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4. Etappe Mannheim - Baden-Baden

Ich bin froh, dass ich gut geschlafen habe, fühle mich aber dennoch wieder wie erschlagen. Die gestrige Tour hat mich geschafft. Frühstück gibts gar nicht im Haus, sondern in einer Bäckerei ein paar Straßen weiter, mit dem das Unterkunftshaus eine Abmachung getroffen hat. Naja, geht schon. Dann schnell raus aus Mannheim. Ich kann  es mir nicht erklären, obwohl ich nicht viel von der Stadt gesehen habe, ist sie mir ein wenig unsympathisch. Überall Baustellen wie blöd, Industrieanlagen, dichter Verkehr, Menschen wohin man guckt. Ich bin das nicht mehr gewohnt nach den vorherigen Strecken solche Menschenansammlungen, die morgens im Berufsverkehr herumschwirren.
 
Der Weg führt auch nicht sonderlich schön hinaus. Über zig Strassen den Schildern Richtung Speyer folgend, auf Land- und Bundesstrassen, dann mal wieder abweichend auf irgendwelche Nebenstrassen, manche nur Schotterstrassen wo dann auch nach ca. 20 km das passiert, das sogenannte Unerwartete, mit dem ich nicht gerechnet habe und das ganz plötzlich über mich hereinbricht.
 
An einer etwas abschüssigen Stelle sah ich schon weiter vorn dicke Steine liegen. Ich fuhr recht schnell, wollte abbremsen und bums aus aus die Maus, riß eine meiner Bremsen und ich versuchte mit den Füßen weiter zu stoppen, kippte samt meines Rades um und schlurfte über das Geröll. Habe ich schon gesagt, dass ich nicht ängstlich bin? Bin ich wirklich nicht, aber in diesem Moment war ich echt geschockt. Es saß mir in den Gliedern, mein Herz klopfte wie verrückt. Ich konnt erst gar nicht aufstehen. Das Rad samt Packtaschen ist ja schwer und ich wuchtete mich hoch. Meine Beine waren aufgekratzt und bluteten, aber vor allen Dingen zitterte ich. Mir wurde bewußt, dass ich trotz allem großes Glück hatte, ich hätte auch kopfüber stürzen können oder was weiß ich, ich trag ja keinen Helm, ich kann den einfach nicht vertragen. Ist ja auch noch nie was passiert, jedenfalls nix Großes, nur so wie jetzt eben gerade.
 
Als ich mich wieder etwas gefangen hatte, überlegte ich, was mach ich nun. Da ich ja nicht wußte wie die Strecke weiter verlief, hab ich mich nicht getraut mit der einen Bremse weiter zu fahren. Immerhin waren für die Strecke nochmal über 100 km ausgerechnet, jedenfalls direkter Weg. Da ich aber immer vom Weg abweiche und vor Ort auf den Radwanderwegen radele, wären es sicher wieder mehr geworden. Ich bin sehr oft nicht vernünftig, das weiß ich, aber in diesem Moment war ich es. Eine innere Stimme sagte mir, Roeschen, Roeschen, mach kein Mist, laß deinen Stolz und fahr zurück und von Mannheim aus mit dem Zug nach Baden Baden. Dort kannste du in Ruhe dein Rad reparieren lassen und morgen gehts dann eben gut weiter. Schweren Herzens, ich geb es zu, so ganz kann ich es mir nicht verzeihen, gegen meine Regel, egal was passiert, solange es irgendwie geht, zieht du es durch, verstoßen zu haben. Aber meine Vernunft sagt mir, es war richtig. Denn wir wissen ja, manchmal ist der Mensch zur falschen Zeit am falschen Ort und dann ist es ganz aus. Es war so etwas wie eine Ahnung in mir es besser nicht zu tun.
 
Ich fuhr also ganz vorsichtig wieder zurück nach Mannheim hinein.  Ich war ich ein wenig von der Rolle. Ich wollte zum Bahnhof und  befuhr eine Strasse, konnte aber nicht wissen, dass diese auf eine Schnellstrasse seitlich vom Bahnhof an einer Baustelle vorbeiführte. An der Ampel standen Autos, die hätten ja auch mal was sagen können. Fensterscheibe runter drehen und erklären, liebe Radfahrerin, fahren sie besser nicht auf dieser Strasse, völlig ungeeignet für Radfahrer. Sagte aber keiner was. Also fuhr ich munter drauf los.
 
Es dauerte bis ich die Unterführung wahrnahm und bemerkte, ne Roeschen, das geht gar nicht. Da kannst du nicht weiter und stoppte einfach auf einem mini Seitenstreifen, um die Strasse zu überqueren, damit ich wieder zurückkam. Ich fühlte mich dermaßen verloren, das kann ich wirklich keinem erzählen in diesem Moment. Meine Beine schmerzten, die Autos rasten an mir vorbei und ich stand und stand und dachte, hier kommst du niemals mehr weg. Keine Lücke durch die du wenigstens bis zum Mittelstreifen herüberhuschen kannst. Es ging immer weiter mit dem Autoverkehr. Gefühlt waren es mindestens 20 Minuten, die ich da stand. Ich kämpfte mit den Tränen. Ich empfand das schlimmer als den Sturz vom Rad und die gerissene Bremse, da eingekesselt zu sein von dem Autoverkehr und nicht wegzukommen. Natürlich war ich das selber schuld, ich hätte ja besser aufpassen können, aber so geht es nun mal im Leben zu, ein Einschlag, du gerätst ausser Kontrolle und schon passiert der nächste, bums aus die Maus.
 
