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Umlaufbahnen - Samantha Harvey -

Als die erste Mondlandung geschah am 21. Juli 1969 war ich noch ein Kind. Die Menschen saßen vor den Bildschirmen ihres Fernsehgerätes und verfolgten mit Spannung diese spektakuläre Aktion. Von da an hatten wohl viele kleine und große Menschen den Traum dieses einmal den Helden der Mondlandung gleich zu tun. Selber hatte ich diese Träume nie. Es entzog sich meiner Vorstellungskraft was dazu benötigt wurde, um einen solchen Traum in Erfüllung gehen zu lassen. Für Wenige nur wurde dieser Traum aber wahr, das wissen wir aus der nun weiter folgenden Geschichte des bemannten Fluges hinein in das Weltall, in dem Raumstationen intalliert wurden, sogar auf den ca. 401 Millionen Kilometern weit entfernten Mars, wo nach Leben gesucht wurde und wird.
 
Was aber sind das für Menschen, die sich zu einem solchen Abenteuer bereit erklären, sich jahrelang darauf vorbereiten und was geht in ihren Köpfen vor, wenn sie da oben im Weltall einen fernen Planeten ansteuern oder einfach nur in 4oo km Höhe die Erde umkreisen?
 
Dies erzählt uns Samantha Harvey in ihrem wirklich wunderbaren Roman "Umlaufbahnen" und zwar so, dass wir es glauben können, ja so muss es wohl sein.
 
Samantha Harvey wurde 2024 für ihr Buch mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Verdient finde ich.
 
Ich habe das Buch auf meiner Fahrt nach München im Zug gelesen und mich völlig darin verloren, das Gefühl für die Zeit der Zugfahrt war nicht mehr existent.  Das Buch hat mich hineingesogen, obwohl ich kein großer Beobachter der Raumfahrtmissionen bin und nicht wirklich großes Interesse daran hege.
 
Aber jetzt war ich da mit drin, in dieser Raumstation mit den sechs Kosmonauten, von denen vier aus der westlichen Welt stammen und zwei aus Russland. 
 
Einen ganzen Tag lang rast man in 4oo Kilometer Höhe mit einer Geschwindigkeit von 27.000 Kilometer die Stunde durch die Umlaufbahn unseres Planeten der Erde. 16 mal am Tag, 16 mal in der Nacht.16 Sonnenaufgänge, 16 Sonnenuntergänge. Immer wieder müssen sich die Kosmonaten sagen, ein Tag auf der Erde hat 24 Stunden. Sie müssen es sich immer wieder notieren um nicht das Gefühl für die Zeit zu verlieren. Und kein einziges Mal während ihrer 16 Umrundungen verlieren sie ihre Bewunderung für den Erdball, von seiner Schönheit, von der gewaltigen Farbenpracht der einzelnen Kontinente und ihren Ländern und den Meeren.  Einzigartig immer wieder jeder Anblick jeden Moment in dem unendlichen Schwarzen, dass sie umgibt, von dem sie nur mutmaßen können, was sich alles irgendwo dort im Universum noch verbirgt, soweit man nicht schon wissenschaftliche Fakten hat. 
 
Überwältigend für sie der Anblick unserer Erde, von dem man nur nachts einen Eindruck davon bekommt, dass dort Menschen leben, weil man die Lichtermeere sieht. Und man dann wieder weiß, dass es dort Kriege, Hungersnöte und Klimakatatstrophen gibt. Wegen dieser sind sie u.a. ja auch hier, in dieser Station, um Forschungen zu betreiben, ohne dass der Roman aber jetzt ausschweifend wird zu dem Thema.  Sie werden Zeugen wie ein gewaltiger Taifun herannaht, der die Menschen zur Flucht zwingt. Aber auch andere Forschungstätigkeiten bestimmen den Alltag der Astronauten wie die Erforschung in der Schwerelosigkeit von Viren, Pilzen, Mäusen und menschlichen Zellen. 
 
Wir schweben mit ihnen durch die engen Gassen der Raumstationen, in denen ihnen manchmal auch die Dinge entgegenfliegen und sie damit beschäftigt sind, ihren Alltag zu bewältigen. 
 
Aber wir lesen vor allen Dingen, was in ihren Köpfen vor sich geht. Wie sie da oben im schwarzen Raum Heimweh bekommen nach denen auf der Erde, die sie lieben und wie sie dieses überwinden müssen. Eine der Astronauten erfährt, dass ihre Mutter verstorben ist und sie sie  nun nicht auf ihrem letzten Weg begleiten kann, sie bleibt da oben allein mit ihrer Trauer. Wir lesen von der Ambivalenz ihrer Gefühle, schnell wieder bei ihnen sein zu wollen, andererseits jedoch nie mehr zurückkehren zu müssen. 
 
Hier oben ist nichts angenehm, sagen die Astronauten einmal an einer Stelle. Brutal sei das Leben hier, unmenschlich, überwältigend, einsam, aussergewöhnlich und großartig. Nicht eine Sache ist angenehm.
 
Und natürlich kommen auch Gedanken und Gespräche darüber auf, ob es einen Gott gibt oder ob alles nur eine Laune der Natur, ein Zufall ist und bleibt. Antworten werden nicht gegeben.
 
Die Umrundungen unseres Planeten, der Alltag in der Raumstation, die Gedanken in den Köpfen der Astronauten, kleine Gespräche zwischen ihnen, dass ist das, was das Buch uns erzählt, ohne pathetisch zu werden in den Worten. Poesie aber finden wir in den Beschreibungen unseres Erdballs.
 
16 x umrunden wir mit ihnen diese Erde im schwarzen Meer der Unendlichkeit nur geschützt von einer Metallschicht der Raumstation. 
 
Die Zeit schrieb in ihrer Rezension, es sei nicht leicht nach dem Lesen des Buches wieder in die Realität zurückzufinden.  Das kann ich nur bestätigen. 
 
Aber wenn wir wieder ganz da sind im Hier und Jetzt kommt einem schon der Gedanke wie unendlich dumm die Menschheit ist, unermeßliche Investitionen für die Erforschung nach Leben auf anderen Planeten oder nach Möglichkeiten für das eigene Leben zu suchen und gleichzeitig damit fortgesetzt wird, diesen unseren schönen Planeten weiter bis aufs Letzte auszuplündern, uns in Kriegen abzuschlachten und weiterhin Gleichgültigkeit ob der Nöte Millionen von Menschen durch Hunger, Krankheit, Wassernot und Klimaschädigungen an den Tag zu legen.
 
 
Umlaufbahnen
Samantha Harvey
ISBN:  978-3-423-28423-3
dtv Verlag
22 Euro
 
 
 
 
 
 
 
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