Sonntagmorgen. Gut geschlafen, schnell runter zum Frühstück. Mit dem Frühstück haben es die Franzosen nicht so. Es ist spartanisch, aber lecker. Frisches, knuspriges Baguette. Das Bild schlechthin vom Franzosen, wie er frühmorgens mit einer Baguettstange durch die Strassen zieht. Es gibt Schinken, Marmelade, fertig. Reicht ja auch, für mich jedenfalls. Bin eh kein Vielesser auf einmal. Lieber mehrmals am Tage.
Das Rad laß ich heute stehen. Es geht mit der Trom D erst mal zum Bahnhof, der sich mitten in der Stadt befindet. Er soll Ausgangspunkt sein und gleichzeitig auch schon mal Inspizierung wegen meines Abreisetages am Montag, damit ich da nicht suchen muß. Die Trom hält unterirdisch und ich gelange von dort direkt in die Bahnhofshalle, die eine schöne Himmelsgewölbearchitektur vorweisen kann. Schnell hab ich alles Notwendige herausgefunden und trete auf dem Bahnhofsvorplatz. Der gesamte Bahnhof ist eingebettet wie in ein Gefäß, auf dessen Aussenwände bunte Graffityzeichnungen zu sehen sind. Gut verpackt und nett anzusehen.
Hatte ich es schon geschrieben? Ich sag es nochmal. Ich bin ja nur wegen Tomi Ungerer nach Strassburg. Ich bin ganz vernarrt in diesen humorigen Philosophen, der gar nicht intellektuell sein wollte, sondern aus seinen Beobachtungen heraus die Welt analysiert hat, wunderbare Kinderbücher entworfen und böse, fast schon zynische Darstellungen des Weltgeschehens illustriert hat. Ich liebe alles, was er veröffentlich hat.
Aber nun spaziere ich erstmal bei Sonnenschein vom Bahnhof weg durch die Strassen. Alles noch recht leer, in den Cafes sitzen die Menschen und beginnen mit aller Muße den Tag. Ich bin sofort begeistert von den vielen, kleinen Geschäften, die ich zu sehen bekomme. Keine Monokultur, wie sie mittlerweile überall in den Städten erscheint, Bäcker, Optiker, Händyläden, Fastfoodketten, Billigsupermärkte und Bekleidungsgeschäfte, die zu irgendwelchen Ketten gehören. Nicht mal den Laden mit den zwei Buchstaben hab ich hier gesehen, ihr wißt schon, Hennes und so. Alles individuell kleine Boutiquen, in denen es Laune machen würde, ein wenig zu stöbern. Meine Begeisterung erstreckt sich auf die Fensterläden, die Dinge anbieten, die sonst nirgendwo so einfach zu finden sind. Ein Philateliegeschäft. So herrlich altbacken die Auslage im Fenster. Meine Nase an die Scheibe drückend schau ich mir die mit so viel Sorgfalt und Liebe gestalteten, teils bunten, aber auch einfach nur schwarzweiß gezeichneten Briefmarken aus aller Welt an. Dass es noch Menschen gibt, die Briefmarken sammeln find ich einfach wunderbar.
Was war das für eine Welt, in dem Briefe noch von Hand geschrieben und mit ebenso großer Sorgfalt, wie der Inhalt geschrieben wurde, steckte man ihn in ein Kuvert, versehen mit einer Briefmarke, die man gezielt aussuchte, weil sie eine Zier auf dem Umschlag sein sollte. Wenn die nötigen Mittel dafür da waren und natürlich die Zeit, wurde doch jedes Detail, mit dem sich im Leben beschäftigt wurde, mit größter Beachtung und Hingabe beschäftigt. Heute ist alles schnelllebig, praktisch, quadratisch, aus, fertig. Und alle finden das toll.
Ich bin mit meinem Fotoapparat bewaffnet, bleibe öfters stehen. Das führt wohl dazu, dass ich immer mal angesprochen werde, ob man mir helfen könne. Es wird sich als Stadtführer angeboten. Das Ansprechen erfolgt oft in vielen Sprachen und vor allen Dingen auf vielfältige Weise. Die lassen sich was einfallen. Es sind Herren der Schöpfung, die sind halt kreativ. Als ich einmal *Schönes Fräulein* höre, muss ich doch kichern. Nein danke, es ist alles im grünen Bereich. Ich finde mich zu recht.
