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6. Januar 2022 4 06 /01 /Januar /2022 12:52
Heute möchte ich ein wunderschönes Büchlein vorstellen. Schon allein die Aufmachung läßt das Herz warm werden. Es verführt geradezu, es in die Hand zu nehmen.  Dunkelblau mit türkisfarbener Betitelung, das Ganze mit blausilbernglänzenden Leuchtepunkten versehen. Wenn man über den Deckel streicht, fühlt es sich ganz so an, als wenn man alle kleinen Funken in der Hand halten würde. So schön.
 
Das Büchlein ist geschrieben worden von Bernd Brunner und der Titel lautet:
 
Das Buch der Nacht.
 
Bernd Brunner geboren 1964 in Berlin,  studierte Betriebswissenschaft, Amerikanistik und Kulturwissenschaft an der Uni Berlin, sowie der Humbold-Universität und als DAAD-Stipendiat an der University of Washington in Seattle.
 
Brunner verbindet Wissenschaftliches mit Unterhaltung, so daß man es gut lesen kann, ohne in irgendwelche wissenschaftlichen Formulierungen sich zu verlieren.
 
Die Nacht. Wer denkt schon groß über die Nacht nach. Wenn es dunkel wird, spätestens nach ein paar Stunden, legt der Mensch sich schlafen. Fertig aus. Dabei verbindet die Nacht so Vieles, worüber es sich lohnt, einmal drüber nachzudenken oder einfach nur daran zu denken.
 
Wichtig wird die Nacht, gar bedrohlich für den, der Schlaflosigkeit sein Eigen nennt. Dieser müht sich oft um den Schlaf. Oder der Mensch, der im nächtlichen Schlaf von sich wiederholenden Albträumen gequält wird. Diese Beiden empfangen die Nacht wohl mit ängstlichen Gefühlen. Geht das wohl wieder los? Werd ich nicht einschlafen können, werden mich wieder die Träume überfallen und ich angstschweißend erwachen und dann da liegen, in der Dunkelheit, sehnen dass die Schreckensgefühle schwinden und ich schnell begreife, alles nur Traum.
 
Dies  wären nur zwei der negativen Merkmale, die über die Nacht dem Menschen einfallen. Natürlich gibt es viel mehr, wie wir im Buch erfahren.
 
Doch demgegenüber eben auch  viele positiven Eigenheiten der Nacht. Und auch darüber lesen wir.  Diese Wechselspiele positiv/negativ haben Brunner besonders angezogen.
 
Zu nennen wäre z.B. die Muße nächtlicher Lesestunden. Wer das hin- und wieder praktiziert hat weiß, dass das Vergessen der Welt und im Lesen eines  Buches um sich zu verlieren in dieser Stille der Nacht etwas Besonderes und deutlich einfacher ist als am Tag. Die Geborgenheit, die man im Bett liegend fühlt, schafft zudem noch ein ganz eigenes Geschmäckle.  Oder man steht einfach in der Hälfte der Nacht auf, was von mir eine Zeit lang praktiziert wurde, und widmet sich dem Gebet. Ebenfalls eine ganz besondere Erfahrung.
 
Auch sind Träume ja nicht immer Albträume. So können Träume im Schlaf dem Menschen zu großer Kreativität verhelfen, die sie dann tagsüber und in der Zukunft verwirklichen können. Probleme, die noch vor dem Einschlafen einem wie ein Riese erschienen, ganz plötzlich Morgen gelöst werden können.
 
Brunner erzählt dies am Beispiel von Friedrich August Kekule, der sich bekanntlich ja lange mit der komplizierten Molekülarstruktur organischer Verbindungen beschäftigt hatte. Es ging ums Benzol, das aus sechs Kohlenstoff- und weiteren Wasserstoffatomen besteht. Es schien ihm ein Rätsel, wie diese angeordnet wären. Und so träumte Kekule einmal von einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Er hatte die Eingebung, dass sich die Atome in einer Ringstruktur befinden müssten. Diese Erkenntnis wiederum war dann die Grundlage für die Synthese einer ganzen Reihe künstlicher Fabrstoffe in der zweiten Hälfte des 19.ten Jahrhunderts. Und auch seinem Kolleghen, dem Chemiker Dimitri Mendeljew wird nachgesagt, die Idee für das Periodensystem der Elemente sei ihm ebenfalls in einem Traum erschienen.
 
So begeben wir uns mit ihm in diesem Büchlein auf eine Wanderung durch die Nacht, lauschen hier, erkennen und erfahren dort und dürfen uns an der Poesie über Mond, Nacht und Mythen in kleinen Gedichten und Geschichten erfreuen, aber eben auch über Wissenschaftliches. 
 
Es gibt insgesamt 36 Stationen, die uns über das Wesen und die Geschichte der Nacht einführen, sie uns überraschen, was es alles über die Nacht zu erzählen gibt.
 
Eins ist vorab schon mal klar. Nacht ist dort, wo die Sonne untergeht.
 
Und was sich allein alles abspielt in der Dämmerung ist schon wunderbar, wenn man die Muße hat, hinzuhören und hinzuschauen, aufmerksam, ganz in Ruhe, irgendwo sitzend, am Meer, auf seinem Balkon oder auf einem Feld, wo, so der Himmel wolkenlos ist, man staunend bewundern kann, wie Stern um Stern der Himmel beleuchtet wird. Oder wenn die ersten Fledermäuschen sich auf den Weg machen, sich ihre tägliche Nahrungsration zu erfangen.
 
Manche Menschen sind jedoch auch nachtaktiv oder sie müssen es sein wegen des Berufes, den sie ausüben. Für sie beginnt das Nachtleben.
 
So erfahren wir, dass das Nachtleben der Menschen im 18. Jahrhundert gar unterdrückt wurde. So hat die Polizei in Frankfurt in dieser Zeit die Cafes und Restaurants geschlossen. Wohl als Vorsichtsmaßnahme für dann entstehende vom Menschen ausgehende Gefahren. In der Nacht ist das Böse nicht so schnell zu erblicken, es kann einen überraschen und an jeder Straßenecke überfallen. Daher ist dem Menschen, der sich einmal auf einem Weg in die Nacht hinein verwirrt, das Herz schwer und das Voranschreiten wird ihm unheimlich angesichts der Schwärze der Nacht, wenn nicht mal der Mond scheint und die Sterne sich hinter der Wolkendecke versteckt halten. Der Tag hat Augen, die Nacht Ohren, sagt ein schottisches Sprichwort.
 
Menschen, die in der Stadt leben, wissen darum gar nicht mehr. Einen Weg zu gehen durch völlige Dunkelheit. Wir leben im Zeitalter der Lichtverschmutzung. Was das aus uns und der Natur gemacht hat darauf haben Wissenschaftler schon seit Jahren hingewiesen. Sie hat sich in den letzten 30 Jahren verdoppelt.
 
Selber habe ich das oft erlebt, in meinem kleinen Eifelhäuschen, wo des Nachts um 24.00 Uhr die Strassenlaternen erlöschen. Wenn mann dann durch seine Türe hinaus auf die Strasse tritt, ist da wirklich Nichts, nur Schwärze und es dauert, bis sich das Auge einen Weg gesucht hat, auch in diesem Schwarz noch etwas zu erkennen. Und, obwohl man genau weiß, dass da Nichts und Niemand ist, kriecht die Beklommenheit und eine gewisse Ängstlichkeit in einem hoch. Es könnte doch...Auweia... Es darf mit Fug und Recht gesagt werden, es braucht ein wenig Mut dann seinen Weg fortzusetzen. Habe sehr oft mit meinen Kindern und auch Kindergruppen, die ich betreut habe, Nachtwanderungen unternommen, bei denen ich tröstend und  besänftigend das eine oder andere dann an der Hand führen mußte.
 

Wie immer könnte ich jetzt ewig weitererzählen, was uns Brunner über die Nacht in diesem schönen Büchlein erzählt. Es gibt so Vieles, was uns aufmerken, staunen und überrascht sein läßt. Anmerken möchte ich, dass es immer kurze, prägnante Kapitel sind, die ein besonderes Thema der Nacht aufgreifen, so daß man das Buch nicht wie sonst ein Sachbuch oder einen Roman liest oder lesen muß, sondern es einfach da gemütlich am Tisch neben der Kerze liegen lassen kann und wenn mal wieder die Neugier das Bedürfnis nach einer weiteren Episode gestillt werden möchte, kann man es ergreifen, aufschlagen und gerade das aufschlagen, wonach einem gerade ist.

