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17. März 2017 5 17 /03 /März /2017 13:33

Wenn das Jeder...
 
man weiss ja, wie ein solcher Satz weitergeht, oder? Also, für die, die ihn noch nie gehört haben,  das geht so: Wenn das Jeder machen würde....
 
Ich glaube, dass ist des Deutschen Lieblingssatz. Doch...ganz bestimmt. Ich weiss nicht, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe im Laufe meines Lebens. Nicht nur ich bekam ihn schon oft zu hören, weil ich mal wieder nonkonform irgendwelche Regeln auf den Kopf gestellt habe. Regeln und Gesetze, das weiss ja jeder, sind des Deutschen zweite Leidenschaft, also die Einhaltung der selben. Ich meine, es ist ja auch klar, dass es sie geben muss. Die Zeit meiner anarchistischen Ideen ist nun ja wirklich vorbei. Ich habe begriffen. Jedoch, also, ich meine, es sind einfach zu viele Gesetze. Für jedes Kleinvieh ein Gesetz und für das Gesetz wieder ein Gesetz. So hangelt man sich durch den Gesetzeswald. Ufbasse. Das Leben ist gefährlich. Es kann alles zu deinen Ungunsten ausgelegt werden, man muss nur wissen, welches Gesetz dafür zuständig ist.
 
Ich will nun nicht abweichen und mal bleiben bei dem....*Wenn das Jeder machen würde...*
 
Hach, das Leben kann so grausam sein. Gerade eben noch war die Welt kunterbunt und herrlich trotz des wieder eingesetzten Regens am Vormittag. Du denkst, du könntest die ganze Welt umarmen. Hast den Zahnarzt mal wieder problemlos überstanden. Und da du ein Lebenskünstler bist, denkst du dir, warum denn gleich nach Hause fahren, da kennt dich doch jeder, setzt du dich in dein Lieblingscafe und läßt den lieben Gott nen guten Mann sein und denkst drüber nach was Heidegger wohl meinte mit dem Unterschied...Seiender oder Sein...Gut, ich geb zu, ich habs noch nicht kapiert. Gut Ding will ja nun auch Weil haben. Jedenfalls den lieben Gott nen guten Mann sein lassen kann ich wie nix. Da bin ich grossartig drin. Sitzen und gucken und nachdenken.
 
Und wie ich da so saß und saß, auch mal mit rechts und links in ein kurzes Gespräch verfiel, wusste ich es wieder...Das Leben ist einfach so herrlich. Es kann im Himmel nicht schöner sein.
 
Und so beschwingt zahlte ich irgendwann meinen Kaffee. Der Cafehausbesitzer hatte Fürsorge, fragte mich noch, ob ich nen Schirm habe. Nö, antwortete ich ihm, ich bin kein Schirmtyp. Ich geh und steh auch gern mal im Regen. Wass soll schon passieren. So schnell geht die Welt nicht unter. Mit einem herzlichen Lachen verabschiedeten wir uns bis zum nächsten Mal.
 
Beschwingt zog ich meiner Wege und nahm die Stufen hoch aus dem U-bahntunnel gleich zweifach. Ich bin son Typ. Denke immer, solang das noch geht, machste das.
 
Oben angekommen, ich sag das jetzt etwas verschämt, tänzelte ich ein wenig auf dem Bürgersteig. Ich meine, ich sag das verschämt wegen dem ...Wenn das Jeder machen würde....Wie dann wohl die Welt aussehen würde... Diese Vorstellung überlasse ich meinem geneigten Leser.
 
Ich tänzelte da also so vor mich hin, ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm und vorwärts, rückwärts, seitwärts ran. Ganz allein. War ja keiner da, der es hätte mit mir tun können. So was ist mir ja egal. Ich kann das auch allein, aber so was von. Ich sprang und hüpfte und da kam mir ein wirklich altes Mütterchen entgegen. Sie ging am Stock, klein und hutzelig, aber ich sah schon von weitem, sie war drollig. So was seh ich immer sofort.
 
Ich schwebte also schnurstracksgeradeaus auf sie zu und sie auf mich. Wir schauten uns dabei an. Wie zwei Revolverhelden, die darauf warteten, wer zuerst die Hand am Colt hätte. Wir wollten uns natürlich weder er- noch abschiessen. Es ging nur darum, wer fand zuerst den Weg, dem anderen auszuweichen. Und bei all dem Überlegen und Suchen nach dem richtigen Weg tänzelten wir plötzlich miteinander. Hach...war das lustig. Und so standen wir dann irgendwann da, hatten es geschafft, ohne Blessuren aneinander vorbeizukommen und lachten aus vollem Herzen. Ne, war das schön. Man muss auch mal Späskes machen, sagte die kleine, hutzelige alte Dame. Genau, antwortete ich ihr, Miesepeter gibt es schliesslich genug. Verabschiedeten uns, wünschten uns einen feinen Tag und jeder ging seines Weges.
 