In einer kleinen begrünten Nebenstrasse nicht weit vom Bahnhof entfernt steht in einer eufeuumringten Nische ein hübsches Schränkchen. Es steht einfach so da in der Straße und lädt zum Stehenbleiben und Schauen ein, was sich darin wohl verbirgt. Er sieht ja nicht aus, als wenn er einfach entsorgt worden wäre. Beim näher gehen entdecke ich einiges Kleinod darin verborgen. Büroordner, Schlappen, Socken , Bücher und Geschirr. Oben drüber ein Schild auf dem zu lesen ist *trocotheque* Was auch immer das heißen mag. Ich habs gegoogelt am Abend, bin aber nicht fündig geworden.
Neben mir steht plötzlich eine Französin, die aber, wie ich schnell herausfinde, ein paar Brocken deutsch spricht. Auf meine Frage, was das mit dem Schränkchen auf sich hat, erzählt sie mir, dass man sie immer mal in Strassenecken finden kann. Dort sammeln sich Gegenstände, die nicht mehr gebraucht und dort hineingelegt werden. Andere kommen vorbei, schauen und finden genau das, was ihnen fehlt. Ich finde das eine nette Idee. Ähnlich wie mit den Bücherschränken. Unser kleines Gespräch ist recht nett, sie erzählt mir, dass sie eigentlich aus Paris käme, jedoch in einem Urlaub einen italienischen Gastronom in Strassburg kennengelernt habe, die große Liebe und so sei sie hier sesshaft geworden. Wies so geht im Leben. Als sie jedoch das Jammern anfängt, wie sehr Strassburg sich durch die vielen ausländischen Mitbürger verändert habe, sie die Gefahr sehe, dass die eigene Kultur verloren ginge, werde ich etwas zappelig. Ich hab echt null Bock jetzt auf solche Diskussionen. Sage ihr nur noch, dass ich das französische Flair jedoch an allen Ecken spüre und verabschiede mich mit einem freundlichen Dankeschön fürs miteinander Plaudern.
Auf dem großen Kleber Platz prangt mir in seiner ganzen Würde der olle Feldherr General Kleber entgegen, der unter Napoleon die Expeditionsarmee nach Ägypten geführt hat. Ich habe mir den Roman *Die Nadel* ein Stück französische Geschichte, in der Herr General Kleber eine Rolle spielt, einmal vorgemerkt, um ein wenig Geschichtsluft zu schnuppern. Übrigens wurde er dann später von türkischen Fanatikern ermordet. Die französischen Soldaten, als sie ihn faßten, waren so in Rage und Verbitterung über den Tod ihres Generals, dass sie den Attentäter schnurstracks gepfählt haben. Hinter General Kleber erstreckt sich an der Audette das ehemalige lange Militärgebäude. Der Name Aubette erklärt sich aus der Wachablösung, die dort an jedem Morgen stattfand. Heute ist es ein Veranstaltungsort.
Vielleicht für die meisten Touris nicht so interessant, doch mein Interesse hat der Club de la Presse Strassburg - Europa geweckt. Ich ging davon aus, dass sich dahinter die Redaktion eienr Strassburger Zeitung befindet. Jedoch recherchierte ich und entdecke, dass es sich um einen internationalen Presseclub handelt, in dem sich Medienvertreter und Journalisten aus aller Welt zum Austausch zusammenfinden. Den Mitgliedern geht es vor allen Dingen um die Bewahrung der Pressefreiheit, die in einigen Ländern der Welt durch das politische Regime eingeschränkt ist, ganz aktuell wissen wir es ja aus der Türkei. Stelle mir diese Zusammenkünfte sehr interessant vor. Leider habe ich auf deren Webseite nichts gefunden, wo evtl. Veröffentlichungen über Themendiskussionen, die dort stattgefunden haben, zu finden sind. Schade.
Ich laufe eigentlich ohne Plan durch die Strassen, lasse die Eindrücke auf mich wirken, komme zur Kathedrale. Die Eingänge der Kathedrale werden von Securitasleuten streng bewacht. Von ihnen erfahre ich, dass der Zugang erst um 13.30 Uhr gestattet wird, da am Vormittag lange Gottesdienste stattfinden.
Ich verschiebe die Besichtigung auf später und will nun sehnsüchtigerweise endlich zum Tomi-Ungerer-Museum. Da ich noch keinen Stadtplan besitze muss ich mich durchfragen. Begegne einem netten älteren Franzosen, der mir reizenderweise seine Hilfe anbietet und mich bis zum Eingang des Ungerer-Museums begleitet. Da er kein Wort deutsch oder Englisch spricht, ich kein Französisisch ist unsere Unterhaltung schräg und lustig. Wie immer hab ich jedoch den Eindruck, wir verstehen uns.