 
Jedenfalls ist es wohl so, wie Anne Sexton einmal gesagt hat: "Man muss die Nacht gesehen haben, um den Tag zu begreifen"
 
Und ganz sicher werde ich mir auch noch seine Werke von Mond und Mensch, vom Winter und der Erfindung des Nordens zu Gemüte führen. Es macht einfach Spaß ihn zu lesen.
 
Meine Empfehlung möchte ich beenden mit ein paar Zeilen unter dem Kapitel: Was Menschen in der Nacht umtreibt, von Friedrich Nietzsche:
 
"Nacht ist es: nun reden lauter stille springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eiens Liebenden"
(Friedrich Nietzsche - das Nachtlied - Also sprach Zarathustra
 
Viel Vergnügen
 
Bernd Brunner Das Buch der Nacht
Galiani Verlag, Berlin
192 Seiten
28 Euro
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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2. Januar 2022 7 02 /01 /Januar /2022 12:59
Edgar Selge, Schauspieler hat ein Buch geschrieben. Das steht sogar auf der Spiegel-Bestsellerliste. Auf dem 8. Platz. Für mich gehörte es auf den 1. Platz, auf jeden Fall vor diesem komischen Fitzek. Jedenfalls eines der Besten, dass ich in den letzten Wochen gelesen habe.
 
Schön kann man es nicht beschreiben, denn Selge erzählt von seiner Kindheit aus seiner Familie in den Nachkriegsjahren und den späteren 6oern. Und die war nicht schön, obwohl er Vieles auch mit einer gewissen Komik beschreibt, denen einige Geschehnisse innewohnen und unglaublich berührend. Wie er immer mal die Wangen zusammenkneifen muß, wenn er in Situationen gerät, an denen auf keinen Fall gelacht werden darf.  Für mich nochmal mehr, da auch meine Kindheitsgeschichte sehr viele Ähnlichkeiten aufweist.
 
Als Schauspieler ist er neben Matthias Brandt einer meiner Lieblingsdarsteller. In starken Charakteren seiner Rollen hab ich ihn bewundert. Nun zeigt er, dass er auch fesselnd zu erzählen weiß, einmal aus der Sicht des kleinen Jungen, der er war, dann wieder aus der Perspektive des nun älteren Mannes.
 
Edgar hatte 5 Brüder, mit 4 wächst er auf. Ein Bruder ist schon früh ums Leben gekommen durch die Explosion einer Handgranate. Seine Eltern sind nie darüber hinweggekommen. Auch seinen jüngsten Bruder verliert er später durch eine schwere Krankheit.
 
Edgars Vater ist Gefängnisdirektor und Musiker zugleich. Er spielt Klavier und gibt Hauskonzerte für die Gefängnisinsassen. An solchen Tagen wird das Haus der Selges umgebaut zu einem Konzertsaal, in dem am Vormittag die Inhaftierten sitzen, dann gibt es eine Pause und am Abend dann die Freunde der Familie geladen sind. Edgars Mutter spielt Geige, leider nicht gut, sie hätte gern mehr gewollt. Und ja, sie ist nicht gern verheiratet mit diesem Mann, obwohl 5 Söhne aus der Ehe hervorgegangen sind.
 
Das Schicksal der Frauen in dieser Zeit hat es nicht gut gemeint mit ihnen. Was hatten sie oft für eine Wahl. Jedenfalls weiß ich das von der eigenen Geschichte meiner Mutter. Edgar und auch seine Brüder sind ebenfalls alle talentierte Musiker.
 
Der Muff der vorangegangenen Geschichte Deutschlands hängt über der Familie. Der Nationalsozialismus hat geprägt. Viele Nazis haben sich durchgeschlichen und besitzen wieder Posten. Geprägt wird Edgars Familie auch von der Moral der Eltern, voll behangen mit Tugenden, wie Fleiß, Pflichtbewußtsein, Treue, Gehorsam, Diszipliertheit, Ordnung, Pünktlichkeit etc.. all das, was man selbst, in dieser Zeit geboren, mitbekommen hat. An manchen Tagen beim Essen am Tisch müssen sich Vater und Mutter von den beiden älteren Brüdern Edgars gefallen lassen, wie diese mit diesem Muff abrechnen.
 
All das wiederum im Widerspruch zu dem, was dann tatsächlich von den Eltern vorgelebt wird. So auch in Edgars Familie. Der Vater ist gewalttätig, schlägt Edgar wieder und wieder, wenn er nicht pariert in den Lateinstunden mit dem Vater, oder wenn er seine kleine Lügengeschichten erzählt, Lügengeschichten, die ihm dienen, um zu überleben. Aber nicht nur die Gewalttätigkeit des Vaters schafft ihm ein Trauma, sondern auch Szenen des sexuellen Übergriffs.
 
Auch eine überaus starke Phantasie verhelfen Edgar dazu, Kindheit und Jugend auszuhalten und zu überstehen. Immer wieder sucht er den Ort an der Mauer zwischen Gefängnis und der naheliegenden Schokoladenfabrik auf, um dort allein zu sein, von Niemandem gesehen, sich in seine Traumwelten zu flüchten. Beim Lesen war ich da ganz bei ihm, denn auch mir wohnte diese Gewohnheit inne, mich davon zu stehlen, bei mir waren es die Kohleberge in Duisburg, neben denen ich aufgewachsen bin, über die ich wanderte, mich dort versteckte und von einer Zukunft träumte, in der es mir einmal besser gehen sollte.
 
Es kann sich kein Mensch vorstellen, wer nicht ähnliche Szenarien in seiner Kindheit und Jugend erlebte oder andere Traumata, was es bedeutet Tag für Tag Mittel zu suchen, Wege zu finden,  die einem helfen, das zu überleben. Widerstandskraft oder auch Resilizens genannt ist das, was man braucht, sonst geht man unter.
 
Edgar liebte Bücher und das Kino. Immer wieder stahl er Geld, um sich dann abends nach dem Zubettgehen, aus seinem Fenster zu schleichen, um in eine Kinovorstellung zu gehen. Was sind denn Bücher und Filme? Sie können helfen, die Realitäten einmal zu vergessen, in andere Welten einzutauchen. Sie verhelfen dazu, die Welt und sich selber besser zu verstehen. Die Schönheit von Musik, Büchern und Kunst trägt einen Menschen, läßt aushalten und weitermachen.
 
Respekt hatte ich beim Lesen vor der Aussage Selges, dass er, um das Schreiben um die Erinnerungen fließen zu lassen, in eine Körpererinnerung fallen musste. Dem nochmal nachzuspüren, was das Damals in den furchtbaren Situationen gefühlsmässig mit ihm gemacht hat. Auch das kenne ich, und selbst wenn man es nicht bewußt macht, solche Gefühle tauchen immer wieder im Laufe des Lebens in einem auf, wenn man mit etwas konfrontiert wird, dass an solche Geschehnisse erinnert. Worte, Dinge, Orte oder Menschen. Dann sackt der Schrecken in die Glieder und alles ist auf einmal wieder da.
 
Immer wieder dann tauchen seine Eltern dann später in seinen Träumen wieder auf. Dadurch hat er auch diesen Buchtitel gewählt. *Hast Du uns endlich gefunden" Das will man nicht, aber Träume lassen sich nicht aufhalten, sie nehmen keine Rücksicht darauf, was man will.
 
Und dann kommt diese Stelle im Buch:
 
" „Die Klarheit dieses Tageslichts fragt mich durch die Fensterscheiben: Warum schämst du dich? Die Pandemie hält die Zeit an, damit ich ausspreche, was mir so schwer auf die Zunge will. (…) Mensch, Edgar, sag, was los ist! Meine Liebe zu meinem Vater. Das ist es, was los ist. (…) Ich will nicht einer sein, der den liebt, der ihn schlägt.“
 
Und genau das will man nicht....Jemanden, den Vater, die Mutter oder andere Menschen, lieben, die einem etwas so Schreckliches angetan haben, das einen das ganze Leben begleitet, das immer wiederkehrt und so Vieles beeinflusst hat, was man heute ist, ja genau das ist, was einen zu dem gemacht hat, der man heute ist. Und ja, man schämt sich.
 
