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Was man von hier aus sehen kann

Manchmal les ich ein Buch erst, wenn der Hype vorbei ist. Das Buch, das ich Euch heute vorstellen möchte, war so ein Buch. 

 
Mariana Leky, 1973 in Köln geboren, gelernte Buchhändlerin, schrieb mit ihrem Roman *Was man von hier aus sehen kann* einen Bestseller, der sage und schreibe 65 Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste stand. 
 
Zu Recht, wie ich jetzt im Nachhinein sagen darf. Und es ist ja auch gar nicht schlimm, wenn ein Spätzünderleser, wie ich einer bin (es gibt ja immer so Vieles Altes und Neues, was gelesen werden will) erst lange danach dazu komme, es zu lesen und von diesem Buch zu erzählen. So wird ein schönes Buch noch einmal aus der Versenkung gehoben und darauf aufmerksam gemacht. Es hat es schließlich verdient.
 
Was man von hier aus sehen kann ist ein kurzweiliger, humoriger, aber auch nachdenklicher Roman über das Heranwachsen der 10-jährigen Luise, die in einem kleinen Dorf im Westerwald aufwächst. 
 
Genau richtig für trübe Novembertage, die so manchem Menschen mit Regen, Nebel und gar nicht blau werdendem Himmel das Leben ein wenig schwerer machen, wie es vielleicht sonst schon ist. Beim Lesen auf meinem Sofa habe ich oftmals laut lachen müssen. Dabei immer ein klein wenig schmunzeln müssen ob meines lauten Lachens. Nicht, dass ich nicht gerne lache, aber hin- und wieder dachte ich, schon komisch, wenn man allein wie ich da herumliegt, bei einem Buch und einfach laut los lacht.  Keiner da, der mit einstimmt. Und die Nachbarn denken vielleicht, was ist mit der Nachbarin los. Die ist doch allein. Was hat die denn zu lachen. 
 
Über Mariana Leky Wortwitz, so drollig und schrullig kann man einfach nicht anders. Die kleinen Pointen erwischen einen eiskalt. Wenn sie z.B. schreibt*
 
"Eine Witwe im Nachbardorf hatte ihren Hof vor Jahren zu einem Gästehaus umfunktioniert, sie vermietete es meist übers Wochenende an Therapiegruppen. Als ich ein Kind war, war Schreitherapie in Mode gewesen. Manchmal waren Martin und ich ins Nachbardorf gelaufen, aus dem Haus der Einkehr waren gellende Schreie gekommen, an allen umstehenden Häusern waren die Rolladen heruntergelassen. Martin und ich hatten das lustig gefunden und zurückgeschrien, so laut wie wir konnten, bis ein verzweifelter Anwohner aus seinem Haus gekommen war und gesagt hatte:"Bitte, nicht ihr auch noch"
 
Sich in diese beschriebene Szene hineinzufinden, sich wie die beiden 10-jährigen zu fühlen und zu denken, genauso hättest du es auch gemacht, wenn du so etwas miterleben und anhören musstest. Das ist einfach urkomisch.
 
Alle Figuren, die in Leky´s Roman eine Rolle spielen, sind urkomisch, schräg und drollig, aber vor allen Dingen liebenswert. 
 
Da wäre Selma, Mutter von Martin, Großmutter von Luise, lebenserfahren und klug. Selma hat einen immer wiederkehrenden seltsamen Traum von einem Okapi. Es bleibt jedoch nicht bei der Seltsamkeit eines Okapitraums, denn, wer träumt schon von einem Okapi. Nein, denn immer wenn Selma von ihrem Okapi träumt, stirbt ein Mensch im Dorf. Daher haben alle Dorfbewohner Angst vor Selmas Okapiträumen. Und wenn da mal wieder eins auftaucht, im Traum, dann schleichen alle in schlafwandlerischem, todvermeidungswilligen Schritten durch ihr Leben. Aber ganz ganz wichtig, nicht vergessen darauf hinzuweisen, diese Selma sieht aus wie Rudi Carell. Nein, eigentlich verhält es sich so, wie Luise es später feststellen muss, Rudi Carell sieht aus wie Selma. Er ist eigentlich nur eine Kopie von Selma. 
 
Martin, ihr Sohn, Arzt im kleinen Westerwälder Dorf, der bei Maschke eine Psychoanalyse macht, weil er entdecken will, welcher Schmerz ihn das ganze Leben plagt. Martin, der immer allen sagt: Ihr müsst mehr Welt ins Leben lassen. Wenn man nur hier bleibt, in diesem kleinen Dorf, kann man weder was lernen noch Abenteuer erleben. 
 
Alaska, der Hund von Martin, den er sich auf Empfehlung seines Psychiaters zugelegt hat, weil er der Schmerz sein soll, wie er sagt, den Martin entdecken soll. Daher waren auf der Suche nach einem Namen für den kleinen Welpen anfangs etwas ratlos und meinten, dann könne er ja gut *Schmerzi* heißen. Das fanden sie dann aber doch doof und nannten ihn *Alaska* wegen dem Bildband, den Martin seiner Mutter Selma zum Geburtstag geschenkt hat und weil Alaska so weit weg war, wie der Schmerz, der Martin plagte, wohl auch. Und Bildbände gab es zu jedem Geburtstag von Selma von ihrem Sohn. Ein ganzes Regal voller Bildbände über die große weite Welt schmückte Selmas Wohnzimmer. 
 