Das Museum ist in einem alten schönen Partrizierhaus aus dem Jahre 1884 untergebracht, eine kleine Oase. Im Garten der Villa steht eine Skulptur aus Metall, die aus einer Zeichnung Ungerers gefertigt wurde. Der Name der Skulpur Sur les dents (auf den Zähnen). Sie zeigt eine menschliche Gestalt, in deren Kopf eine Säge steckt. Auf den Zähnen, das erinnert mich daran, dass wir manchmal, wenn es uns alles zu viel wird im Alltag, uns ausgepowert fühlen, sagen....ich gehe auf dem Zahnfleisch... Da ist nix mehr, mit dem ich zubeißen kann. Vielleicht hat Ungerer das ausdrücken wollen, die Welt, so wie sie sich in ihren Schrecken und Abstrusitäten zeigt, der hat man nix mehr entgegenzusetzen, denkt man vielleicht manchmal in Momenten. Ich weiß es aber nicht.
Zwei nette Damen an der Kasse begrüßen mich freundlich, sprechen deutsch und wir plaudern ein wenig. Erzähle, dass ich aus Köln mit dem Rad gekommen wäre, um endlich mal die Ausstellung meines von mir verehrten Herrn Ungerer zu bestaunen. Sie lachen und wir machen noch ein paar Witze. Ich sage, ich schwöre, ich würde ihn heut noch heiraten, auch wenn er alt ist. Was kümmert mich das Alter bei einem Mann. Humorvoll muss er sein, klug-witzig und ein verschmitzes Lächeln, das sich in seinen Augen spiegelt, dass muss er haben. Die beiden Damen lachen. Ich erwerbe meine Eintrittskarte und los gehts.
Direkt im Eingangsbereich der Ausstellung befindet sich eine Videodokumentation über Ungerer, die ich bereits kenne aus der Ausstellung in Brühl bei Köln, die ich vor Jahren schon besucht hatte. Ach Ungerer... mit 12 Jahren hat er schon prophezeit, ich werde ein Wanderer sein. Wanderer durch und zwischen den Welten. Das gefällt mir, denn so empfinde ich mich auch immer in dieser Welt, auch wenn ich keine berühmte Künstlerin bin. Er war ein Wanderer, Kinderbuchautor- und zeichner, Cartoonist und Philosoph, der nie vergessen hat, auch Kind zu bleiben und dem zur Erwachsenenwelt einfach immer nur Böses einfällt. Kinder hat er immer ernst genommen. Zu recht. Denn Kinder sind die Einzigen, die noch keine Angst haben vor ihren ausgesprochenen Worten. Sie sagen, was sie denken und fühlen, wenn man sie nicht unterdrückt, aber vor allen Dingen können wir Erwachsenen von ihnen lernen, wie offen sie dem Andersartigen, Fremden gegenüber sind. Sie sind noch nicht geschlossen, sag ich immer. Und ihre Wahrheiten sind tief. Ungerer sagt selbst, dass die Kinder in seinen Kinderbüchern nie Angst haben, selbst wenn die drei Räuber kommen, alles läuft weg, selbst die Hunde, aber die Kinder bleiben. Dennoch sagt er, ohne Angst gäbe es keinen Mut. Der Mut ist die Überwindung der Angst.
Herrlich. Sein Lebenslauf ist spektakulär. Er flog als Kind von der Schule, wurde später Seemann, Fischer und Fremdenlegionär. Dann 1956 kommt Ungerer mit 6o Dollar in New York an. Die Zeichenschule in Strassburg hatte er abgebrochen. Und schon ein Jahr später bekommt er dort einen Preis für seine erstes Kinderbuch über eine Schweinchenfamilie. Seine Karriere beginnt in vielen Bereichen, Cartoonist, Werbegraphiker und Kinderbuchautor. Das Schöne ist in seinen Zeichnungen zu entdecken, dass alle seine Helden Monster, Menschenfresser, Böse, wie auch immer, dennoch auch liebenswert sind. Aber er zeigt Amerika auch sein anderes Gesicht. Vehement und mit großem Einsatz reagiert er auf die amerikanische Politik und den Vietnamkrieg und kritisiert jede Form von Ideologie. Es ist ein großer Zorn, der ihn antreibt, so sagt er. Der Zorn sei es, der ihn antreiben würde, das Richtige, aber vor allen Dingen auch seine Kunst hervorzubringen zu lassen. Ich verstehe das. Ich kann die Thesen über Emotionslosigkeit absolut null verstehen. Was für einen Kwatsch. Sicherlich müssen diese im Zaum gehalten werden, aber sie sind Ausdruck unseres Empfindens, unseres Denkens. Wer sie negiert den nenn ich gleichgültig.