Es ist ein großartiges Buch, eine starke Erzählung aus dem Leben eines Menschen, die vor nichts halt macht, ausspricht, was gewesen ist und die Jedem, der es liest, auch wenn er eine gute Kindheit und Jugend hatte, eben zeigt, wie das Leben anderer Menschen sein kann, was einem erklärt, was Menschsein bedeutet, was Lüge und Wahrheit ist und der sich glücklich nennen darf, wenn er dies nur aus Büchern, Filmen oder dem Leben anderer Menschen lernt und es nicht am eigenen Leib zu erfahren.
 
 
 
 
 
 
 
Edgar Selge
Hast Du uns endlich gefunden
Rowohlt Verlag
isbn: 978-3498001223
24.oo Euro
 
 
 
 
 
 
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28. November 2021 7 28 /11 /November /2021 15:52
Auf den Autor des Buches *Allein* Daniel Schreiber bin ich aufmerksam geworden durch eine Sendung anläßlich der Frankfurter Buchmesse. Dort trafen sich Menschen aus verschiedenen Berufs- und Berufungssparten sowie unterschiedlicher Herkunft, um sich darüber auszutauschen, welche Visionen für eine gute Zukunft verwirklicht werden könnten. Ich habe mir, weil er mir in seinen Aussagen am besten gefiel, die Vita des Herrn Schreiber dann mal angeschaut und entdeckt, dass er auch Einiges publiziert hat. Journalist, in Mecklenburg-Vorpommern geboren, hat er im Jahre 2006 den Manheimer Buchpreis verliehen bekommen. Seine Veröffentlichungen sind u.a. eine Biographie über Susan Sonntag, sein Buch *Nüchtern*, in dem er über seine Alkoholabhängigkeit schreibt, das Buch *Zuhause* in dem er über den Ort schreibt, an dem wir leben wollen und an dem wir uns beheimatet fühlen und letztendlich das von mir heute vorgestellte Buch *Allein*.
 
Dies habe ich nun zu Ende gelesen. Es hat mich sehr berührt. Das Thema hat mich schon daher interessiert, weil ich selber seit langer Zeit allein durchs Leben gehe.
 
Das Büchlein ist nicht allzulang, gerade mal 140 Seiten. Es gibt acht Kapitel mit den Überschriften: *Das Leben allein*, The Kindness of Strangers*, Gespräche in Freundschaft*, *Niemals so einsam*, *Uneindeutige Verluste*, *Tage in Famars*, *Arbeit am Körper* und schlussendlich * *Abschiede*.
 
Schreiber bezieht sich an vielen Stellen auf Schriften von Psychologen, Sozialwissenschaftlern und Philosophen. Er selbst, viele Jahre alleinlebend, hatte festgestellt, dass in Medien, Zeitschriften und Büchern viel über Paarbeziehungen und anderen Formen des sozialen Zusammenlebens geschrieben wird, jedoch kaum einmal über das *Alleinsein* oder *Alleinleben* des Menschen. Dabei ist statistisch erwiesen, dass immer mehr Menschen in unserer heutigen Gesellschaft alleine leben.
 
So kam es zu seiner Idee, ein Buch darüber zu schreiben und nicht nur seine Gedanken dazu aufzuzeigen, sondern auch sehr persönlich über *sein* Alleinsein und Alleinleben* zu erzählen.
Gerade diese Zeiten haben mich berührt, denn jeder, der allein lebt, so wie ich, kann sich in seinen Empfindungen und Gedanken immer mal wieder selber entdecken, wenn er das Alleinsein nicht durch ständige Ablenkung und Aktionismus verdrängt, sondern die Chance wahrnimmt, sich selber besser und tiefer zu entdecken. Wie wenn nicht anders, erkennen wir, wer wir sind, wenn wir auf uns selber gestellt sind. Welche Ängste, Sorgen, Nöte, Entbehrungen, Sehnsüchte und Leidenschaften in uns wohnen. Aber vor allen Dingen auch, wie wir damit umgehen, ohne sie zu verdrängen und aus all diesen neue, positive Aspekte des Lebens zu ziehen.
 
Menschen, die ungewollt allein leben, empfinden das oftmals als großes Unglück, sind daher zumeist auch unglücklich. Sich selber als unglücklich zu bezeichnen, kratzt oftmals an den eigenen Stolz. Denn in unserer Gesellschaft der Selbstoptimierung wird das eigene Unglücklichsein oftmals als *scheitern* beurteilt. Doch ist es gerade auch so, dass dieses Unglücklichsein auch eine Reaktion auf die Welt und unsere Gesellschaft sein kann. Dass man sich in ihr nicht wiederfindet und seinen Platz finden kann. Selbst das Fehlen einer Liebesbeziehung, so Schreiber weiter, wird in der Regel als ein persönliches Scheitern wahrgenommen. als eine Folge mangelnder Attrraktivität, mangelndem wirtschaftlichen Erfolgs, mangelnder  psychischer Fitness. Schreiber sagt, dass diese Annahmen dem Menschen, der allein lebt, überall entgegenschlagen, nicht zuletzt in den Gesichtern anderer Menschen, in ihrem Mitleid, gar ihrer heimlichen Freude, dass es ihnen besser geht.
 
Ortega y Gasset sagte ja einmal, das Leben sei seinem inneren Wesen nach ein ständiger Schiffbruch. Jedoch schiffbrüchig zu sein heißt nicht ertrinken. Der arme Sterbliche der droht unterzugehen, rudert mit den Armen, um sich oben zu halten. Diese Reaktion auf Gefahren des Untergehens sei die wirkliche Kultur, die der Mensch nicht verlieren darf.
 
Warum Daniel Schreiber allein lebt, was es mit ihm gemacht hat und was er aus dieser ihm dann auch oft gefühlten Einsamkeit gemacht und gelernt hat, beschreibt er in seinen Kapiteln.
So sagt er z.B., dass nichts einsamer macht als die Einsamkeit des Nicht-gesehen-Werdens, des Nicht-erkannt-Werdens. Nichts fühlt sich wie ein größerer Sinnverlust an als das von ihr verursachte Schweigen.
 
Er schreibt auch über die Zeit der Pandemie, in der wir uns ja immer noch befinden und die nun in eine vierte Welle gemündet hat. Seine Beobachtungen der Menschen, wie sie damit umgehen, was sie aus ihnen macht und gemacht hat. Dass, so habe ich es auch hin- und wieder empfunden in dieser Zeit, dass ich als Alleinlebender Mensch mich in dieser Situation noch *alleiniger* gefühlt habe.
 
 
Der Verlust von Freunden, die verstorben sind, die gerade jetzt fehlen. Die eingeschränkte Freiheit, sozial neue Beziehungen zu knüpfen oder ganz einfach den Dingen nachzugehen, die sonst ohne jeden Gedanken an *Vorsicht* getan werden konnten, das sich beschränken müssen in der Hochzeit der Pandiemie auf telefonische oder Skype-Kontakte, das Fehlen eines einfach mal in den Arm genommen werdens und vieles mehr, hat auch mir schon das ein oder andere Mal Kummer bereitet, wenn ich ihn auch gut annehmen konnte, weil Kummer eben auch zum Leben gehört.
 
Freunde zu haben, ist ein wichtiges Fundament in unserem Leben. Freunde, das sind die Menschen, die nicht nur wissen, wer ich bin, sondern auch wer ich war vor zwei oder drei Jahren oder vor zwei Jahrzehnten. Wer sich selbst immer mal wieder in Frage stellt, der verändert sich doch ständig und manchmal vergessen wir gar, wer wir einmal waren und Freunde sind die Menschen, die uns vor diesem Vergessen bewahren, daher sind sie so wichtig und können niemals durch Bekanntschaften, auch wenn das noch so gut harmonisiert und funktioniert, ersetzt werden.
 
Auch darüber schreibt er, dass die Zeit der Sicherheiten der Menschen, die  in previligierten Lebenssituationen und Zeitzonen leben, vorbei sei. Gedanken, die ich mit ihm teile. Schon Mitte der Zeit der Pandemie und den Wetterterkatastrophen die wir gesehen haben, wurde mir klar, dass dies erst der Anfang ist und die Menschen sich ruhig weiter in ihrem Kauf- Urlaubs- und Feiern-Zwang üben und danach sehnen sollen, aber es wird nichts mehr so sein, wie es war. Die Apokalypse hat bereits begonnen. Das macht Angst? Soll es auch, vielleicht kann ja doch noch was gerettet werden, obwohl ich daran nicht glaube.
 