Und da ist der Optiker, der Selma schon seit Ewigkeiten liebt, aber ihr selbst nach dem Tod ihres Mannes Heinrich, niemals gesagt hat, dass er sie liebt. Dafür sorgten die Stimmen in seinem Kopf, die ihn immer wieder scheinbar zur Vernunft brachten, dies nicht zu tun. So bleib es bei Hunderten von Briefen des Optikers an Selma, in denen er ihr endlich seine Liebe gestehen wollte, die aber meistens nicht über zwei, drei Anfangszeilen hinausgingen. Aufgehoben hat er sie alle. Und irgendwann kommen sie dann auch zum Vorschein. Der Optiker trägt stets eine Anstecknadel am Revers seines Anzuges auf dem steht: "Mitarbeiter des Monats*. obwohl er eigentlich alleine arbeitet. Er beruhigt sich in unruhigen Lebenssituationen damit, dass er sich auf seinen Hocker vor sein Perimeter setzt und schaut und schaut und erst beruhigt ist, wenn er sieht, dass alles in Ordnung ist. 
 
Und wir Martin, der gleichaltrige Freund von Luise, mit dem sie Tag für Tag mit dem Zug in die nahe gelegene Kreisstadt zur Schule fährt und der davon träumt, später, wenn er dann erwachsen ist, mal Gewichtheber zu werden. Und zwar so ein ganz Großer, wie Wassili Alexejew, den man auch den *Kran von Schachty* nannte und der mal so eben 180 Kilo beim Reißen meisterte. 
 
Astrid, Luises Mutter, die Blumenhändlerin des kleinen Dorfes zu erwähnen, weil die Besonderheit an ihr war, dass sie über Jahre in schlechter Gesellschaft lebte. Und zwar nicht einer Person, sondern einer Frage. Man kann sich von einer immer wiederkehrenden Frage sein Leben lang ausbeuten lassen, erfahren wir von Leky. Natürlich verrate ich Euch die Frage nicht. Doch kenne ich solche Fragen in meinem Leben auch, für deren Anworten ich manchmal Jahre brauchte. 
 
Dann haben wir Marlies, die Lebens- und Weltverweigerin. Die niemals aus ihrem Haus heraus will. Im Norwegerpullover und Unterhose an ihrem Tischchen sitzt und außer Erbsen aus Dosen nichts ißt. Manchmal raucht sie eine lange Peer Einhundert und später, als Luise erwachsen ist und eine Ausbildung zur Buchhändlerin in einem kleinen Laden in der nahe gelegenen Kreisstadt macht, macht sie ihr sogar ein  wenig das Leben sauer, in dem sie ständig kommt und sich bei Luises Chef beschwert, das Buch, dass ihr Luise empfohlen hat, war scheiße:)  So herrlich. 
 
Und natürlich Frederik. Der eigentlich aus Hessen kommt. Aber nach Japan gegangen ist um dort buddhistischer Mönch zu werden. Der nix anderes macht all die Jahre, als zu erlernen, wie man Böden putzt, sitzt und geht, wie man sät und erntet, aber vor allen Dingen wie man schweigt und meditiert. Dieser Frederik aber dann ganz plötzlich in dem gottverlassenen Westerwälder Dorf aufkreuzt und Luise mitten im Wald begegnet, einen Marsriegel kauend.  Luise befindet sich gerade auf der Suche nach Alaska, der verschwunden ist und der wohl sein Herrchen, Luises Vater, der mittlerweile die Welt hereingelassen hat und sich auf weite Weltreisen begeben hat, sucht. Der steht da plötzlich mit drei anderen Mönchen in schwarzer Robe und bringt Luise ganz durcheinander. So etwas hatte sie nämlich vorher noch nie gesehen, auch wenn sie nun schon 25 Lenze zählte. Und Frederik ist auch sogleich bereitwillig Luise bei der Suche zu helfen, nicht ohne ihr bei der Suche ebenfalls einen Marsriegel  anzubieten.
 
Um all diese und weitere hier jetzt unerwähnten Protagonisten (diese waren mir am nahesten) entwickelt sich sich dieser wunderbare Roman, den man nicht mehr aus der Hand legen kann, zu einem spannenden Abenteuer des Lebens all dieser Menschen, die alle zusammengehören, füreinander da sind, sich umsorgen und behüten und da sind, wenn man sie braucht. Es geht um Liebe, Tod und Erleuchtung.
 
Was ich mitgenommen habe aus diesem Roman? Dass das Leben so ist wie es ist, wie es gerade ist. Und dass man Menschen und Dinge niemals unterscheiden darf. Jeder Mensch und jedes Ding ist wie es ist. Das sage ich zu mir auch immer, wenn ich mal das Gefühl habe, andere wollen mich be- oder entwerten. Schau, hier stehe ich und bin so wie ich bin, ich kann nicht anders und schon gar nicht so, wie du, der Andere es gerne hätte. 
 
Und was die Erleuchtung betrifft: Putze den Boden, dann ist die Erleuchtung da! Sei immer mal wieder der Wischmob für Andere, der nach Getanem weggeworfen wird, das entbindet dich von vielen Erwartungen!
 
 
 
Viel Spaß beim  Lesen!
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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