Sagte ich es schon, das Leben kann so herrlich sein. Manchmal ist es ja so, du bist gerade total besinnungslos glücklich und schwups kriegste einen auf den Deckel. Ist so. Ich will ja nicht unken, aber manchmal hab ich regelrecht ein klein wenig Angst schon allein vor dem Gedanken, sei nicht so glücklich Roeschen, da kommt sicherlich irgendetwas nach. Schon als Kind sagte meine Mutter immer, Mädchen die pfeiffen und Hähne die krähen, den sollte man beizeiten die Hälse abdrehen...So was sitzt. Das glaubt man nicht. Schon der Gedanke hat mich als Kind erschauern lassen.
 
Gut, es war jetzt nich so furchtbar, ich schwöre, es hat mich nicht sonderlich umgehauen. Aber doof fand ich es schon. Dieser Unbill, der mit da entgegenkam, unvorhergesehen. Ich lass mir mein Wohlbefinden nicht so schnell klauen. Ich sitz da drauf wie die Henne auf dem Küken.

Passiert ist nun Folgendes. Vor ein paar Tagen habe ich meinen Balkon frühlings- und sommerfest gemacht. Ich bin schon voller Vorfreude endlich meine gemütlichen Lesestündchen in warmen Sonnenlicht geniessen zu können. Stell mir vor, wie ich da sitze in schwüler Sommernacht und den Mücken, Fledermäusen und was sonst noch so kreucht und fleucht in milder Nacht, zuschaue und zufrieden meines Lebens bin. Ich hab mir auch sogleich am ersten frühlingswarmen Tag ein Gartenset bestellt. Zwei Stühle und einen Tisch. Aus Holz, ist ja mal klar. Blumenkästen sind nun auch vorhanden. Jetzt fehlen noch Kräuter und ein paar Blumen. Viel will ich nicht, ich mag nie ein *zuviel* drinnen und draussen nicht. Es soll gemütlich sein, das ist alles. Nu stand da aber mein Bäumchen. Nicht irgendein Bäumchen. Nein, mein Weihnachtsbäumchen, an dem ich ja nun immer noch hänge. Manchmal ist es jedoch so, selbst wenn du an etwas hängst, musst du es loslassen, damit Platz für Neues entstehen kann. Ich redete also meinem Weihnachtsbäumchen gut zu und versprach ihm, ihn nicht ganz aus den Augen zu lassen. Ich würde auf ihn warten bis zum Ende des Jahres. Ich würde mich nach einem geeigneten Plätzchen umschauen, an dem er sein Dasein solange fristen kann, ohne dass er mir und ich ihm verloren ginge. Er würde mir hier auf meinem kleinen, aber feinen Balkon nun einfach zu viel Platz wegnehmen.
 
Gesagt, getan. Da unten im Hinterhof meines Hauses, in dem ich lebe, ist ein riesengroßer Platz. Viel Platz, unglaublich viel. Man könnte Federball, Handball, Basketball, Tischtennis, Badminton und was weis ich nicht alles spielen. Ob das hier einer tut im Sommer weiss ich nu nicht. Ich bin ja noch nicht so lange da. Aber man könnte. Manchmal ist der Gedanke ja schon schön...man könnte....
 
Dort unten stehen drei Riesentöpfe mit Sträuchern, welche weiss ich nicht, sie blühen ja noch nicht. An den Blättern kann ichs nicht richtig erkennen. Ich werds ja dann schon sehen. Sonst ist da nix. Alles frei. Erst hinter unserem hofeingränzenden Mäuerchen, auf dem immer lustig des morgens schon die Eichhörnchen herumtänzeln, stehen die vielen Bäume des Nachbargrundstücks. Und wie ich da so gucke und gucke, kommt mir die Idee, da würde es meinem Bäumchen ganz sicher gefallen. Auch weil es mich und ich es sehen könnte, von meinem Balkon herunter. Genau, dachte ich, ich stell das da nach unten. Nicht genau in die Mitte, wo die anderen drei runden Blumenkästen stehen, sondern ein ganz klein wenig in die Ecke, so dass Niemand Anstoss dran nehmen kann. Ich meine, so ein ganz klein wenig hatte ich nämlich den Gedanken, oh, wenn da aber nu einer Anstoss nehmen könnte. An meinem Weihnachtsbäumchen. Ist eigentlich unvorstellbar, aber weiss mans... Wer sollte schon...Ich meine, ein Baum ist ein Baum, grün und schön. Und in einer Stadt kann man gar nicht genug Bäume haben, egal, ob gross oder klein.
 