Wenn man jetzt auf den Gedanken kommt, dass das Buch  eher depressiv daher kommt, so täuscht man sich. Schreiber zeigt zwar auf, was Alleinsein und damit auch immer mal empfundene Einsamkeit mit einem Menschen macht, aber eben auch wie er selbst damit umgegangen ist und wie ich oben schrieb, er daraus gelernt hat. Selber habe ich ds Buch als inspirierend, nachdenklich und selbstreflektierend für mich empfunden. Vor allen Dingen auch mutmachend, sich Gefühle wie, auch wenn sie nur eine kurze Zeit erlebt werden, Einsamkeit oder Trauer, zuzugestehen.

 
Schreiber sagt, dass positive Erfahrungen von Einsamkeit so zentral zu unserem Menschsein dazugehören, wie die verzweifelte Kehrseite dieses Gefühls. Das Erleben von Einsamkeit bringt, mit anderen Worten, eine Form der Selbstwahrnehmung mit sich, die wir anders nicht erlangen können. Gerde der Schmerz, der mit ihr oft einhergeht, sorgt dafür, dass wir eine neue Art des Mitgefühls in uns entdecken, für uns selbst und andere Menschen, um neue Lebenswege zu erschließen und innere Auseinandersetzungen zuzulassen, die sonst ausblieben. Ohne ihn wären wir nicht imstande, die Nähe zu anderen Menschen zu suchen, wären wir nicht imstande zu lieben.
 
So darf man auch überrascht sein, dass er gerad in der Zeit der Pandemie, wo er das Alleinsein stärker empfunden und die Gefühle von Einsamkeit in ihm vorherrschten, sich dennoch raus aus seinem Zuhause geflüchtet hat und sich zwei Monate lang auf eine kleine Insel auf Lanzarote mit dem Namen *Famara* zurückgezogen hat. Denn, das kenne ich auch gut, wenn Menschen mir sagen, was, du fährst jetzt in die Einsamkeit Deines Dorfes in der Eifel? Du bist doch sonst schon immer allein. Doch das Alleinsein in der Ferne ist nicht zu vergleichen mit dem Alleinsein zuhause mit all seinen Gewohnheiten und Gepflogenheiten.
 
Das Buch steht zu Recht auf der Bestsellerliste des Spiegels. Ich kann es wärmstens empfehlen, auch für *Nichalleinlebende* , Denn es gibt ja auch Partnerschaftsbeziehungen, in denen man sich hin- und wieder allein, gar einsam fühlt. Selber fühle ich mich in Gesellschaft oft einsamer als hin- und wieder mal in meinem Alleinsein. Aber das ist ein anderes Thema.
 
Viel Freude beim Lesen
 
Daniel Schreiber
Allein
Hanser Verlag
ISBN: 9783446267923
20,00 Euro
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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19. November 2021 5 19 /11 /November /2021 16:27
Immer wieder passiert es. Zum Wochenende. Da wird mir dann ein *tolles* Wochenende gewünscht. Mehrmals hatte ich es angemerkt. Mit *toll* kann ich nix anfangen. Ich verdreh dann die Augen.
 
Warum soll denn ein Wochenende unbedingt *toll* sein. Ich bin es schon zufrieden, wenn da draußen alles ein weniger leiser wird. Kein Gehetze. Das Zeugkaufen ruht. Auch wenn ich selber sonst nur Notwendiges kaufe, widerstrebt mir das Haben-wollen und kaufen- müssen von Zeug, das eigentlich nicht gebraucht wird, auch von den anderen da draußen.
 
Wenn man im Wörterbuch nachschlägt, erscheinen zur Deutung des Wortes *toll* die Wörter *unglaublich* und *ungewöhnlich*
 
Ist das wirklich der Wunsch der Vielen, dass ein Wochenende unglaublich oder jedenfalls *ungewöhnlich* sein soll? und man es deshalb dem Anderen wünscht? Weil die eigene Sehnsucht nach unglaublichen und ungewöhnlichen Geschehnissen an zwei bevorstehenden freien Tagen im Wünscher innewohnt?
 
Wenn ich an mein Leben zurückdenke, kann nicht behauptet werden, dass ich in diesem Sinne *tolle* Wochenende hatte. Allenfalls waren es Zeiten, an denen mal zur Ruhe gekommen werden konnte. Oder Zeit für die Familie und die Kinder da waren. Oder einfach Muße zum Lesen und Musikhören, Spaziergängen oder gar längeren Wanderungen. Manche Wochenenden waren sogar auch mit Arbeit belastet.
 
Und überhaupt! Seit zwei Jahren leben wir in einer Pandemie. Ansteckungsgefahr droht, Einschränkungen müssen ausgehalten und Verantwortungsgefühl gelebt werden. Selbst das Virus ist nicht *unglaublich* oder *ungewöhnlich*. Denn Viren sind überall auf der Welt und um uns herum. Weniger gefährlichere, aber eben auch lebensbedrohende. Diesmal hat es die letztere Spezie geschafft, die ganze Welt in Atem zu halten. Es wird sicherlich auch nicht die Letzte sein im Angesicht der Tatsache, das wir nicht aufhören, unsere Welt weiter kaputt zu machen. Und warum machen wir sie kaputt? Weil der Mensch immer nur das *Tollste* will, höher, weiter, schneller, mehr, mehr, haben, haben. Da ist nix toll, da draußen, der Mensch ist nicht toll. Er ist habgierig nach Zeug und nach Sensationellem. Das ist einfach nur gruselig.
 
Bleiben wir doch auf dem Teppich. Wünschen wir dem Anderen ein *gutes* Wochenende. Und in diesem *gut* wohnt Vieles. Gut mit der Zeit umgehen, die einem an arbeitsfreien Tagen geschenkt wird. Gut mit sich selber umgehen. Wenn wir gar krank sind oder leiden, weil einem ein Mensch genommen wurde, den man liebte, gut damit umgehen können, daraus lernen. Zufrieden sein mit dem, was wir an diesen Tagen tun können, wenn wir unbeschadet sind. Ein gutes Buch lesen, Musik  lauschen, die Augen offen halten, wenn wir uns zu Spaziergängen aufmachen, ein offenes Ohr haben, wenn uns Jemand braucht, vielleicht gar Hilfe leisten, wenn es erforderlich ist. Einfach da sein, leben, aufstehen, Dinge tun, die getan werden müssen, kochen, unsere kleine Umgebung in der wir leben, bewahren und schön gestalten, sitzen und innehalten.
 
All das ist im Sinne der Wortbeudeutung nicht *toll*, also ungewöhnlich oder *unglaublich* Es ist mehr und besser als das. Es ist unsensationell, ruhig und still. Es ist reiches Leben!
 
In diesem Sinne wünsche ich meinen geneigten Lesern ein *gutes* Wochenende und darüberhinaus gute Lebenstage in Zeiten wie dieser und auch dannn, wenn sie vorbei sein werden, weil ganz sicher noch schrecklichere Dinge auf uns zukommen werden!
 
Von einem geneigten Leser meiens Blogs habe ich heute folgenden Text bekommen, den ich gerne anfügen möchte:
 
Gemütlichkeit am Freitag
Manchmal wird die Ambition, das Wochenende zu nutzen, um mit Freunden etwas zu erleben, zum Zwangund schafft zusätzlichen Druck. Erschöpft von der Woche, den endlosen to-do-Listen, stundenlangen Meetingsund langen Arbeitswegen, erreichen wir das Wochenende - und schon wird von uns erwartet, den Schalter umzulegen und Party zu machen, am besten gleich nach Feierabend. Aber wo bleibt da die Zeit zum Entspannen und zum Nichtstun? Und noch viel wichtiger; Wie schaffen wir es, das Nichtstun am Wochenende als eine bewusst gewählte, genussvolle Aktivität zu zelebrieren, anstatt es als erschöpften Rückzug vom tobenden Leben zu interpretieren und uns zu Hause mit einem Gefühl von *FOMO* herumzuschlagen, fear of missing out. Die Schweden haben dafür die perfekte Lösung: Fredaysmys.
Der Begriff setzt sich aus Fredag(Freitag) und Mys (Gemütlichkeit) zusammen und bezeichnet die Gewohnheit der Schweden, freitagabends zu Hause zu bleiben, gemeinsam mit der Familie etwas Leckeres zu essen und gemütlich fernzusehen. Dazu gibt es auch ein passendes Verb: fredagsmys (einen gemütlichen Freitag zu Hause verbringen). Wer eine Freundin oder einen Freund dazu einladen möchte, fragt: Lust, heute Abend zu fredagsmys?
 
