soganenannte "Kalte Krematorium"
Er beschreibt die Entmentschlichung in der von Häftlingen geführten Lagerhierachie, bestehend aus Häftlingen, Kapos, Schreibern, Baracken- und Lagerältesten:
„Die Nazis erschufen in ihren Todeslagern mit methodischem Erfindungsreichtum eine komplizierte Hierarchie der Parias. Die Deutschen selbst blieben innerhalb des Stacheldrahts meist unsichtbar. Aufgaben wie die Verteilung der Nahrung, das Aufrechterhalten der Disziplin, das unmittelbare Beaufsichtigen der Arbeiten, das Ausüben des direkten Terrors, kurz, die Exekutivmacht übertrugen sie einigen Treibern, die sie unter den Deportierten beliebig ernannten. Dieses System war in psychologischer Hinsicht zweifellos mehr als durchdacht. […] Die Treiber erhielten – neben besserer Suppe, besserer Kleidung und Gelegenheiten zum Stehlen – als Trinkgeld das wirkungsstärkste Opium: Macht.“
Habe mir aufgrund einer Empfehlung eines Schachbrettfreundes dazu auch noch mehr Informationen durch das Buch von Eugen Kogon "Der SS-Staat" Das System der Deutschen Konzentrationslager - besorgt und gelesen, das ich auch gern empfehlen möchte.
Mehr tot als lebendig kam er kurz vor der Befreiung noch ins Sterbelager von Dörnhau . Wenn vorher noch Hoffnung ob des baldigen Befreiungsschlages durch die rote Armee bestand, sah er jetzt sein Ende kommen.
Aber er überlebt.
Das Buch endet mit einem Nachwort von Carolin Emcke, in der sie darüber schreibt, warum es wichtig ist, dieses Buch zu lesen. Und ich kann ihr in ihrer Aussage nur beipfichten, dass man die Welt aus den Augen verliert, wenn man es liest. Dass der Lärm unserer jetzigen Welt verstummt. Dass man verstummt im Angesichts dessen, was Menschen Menschen antun können. Denn dieses Menschheitsverbrechen ist und bleibt ungeheuerilch. Und Debreczeni berichtet detailgetreu und schonungslos von diesen Taten.
Und es öffnet uns die Augen für unsere jetzige Gegenwart, in der rechtsradikale, faschistische Bewegungen und Parteien in europäischen Parlamenten und Regierungen wieder sitzen und nationalsozialistisches Dogma wieder normalisieren.
Denn es ist doch so, wenn heute gerufen wird - nie wieder - dann sollte man auch wissen, was dieses - nie wieder - bedeutet und das es sich nie wieder ereignen soll. Und wie wichtig es ist überall, wo wir stehen und gehen, gegen Antisemitismus und Rassismus vorzugehen, einzuschreiten und unser Wort zu erheben. Wir müssen darauf achten, dass das Wissen über Auschwitz nicht verblasst, dass das, was geschehen ist, nicht geleugnet und verharmlost wird, denn die Zeitzeugen die unermüdlich in den letzten Jahrzehnten Vorträge und Zeugnis gegeben haben an Schulen und anderen Institutionen, sind kaum noch zu vorhanden.
Das Menschenverachtende in seiner Handlung beginnt mit den Worten. Passen wir gut auf!