Ein kleines Haustier ist oft ein ausgezeichneter Gefährte ist das Zitat von Florence Nightingale mit dem das Buch, dass ich empfehlen möchte, beginnt.
Nein es geht nicht um einen Hund, die ja eh auch größer sein können oder eine Katze.
Schon mal mit Schnecken beschäftigt? Wahrscheinlich nur wenn sie im eigenen Garten ihr Unwesen treiben oder? Dabei sind sie hochintelligent und einer der artenreichsten der acht rezenten Klassen der Weichtiere. Die meisten von ihnen leben im Wasser.
Und eine solche Schnecke ist eine der Protagonisten in diesem berührenden Buch von Elisabeth Tova Bailey. Sie erzählt in ihrem Buch über eine ungewöhnliche Freundschaft.
Bailey eine Journalistin und Biologin hat sich im Alter von 34 Jahren auf einer Reise mit einem gefährlichen Virus angesteckt. Die Herkunft des Virus ist unbekannt. Er zerstört das vegetative Nervensystem und die Folge daraus ist, dass sie jahrelang unter Schmerzen bettlägerig in ihrer Wohnung liegen muss, allein, abgesehen von einer Pflegerin, die sie besucht um die wichtigen Dinge der Pflege zu erledigen. Natürlich kommen auch Freunde sie besuchen, zu anfangs kommen sie oft, doch nach und nach werden die Besuche seltener und sie bleibt sich überwiegend allein überlassen. Den Besuchern fehlt die Geduld und oft auch Worte, um mit Bailey zu komunizieren. Wer selbst einmal längere Zeit erkrankt war und ans Bett gefesselt war, wird dies bestätigen können.
Bailey hatte sich für unverwundbar gehalten. Wie wir wohl alle bis ganz plötzlich ein Einschnitt geschieht, eine Krankheit oder ein Unfall. Gesundheit scheint einem selbstverständlich und man ist sich sicher, dass das Leben einen Sinn hat. Aber wie schnell kann ein solcher Einschnitt einem diese Gewissheit rauben.
Eine Freundin kommt eines Tages zu Besuch und bringt ihr etwas Unerwartetes und Ungewöhnliches als Geschenk mit. Eine kleine Schnecke, die sie draussen im Wald gefunden hat. Die Schnecke steckt in einem Blumentopf mit ein paar Ackerveilchen.
Von da an beginnt die berührende, intensive Freundschaft zwischen Bailey und der kleinen Schnecke. Sie liegt in ihrem Bett und daneben steht der Topf mit der Schnecke, die sie aber relativ schnell in ein größeres Terrarium übersiedelt, mit allem, was eine Schnecke zum Leben braucht, Moos, kleinen Ästen, kurz einem kleinen Kosmos, in dem sich die Schnecke wohlfühlt und ihr kleines Leben gestalten kann. Und sie kann sie beobachten.
Wenn es ganz still ist, kann sie tatsächlich hören, wie die Schnecke frißt, an Blättern oder anderen Leckereien, die sie ihr ins Terrarium zukommen läßt. Dieses Geräusch gibt Bailey das Gefühl einer Gemeinschaft, von Zusammenleben. Sie fühlt sich nicht mehr allein. Über 2640 Zähne verfügt die kleine Schnecke, wie sie erfährt. Unglaublich oder? Die Zähne sind nach innen gerichtet, damit die Schnecke beim Fressen gut zupacken kann. Die Zähne teilen sich in 33 Zähne pro Reihe in achtzig Zahnreihen auf.
Pilze, entdeckt bzw. erfährt sie, mögen sie gerne. Einmal frißt die Schnecke sich voller Begierde so voll mit den Pilzen, dass Bailey denkt, sie ist gestorben. Doch die Schnecke verhält sich ruhig, bewegt sich nicht und wartet einfach, bis alles vorbei ist und beginnt ihr langsames Leben wieder in ihrem kleinen Kosmos.
Und nachdem sie eine lange Zeit die Schnecke nur beobachtet hat und sich ihre eigenen Gedanken dazu gemacht hat, läßt sie sich nun Bücher, Werke von berühmten Wissenschaftlern, aber auch Dichtern aus allen Zeitepochen wie z.B. Charles Darwin, Emily Dickinson, Patricia Highsmith oder Edward O. Wilson ins Haus liefern, um das Leben der Schnecken, der Arten und derer Vielfalt zu studieren. Natürlich werden wir beim Lesen viele dieser interessanten Betrachtungen erfahren und es ist wirklich spannend.
Das Leben hängt oft davon ab, das man einen Lebensinhalt hat, eine Beziehung, einen Glauben, eine Hoffnung. Doch was ist, wenn das alles nicht mehr da ist?
In dem wir in diesem autobiographisch erzählten Buch nicht nur diesem aussgerwöhnlichen Leben einer Schnecke folgen, so auch an der Entstehung, dem Weitergang dieser schrecklichen Krankheit an die Bailey leidet. Wir lesen auch, welche Erfahrungen die Autorin macht in ihrer Einsamkeit, wie sie aus ihrer Situation Erkenntnisse zieht und plötzlich das Leben und die Welt aus anderen Augen sieht.
Je vertrauer ihr die Welt der Schnecke wird, um so fremder wird ihr die Menschenwelt. Eine Welt voller Verwirrung, Gehetztheit und vor allen Dingen von Fokussierung auf Dinge, die so oberflächlich sind und Kräfte rauben, dass man verpaßt einmal ruhiger durchs Leben zu gehen und seinen Blick auf die ganz kleinen, feinen Dinge zu richten, die uns tagsüber begegnen und sie genau zu betrachten.
Ein berührendes Buch, in keinster Weise anstrengend ob der schweren Krankheit von Bailey oder den vielen wissenschaftlichen Ausführungen über Schnecken, ganz im Gegenteil sind sie bereichernd, dass sich wirklich lohnt gelesen zu werden. Denn wir können Einiges von Schnecken lernen.
Vielleicht beginnt man nach dem Lesen dieses Buches tatsächlich einmal so, wie Hans-Christian Anders es einmal in seinem Buch: Die Schnecke und der Rosenstrauch geschrieben hat:
"Ich gehe in mich selbst hinein, und dort bleibe ich. Die Welt geht mich nichts an" Und damit begab sich die Schnecke in ihr Haus hinein und verkittete dasselbe."