Fredagsmys entstand Mitte der 1990er-Jahre, und hat sich seitdem zu einem Brauch entwickelt, der sich bei allen Schweden großer Beliebtheit erfreut. Das Wort fredagsmys hielt schnell Einzug in die schwedische Alltagssprache und wurde 2006 sogar in den offiziellen schwedischen Wortschatz aufgenommen.
 
Tatsächlich spielt Mys in Schweden eine große Rolle und es gibt viele Arten von Gemütlichkeit, die alle ihre eigene Bezeichnung haben. Da gibt es die Hästmys, die Herbstgemütlichkeit, die entsteht, wenn man sich nach einem heißen Sommer wieder wärmer anzieht und sich häufiger im Haus aufhält, weil es draußen kühler wird. Es gibt die Julmys, die Weihnachtsgemütlichkeit, und die weit verbreitete Kvällsmys, die Abendgemütlichkeit. Am häufigsten jedoch hört man das Wort Fredagsmys, und zwar in allen Regionen Schwedens. Wer also schon immer nach einem guten Grund gesucht hat, nach einer langen Arbeitswoche gemütlich zu Hause zu bleiben, darf sich bei den Schweden bedanken.
 
Danke an den Sender dieses Textes:)
 
 
 
 
 
 
 
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18. Juni 2021 5 18 /06 /Juni /2021 09:51

Sitze auf dem Balkon

Schaue dem Himmel zu, spüre leichte Luftveränderungen.

Lese Murakamis *Erste Person Singular*

Höre Eddi Vedder.

Die Kinder spielen unten fröhlich.

Die Maschinen der Baustelle ruhen.

Obwohl Vieles geschieht, scheint die Zeit

still zu stehen.

Ich bleibe allein hier.

Doch es gibt die Geschichten von Murakami und

meinen eigenen Lebenserinnerungen.

Eine Polizei-,Feuerwehr,- oder Krankenwagensirene.

Welch Menschens Schicksal entscheidet sich da gerade

in eine nicht gewollte oder beabsichtigte Richtung?

Es gibt Signale, Rufe, Geräusche in der Welt,

deren entnommen werden kann, dass sich irgendwo

ein Lebensschicksal ändert.

Während ich hier sitze und nur

lausche.

Manchmal überrascht mich das Gefühl,

dass ich wünschte, dem betroffenen Menschen,

dessen Schicksal sich gerade ändert, tröstend

eine Hand auf die Schulter zu legen oder

ihm einfach leicht übers Haar zu streichen

und ihm sagen könnte:

Bleib ruhig!

Ich sitze und lausche

 

 

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30. März 2021 2 30 /03 /März /2021 14:07

Wer sich über die freien Ostertage noch mit Lesestoff versorgen will, dazu Schach- und Literaturliebhaber ist, dem empfehle ich wärmsten Herzens dieses 123 Seiten lange kleine Büchlein von Vincente Valero *Schach Novellen*

Ich hatte bisher noch nichts von ihm gelesen, genauer gesagt, kannte ich diesen 1966 auf Ibiza geborenen spanischen Autor überhaupt nicht.  Als ich ein wenig im Netz nach ihm geschaut hatte, entdeckte ich kaum etwas, nur soviel wie dass er Gedichtbände, Essays und erzählende Prosa veröffentlicht hat. Das wird sich sicher ändern. 

Valeros Onkel, Alberto, war einst ein guter Freund von Miguel Najdorf, mit dem er in Argentinien natürlich auch einige Partien gespielt hatte. Von Alberto über seinen Vater hat Valero dann auch ein kleines Reiseschach vererbt bekommen, welches er auf seinen Reisen immer bei sich trug. 

Valero lebt grundsätzlich abgeschieden von der Welt, nach der Devise: Je mehr sich einer begrenzt, um so mehr ist er andererseits dem Unendlichen nahe.  Doch immer mal wieder überkommt ihn ein Gefühl des "aufbrechen müssens" oder ein *ich muss weg von hier*. Dazu kommen hin- und wieder natürlich auch berufliche Reisen zu Lesungen.

In seinem Büchlein nimmt Valero uns mit an vier verschiedene Orte, Italien, Dänemark, Zürich und Augsburg. Innerhalb dieser Orte wiederum führt der Zufall Regie und er macht kleinere Abstecher an andere  interessante Orte. 

Manchmal besucht er einen Freund, das ihn nach Dänemark führt, ein anderes Mal  überlässt er es dem Zufall und in in einigen Fällen  steht ein Ereignis an, zu dem es ihn hinzieht oder er aus beruflichen Gründen dazu aufgefordert ist.

Und wie sich schon erahnen lässt geht es auf seinen Reisen um Schach und Literatur. Schach, weil er selber ein leidenschaftlicher Spieler ist, Literatur, weil er bei seinen Reisen immer wieder auf Orte trifft, wo einige der großen Schriftsteller und Philosophen gelebt oder zumindest für eine Zeit lang dort gelebt haben, wie Brecht, Walter Benjamin, Friedrich Nietzsche, Franz Kafka und Rainer Maria Rilke, deren Spuren er detektivisch nachsucht und er feststellt, dass alle Wege dieser vier großen Dichter, Denker und Philosophen sich immer wieder gekreuzt haben.

Valero spricht vom Wesen des königlichen Spiels, was es für ihn und für Menschen, die diesem nachgehen, bedeutet, erwähnt Eröffnungen und nimmt immer mal wieder Bezug auf die Größen des Schachs und ihren besonders hervorzuhebenden Partien. 

Natürlich spielt er auch selber Schach auf diesen Reisen, mal mit Freunden, mal mit Menschen, die er ganz unverhofft im Cafe oder an anderen Orten kennen lernt. Ja, er trifft dort Menschen, die ihm zu Freunden werden. 

Da ist sein Freund in Dänemark, mit dem er sich die Stunden des tosenden Orkans *Xaver*, der bei seiner Reise gerade in Nordeuropa sein Unwesen trieb, bis in die Nächte hinein vertreibt.  Dann wieder ist es ein altes Ehepaar in Turin, dass er zufällig bei einem Frühstück in einem Cafe bei ihrem morgendlichen Schachspiel kennenlernt. Sie sind Rentner und hatten es sich zur Angewohnheit gemacht, Morgen für Morgen in dieses Cafe zum Frühstück zu gehn, dort Zeitungen zu lesen und eben Schach zu spielen. Valero kommt zu der Erkenntnis, dass die Ehe zweier schachspielender Partner wohl Zeit eines Leben halten müsse. 

Dann wiederum, auf den Spuren von Rilke trifft er auf einen Kellner in einem Restaurant, der zwar selber kein großes Interesse für Schach oder Literatur hegt, dafür um so mehr für Wein und der ihm seine Lebensgeschichte erzählt und Valero von diesem erfährt, dass dessen Großvater jedoch begeisteter Schachspieler war und Alexandrowitsch Aljechin gekannt habe, den größten Spieler aller Zeiten, der sogar ein Foto der Beiden besitzt, wo sie in einem Moskauer Cafe bei einer Partie Schach sich vergnügen. 

Valero befand sich bei dieser Gelegenheit auf einem Abstecher von Zürich. Er hatte diese Reise gerade fünzigjährig angetreten und wollte sich einmal im Leben das Privileg herausnehmen, an dem außergewöhnlichen Schachereignis, der Zürich Chess Challenge, teiltzunehmen. Er besorgte sich eine Presseakkreditierung um nicht nur beim Turnier dabei zu sein, sondern sich auch im großen luxuriösen Hotel Savoy, in dem die Spieler untergebracht waren, diese aus nächster Nähe zu nähern. Die Teilnehmer waren keine anderen wie Visvanathan Anand, Fabiano Caruana, Boris Gelfand und Waldimir Kramnik sowie der Mäzene des Turniers, dem russischen Milliadär Oleg Skworzow und den Präsidenten der sage und schreibe 1809 gegründeten Schachgesellschaft Zürichs und der somit der älteste Schachclub der Welt ist.  Wirklich herrlich wie er die Schachstreiter an ihren Brettern beschreibt, herausgeputzt mit ihren Wollkrawatten, saßen sie da steif und lächelten wie Musterknaben und ihr Anblick gar nicht an den unglückseligen Lushin aus Nabokows Schachroman *Lushins Verteidigung* erinnerte. Und wie die Geräusche ab Beginn des Spiels der Teilnehmer von jetzt auf gleich versiegten und sich geradezu eine heilige Stille in dem Saal verbreitete. 