Natürlich hab ich die Hoffnung nicht aufgegeben, denn irgendwann geschah das Wunder und ich gelangte tatsächlich erstmal auf den Mittelstreifen. Dort stand ich da wie Hein Blöd und das ganze Procedere wiederholte sich, dieses Mal aus der anderen Richtung. Autos um Autos und ich wartete und wartete und seufzte und schluckte, aber dann, aber dann, plötzlich auch hier eine Möglichkeit und nix wie rüber. Man war ich froh, dem Ganzen entronnen zu sein. Nochmal gut gegangen.
 
Jösses, nun hatte ich die Nase voll und schob mein Fahrrad zum Bahnhof.  Wie ich dann entdeckte war die Unterführung dorthin direkt neben der Abbiegespur der Strasse, der ich dummerweise gefolgt war. Aber wie soll man das wissen in einer fremden Stadt.
 
Ich weiß nicht, ich fühlte mich am Bahnhof angekommen wie aufgeweicht innerlich, brüchig und verletzlich, auch ein wenig desorientiert oder besser gesagt von der Rolle. Ich wollte jetzt einfach nur noch weg hier. Vor dem Bahnhofseingang stand ein Bahnangestellter den ich fragte, wie ich am besten nach Baden Baden käme. Super freundlich war der, endlich wieder was Erfreuliches. Am besten sei es, wenn ich mit der S-Bahn nach Karlsruhe fahren würde und von dort aus mit dem Zug weiter. Er ging sogar mit mir zum Automaten, damit ich das richtige Ticket für die S-Bahn erwerben konnte. Und ich war bass erstaunt wie schnell man diese Strecke mit der Bahn zurücklegte. Mir war es recht. Rein in die Bahn und nach knapper halben Stunde stand ich im Bahnhof Karlsruhe.
 
Dort erwarb ich dann das Ticket weiter nach Baden Baden. Erleichtert fand ich das Radabteil, stellte mein Rad ab, warf mich auf den Sitz und dachte, alles gut. Es ist alles gut. Du hast alles richtig gemacht Roeschen. Entspann dich jetzt.
 
Gegen Mittag kam ich in Baden Baden mit dem Zug an und war tatsächlich wieder ich selbst. Mein Quartier war am anderen Ende der Stadt, in Geroldsau, auf der Geroldsauer Strasse. Also fuhr ich nach Nachfragen von Passanten auf einem schönen Radweg erstmal hinein in die Stadt, denn der Bahnhof liegt etwas ausserhalb. Die Stadt war laut und voll, wie auch in Mannheim. Überall Baustellen. Auch diese Stadt zog mich nicht an. Viel zu dekadent. Ich kannte sie zwar von einem Besuch bei einer Gerhard Richter Ausstellung von vor zwei Jahren, aber da erschien sie mir wenigstens etwas gemütlicher, das lag aber wohl daran, dass ich an einem Sonntag dort war. Eine lustige Begebenheit, obwohl es eigentlich unverschämt war, aber so sind sie halt die Autofahrer, passierte mir noch innnerhalb der Stadt. Ich fuhr auf einer etwas zugegebenen schmalen Strasse, durchweg für Radfahrer erlaubt und auch ganz wie es sich gehört am rechten Fahrrandstreifen, als mich plötzlich eine Tussi, jawohl Tussi, in ihrem dollen Auto, was weiß ich, was es für eins war, ich konnte es auf die Schnelle nicht erkennen, jedenfalls was dolles, überholte, und mir durchs Fenster zurief: Sie stören mich beim Autofahren. Hahaha, hat man so was schon erlebt? Ich jedenfalls noch nie.
 
Ich bin ja selten frech, ich musste auch ehrlich gesagt staunen und lachen zugleich, wirklich. Aber ich rief ihr zu: Du hast doch wohl den Schuß nicht gehört oder?, blöde Kuh. Ehrlich so bin ich, ich kann auch anders. Natürlich hat sie sich davon sicherlich nicht beeindrucken lassen, solche Leute sind so was von sich selbst eingenommen, die merken nicht mal, wie blöd sie sind. Ist so. Jedenfalls, wenn ich jetzt daran denke, muß ich doch wieder lachen. Das war einfach so schräg.
 
Durch eine schöne schattige Baumallee fuhr ich den Weg stadtauswärts Richtung Geroldsau vorbei an der Abtei Lichtenthal wo ich kurz zu einem Eiscafe einkehrte, weiter am Brahmshaus vorbei, das aber gerade geschlossen hatte, sonst hätte ich es mir wirklich angeschaut, denn ich hatte ja nun auch Zeit.
 