Amerika zeigt sich geschockt. Ein Kinderbuchautor der zornig auf ihr Land reagiert? Im Jahre 1970 erscheint sein böses satirisches Werk *Fornicon* eine böse Satire über den Menschen und ihre Gier nach Lust und Befriedigung. Ein Anti-Porno-Buch. Ich kenne es in- und auswendig, auch wenn es sich derzeit nicht in meinem Besitz befindet, aber aus meinen alten Buchhändlertagen. Wie recht ich ihm geben muß. Porno ist der Tot der Liebe, der Nähe. Immer mehr und immer höher hinaus in der Befriedigung der Mensch, der dann auch nicht zurückschreckt vor Verletzung und Traumatisierung des anderen, weil er wie eine Maschine geworden ist, auf die man nur ein Knöpfchen drückt, damit Befriedigung erreicht wird. Erich Fromm sagte übrigens über Fornicon, es sei das letzte Wort, dass über Pornographie gesagt werden kann. Und was Fromm sagt, ist mir fast in allem heilig. Wahrheiten will der Mensch jedoch nie hören. Er müßte anfangen sich dann mit sich selbst zu beschäftigen. Und wer will das schon. Ungerer erliegt der Ächtung, seine Werke werden verboten, selbst seine Kinderbücher. Aufträge bleiben aus und er kehrt New York den Rücken und geht nach Kanada. Dort lebt er mit seiner Frau und Hund in der totalen Einsamkeit, betreibt Gartenbau und Viehwirtschaft, ohne seine künstlerische Arbeit zu vernachlässigen. Er macht weiter. Als sich die Welt beruhigt hat, kommen wieder Aufträge, aus Europa, ein Liederbuch, an dem er 5 Jahre arbeitet.
Ich bin fast zweieinhalb Stunden in seiner Ausstellung. Sitze immer wieder vor den vielen Zeichnungen, Plakaten und seiner Spielzeugsammlung, aus denen er sich oft Anregung auch für seine Zeichnungen geholt hat. Ich kann mich einfach nicht lösen von diesem Menschen, der so viel Schicksalsschläge in seinem Leben durchlaufen hat. Mit 3 Jahren schon verliert er seinen Vater, der an einer Blutvergiftung stirbt. Später die Besatzung des Elsaß durch die Deutschen, Verbote seines künstlerischen Schaffens, schwere Krankheiten. Ungerer ist immer wieder Überlebender. Mehrere Schlaganfälle, zum Teil erblindet und eine schwere Krebserkrankung haben ihn niedergeworfen. Sein Motto *Tumor mit Humor* hat mich selber auch in meiner Krebserkrankung begleitet und mir Kraft gegeben. Im Laufe meines Lebens bin ich immer wieder Menschen begegnet, sei es im Alltag oder im künstlerischen Raum, die mir gezeigt haben, das Schweres leicht genommen und überwunden werden kann. Daher bin ich dankbar, dass die Welt diese Menschen hervorgebracht hat.
Angefüllt mit all dem, was ich gesehen und gedacht habe wandere ich an der Ill entlang, über Brücken hin- und her. Der Hunger treibt mich dann zurück in die petit france, auch *klein Frankreich* bezeichnet, um mir etwas Gemütliches zu suchen, wo ich meinen Hunger stillen kann. Ich komme über die Ponts Couverts, wie die Franzosen sagen, in das alte Viertel. Übrigens geht die Bezeichnung petit france darauf zurück, dass im 16. Jahrhundert dort ein Krankenhaus stand, in dem Geschlechtskrankheiten behandelt wurden. Es hieß *Zum Französel*, so dann auch später die Syphillis bezeichnet wurde. Die vielen Ponts sind Zeichen dafür, dass dort von 1200 bis 1250 Befestigungsmauern erstanden, die im Laufe der Jahrhunderte verstärkt wurden. Vier Kanäle sind es, die das petit france durchqueren, sie tragen die Namen der Mühlen (Zornmühle, Dinsenmühle, Spitzmühle) die sie all zu damals mit Wasser versorgt haben. Nur der vierte Kanal diente damals der Schifffahrt.