Valero erzählt wunderbar über die Menschen, die er an diesen Orten trifft, über die großen Literaten und Philosophen und teilt uns seine eigenen Befindlichkeiten und Gedanken mit, die er dabei hegt. Einmal wird er sogar an eine Grenze gestoßen. Als er eine Lesung in Augsburg halten soll, um seine Gedichte vorzutragen, wird er am Ende von einem älteren Besucher mit einer überraschenden Frage konfrontiert:" Haben Sie schon einmal ein Gedicht über den Holocaust geschrieben?" Er konnte nur mit einem *Nein* antworten, worauf der Fragende mit einer grandiosen Rede ansetzte, die am Ende zu einem Tadel auch an ihm selber endete. Ihm fiel dazu plötzlich Adornos bekanntes Verdikt ein: demzufolge *nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben barbarisch sei*, er aber auch meinte festzustellen, dass der Fragende offenbar geradezu der Ansicht war, nach Ausschwitz müssten alle Dichter der Welt wenigstens ein Gedicht über den Holocaust schreiben. 

Den Fragenden, dessen Namen Detlef war, wie er dann später herausfand, weil er ihn in einem Cafe zufälligerweise wieder traf. Und womit beschäftigte sich dieser wohl? Natürlich mit dem Schachspiel. Und so kam es auch zwischen den beiden zu einigen Partien und Valero wird Zeuge der erzählenden Lebensgeschichte dieses interessanten Menschen.

Das Büchlein ist kurzweilig, interessant und mitreißend. Ich habe es durch Zufall bei den neuerscheinungen in unserem Laden entdeckt und es mir natürlich sofort erstanden. 

Ich hoffe, ich kann den Einen oder Anderen dafür ebenfalls begeistern, denn es hat es verdient, gelesen zu werden. 

Und wie sagt Valero immer wieder:

Es ist und bleibt ein Geheimnis, wohin eine Partie einen führen kann!

So ist es wohl auch mit dem Leben!

 

Viel Vergnügen

Vicente Valero

Schach-Novellen

Berenberg Verlag

Isbn: 978-3-946334-89-7

22,00 Euro 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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9. März 2021 2 09 /03 /März /2021 09:06

Heute wäre Bobby Fischer 78 Jahre alt geworden.  Aber schon mit 65 Jahren, genau am 17.01.2008 verstarb er. Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag. Die Schachwelt hatte eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten unserer Zeit verabschiedet. Bobby Fischer, der offizielle Schachweltmeister 1972-1975 war tot. Selbst wenn man vom Schachfieber noch nicht ergriffen war, kam man an ihm nicht vorbei. Im isländischen Exil, wo er Schutz gefunden hat vor den Nachstellungen der US-amerikanischen Justiz.

Sein Vergehen: Er hat 1992 noch einmal ein Schachduell gegen seinen alten Rivalen Borris Spasski ausgespielt. Dieses Match fand im ehemaligen Jugoslawien statt, und Fischer hatte damit ein Embargo der USA ignoriert, welches zu dieser Zeit jedem Bürger der Vereinigten Staaten geschäftliche Verbindungen mit Jugoslawien strikt untersagte. 

Bobby Fischer war ein Monomane, der vor allem in jungen Jahren fast nichts kannte außer Schach. Zur Institution Schule hat er sich als Erwachsener mal so geäußert:" I don´t remember one thing, I learned in school". Wenn auch diese Aussage von mir selber und vielen anderen Menschen nachvollziehbar war und ist, so hat er aber auch sehr merkwürdige Dinge von sich gegeben, die man besser gar nicht zitiert. 

Auf dem Schachbrett war er unumstritten ein Genie. Unvergleichlich ist die Art und Weise, wie er in den Kandidatenduellen, welche dem WM-Kampf 1972 vorangingen, seine Gegner an die Wand gespielt hat. Er hat dabei das phänomenale Kunststück fertig gebracht, 19 Wettkampfpartien in Folge zu gewinnen, ohne auch nur ein einziges Remis abzugeben. Und das gegen Großmeister, die allesamt der absoluten Weltspitze angehörten. Einige seiner Gegner haben berichtet, dass von Fischer eine ganz starke Wirkung ausging , wenn man ihn am Brett gegenüber saß. Fischer selbst hat aber gern betont, dass er in erster Linie an starke Züge glaubt und nicht an Psychologie.

1972 kam es im isländischen Reykjavik zum "Wettkampf des Jahrhundert". Bobby Fischer gegen den amtierenden sowjetischen Boris Spasski. Seit vielen Jahren hatte es eine Hegemonie der Sowjets im Weltschach gegeben. Und nun, mitten in der Zeit des kalten Krieges, schickte sich ein junger US-Amerikaner an, diese Hegemonie zu brechen und den Weltmeistertitel für sich zu erobern. Das Publikumsinteresse sprengte alles, was man im Schach bisher erlebt hatte. Dazu hat auch beigetragen, dass sich Fischer aufführte wie die launischste Diva, die man sich vorstellen kann. Er stellte immer wieder neue Forderungen, drohte ständig mit Abreise. Der Wettkampf hing permanent an einem seidenen Faden. Fischer, der stets den höchsten Einsatz riskierte, war auch am Verhandlungstisch äußerst unbequem. Bemerkenswert ist, dass das Preisgeld fast das 20 fache dessen betrug, was beim vorhergehenden WM-Kampf (Petrosian-Spasski 1969) gezahlt wurde. Insofern kommt Fischer das Verdienst zu, dass Schachprofis seitdem wesentlich bessere finanzielle Bedingungen vorfinden als zuvor. Letztendlich ging der Wettkampf über die Bühne und Fischer wurde Weltmeister. 

Doch "schwer ruht das Haupt,  das eine Krone drückt"? Jedenfalls zig sich Fischer von Stund an völlig aus dem offiziellen Schachbetrieb zurück, spielte bis zu dem zuvor erwähnten "Rentnermatch" (so qualifizierte es Garry Kasparow) keine einzige Turnierpartie mehr. Auch liebte er es unterzutauchen und sich geschickt den  Nachstellungen von Journalisten zu entziehen.  Über viele Jahre hinweg geisterte er wie ein Phantom durch die Gazetten, Niemand schien etwas Genaues über seine Lebensweise und seinen Aufenthaltsort zu wissen. 

Robert James Fische, so sein korrekter Name, wurde 2004 in Tokio wegen des US_Haftbefehls festgenommen und verbrachte daraufhin acht Monate in japanischen Gefängnissen. Ihm drohte die Abschiebung in die USA, wo ihn ein Strafprozess erwartete.  Die Angelegenheit nahm für Fischer eine glückliche Wendung, als ihm die isländische Staatsbürgerschaft angeboten wurde. Fischer ging darauf ein und ließ sich in Reykjavik nieder. Eine lange Zeit des beschaulichen Lebens war ihm jedoch nicht vergönnt, nach nicht einmal 3 Jahren verstarb er - vermutlich an einem Nierenversagen - 

Fischer verdankt man auch die "Fischer-Schachuhr", welche die Besonderheit aufweist, dass der Spieler mit jedem ausgeführten Zug einen Zeitbonus erhält, also eine kleine Draufgabe in der Bedenkzeit (ca. 15 Sekunden). Der große Vorteil: Hat sich ein Spieler auf dem Brett einen entscheidenden Vorteil herausgearbeitet, so scheitert die Realisierung dieses Vorteils nicht mehr daran, dass ihm gar nicht mehr genügend Zeit verbleibt, seine Züge rein physikalisch auszuführen. Allein das Rücken der Steine und das Betätigen der Uhr nimmt ja etwas zeit in Anspruch. Die Idee der "Fischer-Uhr" spiegelt somit in gewisser Weise den Sportgeist und die Fairness ihres Urhebers wider. 

