Das Buch, dass ich heute vorstellen möchte hat Arno Frank geschrieben. Er ist Journalist und schreibt für Die Zeit, für Neon und den fluter, das Magazin für politische Bildung. Er arbeitete als Redakteur für die TAZ und ist zur Zeit Inlandskorrespondent bei der TAZ für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland.
Zuvor hatte ich schon seinen Roman Seemann vom Siebener gelesen, von dem ich nicht ganz überzeugt war.
Aber jetzt hat mich sein neuster Roman - Ginsterburg - gefesselt und ich habe ihn in einem Rutsch durchgelesen.
Sein Roman spielt in einer kleinen, fiktiven Kleinstadt in Deutschland namens Ginsterburg und zwar in den Jahren des Nationalsozialismus von 1939 - 1945.
Dort lernen wir Menschen kennen, die dort leben und arbeiten.
Das ist z.B. die Buchhändlerin Merle, Witwe eines Kommunisten und Ihr Sohn Lothar. Lothar ein sehr stiller und zurückgezogener Junge liebt das Sammeln von Schmetterlingen. Er geht gern Angeln, obwohl er keinem Fisch etwas zu leide tun kann. Aber er träumt auch vom Fliegen. So wie ein Schmetterling. Als er in die Fänge der Hitlerjugend gerät, in die ihn seine Mutter, ahnungslos schickt, damit er endlich einmal Freunde findet und aus sich selbst herauskommt, beginnt seine Zeit, in der sich die Träumerei vom Fliegen verwirklichen wird, er selbst zum Held wird als Kampfpilot. Medaillen werden ihn schmücken.
Dann gibt es den Journalisten Eugen, der sich in der Weimarer Republik noch für Karl von Ossietzky begeistert hat. Doch der Nationalsozialismus hat sich durchgesetzt und somit wird er zum Schreiber für den Führer.
Sein Freund und ehemaliger Kriegskamerad im 1. Weltkrieg, der Blumenhändler Otto Gürckel, dem eine Wahrsagerin am Anfang des Romans, die mit ihrem kleinen Zirkus in die Stadt Einzug gehalten hat, eine große Zukunft voraussagt, die sich sehr schnell realisieren wird. Er wird zum NSDAP-Kreisleiter der Stadt. Zudem floriert sein Blumenhandel enorm, denn Blumenschmuck und Hakenkreuzfahnen sieht man seit der Machtergreifung Hitlers überall.
Von diesen Menschen und ihren Beziehungen zu anderen,und ihren Verwicklungen, die man auch noch kennenlernen wird lesen wir also. Wir lesen wie aus zuvor harmlosen Bürgern und Geschäftsmännern schleichend Mitläufer, ahnungslos oder bewußt, Profiteure und Karrieregierigen werden. Wir erleben eine glaubwürdige Charakterstudie dieser Menschen, aber auch einen historisch sehr gut recherchierten Werdegang der Ereignisse zwischen den Jahren 1939- und 1945.
Mit großer Kraft werden z.Teil groteske Szenen beschrieben, wie u.a. der Bäckermeister stolz seine Torte in Form eines Panzers mit drehbarem Geschützturm präsentiert. Ein Moment wo noch Jeder an den Endsieg glaubt. Oder als Eugens Vater, Ginsterburgs Nationalheld aus Kaiserszeiten, mittlerweile dement, auf seiner Geburtstagsfeier deklariert wie sinnlos dieser ganze Krieg war und damit auch meint, wie auch dieser jetzt stattfindene Krieg mehr als sinnlos ist.
Aber es wird keinen Endsieg geben. Und auch die Menschen in der Stadt Ginsterburg, die immer dachten, der Krieg wird ihre Stadt wohl nicht betreffen, zu klein, zu unwichtig der Ort, werden erleben, wie die Luftangriffe der englischen Flieger näher kommen und auch in ihrer Stadt kein Stein mehr auf dem anderen bleiben wird.
Meistens ist es ja so, dass beim Lesen eines Buches und der darin vorkommenden Personen eine gewisse Sympathie für den einen oder anderen entsteht. Und obwohl ich diese Sympathie für keinen der Protagonisten in Arno Franks Buch empfunden habe, haben mich die so detailgenauen Beschreibungen der Entwicklungen und Veränderungen dieser Menschen
gefesselt. Es hat mich wie so oft auch im Alltag sehr betroffen gemacht, wie Menschen sich so schnell an die Gegebenheiten ihrer Zeit anpassen oder einfach versuchen, das Beste daraus für sich herauszuziehen.
Der Deutschlandfunk, wo ich von diesem Buch erfahren habe, schreibt, dass dieses Buch eine nötige und wichtige Schullektüre sein könnte. Gerade in unserer Zeit, wo rechtes Gedankengut und rechte politische Absichten wieder Einzug gehalten haben. Und wo ebenfalls harmlose Bürger in diesen Sog hineingezogen werden.
Ich kann dem nur zustimmen. Ein wichtiges Buch für Jeden in unserer Zeit, um darüber nachzudenken, wie schnell das Entsetzliche geschehen kann, wenn Menschen den Falschen vertrauen und ihnen hinterherlaufen und wie sie sich gar das, was geschieht, zu Nutze machen um ihre eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen.
Wenn man noch kein Misanthrop ist, könnte man einer werden, dachte ich, nicht nur beim Lesen dieses Buches sondern oft wenn ich die Welt beobachte.