Durch das Viertel schlendert nun ebenfalls ein kleienr Touristenstrom, denn es ist nach all meinen Spaziergängen das schönste, malerischste Viertel in Strassburg. Heute gibt es keinen Gestank mehr, wie einst zu damals, als die Gerber noch ihre Felle zum Trocknen an der Luft auf die Strassen hängten und die Bewohner diese Orte mieden. Viele Restaurationen, kleine Geschäfte aber vor allen Dingen die hübschen Fachwerkhäuser fesseln beim Durchlaufen.
Ich habe gefunden, was ich nun möchte. Essen. Gut...aber was...Ich bin mal wieder anders, als wie man von mir erwartet und was man mir so angeraten hat. Du musst unbedingt Flammkuchen...sagte meine Freundin, die selber Flammkuchen zaubert und der ich vor ein paar Wochen auf einem Weinfest dabei geholfen habe. Du musst...dich unbedingt vom französischen Essen bezaubern lassen, sagen andere. Mach ich aber nicht. Ich bin son Typ. Ich finde ein tibetisches kleines Restaurant, dass Momo Tibetan im Namen trägt. Es hat mich einfach angezogen. Ich war zwar nicht im Tibet, aber in Indien. Und in Delhi gab es ein kleines tibetisches Lokal an dem ich morgens mein Frühstück einnahm und einfach nie diese Athmosphäre und die Freundlichkeit der Menschen dort vergessen kann. Das war es, was mich nun in dieses Lokal zog. Ich konnte auf der Strasse gemütlich Platz nehmen und ließ mir vegetarische Momos servieren. Saulecker. Zur Erklärung. Momos sind zu vergleichen mit italienischen Raviolis oder schwäbischen Maultaschen. Und so saß ich da, aß vergnügt und ging in Strassburg meinen Erinnerungen an meine Reise durch Indien und Nepal nach. Reisen ist auch immer Begegnung mit Vergangenem, egal, ob es aus dem Alltag entspringt oder aus ereignisreichen Wanderungen durch die Welt.
Zufrieden will ich nun zur Kathedrale. Es war mittlerweile 16.00 Uhr geworden. Ich habe das Verschwinden der Zeit nicht bemerkt. Mittlerweile steht eine kleine übersichtliche Schlange am Strassburger Münster, so wird sie bezeichnet. Umrandet ist sie von hübschen alten Fachwerkhäusern, in denen einige Gastronomie mit gemütlichen Strassensitzplätzen logiert, natürlich auch die überall vorzufindenden Souvernierlädchen. Der Sage nach soll auf dem Vorplatz des Münsters der Teufel vor sehr sehr langer Zeit von einer Skulptur des Münsters angezogen worden sein, die ihn selber in Form des Verführers zeigte. Der Teufel war auch neugierig. Daher ließ er den Wind, der angeblich immerr über den Vorplatz weht, ich habe ihn an diesem Tage nicht bemerkt, einfach draussen und zog in den Chorraum der Kathedrale. Dort las der Pfarrer gerade in diesem Moment eine Messe. Pech gehabt, der Teufel, er wurde sodann in den Pfeiler eingeschlossen. Dort haust er nun und der Wind, der Wind, das himmlische Kind wartet seitdem auf seine Rückkehr. So kanns gehen. Manchmal weht einem der Wind kräftig entgegen und will einen mitreißen. Daher, immer ufbasse, woher der Wind weht.
Die Securitaleuts werfen einen Blick in die Taschen und Rucksäcke der Besucher, erst dann wird Einlaß gewährt. Ich bin überrascht, als ich eintrete, denn anders, wie von meinem Kölner Dom gekannt, herrscht große Stille und recht wenig Besucher sind im Innenraum vorzufinden. Ich erzähls einfach, denn warum soltle ich mich schämen. Ich weiß ja selbst nicht einmal warum. Jedenfalls sofort nach dem ich eingetreten bin muss ich weinen. Ich war einfach so ergriffen von diesem Bauwerk, seinem Ausdruck, seine Erinnerung, Mahnung an etwas Größeres, an das viele Menschen glauben und vielleicht ist es ja doch auch in mir, dieses sich nicht abfinden wollen damit, dass all das, was ich sehe, alles ist. Ich weiß es nicht. Ich setz mich still in eine Bank und meine Gedanken gehen an die Menschen, die gerade Schweres zu durchleben haben. Da ist ein guter alter Freund, der seit einigen Jahren um sein Leben kämpft, da ist der nette User aus meinem Schachforum, dessen Frau wohl nun wieder kämpfen muß und sie eine schwere Zeit haben. Aber auch all die, die mir verloren gegangen sind, sind ganz präsent in mir. Wie immer, nicht nur an diesen Orten.