Zudem kam von Fischer die Erfindung, dass man die Grundstellung im Schach verändern sollte, um so die große Bedeutung der ins Uferlose angewachsenen Eröffnungstheorie zu nicht zu machen. Seine Variante dieses Schachs hat sich, wie wir alle wissen, etabliert . Zuerst wurde sie einfach "Fischer-Schach" bezeichnet, heute aber unter dem Namen "Chess960" salonfähig ist. Bei dieser Art des Schachs wird - unter Beachtung gewisser Grundregeln - die Ausgangsstellung vor jeder Partie ausgelost. Der Name "Chess 960" rührt daher, dass 960 verschiedene Grundstellungen zulässig sind. Auswendig gelerntes Wissen, vorbereitete Varianten und routinierte Erfahrung verlieren unter diesen Voraussetzungen an Bedeutung, gefragt sind stattdessen Geistesgegenwart und die Fähigkeit, allgemeine Prinzipien auf sehr wechselnde Situationen anzuwenden. 

Selber spiele ich diese Variation des Schachs unglaublich gerne und hab hin- und wieder schon so manchem starken Spieler damit einen Sieg abgerungen. 

Bobby Fischer - Ja..eine Legende - 

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7. März 2021 7 07 /03 /März /2021 10:32

In diesem wunderbaren Buch, dass jeder, der die Floyds liebte und immer noch von ihr in den Bann gezogen wird, einfach lesen muss, erzählt Gorkow von seiner Kindheit in den 70ern. Er hatte eine ältere Schwester, Gorkow 9 oder 10 Jahre alt, verehrt sie.

Und die Schwester liebt Pink Floyd. Die Schwester ist krank. Sie hat ein anderes Herz. Das Herz schlägt nicht wie alle Herzen schlagen sollten. Schuld ist Contergan. Die Mutter nahm es in der Schwangerschaft. Sie war so unruhig. Die Ärzte verschrieben es ihr. Sie hatten gesagt, es sei völlig harmlos, keine Nebenwirkungen. Die Mutter nahm es. Und nun hatte die Schwester ein krankes Herz. Die Ärzte sagten, sie werde nicht lange damit leben können. Eigentlich gaben sie ihr nach der Geburt wenig Zeit.  Die Schwester aber war eine Kämpferin. Sie wusste was Kampf bedeutet. Sie kämpfte nicht nur ihren eigenen Lebenskampf, sondern sie kämpfte auch gegen das Establishment.

Und sie hörte Pink Floyd. Weil, die waren auch gegen das Establishment, wie auch die Mothers of Invention oder Sweet oder T-Rex. Von T-Rex wüsste sie genau, dass sie für die Revolution sind. Die Schwester sagt ihm, dass T-Rex-Sänger Mark Bolan  die *bestehenden Verhältnisse* ablehnt. Was sind die *b-bestehenden Verhältnisse?" fragte er sie. Dass immer noch Nazis rumlaufen, wie das alte Schwein neulich im Hofgarten. Dass die Reichen überall fett hocken auf Kosten der Armen, das scheiß Establishment eben.

Das Establishment war in Büderich zu erkennen, einem Stadtteil  von Düsseldorf-Meerbusch. Da gab es Villen mit gepflegten Vorgärten, Mietwohnungen, in denen die, die es sich leisten konnten, wie auch die Eltern von Gorkow, sich Einbauküchen gönnten und dann gab es die Altnazis, die immer noch da waren, überall, in der Politik und versteckt hinter ihren bürgerlichen Fassaden.  Das sind die Schweine, erzählte die Schwester ihrem kleinen Bruder, die Millionen Menschen auf dem Gewissen hatten und immer noch da seien. Das Establishment, das waren all die den Hals nicht voll kriegten.

 

Alexander war ein Träumer...Du musst in die Welt schauen nicht in den Himmel, sagte ihm die Schwester immer. Denn in den Himmel schaute er immer gern, er erwartete dort die Pyramide, die, die auf dem Cover der Floyds von Darkside of the Moon zu sehen ist. Wenn er sie sieht, die Pyramide, dann hat er Kontakt zu Pink Floyd.  Alexander sprach wenig. Er stotterte. Deswegen ging die Mutter mit beiden Kinder ins Krankenhaus. Die Schwester wurde zur Untersuchung in die Kardiologie abgeliefert, der Bruder zu Herrn Waltherspiel, dem Logopäden, der liebte die Dubliners und überhaupt die irische Kultur. Wenn die mal in der Philipshalle spielten, dann müsse er mit kommen, der Junge. Und er sollte das Atmen nicht vergessen. Atmen, sagte sich Alexander immer wieder, wenn die Situationen irgendwie schwierig oder nicht zu verstehen waren, in die er hinein geriet. Atmen. 

In der Schule musste er viel atmen. Und still sein. Es gab den Schläger Richard le Bron, der nicht nur ihn unterdrückte und schlug. Richard immer im Gefolge von Panzerfrank, der aber nichts machte, sondern immer nur Richard Le Bron zustimmte in seinen Aussagen. Richard nahm sich auch oft *Hubi* vor, den kleinen Mongo, der zu ihnen in die Klasse gekommen war. Er sollte sich gewöhnen, die anderen aber auch.  An ihn. Hubi liebte Demis Roussos.  Er hatte ihn live gesehen mit der Mutter. Er sang immer sein Lieblingslied: "Goodbey my Love Goodbye". Einfach so. In der Stunde oder dann, wenn es mulmig wurde. Die Le Brons gehörten zum Establishment, daher konnte er sich viel erlauben.  Herr Le Bron und sein Sohn Richard sowie Panzerfrank wiesen die typischen Merkmale des Establishments auf, Gier, Feigheit und Charakterlosigkeit.  Ganz sicher werde die RAF ihn holen. 

Der Vater war der Chef zu Hause. Im Büro war er auch Chef. Mittags kam er nach Hause. Dann las er die FAZ oder das Buch von Barzel - Gesichtspunkte eines Deutschen. Barzel ist ein Monster, erklärte ihm die Schwester. So ein Monster wie in dem Film  Die Nacht der reitenden Leichen dachte Alexander sich.  Den Film hatte er schon oft gesehen im Ortskino. Die Monster sind überall. Seine Fantasie hatte da keine Grenzen. Manchmal waren sie alle Monster, die Floyds, die Sweets, die Mothers of Invention, die aus den Gräbern des Friedhofs stiegen und nach kleinen Kindern oder Jungfrauen Ausschau hielten.  Dann hatte er Angst. Dennoch liebte er wie seine Schwester die Musik von den Floyds.

Was hören die Kinder denn da, fragte der Vater. Sie hören Pink Floyd sagte die Mutter. Der Vater hörte und sagte, die kommen vom Jazz, ganz klar. Er war Jazzer. Miles Davis.  Nein, das ist Rock sagte die Schwester. 

Abend hörte der Vater die Nachrichten im ZDF mit Herrn Klarner. Auf Herrn Klarner konnte man sich verlassen.  Man durfte ihn nicht stören. Ich schaue die Nachrichten, sagte er dann, jetzt hab ich nicht mitbekommen was Giscard will.  Und wenn Herr Glaner "Guten Abend meine Damen und Herren" sagte, sagte der Vater "Guten Abend Herr Klarner". 

Samstags sprühte der Vater Gift im Garten für die Rosen. Wenn der Vater sprühte lief der Fernseher. Dieter Thomas Heck. Was hören die Kinder denn da, schrie der Vater aus dem Garten ins Haus. Er raucht dabei seine Dunhill. Er raucht immer. Die Mutter auch. Überhaupt, es wird immer und überall geraucht. Jeder raucht. Sie schauen und hören Dieter Thomas Heck ist die Antwort. Heck ist der, der mit Nebelmann Heino gemeinsame Sache macht. Er erscheint erstmalig an diesem Samstag mit seiner fipsigen Stimme ohne Vorwarnung. Dünn, zugleich fleischig, stolziert er durch das Publikum, ein roter Kragen über dem braunen Anzug, oben das helle Gefieder, darunter die eigentliche bleiche Person mit der geschürzten Schnute. Er brüllt. Sie ist das allerschönste Kind, das man in Polen find... Anneliese ruft der Vater aus dem Garten, mach das aus.

