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Stille - Tim Parks -

Wir Städter sind Stille nicht mehr gewohnt. Im rasenden Strudel der Geschwindigkeit, ständig umgeben von Geräuschen, Ablenkungen, Irritationen, versuchen wir, irgendwann, irgendwo, einen Ort zu finden, an dem wir uns zurückziehen können. Nein? Stimmt!  Nicht alle. Ich wage zu behaupten, die Minderheit. Denn die meisten fürchten sich vor der Stille!

Dafür gibt es viele Gründe. Zum einen, weiß man nicht, was man mit sich anfängt, zum anderen hat man Furcht vor den Gedanken, die dann endlich einmal hörbar werden oder den Gefühlen, die sich endlich einmal einen Weg bahnen können, beides will endlich einmal wahrgenommen werden.

Das Thema Stille hat ein Buch zum Thema gemacht von einem Autor, den ich sehr schätze, Tim Parks.

Der Protagonist, ein berühmter, erfolgreicher und verehrter Medienjornalist, gerade wieder in die Schlagzeilen geraten wegen eines Interviews mit dem amerikanischen Präsidenten gerät selber ins Kreuzfeuer. Warum? Sein Sohn rechnet mit seinem Vater in seinem autobiographischen Roman ab. Der ist schockiert, fühlt sich verletzt, zurückgewiesen, wird auf seine Versäumnisse hingewiesen. Er mag nicht hinschauen.

Von einer Minute auf die andere verschwindet er aus seinem bisherigen Leben und setzt sich ab, mietet sich  eine kleine Hütte in Südtirol oberhalb der Lärmgrenze, fern ab von allem, schaltet sein Handy ab, will nicht mehr erreichbar sein.

Die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit sind erreicht, er leidet an einem Burne-Out-Syndrom, spürt seine körperliche Vernachlässigung, die sich breit gemacht hat, über die Jahre, durch Völlerei, Ersatzhandlungen für nicht erfüllte Träume, Wünsche und Wahrheiten in seinem Leben.

Er ist fasziniert von der Einfachheit des Lebens, das er nun beginnt. Das Holzhacken allein schon zeigt ihm, was es ausmacht, dafür zu sorgen, dass er es warm hat. Er entdeckt die scheinbar kleinen Dinge des Lebens, die ihn allein reich machen. Nur die Stille, die er so sehr herbeigesehnt hat, macht ihm zu schaffen. Sie schafft den Raum, Gespenster zu sehen, den Wahrheiten seines Lebens ins Auge zu schauen und er möchte fliehen. Bis an den Abgrund. Nichts ist und kann so verstörend sein, wie die eigenen Stimmen im Kopf, stellt er fest.

In der Abgeschiedenheit, eingeschneit, nicht mehr davonkommend begegnet er letztendlich den Menschen, die in seiner näheren Umgebung wohnen. Unaufgefordert bestimmt das Leben dieser Menschen plötzlich sein Leben, er wird mit hineingezogen in die Lebensgeschichte der Dorfbewohner. Das öffnet ihm die Augen auch für sein Leben.

Das Buch ist eine faszinierende Geschichte von einem Menschen, der sich der Leistungsgesellschaft verschrieben hat, mitgelaufen ist im Mainstream, der nichts anderes im Kopf hatte, wie Anerkennung, Erfolg und Macht, die ihm dadurch zuteil wurde. Es geht m.E. weit  über die sogenannte Midlife-crisis eines Menschen, der in die Jahre gekommen ist, hinaus.

Krisen können immer kommen, egal, in welchem Alter. Wichtig ist nur, dass man sie erkennt und handelt. Das Leben bietet mehr, als dass was uns von außen scheinbar versprochen wird und was ihm einen Wert zu geben meint.
 

Ich hab dieses Buch zweimal gelesen und bin immer noch von Sprache und sensibler Wahrnehmung des Autors begeistert. 
 

Stille

Tim Parks 

Kunstmann Verlag

ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3888974434

24,99 Euro

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