Es ist stürmisch draußen, immer noch. Der Wind klatscht an mein Fenster, ich hab mein Tageswerk vollbracht, gekocht war auch, die Männer schauen Fußball, zwischendurch immer mal wieder ein kurzer Blick in den Blog, ein Kommentar hier und da, ein Blick in meine Biographie über den guten alten Eric Clapton und die Zeit rückt voran. Soll ich jetzt, oder soll ich nicht? Ich hatte mir vorgenommen, diesen Abend ins Schauspielhaus zu fahren, obwohl ich keine Karte hatte für die Lit-Veranstaltung. Doch ich weiß ja, was ich will und wünsche, geht meistens in Erfüllung.
Noch ein letzter Blick in den Blog, eine kurze E-mail-Beantwortung! "Tschüss sagt der Blogger zu mir, wenn DU wirklich gehst!" NA klar gehe ich, noch überlegend, ob ich jetzt mit der Bahn fahre oder mich doch aufs Rad schwinge, trotz Regen und Sturm! Eine Zigarette und dann überwinde ich meinen inneren Schweinehund, schwinge mich aufs Rad und sause los. Ein bißchen hab ich mich in der Zeit vertan, die Vorstellung beginnt schon um 19.3o Uhr und es ist 19.o5 Uhr als ich das Haus verlasse. Geld hab ich auch noch keins. ALso schnell ran an den Bankautomaten, ein kleiner Betrag verschwindet in meiner Geldbörse und weiter gehts.
Kurz vor dem Opernhaus erwischt mich dann ein starker Regen. Es stört mich nicht, ich lache ihn an, den Regen, halte ihm mein Gesicht entgegen, der Wind treibt ihn Böen durch die Strassen, Autos rasen an mir vorbei, die Insassen haben es warm, ich bin nicht neidisch, ich bin irgendwie glücklich den Regen zu spüren und nicht alles so bequem ist.
Am Schauspielhaus ankommend, das Rad abgestellt, im Foyer eine kleine Schar von Menschen, die immer noch auf Karten hoffen, ich natürlich auch. Gleich vorne erkenne ich eine alte Bekannte aus der Waldorfschulzeit meiner Kinder, wie jedes Jahr im Schauspielhaus. Wir müssen beide lachen. "Was ist? meine Frage, gibt es noch Karten?" Schwierig meint sie, man mußte sich auf eine Liste setzten lassen und die vorbestellten Karten, die nicht abgeholt würden, werden dann zum Verkauf freigegeben! Aha, denke ich, also null Chance! So was! Ich laufe ein bißchen unschlüssig hin und her, denke, wie komme ich rein und da kommt "Er" zur Türe herein. Ich erkenne sofort, dass er eine Karte loswerden will, warum weiß ich auch nicht. Ich gehe auf ihn zu, ja, sagt er, er habe noch eine Karte zu 29,--?. Das ist mir zu teuer, das kann ich mir nicht leisten. In der Zwischenzeit ist die kleine wartende Schar verschwunden und ich stehe mit ihm allein im Foyer. Beide unschlüssig, meint "Er" dann plötzlich, o.k., bevor ich gar nichts bekomme, gib mir 1o,--? und gut ist! Juchhu, denke ich, das wars dann, schnappe mir die Karte und bin drin, nicht einfach nur irgendwo drin, sondern sogar in der ersten Reihe direkt vor Joachim Krol, ich fasse es nicht, bin so was von durch den Wind. Kaum hab ich den Mantel ausgezogen, es mir gemütlich gemacht, erscheinen die Lesenden und der Moderator, Joachim Krol, Maria Schrader und der große Roger Willemsen.
Es beginnt mit den Worten des Einführenden, dass dieser Abend über einen Autor und seine Bücher sprechen wird, der eine Botschaft an alle hat, die hier versammelt sind, nämlich die, "geht hinaus und verkündet Richard Yates, den Vergessenen, Unscheinbaren und doch so großen Mann der amerikanischen Literatur!