Nach einem kleinen, stillen Rundgang im Münster verlasse ich es wieder. Ich bin nicht so ein Kunsthistoriker und es müßte sich lange Zeit damit beschäftigt werden, was es alles um und über dieses Bauwerk zu erzählen gibt. Vor der Kathedrale macht ein Musiker auf einem merkwürdigen Instrument Musik. Irgendso was wie ne Stehgeige. Ich glaube, es ist ein Japaner. Er nennt es Himmelsmusik. Ich höre ihm gern ein wenig zu. Erst als er beginnt zu singen, erschrecke ich und denke, auweia, wenn das Himmelsmusik sein soll, wie hört sich die in der Hölle an, wenn überhaupt von Himmel und Hölle geredet werden kann und ziehe endlich weiter. Spätger, fast gegen Abend, entdecke ich ihn immer noch. Sitz den lieben langen Tag da und spielt seine Himmelsmusik. Meine Versuche das Strassburger Münster auf ein Foto zu bekommen, sind vergebens. Es ist einfach so groß, dass es nie ganz auf ein Bild paßt, egal von welcher Serite ich es auch versuche. wurscht..denk ich, ist ja auch nicht so wichtig.
Lieber schau ich mir noch die alten Häuser im Viertel an. Das Liebfrauenwerk, die alte Hirschapotheke an der Ecke der Rue Merciere, die schon seit 1264 dort steht, das eine kleine Mär zum besten hat. Angeblich soll der Eckpfeiler des Obergeschosses die Menschen auf die Probe gestellt haben. Wer Eintritt erlangen wollte, musste sich zwischen der Mauer und dem Pfeiler hindurchzwängen, ohne sie zu berühren. Vielleicht war das ja damals die Nagelprobe, um zu testen, ob man zuviel Gewicht am Leibe trug, ich weiß es nicht und schmunzele vor mich hin. Schau mir den Rohan-Palast an, in dem Kardinal Rohan residiert hat, der bekannt ist durch die Halsbandaffäre. Ich will das jetzt hier nicht alles erzählen. Meine geneigten Leser mögen das bei wiki nachschauen. Es würde den Rahmen sprengen.
Lauf da so herum durch die vielen kleinen Gässchen, Schmiedegasse, Gerbergasse, Ribisegasse, um wieder an die Ill zu gelangen und wandere unten am malerischen Ufer entlang. Auf einer Bank liegt ein Mann ausgestreckt der Länge nach und hält sein Mittagsschläfchen. Ob das nun ein echter Clochard ist? Man siehts ihm nicht an. Vielleicht hat er auch einfach mit nix was zu tun und denkt sich, an diesem Platz kann ich mein Mittagsschläfchen halten, ohne dass die Sonne mich trietzt. Ich finde ihn einen schönen Anblick, als Zeichen von gelebter Gelassenheit und Muße. An einer wunderschönen Patisserie mache ich halt und gönne mir einen Cafe au lait, der hierzuzlande ja in einer Tasse direkt serviert wird, mit dem Milschaum oben druff. Hier ist anders, als Cafe au lait stellt sich heraus, bekomme ich eine Tasse schwarzen Kaffee und ein Kännchen heißer aufgeschäumter Milch, mit der ich meinen Kaffee selbst verdünnen kann. Dazu gibt es, wie mir Madame Patisserie anvertraut, die besten Törtchen von ganz Strassburg. Es duftet auch wunderbar in ihrem kleinen Cafe und sie ist eine der charmantesten Französinnen, die ich bisher kennengelernt habe. Sie erinnert mich ein wenig an den Film *Chocolate*, den ich schon viele Male gesehen habe und der den Hunger auf Schokogenüsse in einem steigern kann, woran man vorher nicht geglaubt hat, dass man so verführt werden kann.