So beschwichtigte ich meine kleine Sorge .... es könnte ja Jemand.... und schleppte mein Bäumchen nach unten in den Hof. Vor ein paar Tagen. Ich wars zufrieden. Ich schaute jeden Tag nach unten und zwinkerte ihm zu. Das Leben ging weiter. Ab und an kam mir der Gedanke, vielleicht hättest du doch Jemand um Erlaubnis fragen sollen. Ehrlich, der Gedanke war da. Isch schwöre. Es entsponn sich dann immer ein kleiner Dialog in mir. Wen fragen, wie fragen, soll, muss ich überhaupt oder nicht. Meistens setzte ich mir einen Punkt in dem ich mir vorsagte, ok, ich frag einfach, wenn mal einer unten auf dem Hof ist, ob er stört, mein kleines Weihnachtsbäumchen. Dann werd ich es ja schon sehen.
 
Und nun war dieser Moment gekommen. Immer noch in glückseliger Stimmung schloss ich die Haustüre auf und hörte schon das Brausen und Brummen eines Laubbläsers. Die kommen jetzt immer zum Einsatz. Nicht nur im Herbst. Egal, ich muss nicht sagen, dass ich die Dinger nicht leiden kann oder?

Da ist also einer. Gehste mal direkt hin, Roeschen, so sagte ich mir und machst, was du dir vorgenommen hast. Stellte meine Einkaufstüte in den Flur und ging heiter und frohgestimmt, immer noch auf den Herrn des Laubbläsers zu. Ich kannte den noch nicht, den Nachbarn. Alle kenn ich einfach noch nicht. Begrüßte ihn fröhlich, worauf er auch die Bläsermaschine abstellte und darauf wartete, was ich wohl von ihm wollte. Meinst, der hätte mal zurück tach oder moin oder sonstwas gesagt. Nö. Huch, so was ist schon wie ein kleiner Stich. Bei mir jedenfalls. Ich bin son Typ. Ich spür das gleich. Ich dachte sofort, das verheisst nix Gutes. Er guckte auch so, wie ein grimmiger hungriger Wolf, der alles frisst, was ihm in die Quere kommt. Jösses, dachte ich noch, was fürn Gesicht der macht. Muss ja schrecklich sein das Leben diesem nach zu urteilen. Egal, ich wollte nicht in weitere Phantasiererei über sein Leben verfallen und sprach an, was mir auf dem Herzen lag.

Haben sie mein Bäumchen gesehen, dort hinten, ganz still und leise in der Ecke, mein kleines Weihnachtsbäumchen. Ich hoffe doch nicht, dass er stört, oder? Ich hätte vielleicht vorher fragen sollen, doch dachte ich, was tut son kleines Bäumchen schon...steht doch nur da und macht nix. Im Wege jedenfalls steht es nicht. Erklärte ihm, dass ich es auch selbst begiesse, wenn nötig. Und falls er dort nicht gedeihen sollte, würde ich ihn selbstverständlich wegschaffen.
 
Der war nicht redselig, der Mann, nicht mal Hausmeister ist der, aber tuen tut der so. Naja, mir egal, wenns ihn glücklich macht. Mich störts nicht.
 
Wie auch immer...Seine Antwort kam und zwar kurz und bündig, wie ein kläffender Hund daher...Doch, sagt er, der stört, das geht gar nicht. Wenn das Jeder machen würde.... Und guckte mich dabei an mit seinem aufgeplusterten Gesicht als wenn es jetzt soweit wäre, das letzte Stündchen, meines natürlich.

Da haben wir den Salat, ähm, ich meine den Satz!  Mein kleiner Versuch von wegen, es macht ja nicht jeder, sonst ständen da ja noch andere wischte er weg wie nix. Kommt nicht in Frage. Der Baum muss weg. Wenn ich es nicht tue, würde er ihn entsorgen. Entsorgen!!! Empört muss ich ihn angeschaut haben. Sonst noch was, meinte er...Jösses! Ja sind sie hier der Hausmeister oder was, der das einfach so bestimmen kann? Ne wär er nicht, aber er sorge schon seit 15 Jahren für Ordnung in Haus und Flur, das hat sich so ergeben. Und Regeln müssen nun mal eingehalten werden.
 