Und so ist es und so soll es sein. Richard Yates, der in seinen Büchern die zutiefst jedem Menschen innewohnende Haltung aufgedeckt hat, sich hinter kleinen und großen Illusionen zu verstecken, sich der Realität zu verweigern und in eine Scheinwelt zu flüchten.
Dieser Richard Yates, in seinem Leben mehr als gescheitert, starker Alkoholiker, immer wieder von Depressionen befallen, Vater dreier Töchter, zweimal geschieden,
starb 1992 mit 66 Jahren an den Folgen eines Lungenemphysems einsam an seinem Erbrochenem in einem Krankenhaus. Yates schrieb sein Leben lang, zeitweise arbeitet er halbtags bei einer Firma, in dem er Gebrauchsanweisungen für Geräte schrieb, die andere Zeit, schrieb und trank er. Niemand weiß so recht, wie er es überhaupt schaffte, so ein Werk wie "Zeiten des Aufruhrs", dass übrigens in diesem Jahr noch verfilmt wird, zu Papier zu bringen. Er unterrichtete einige Zeit auch Studenten in Literatur, soll aber über einen überaus schlechtes Lehrer-Eros verfügt haben, wie Willemsen erzählt. Manchmal sprach er über Bücher, in dem er sie einfach in die Mülltonne klopfte. Weiterhin schrieb er für Robert Kennedy Reden, da dieser als schlechter Redner allgemein bekannt war!
Joachim Krol und Maria Schrader lasen an diesem Abend aus seinen Werken in für mich beeindrucksvoller Weise, sich in die Protagonisten der Bücher ganz hineindenkend und fühlend.
Es gibt viele Einsamkeiten des Menschen, so liest man in seinen Büchern immer wieder. Einsamkeit, die sich in der Heuchelei des gelebten Lebens verbirgt. Die Lüge der Ehe, die Paare, die sich treu sein wollen, bis zum Ende, die die Ehe als "Heilig" beschworen, und die nicht sahen, dass ihre Liebe entheiligt wurde, mit Worten, Taten, die nicht vor Gewalt Halt machte.
In einer Weise, die gar nicht mal hochliterarisch, aber dafür im Detail die kleinsten Geschehnisse des Alltags zwischen Eheleuten, der unterdrückte Haß, die Unzufriedenheit, die verklärte Vergangenheit, die kleinen An- und Beschuldigungen, in einer solchen Dichte aufzeigt, dass man sofort ganz tief im Geschehen verschwindet, mit den Protagonisten mitfühlt und leidet, sich selber in den Räumen befindet, wie ein Detektiv auf den Spuren seines eigenen Lebens!
So schreibt Yates in "Zeiten des Aufruhrs" über die letzte Illusion der amerikanischen Mittelstandsgesellschaft, der Durchschnittsehen, die irgendwo in den Vororten geführt wird, ohne dass man jedoch den Eindruck hat, zu verurteilen, sondern dass die Botschaft auf einen selber zurückfällt, "wo bist Du in dem Buch!"
Es stimmt, es gibt viele Einsamkeiten im Leben von Menschen. Yates selber hat sie erfahren. Er hat sie beobachtet, all die kleinen und großen seiner Mitmenschen, er hat seine erfahren und ist damit nicht fertig geworden. Und doch, obwohl er gescheitert scheint, hat er mit seinen Büchern eine Botschaft hinterlassen, die es schafft, uns wachzurütteln.
Seine Bücher sind große Schätze menschlicher Tragödien, dessen Protagonisten am Ende unser Mitleid, Mitgefühl und unsere Wertschätzung behalten.
Ein gelungener Abend. Ich setze mich wieder aufs Rad, es ist trocken, nehme meinen I-Pod und lasse die Worte in mir nachklingen.
Die Lit-Cologne, eines der wunderbarsten Ereignisse in unserer schönen Stadt!