Auch gleich die Unterkunft gefunden. Ein altes Hotel an der Geroldsauer Strasse, das sicher einmal bessere Zeiten gesehen hatte. Aber es war ein hübsches, altes Haus im Schwarzwaldstil und nette ältere Herrschaften betrieben es noch. Sie würden nicht mehr viel vermieten. Ich hatte Glück gehabt. Zwei schöne Zimmer ganz für mich alleine warteten auf mich und ich kann gar nicht sagen, ich war so froh angekommen zu sein nach diesem Tag. Ich warf mich auf das große breite bequeme Sofa, ließ alles an mir vorbeiziehen und schlief darüber ein. Herrlich. Frisch geduscht machte ich mich auf den Weg um endlich mal in Ruhe was Ordentliches zu essen.
 
Es passierte aber auch nun wieder etwas Unerwartetes. Ich kehrte in einem gemütlich aussehenden Gartenlokal ein, klein aber fein. An einem langen Tisch saß eine etwas größere Gesellschaft, jedoch waren die anderen Tische leer. Also machte ich es mir bequem. Ich hatte schon mein Augenmerk auf Spätzle mit Schweinsbraten und Pfifferlingen gerichtet. Aber die Bedienung kam ewig nicht. Sie sah mich, aber schien mich nicht sehen zu wollen. Merkwürdig dachte ich. Irgendwann erbarmte sie sich und fragte nach meinen Wünschen. Ich bestellte einen Radler und sagte, dass ich auch gern etwas essen möchte. Sie verschwand, ich dachte, sie käme mit der Karte und dem Radler wieder, aber nix da. Erst einer längeren Weile kehrte sie zurück, um mir mitzuteilen, bevor sie das Getränk bringen würde, sage sie mir gleich, auf das Essen müßte ich aber eine gute Stunde warten. Der Koch hätte viel zu tun mit der Gesellschaft. Ich guckte wohl etwas verdutzt und war im ersten Moment sprachlos. Nanu, so was hatte ich auch noch nicht erlebt, dass ein Gast wegen Überarbeitung abgewiesen wird. Dabei sah ich nun wirklich nicht schlimm aus und unfreundlich war ich schon mal gar nicht. Ganz im Gegenteil. Aber ich merkte ihr sogleich an, selbst wenn ich zugestimmt hätte, diese eine Stunde zu warten, sie war nicht erpicht darauf, dass ich blieb. Irgendwie schien ich ihre Kreise zu stören. Nun ja, das bin ich ja gewohnt. Das ergeht mir öfter so. Scheinbar bin ich doch komisch. Ich zog es vor, mich zurückzuziehen und bedankte mich und zog meines Weges.
 
Scheinbar war das nicht mein Tag insgesamt. Aber unten am Plätzchen angekommen gabs ein nettes italienisches Restaurant. Es lag zwar direkt an der Straße, aber es war nun schon später und ich setzte mich gemütlich an einen der Tische und wurde auch ebenso freundlich bedient, zwar auch nicht ganz nach meinen Wünschen, denn ich suchte mir ein Pastagericht aus und bestellte auch hier einen Radler. Auch hier verschwand die zwar freundliche Bedienung, kam aber mit einem Radler wieder und meinte, sie müsse mir leider sagen, dass Pasta-Gerichte im Moment noch nicht zur Verfügung ständen, weil der entsprechende Koch noch nicht da wäre. Das einzige, was sie mir anbieten könne, sei Pizza. Was soll ich sagen. Ich wußte nicht mehr was ich sagen sollte. Selbst in meinem Kopf war alles leer. Isch schwöre. Mir war es auch wurscht jetzt. Ich bestellte eine Pizza, die war gut und saulecker und genoß mein Sitzen dort an dem Plätzchen und schaute dem Treiben um mich herum zu. Fertig.
 
Pickepacke satt kehrte ich gemütlich zu meiner Unbterkunft zurück. Feierabend für heute.
 
Ach ne, was ich ganz vergessen habe, natürlich hatte ich, vom Bahnhof kommend, die einzige Fahrradwerkstätte vor Ort angefahren, um ihnen meinen Schaden an der Bremse zu zeigen und gehofft, sie würden mir diesen, da ich ja unterwegs und darauf angewiesen war am nächsten Tag gut weiter kommen, mehr oder weniger in schneller Zeit reparieren. Ich hatte aber fehl gedacht. Sie seien voll bis zum Rande mit Auftragsarbeiten und könnten nix für mich tun. Jösses, was solls dachte ich, gefaßt wie ich wieder war, fährste halt am anderen Tag mit einer Bremse weiter Roeschen. Der Weg bis nach Strassburg hatte keine Höhenüberwindungen mehr, also brauchte ich wohl auch nicht viel zu bremsen. Das war jedenfalls mein Plan.
 
So kam es, dass ich auf meiner vierten Etappe mit dem Zug fahren mußte und insgesamt an diesem Tag nur 40 km gefahren hatte.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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