Na dann...ich bin ja son Typ. Ich reg mich da nicht uff. Ich denk mir mein Teil. Ich weiss genau, sich mit solchen Typern anzulegen bringt gar nix. Es darf ruhig gewusst werden, was ich so denke dann... manchmal, wie in diesem Fall, wenns um mein liebgewordenes Tannenbäumchen geht ...Depp, Volldepp, Blödmann, erbärmlicher Kleingeist, Spiesser, arme Socke, ich kanns gar nicht alles aufzählen.
 
Dieses mal dachte ich einfach nur *Volldepp* geh mir aus den Augen, sagte ihm, ne, lassen se mal, ich hol das Bäumchen dann wieder hoch. Drehte mich um und dachte jedoch gleichzeitig, nö..mir fällt schon was ein. Hausverwaltung anrufen vielleicht? Hm...ne, verworfen.
 
Lieber nicht sofort nach Möglichkeiten suchen. Erst mal abwarten. Ich bin son Typ. Ich kann schon auch impulsiv sein. Wenns jedoch um was geht, kann ich das aussitzen und warten...einfach nur warten, bis etwas geschieht, dass eine Tür öffnet.
 
Und so kam es auch...Ungefähr ne Stunde später, zwischenzeitlich hatte der Kläffer mein Bäumchen schon von seinem Platz geholt, wohl darauf wartend, dass ich käme und es wegnahm, ging ich auf meinen Balkon, steckte mir ein Zigarettchen an und schaute wieder meditativ so in die kleine Welt meines Hinterhofes. Da hörte ich es plötzlich wieder rascheln. Oha, da kehrt einer. Ich guckte runter. Es war ein anderer Nachbar. Den hatte ich schon mal gesehen. Wir grüßten uns immer freundlich. Ich hatte mich auch vorgestellt.
 
Ich sah ihm eine Weile über meine Balkonbrüstung zu und rief dann hallo, hallo, ich grüsse sie. Na, auch alles frühlingsfertig machen, rief ich und winkte ihm fröhlich zu. Er nickte rauf und grüßte ebenfalls. Geht doch, dachte ich, sind ja nicht alle so. Hör mal, rief ich weiter, da steht mein Bäumchen, mein Weihnachtsbäumchen. Stört sie das? Nö, kam zurück. Der andere da, den störts, der sagt, der muss weg. Erstaunen seinerseits. Na, dann muss es wohl, meinte er. Och mönsch, wie doof, so ein Bäumchen kann doch nicht einfach weggeschmissen werden. Ich erklärte ihm, ich würds schon wieder raufholen, aber ich hätte dann so wenig Platz auf meinem kleinen Balkon.
 
Eine Weile herrschte Stille, er sagte nix mehr, von mir kam nix mehr, ich guckte nur, er kehrte weiter. Dann jedoch geschah etwas, von mir nicht ganz unerwartet erhofft, er bot mir an, mein Bäumchen auf seine Terrasse zu stellen. Es war nur ein kleiner Satz, aber sofort strahlte ich wieder. Wie schön, sagte ich auch. Ich liebe sie. Er lachte und schwubsdibubs lief ich runter, wir suchten eine Stelle aus, an dem das Bäumchen stehen durfte und ich versprach ihm, an nächsten Weihnachten, wenn ich mein Bäumchen, so es bis dahin gedeiht, hol ich es wieder hoch. Und zum Dank bekäme er eine ganze Tüte Weihnachtsbäckereien aus Roeschens Heim. Hach, das Leben kann so herrlich sein.
 
Ich bin ja nicht schadenfroh. Das liegt mir nicht. Ich konnte mich aber des Gedankens nicht erwehren, dem Kläffer ein Schnippchen geschlagen zu haben.
 
Hahaha, du kannst mich mal mit Deinem ...Wenn das Jeder machen würde....Und ich mach doch das, was ich will, nur ein wenig verändert. Es findet sich immer ein Weg. Und nu erstick an deiner Haltung und deinem Satz und werd glücklich damit.
 
Ich sag nur Freiheit für die Weihnachtsbäumchen! Genau das sag ich ihm, wenn ich ihn das nächste Mal irgendwo im Hausflur treffe und werd ihn schelmisch dabei anlächeln und ihm freundlich einen guten Tag wünschen, ihm, diesem Möchte-gern-Hausmeister und Regel-Aufsteller.

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