Jetzt fängt es tatsächlich vom Himmel herab ein klein wenig zu tröpfeln an. Egal, ist ja nicht viel und spaziere der Ill entlang zur protestantischen Paulskirche, der sich Niemand enziehen kann. Das Kirchlein steht an der südlichen Spitze der Ill-Insel St. Helena an der breitesten Stelle des Flusses und soll das meistfotografierteste Bauobjekt Strassburgs sein. Empfangen werd ich von zwei jungen Mädchen, die sich anbieten mir Fragen zu beantworten oder einfach um mehr zu erfahren. Aber ich möchte keinen weiteren Input, sondern einfach nur einen Moment dort still sitzen und bedanke mich.
Mein Spaziergang mit vielen weiteren Sehenswürdigkeiten endet gegen 20.00 Uhr und ich fahre mit der Trom D zurück zu meiner Jugendherberge, bei der ich den Tag im ruhigen Garten, ich bin fast allein in der Jugendherberge, ausklingen lasse. Ein voller Tag mit so vielen Eindrücken.
Der Montag steht mir noch zur Verfügung und an diesem Tag radele ich noch einmal mit dem Rad in die Stadt. Im kühlen Fahrtwind lasse ich noch einmal alles an mir vorüberziehen, fahre vor allen Dingen an den Kanälen entlang, zwischendurch immer wieder mal ein Päuschen auf einer Bank, den Moment genießend. Natürlich fahre ich auch zum Sitz des Fernsehsenders arte, bei dem ich nicht wenige Stunden meiner Fernsehgewohnheit fröhne. Ich dachte, vielleicht kann man ja eine Führung durchs Haus machen, aber ich habe nichts gefunden und es dann auch dabei gut sein lassen.
Ich möcht nochmal zum Europaviertel, um in Ruhe zu fotografieren. Als ich da so herumstehe, nähert sich eine Delegation aus Senegal dem Ausgang zu. Ich sehe sie kommen. Aus der Gruppe heraus löst sich ein Mann und kommt direkt auf mich zu. Was ich hier mache. Ich lache und sage, na was wohl, fotografieren. Oh lacht er zurück, dann nur mit mir zusammen, nimmt mich einfach in den Arm und ich bitte einen der anderen Passanten vor mir, ein Bild von uns Beiden zu machen. Er fragt mich, woher ich komme und natürlich erzähl ich nicht ohne ein ganz ganz klein wenig Stolz, dass ich mit dem Rad aus Köln gekommen bin. Köln, wo ist das fragt er. Muss ich ihm erklären. Dass ich nun 458 km gefahren bin. Er lacht wieder und sagt das ist gut, das ist gut. Alle fahren Auto hier, sagt er. In Senegal sei es normal, dass die Menschen sehr, sehr weite Strecken zu Fuß oder mit dem Rad zur Arbeit, zum Einkauf oder einfach nur um Familienangehörige zu besuchen, zurücklegen. Kommst du mal nach Senegal sagt er, und lacht. Ich auch. Und beim ganzen Gespräch schaut er mich, obwohl wir Beide immer wieder lachen müssen, ganz ernst an. Ich habe das Gefühl, einem Menschen zu begegnen, der sich wirklich, auch wenn es nur für einen Moment ist, für den interessiert, der da vor ihm steht. Mich hat das sehr berührt, diese Nähe, die dieses gegenseitige Anschauen für eine kurze Zeit unseres Gespräches geschaffen hat. Wir verabschieden uns und ich wünsche ihm alles Gute für sein Leben und die Arbeit, die er macht, sage ihm auch, dass er zu den schönsten Begegnungen meines Aufenthaltes gehört und meinen Tag hier in Strassburg beendet.
So soll es sein, ich kehre mit meinem Rad Strassburg den Rücken, fahre Richtung Jugendherberge und mache noch einen Abstecher hinüber über die Trom Brücke, die ja auch für Radler befahrbar ist, nach Kehl. Am Bahnhof tausche ich mein Ticket für die Zugrückreise am nächsten Tag um. Denn ich hab entdeckt, dass es für mich ja viel günstiger ist, von dort zu fahren, als dass ich am frühen morgen noch einmal hinein nach Strassburg zum Bahnhof muß. Der Umtausch wird mir auch mit freundlicher Beratung gewährt. Ich bekomme sogar 2o Euro rückerstattet, die Route, die für mich entdeckt wird, ist sparsamer im Preis und auch im Umsteigeverfahren, was ja mit Rad und Packtaschen und oft auch kurzer Umsteigezeit immer sehr anstregend ist. Selig bin ich.
