Habe viel viel gelesen. In der letzten Woche waren es fünf Bücher. Wenige von den Vielen haben mir Wärme geschenkt. Ja Wärme. Ein Buch, bei dem es einem warm ums Herz wird, wenn man es liest und das Herz warm bleibt, wenn es zu Ende ist und man ihm nachtrauert, dass es zu Ende ist.
Dieses Buch möcht ich heute empfehlen und anraten, es unbedingt zu lesen. Geschrieben wurde es von Tommie Goerz und es heißt: "Im Schnee" Ein Schriftsteller, den ich bisher nicht kannte. Erfahren habe ich von diesem schönen Büchlein im Buchporträt vom Deutschlandfunk, wo es als Meisterwerk beschrieben wird. Die Rezension hatte mich sofort angesprungen.
Tommie Goertz wurde in Erlangen geboren, wo er bis heute lebt. Eigentlich schreibt er Kriminalromane, mit denen er sich einen Namen machte. Sein Debütroman "Im Tal", das erste im Genre Schöngeistigem wurde begeistert aufgenommen. Ich freue mich schon drauf.
Das Büchlein beschreibt ein Dorf und seine Bewohner, ein Dorf welches aus der Welt gefallen ist. Ein Dorf, dass es nur noch selten in unseren Gefilden gibt, ein fränkisches Dorf. Nichts gibt es dort mehr. Keinen Laden, keinen Bäcker, keinen Metzger. War früher alles da. Sogar einen Schmied, einen Schuster, einen Wagner, einen Daubner, einen Korbflechter und drei Wirtshäuser hats gegeben. Früher.
Und es erzählt vom 80jährigen Max, der eines Tages morgens aufsteht und seinen Blick durchs Stubenfenster nach Draussen richtet. Der Schnee fällt sanft und leise. Schnee, wie schön, denkt er. Schnee macht die stille Welt in seinem Dorf um ihn herum noch stiller, wenn er fällt. Versonnen, ohne Hast, obwohl es schon Vormittag war, macht er sich einen Kaffee. Es gab ja sonst nichts zu tun. Auch wartete Niemand auf ihn. Es hätte ein so schöner Tag werden können.
Er denkt an seine Apfelbäume, die ihm den Martini und den Rheinischen Krumstiel schenken, die er geliebt. Besonders den Martini, weil er so schön rund und saftig ist und bis Weihnachten durchhält. Und er denkt an Schorsch, seinen Freund und, wie man später erfahren wird, der wohl mehr als ein Freund war. Der Schorsch, der hat seine Äpfel geliebt. Im Herbst kam er und holte sich welche.
Und stillt steht er da, denkt an Schorsch und dann läutet das Totenglöckchen, das immer läutet, wenn einer derer, die im Dorf lebten, gestorben sind. Es ist der Schorsch, sein Freund, der gegangen ist, wie er dann erfährt.
Der Schorsch ist gegangen in eine andere Welt, hinübergegangen, sagt man. Zweimal noch, kann Max den Schorsch begleiten. Zum einen ist da die Totenwacht, bei der sich Max und die Menschen, mit denen Schorsch verbunden war, treffen. Die erste Halbzeit bis zur Mitternacht die Männer, die zweite Hälfte lösen die Frauen ab. Denn die Männer müssen ja früh raus zur Arbeit.
Und so sitzt der Max bei seinem Freund Schorsch mit den Anderen und nimmt Abschied.
Niemand war dem Schorsch so nahe wie er, Max. Er beobachtet die Menschen die kommen und gehen und schwelt in Erinnerungen nicht nur über seine Freundschaft zu ihm, Schorsch, sondern auch an die Ereignisse der Menschen, die gekommen sind und deren Geschichten er in seinen Gedanken Revue passieren läßt. Geschichten aus 80 Jahren, die er in seinem Dorf miterlebt hat.
Dieses Erzählen von der Totenwacht hat mich sehr sehr berührt. Gibt es heut ja so gut wie nicht mehr. Einige Mal hab ich es selber erlebt, wenn auch nur einmal eine ganze Nacht. Es ist so traurig, dass die Verstorbenen so schnell weg von einem gebracht werden, ohne dass man Abschied nehmen kann. Die Zeit während der Beerdigungsfeier ist doch viel zu kurz, um all dem nachzugehen, was einen mit dem, der nun gegangen ist, verbunden hat, was man mit ihm erlebt hat. Das Leben verliert seine Rituale dachte ich beim Lesen. So traurig.
Und dann könnte er ihn das zweite Mal noch begleiten, bei der Beerdigung. Aber es kommt ganz anders. Fast habe ich das Ende erahnt.
Dieses Büchlein ist ein kleiner Schatz. Man kann es nicht mehr aus der Hand legen. Es kommt so still daher, wie der fallende Schnee. Und obwohl der Max seinen Freund Schorsch verloren hat, ist es kein Buch, dass traurig macht. Denn es ist ja nunmal so, Leben beginnt und endet. Aber niemals ganz, denn solange die Erinnerungen an die Menschen da sind, die man geliebt und verloren hat, sind sie noch bei uns.
Auch erzählt das Büchlein über eine Welt, die in sich geschlossen war und ist und die das große Draussen nicht gebraucht hat. Auch der Max nicht, der keinen Fernseher und kein Radio hatte. Das, was ich wissen will, sagt er einmal zu einem Mann, dem er Gastfreundschaft gewährt, kommt nicht im Fernsehen oder im Radio. Und er weiß viel, der Max. Dinge, die die da draussen in der anderen Welt, nicht mehr wissen.
Seine Welt, sein Leben, sein Dorf, das hat er immer geliebt. Auch wenn er nichts beschönigt wie er am Ende seinem Gast, der ihn nochmal besucht, durch ein Bild versucht zu verstehen zu geben. Denn dieser meinte bei einem Blick von oben am Berg auf das Dorf, es liege da wie ein stiller See, schön und ruhig anzuschauen. Aber es war nicht alles schön und wird es auch niemals sein. Dennoch wird und wurde es geliebt, das Dorf und das Leben in ihm.