Ich schreibe einfach gern:)
/image%2F1582642%2F20251111%2Fob_fb0e70_20251111-123440.jpg)
Da ist ein junger Mann der dem Tode näher ist als dem Leben! Warum? Was kann einen jungen Menschen dazu veranlassen sich vom Leben, von dieser Welt, die er gerade erst im Begriff ist zu erkunden, zu verabschieden? So denkt man vielleicht, wenn man von einem noch jungen Menschen hört, der Selbstmord verübt hat. Unfassbar für den, der selber am Leben hängt, vielleicht sogar im Moment dafür kämpft, dass ihm sein Leben noch etwas erhalten bleibt.
Der junge Mann, von dem ich erzähle, ist ein Romanheld aus Haruki Murakamis Buch - Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki -, dass ichvorstellen und anempfehlen möchte. Noch dazu gesagt, ich besitze fast alle Bücher von Murakami. Er ist einer meiner Lieblingsautoren.
Aber nun weiter…Warum also magert der junge Mann bis an die Grenzen ab, spinnt Gedanken, wie er aus dem Leben scheiden kann und nur die tägliche Routine, Vorlesungen an der Uni, ein Rest von Nahrungsaufnahme, seine Wäsche, hält ihn davon ab. Ein Rhythmus des Alltäglichen ist es der ihn am Leben hält. Und er schafft es. Er läßt es nicht geschehen. Die Ursache, die seine Todessehnsucht, sein Wunsch zu Sterben ausgelöst hat, liegt im Verlassenwerden.
Er ist 16 Jahre alt und findet Anschluss zu einer Clique gleichaltriger Schüler in der Oberstufe. Zwei Mädels, drei Jungen, ganz unterschiedlicher Charaktere. Dennoch harmonieren sie vorbildlich, sind unzertrennlich. Jede freie Minute verbringen sie gemeinsam. Es gibt ein unausgesprochenes Gebot. Niemals, nie darf sich aus dieser Gruppe heraus ein Pärchen bilden. Das würde diese vollkommene Gemeinschaft zerstören, so empfindet der junge Mann namens Tsukuru Tazaki dies und auch die anderen vier. Und sie tun alles, um das zu vermeiden. Diese Gemeinschaft ist ihre Heimat, ihre Sicherheit in einer unbeständigen, voller Gefahren lauernden Zeit des Heranwachsens. Es geht soweit, dass sie nach der Schule ihren Heimatort nicht verlassen wollen, um sich nicht zu verlieren. Tazaki ist anders als alle anderen, meint er, so empfindet er jedenfalls. Alle haben etwas vorzuweisen. Ein besonderes Talent, Witz, Humor und Schönheit. Nur er selber empfindet sich als leer. Kann nichts vorweisen, außer seiner Leidenschaft zu Bahnhöfen. Langweilig denkt er. Auch sein Name ist langweilig, denn er bedeutet nichts anderes als „etwas schaffen“… Hingegen die Namen der Vier bedeuten Farben… Rot, Blau, Weiß und Schwarz.
Die Schulzeit ist beendet. Die Zeit der weiteren Ausbildung fordert Entscheidungen. Trotz des sich gebunden fühlens an diese kleine Gemeinschaft, entscheidet sich Tazaki als Einziger für ein Studium in Tokio, fern vom Heimatort. Nur dort kann er in seinem Studienfach Ingenieurwesen Vorlesungen bei einem bekannten Professor hören, der sich auf Bahnhöfe spezialisiert hat. Die anderen nehmen es hin, Tazaki reist in jeder freien Minute und in seinen Ferien in die Heimat, um bei ihnen zu sein.
Aberr er übersteht diese Zeit, in der er sich fühlte, wie allein in schwarzer Nacht ausgesetzt in einem Boot im weiten Meer. Die Wunde beginnt zu heilen, er bleibt ein Einzelgänger. Nur einmal freundet er sich wieder an, aber auch diese Freundschaft zerbricht, weil der andere einfach aus seinem Leben verschwindet, ohne ein Wort zu sagen. Wieder verlassen. Er trägt es mit Fassung, stürzt nicht in sich zusammen. Er lebt weiter. Arbeitet mittlerweile in einem Ingenieurbüro für Bahnhofswesen, hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Auch Frauengeschichten hat er immer wieder, aber sie halten nicht lange. An einem Moment seines Lebens, er ist jetzt 36 Jahre alt, trifft er Sara. Das ist anders, als alles bis herige. Er fühlt, dass es ernster ist, dass er sich öffnen möchte. Aber es gibt ein Problem in seinem tiefsten Inneren. Sara erkennt das genau und sofort. Und sie sagt ihm, solange du nicht an dieses Problem herangehst, mit Deiner Vergangenheit nicht versöhnt bist, aufgedeckt hast, was damals war, wird das nichts zwischen uns. Sie ermutigt ihn nach so vielen Jahren Kontakt zu den Freunden aus der Vergangenheit aufzunehmen, um endlich zu erfahren, was damals geschehen ist.
Jetzt erzähl ich natürlich nicht weiter. Aber es ist einfach nur schön, wie Murakami diese Geschichte weiter erzählt. Das Eintauchen Tazakis, wenn auch zögernd und ängstlich, in seine Vergangenheit. Er besucht seine Heimat und seine dort noch lebenden Freunde und sucht das Gespräch. Sogar bis nach Finnland muss er reisen, weil sich eine der Mädels von damals dort verheiratet hat. Und ich kann es versprechen, am Ende hat er etwas geschafft!
Murakami beschreibt in seinem Buch, wie der Mensch von seiner Vergangenheit geprägt ist und wie es ihn daran hindern kann, die Gegenwart ganz zu leben, mit allen seinen Sinnen, seinem Tun und seiner Offenheit zu anderen Menschen. Er sagt, dass der, der seine Vergangenheit in wirklich wichtigen existentiellen Ereignissen nicht verarbeitet hat, sich niemals der Gegenwart und anderen Menschen ganz öffnen kann. Es bleibt immer eine Distanz, ein Vakuum zum Anderen. Der Mensch muss diese Angst überwinden. Erst dann erfährt er, wer er wirklich ist und dass er vielleicht ein Bild von sich hat, dass nicht mit dem übereinstimmt, dass die Anderen von ihm haben. Und wenn der Mensch wirklich „leer“ ist, was macht das schon. Aber er erzählt auch von der Illusion der Vollkommenheit einer Menschengemeinschaft. Nichts ist letztendlich vollkommen, oder nur dann, wenn jeder Einzelne seine eigene Unvollkommenheit anerkennt und damit das Gesamtkunstwerk Gemeinschaft Vollkommenheit ist.
„Und selbst wenn du ein leeres Gefäß bist, was macht das schon? Wer kennt schon die Wahrheit über sich selbst? Es genügt doch, ein Gefäß mit einer wunderschönen Form zu sein. Das so unwiderstehlich ist, dass man unwillkürlich Lust bekommt, etwas hineinzutun. Meinst du nicht?“
Dieser Satz in einer Rezension über Murakamis Buch war es, der mich verführt und berührt hat und ich halte ihn ganz fest, diesen Satz, weil er so wahr ist.
Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
Haruki Murakami
Dumont Verlag
ISBN 978-3-8321-9748-3 |
22,99 Euro