Radele in die Innenstadt von Kehl und bin doch ein wenig erschrocken über die Gegensätzlichkeit beider Städte. Hier blickt mir nichts Altes, Beständiges entgegen. Kehl wurde während des zweiten Weltkrieges fast vollständig zerstört. Daher also. Ich wußte es nicht.
Ich habe aber keine Lust mich weiter mit der Stadt zu beschäftigen, sondern radele an dem sehr schön gelegenen Rheinufer entlang und setze mich irgendwann auf ein Bänkchen, um in Ruhe den Tag ausklingen zu lassen. Neben mir hockt eine alte Dame, die ich dann näher kennenlerne. Maggie, so heißt sie, saß da und studierte Sprachbücher. Wie sie mir erzählt, war sie zur Zeit ihres Berufslebens sehr viel in den USA und hat dort für große Firmen Semniare im Bereich Coaching gebeben, u.a. für Chrysler. Sie trauere ihrem Berufsleben nicht nach, sei aber immer noch aktiv, hin- und wieder gebe sie auch heute noch Seminare oder einfach nur Sprachkurse. Sie halte sich viel in Florenz auf, aber auch in Bonn, ganz in meiner Nähe. Auch sehr viel Privates erfahre ich über ihr Leben, wie es so gelaufen ist und höre immer wieder die Worte, dass man nie aufgeben darf, immer weitergehen und mutig sein muß. Da ist er wieder der Mut, der nicht zum Vorschein kommt, wenn wir die Angst siegen lassen. Ein schönes Gespräch, das meinen Aufenthalt abrundet. Sie lädt mich noch zu einem Eis ein in der Innenstadt, zu der wir gemeinsam zurückkehren, verabschieden uns dann, aber nicht ohne uns zu versprechen, dass wir postalisch in Verbindung bleiben.
Meine Reise ist beendet. Die Rückfahrt geht mit kleinen Problemen, aber gut nach Hause.
Ich sitze abends daheim auf meinem Balkon und kann es nicht fassen, dass ich mal wieder eine größere Strecke bewältigt habe. Habe mir mal wieder einen kleinen Traum erfüllt. Es müssen ja nicht immer die großen sein. Unterwegs sein ist schön. Auch wenn es dieses Mal recht anstrengend war wegen der Hitze und ich nach meinem Sturz auch an eine Grenze meinerseits gestoßen bin. Dass ich Angst entdeckt habe, dennoch den Mut hatte, den richtigen Weg danach zu gehen. Wie sich einen Tag später herausstellt, als ich mein Rad in die Werkstatt brachte, bestätigte sich meine Entscheidung, mit dem Zug zu fahren auch nochmal auf der Strecke Mannheim - Baden-Baden. Der Handwerker sagte mir, dass meine zweite Bremse es ebenfalls nicht mehr lange getan hätte. Passiert halt, sagt er, wenn sie lange drin sind, die Bremszüge. Die Hitze, das viele Abbremsen dann wegen der Höhenunterschiede. Glück im Unglück halt. Mit einer Bremse, in diesem Falle war es nur noch die Hinterradbremse, ist nicht gut zu fahren sagt er. Nicht auszudenken was gewesen wäre, wenn die noch gerissen wäre und ich hätt gar nicht mehr weiterfahren können. So ist mir die letzte Etappe noch gelungen und auch ein wenig Herrumradeln in Strassburg selbst. Nun steht es wieder da wie neu bremslich gesehen und ich habe ein paar Tage später schon wieder eine schöne Radtour unternehmen können.
Und immer ist es schön, so ganz für sich zu sein. Nicht viel reden zu müssen, auch nicht zu können, da Niemand da ist. Hin- und wieder, dafür bin ich natürlich dankbar, immer wieder schöne Begegnungen, bekam ich viel erzählt, aber du selber bleibst zurück. Wer viel redet, hört die Anderen nicht. Wer wenig redet hört und sieht mehr.
Und nun...mal schauen, wo mich der Weg zum nächsten Ziel hinführt. Es gibt so viele schöne Orte, die Zeit reicht einfach nicht aus und manchmal auch das nötige Kleingeld. Aber das macht alles nichts. Das Wichtigste ist immer noch, gesund zu sein und jeden Tag Freude am Leben zu haben. In diesem Sinne meinen geneigten Lesern eine gute Sommerzeit weiterhin mit ebenfalls vielen schönen Eindrücken.