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Maarten T´Hart - Der Psalmenstreit!

Sonntagvormittag, 13.oo Uhr. Ich stöbere im Pogramm der Lit-cologne und entdecke, dass heute Maarten T´Hart aus seinem Buch "Der Psalmenstreit" in der Kulturkirche Nippes liest.
 
Der Entschluß steht fest, da muß ich hin! Ein kleiner Anruf, der kölsche Klüngel funktinoiert und schwupps, stehe ich auf der Gästeliste. An der Kirche angekommen zieht sich ein langer Schwarm von Menschen bis in die Siebachstrasse hinein. Ich bin begeistert. Ich brauch ja Gott sei Dank nicht zu warten, husche in die Kirche, finde auch einen schönen Platz recht weit vorne und komme sofort mit einer Besucherin neben mir ins Gespräch. Sie ist rein zufällig hier, eine Freundin hat sie mitgenommen, sie hat noch überhaupt kein Buch von T´Hart gelesen, ist also völlig offen und unvorbereitet. So erzähle ich ihr in meiner Begeisterung von all seinen herrlichen Büchern, in denen, wie ich Kunden immer so gerne sagen, regelrecht mit ihm spazieren gehen kann. t´Hart hat eine wunderbare Gabe auf humorvolle Weise seine Sicht auf den fundamentalistischen Protestantismus gerade im 18. Jahrhundert in den Niederlanden zu schildern.
 
So auch in seinem im vergangenen Herbst erschienen Buch "Der Psalmenstreit!"
 
T´Harts Erscheinen stand auf wackeligen Beinen, da seine Mutter plötzlich im Sterben liegt, dennoch hat er den Weg auf sich genommen! Das berührt mich sehr, da ich ja selber gerade meine Mutter verloren habe und darum weiß, welche Sorge in einem entsteht, dass, wenn man nicht da ist, möglicherweise der Tod eintritt, und man sich nachher Vorwürfe macht.
 
Die Kirche ist bis zum letzten PLatz ausgefüllt und die Athmosphäre ist abwartend, frohgestimmt an diesem Nachmittag. Einfach unglaublich, wieviele lesebegeisterte Menschen sich zusammenfinden.
 
Die Moderation führt an diesem Nachmittag Heike Mund, die ich auch schon am selben Ort bei einer Lesung von Richard Ford erleben durfte, und die ein feines Gespür für die richtigen Fragen hat. Gelesen wird von Omar El-Saeidi, einem jungen Schauspieler aus dem Ensemble des Kölner Schauspielhaus, der ebenso, wie am Abend vorher Maria Schrader und Joachim Kröl sensibel und mit viel Engagement und Temperament liest. So antwortet ihm t´Hart nach einer entsprechenden Stelle aus dem Buch"Du hast schön gepredigt!"
 
T´Harts Buch handelt von dem sogenannten Psalmenstreit im 18oo Jhdt. in Maasluis, in dem es darum ging, dass die Psalmen nicht in dem bisherigen Ton und Schnelligkeit gesungen werden , sondern reformiert werden sollten. Interessant war die Frage, warum es zu diesem Streit gekommen ist! T´Hart erklärt, dass die Menschen in dieser Zeit in diesem Städtchen entweder "arm" oder "reich" waren, reich jedoch nicht im großen Umfange, sondern einfach nur ein bißchen mehr hatten. Die Armen wollten ganz klar an der alten Singweise festhalten. Ehrlich man muß einfach schmunzeln, wenn man bedenkt, worüber sich die Menschen erregten und aufregen konnten. Es war übrigens nicht der einzige sogenannte Psalmenstreit in den Niederlanden, aus ganz junger Geschichte in den 4oer-Jahren ist ebenfalls noch einmal ein Streit dieser Art entstanden, der soweit ging, dass beide Parteien die Straßenseiten wechselten, Verlobungen gelöst wurden usw.usw.
 
Des weiteren geht es in höchst amüsanter Weise um den jungen Reeder Roemer, dessen Familie über zwei Schiffe verfügt, nicht wirklich viel, für einen Reeder, der nach dem Willen der Mutter, die Rederstochter Diderica heiraten soll, deren Familie ebenfalls über zwei Schiffe verfügt, und die ihrer Mutter wiederum auf dem Totenbett versprochen hat, Roemer zu heiraten. Nun, es ist also keine Liebesheirat. Was Roemer an ihr stört ist, dass sie viel zu groß für ihn ist und dass er sie nicht riechen kann! Die Liebe Roemers gehört einer andern, nämlich Ana, einer jungen, bildschönen Netzflickerin.
 
Noch am Traualtar erblickt Roemer sie und bedauert, nicht sie ehelichen zu können, sondern sich in einfügen muß, in dem was vorbestimmt ist. So war das damals!
 
Es sind herrliche Szenen im Buch beschrieben, wie die Eheleute miteinander umgehen, wie sie sich noch in der Hochzeitsnacht trennen, sie Dederica einsam, in völlig fremder Umgebung, will sich erst einmal an ihr neues Bett gewöhnen, er Roemer, ist froh, dass er wie gewohnt in seiner Dachkammer verschwinden kann. Ist alles nicht so schlimm, wie er dachte, nur dass er jetzt mit drei Frauen im Haus leben muß, die kochen, bügeln, putzen, waschen.
 
