Erling Kagge, der Autor des Büchleins *Stille*, dass ich gerne vorstellen und empfehlen möchte, ist Abenteurer, Rechtsanwalt und Verleger. Aber Vor allen Dingen ist er wohl Abenteurer. Als einziger Mensch bisher hat er die drei Extreme, Nord- und Südpol sowie den Mont Everest erreicht. Wenn er ein Buch über die Stille schreibt, kann man ihm wohl schon vorweg trauen und vertrauen, dass er weiß, worüber er schreibt und wie er über Stille denkt und die Notwendigkeit, sie sich zu nehmen.
In seinem Buch folgen wir in 33 Kapiteln seinen philosophischen Betrachtungen über den Zeitgeist und dem Unterschied zwischen äußerer und innerer Stille.
Als ich das Büchlein zur Hand nahm, hat mich sofort der einfache, weiße Buchumschlang gefangen genommen. Eine Wohltat für das Auge, dachte ich...Man sieht nur den Namen des Autors, das Wort *Stille* den Hinweis *Wegweiser* und den Namen des Verlages, in dem es erschienen ist. Ganz im Gegenteil zum Cover des Buches, wenn der Buchumschlag beiseite gelegt wird. Das sagt schon sehr viel aus, ohne etwas gelesen zu haben. Was zu sehen ist, verrate ich jedoch nicht.
Jeder kann sicher bestätigen, wie einen der Lärm um einen herum, dieser tägliche Wahnsinn, dem wir ausgesetzt sind, durch Auto-und Fluglärm, Maschinen im Strassenbau, und den nicht zu hörenden, aber dennoch lärmverursachenden Medien und Social-Media-Seiten. Vielleicht ist der eine oder anderen sogar sehr empfindlich geworden für diese verursachenden Begleiterscheinungen im täglichen Alltag. Vieles ist wohl nicht zu ändern, doch was wir verändern können, sind wir selbst. Wie wir uns auf diesen Wahnsinn einlassen, damit umgehen, uns zurücknehmen.
Kagge weist in seinem Buch nicht unbedingt auf Entspannungstechniken hin, wie wir mit diesem Lärm von Außen umgehen können, angefangen von Yoga, Zen und anderen, kennen wir diese ja, viel wichtiger ist ihm die Stille in uns selber zu entdecken. Derer Anleitungen gibt es genug. Er sagt einfach nur: werdet still.
Als er den Entschluß faßt, ein Buch über *Stille* zu schreiben erzählt er davon seinen Kindern beim Sonntagsessen, dem einzigen Tag, bei dem die Familie gemütlich beisammensitzt und Zeit für das Miteinander und Gespräche hat. Seine Kinder waren der Meinung, Stille sei doch nichts, Stille sei einfach nur ein Ausweg, wenn der Mensch alles andere satt hat, ansonsten hätte sie keinen Wert. Und er bemerkt in ihren Aussagen wie seinen Kindern das Staunen verloren gegangen ist. Das Staunen, dass sonst nur Kinder noch in sich haben, in dem sie aufmerksam wahrnehmen, neugierig sind und fragen. Und nun stellt er fest, staunen sie, seine Kinder, immer weniger.
Ist das Staunen den Menschen verloren gegangen? Und was hat das Staunen mit der Stille zu tun?
Worum es Kagge in seinem Büchlein geht ist die Stille in sich selber zu finden. Wie kann der Mensch diese Stille finden? Es ist ein einfacher Weg, sagt Kagge, man muss dafür nicht weit reisen oder eine besondere Technik anwenden. Der Mensch muss nur beginnen, sich Zeit zu nehmen, um das was er gerade an dem Ort, wo er sich befindet, beobachtet, wahrnimmt, es betrachtet und nur dass, sich nicht ablenken lassen von all dem, was sonst noch um ihn herumschwirrt. Es bedeutet auch nicht nichts zu tun, sondern in jedeweder Betätigung kann die Stille gefunden werden, wenn tatsächlich sich auch nur auf diese einzige Tätigkeit beschränkt wird.
Man könnte auf den Gedanken kommen, dass Kagges Büchlein eine moralisches Ansinnen hat. Wie böse doch die Welt ist, in der der Mensch absorbiert wird durch alles Mögliche. Aber davon ist er weit entfernt. Nach Ende der Lektüre wird man verstanden haben, dass es um einen Gewinn geht.
Wenn er Heideggers Zitat:* Die Welt verschwindet, wenn man darin aufgeht* zitiert, weist er auf die Qualität des wirklichen Erlebens hin, des Anderen und des eigenen Seins.
Ich konnte seinen Ausführungen nicht nur gut folgen, sondern auch die Erfahrungen, die damit verbunden sind, nachvollziehen. Selber bin ich Einzelgäner und oft und sehr viel mit meinem Rad auf längeren Touren durch die Natur unterwegs. Auch mein langer Pilgerweg, völlig allein, auf dem Jakobsweg hat mich mit all dem beschenkt, was nach Kagge das Wichtigste im Leben ist. Sich selber aushalten in der Stille, den eigenen inneren Reichtum zu entdecken, aus dem heraus wir ganz anders leben werden. Innere Stille und Schweigen bedeutet auch, Antworten zu hören, die wir sonst nicht erhalten hätten.
Alleine sein, sich aushalten, zur Ruhe kommen, sich in der Stille entdecken, um wieder zu wissen, wer wir selber sind aber auch zu lernen, wirklich wahrzunehmen. Denn nicht alles ist so, wie wir in unserem oberflächlichen Sehen es meinen vorzufinden.
*kann ich der Welt nicht durch Gehen, Klettern oder Segeln entkommen, habe ich gelernt, sie auszusperren* so sagt Kagge am Anfang seines Büchleins.
Die Welt einmal aussperren, still zu sein, ist der Weg zu einem neuen, reicheren Leben.