Die private Geschichte Roemers spinnt sich weiter, er trifft Ana irgendwann bei einem Spaziergang, sie könenn nicht voneinander lassen und Anna wird schwanger, Roemer Vater eines Sohnes, und das Damoklesschwert, entdeckt zu werden, schwebt über Beiden.
 
So wird das Buch auf zwei Ebenen geschildert, zum einen die persönliche Geschichte Roemers und die Geschichte des Psalmenstreits. Es kommen herrliche Fragen in dem Buch vor, die Marten t`Hart z.B. in einem Gespräch mit dem Organisten stellt. Wieso hat Gott eigentlich den Baum der Erkenntnis in den Paradiesgarten gestellt? Ist es wohl doch nicht die Schuld Evas, sondern die des Schöpfers, denn hätte er den Baum nicht gepflanzt, wäre uns vieles erspart geblieben, so Original-Ton T´HArt. Oder, wieso konnte es eigentlich sein, dass von allen Tieren der Welt jeweils zwei in die Arche gelangten? Wie kann es sein, dass ein Känguruh aus Australien nach Mesopotanien kommt, um auf die Arche zu gelangen. Und wann mußten die Schnecken losgehen, um die Arche noch zu erreichen. Herrlich, wie T´Hart das schildert!
 
Bei der Lesung gefragt, wieso er auf diese Fragen gekommen ist, antwortete er, dass er sie schon als Kind seiner Mutter gestellt hat. Außerdem ist T´Hart ja auch Biologe, schaut also mit einem anderen Hintergrund. T´Hart ist übrigens auch Musiker. Mozart und Bach, seine zwei größten Leidenschaften. Und auf die Frage, wen er mehr liebe antwortet er, das ist schwer zu sagen, er müsse mal seine Schallplatten zählen, vielleicht kann man es daran feststellen und lächelt. Natürlich ist auch abgesehen von den Psalmen in diesem Buch wieder viel von T´Harts Leidenschaft zur Musik zu lesen. In jedem seiner Bücher finden wir Bach und Mozart. Über diese beiden Komponisten hat er ja auch Biographien geschrieben. Nur in einem einzigen, der "Jakobsleiter" kommt keine Musik vor, da wäre auch sein Verleger stutzig geworden.
 
Jedenfalls die Lesung und Marten t´Hart war so, wie ich ihn mir in all seinen Büchern vorgstellt habe, fröhlich und humorvoll.
 
Es ist ein Genuß dieses Buch zu lesen! T´Harts Gabe den fundamentalistischen Protestantismus in einer Art und Weise unter die Lupe zu nehmen, die phasenweise doch etwas bedrückt, aber durch seinen Humor wieder aufgefangen wird. Der religiöse Fundamentalismus ist keine Erfindung des Islams, das wissen wir alle, er findet sich in allen Religionen in der Zeitgeschichte.
 
Am Ende hab ich gedacht, heute ist vom religiösen Fundamentalismus in den Niederlanden Gott sei Dank nichts mehr zu spüren. Eher verbindet man mit den Niederländern eine Toleranz allem Andersartigen gegenüber. Jedoch stelle ich mir in letzter Zeit öfters die Frage, wenn ich so auf meinen Nachbarn schaue, ob diese Toleranz nicht eher eine gewisse Gleichgültigkeit beinhaltet, denn auch sie scheinen an ihre Grenzen zu kommen, was Migration und andere Fragen betrifft, nur mal als Beispiel die Frage der Euthansie!
 
Was ich am Ende vermißt habe bei der Lesung war, dass es keine Möglichkeiten gab, Fragen an den Autor zu stellen. Denn es hätte mich schon interessiert, wie hat der Autor sich selber aus seiner eigenen erlebten Geschichte befreit. Denn wie aus seiner biographischen Schrift "Ein Schwarm Regenbrachvögel" zu lesen ist, ist er genau in diesem Millieu des Protestantismusses aufgewachsen, und n hatte eine tragische Vater-Sohn-Beziehung. Auch hätte mich interessiert, wie er zur Religion heute selber steht. Denn zwischendurch klang in seinen Worten, gerade als es um die Musik von Bach ging, doch eine Ehrfurcht gegenüber dem Glauben durch.
 
Ich kann mich noch erinnern, dass in vergangenen Jahren bei Lesungen diese Möglichkeit gegeben wurde, so erinnere ich mich an eine mit dem Autor Jorje Bucay, aus seinem Buch "Komm ich erzähl Dir eine Geschichte", die ich als sehr inspirierend und fruchtbar empfand. Jorje ist argentinischer Psychotherapeut und hatte damals sein erstes Buch hier in Deutschland veröffentlicht.
 
Nun denn, man kann nicht alles haben!
 
Also wieder eine schöne Buchempfehlung:
 
Maarten t´Hart "Der Psalmenstreit"!
 
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