Alexander fragt die Schwester ob Heino auch zum Establishment gehört. Natürlich sagte sie, als Nationalsozialist gehört er einwandfrei zum Establishment. Sie erklärt ihm, dass es sich bei Heino um einen Menschen handelt, der Wanderlieder singt und dabei alles abfackelt. Erst vor wenigen Jahren habe seinesgleichen Polen überfallen, ein anderes Land. Dabei habe sich Heino in ein junges Mädchen verguckt, nämlich das allerschönste Kind. Die Menschen in Deutschland haben sich Heino erarbeitet, sagt die Schwester, die Verbrechen der Nazis, Ausrottungen in Lagern, verbrannte Haut, ausgeschossene Augen, all dies ist das Werk Heinos und seiner Freunde. Sie haben endloses Leid über die Welt gebracht, nun laufen sie wieder frei herum. 

Ich würde am liebsten all die drolligsten und humorvollen Dialoge und Erzählungen des Romans auflisten. Ich habe teils so lachen müssen, so herrlich, aber das würde den Rahmen sprengen. Ihr sollt ja selber lesen. Bei all dem Humorigen schwebt aber auch eine gewisse Melancholie über der Erzählung. Die Schwester, die krank ist. Und man nicht weiß, wie lange sie es schafft. Die Ungewissheit, wie es mit Alexander weitergeht in seiner Laufbahn, weil er ja stottert. Zwischendurch kam die Idee auf, empfohlen von Herrn Waltherspiel, er soll auf die Waldorfschule. Waldorf kenne er nur vom Salat, den die Mutter immer für den Vater kauft.  Rudolf Steiner, sagt der Vater, der sich dann mit einem Buch über ihn beschäftigt, ist meschugge. Was soll der Junge tanzen und malen. Das kann er auch zuhause. Er werde sich Herrn Waltherspiel vorknöpfen und auch den Pfarrer, der seinen Sohn geschlagen hat. 

Woanders gibt es Pink Floyd. Und die hören sie. Wieder und wieder. Und nachdem sie ein Jahr lang *Wish you where here* gehört haben, halten sie endlich die Neuerscheinung *Dark side of the Moon* In der Hand. Der Vater legt sie auf den Plattenteller des Thorens. Die Schwester lehnt sich an den Bruder und der Vater wartet auf den Herzschlag, dann auf den Beginn von *Breathe* um die Lautstärke am Marantz zu justieren.  Die Schwester sagt wie immer - zu leise -. Und dann geht der Vater in den Garten und während Gilmour zum ersten Mal *breathe in the air* ruft, sieht man oben das Flugzeug vom nahen Düsseldorf-Lohausen  kommen, aber man hört es nicht, denn Gilmour und der Chor rufen * Listen son, said the man with the gun/There´s room for your inside. 

Am Ende gibt es einen Epilog von Gorkow, der erzählt, wie er Roger Waters dann später mehrmals interviewte. Er lebt jetzt in München. 

Während des Lesens habe ich natürlich alles von Pink Floyd gehört und mich daran erinnert, wie sie mir das Leben gerettet haben mit ihrer Musik. Wie ich sie auf meinem aufklappbaren Plattenspieler wieder und wieder gehört habe, auf dem Sofa liegend, mit meinem Hund neben mir, wenn ich nicht mit ihm nach der Schule irgendwo herumstromerte oder im Drops, einem Szenelokal in Köln damals herumlungerte. Pink Floyd hat mein ganzes Leben begleitet, mit ihnen verbinde ich so Vieles, meine Freunde, die nun fast alle verloren gegangen sind und auf deren Beerdigungen ebenfalls die Floyds spielten. Wish you where here oder Shine on you crazy diamonds bringen mich, egal wo ich sie höre und mit wem ich mich befinde, zum Weinen. So ist es.  Auch auf meiner werden sie spielen. Zum Abschied von dieser Welt. Das habe ich schon festgelegt. Natürlich gab es auch vieles anderes an Bands. Aber Floyds waren und sind für mich immer noch die Größten. 

Alexander Gorko

Die Kinder hören Pink Floyd

Kiepenheuer & Witsch 

ISBN: 978-3-462-05298-5

20,00 Euro

 

https://www.youtube.com/watch?v=B58zGah_yNU

https://www.youtube.com/watch?v=DPL_SV3n7IU

https://www.youtube.com/watch?v=cWGE9Gi0bB0

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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26. Februar 2021 5 26 /02 /Februar /2021 12:21

Wird man schlau geboren  oder wird man im Laufe seines Lebens schlau. Was kann Erziehung dazu beitragen, dass Kinder intelligent oder gar ein Genie werden? 

Mit diesen Fragen, mit denen sich Wissenschaftler immer wieder beschäftigen, wird man konfrontiert, wenn man diesen Debütroman von Klaus Cäsar Zehrer * Das Genie* liest.  Erwiesen haben Wissenschaftler in zahlreichen Untersuchungen, dass Intelligenz nur zu ca. 60% vererbbar ist.  Alles andere ist dann wohl doch Erziehung und Eigeninitiative. 

Ein erster Roman also und was für ein, für mich jedenfalls, Meisterwerk, dass ich verschlungen habe. Wie kommt man dazu, einen Roman über ein Genie zu schreiben. Dieses Genie, von dem hier die Rede sein wird, hat es tatsächlich gegeben. Sein Name ist William James Sidis. Noch nie gehört? Ich auch nicht. Vorher, vor dem Lesen dieses Buches. Zehrer ist eher zufällig auf ihn aufmerksam geworden. Er hatte sich mal im Internet so Listen angeschaut....*Die zehn Besten...die zehn Größten ... oder sonst wie Größten... Dabei bekam er einen Blick auf die Liste der zehn intelligentesten Menschen unserer Zeit. Darunter finden sich keine anderen, wie Einstein, Isaac Newton oder Leonardo da Vinci. Aber... jetzt kommt es. Auf Platz 1 dieser Liste steht kein anderer wie William James Sidis.  Geboren 1898 in New York City, verstorben 1944 in Boston, Sohn eines jüdischen Auswanderers nach den Pogromen in der Ukraine, dessen Lebensgeschichte kurz angerissen wird.   Platz 1.  Wahnsinn und Niemand, den ich gefragt hatte, kannte ihn. Und auch sonst wird er nie in irgendeinem Zusammenhang erwähnt. Wäre mir sicherlich aufgefallen.  Und auch Zehrer hatte nie zuvor von ihm gehört. Sein Intelligenzquotient wurde zwischen 250 und 300 geschätzt. 

Klar, dass er sich dachte, wenn dieser Mensch alle anderen, die den meisten Menschen geläufig und bekannt sind und mit deren Werke sich der ein oder andere schon beschäftigt hat, überflügelt hat, dann muss das eine äußerst interessante Geschichte sein, der er dann nachgegangen ist. In Deutschland gab es kaum etwas an Informationen über Sidis.  Auch in den USA war Sidis eher in Vergessenheit geraten. In den 70er Jahren dann, fast 30 Jahre nach seinem Tod, hatte man begonnen Material über ihn zu finden. Es gab sogar noch Zeitzeugen, wie Sidis jüngere Schwester, die Einiges über ihren Bruder erzählen konnte.  In den 80er Jahren dann wurde in den USA eine glaubwürdige Biografie über William James Sidis veröffentlicht. 

Und so werden wir in diesem Buch Zeuge wie der 1898 in New York City geborene William James Sidis  das Produkt einer Erziehungsmethode seiner Eltern, hauptsächlich initiiert von seinem Vater, dem Psychiater Boris Sidis, der sich nichts sehnlicher wünschte, als dass sein Sohn begabt war und ihn nach einer von ihm ausgearbeiteten Methode, die im Buch schlicht die *Sidis-Lernmethode* heißt, zum Hochbegabten wird. 

Wie das gegangen ist? Und wie ist sein Leben verlaufen? Begonnen hat die Sidis-Erziehungsmethode schon in der Wiege des kleinen Buben. Wenn Boris Sidis auf seinen da in der Wiege liegenden Sohn schaute, dachte er, eigentlich ist es egal, ob man Sohn oder Tochter hat, hauptsache gesund. In seinem Beruf begegnete er so vielen Defekten im menschlichen Sein, von leichten Nervenüberreizungen bis hin zu schwersten Gehirnschäden, so dass er sich nichts weiter wünschte als das größte Glück, ein von Krankheit verschontes, ganz normales Kind zu haben. Bei diesem Gedanken wiederum stutze er. Normal? fragte er sich. Normal, das war Durchschnitt, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Damit sollten sie sich zufrieden geben? Er dachte weiter, für alle, deren Talent auch nur um ein weniges über das Mindestmaß hinausragte, konnte Normalität nichts Erstrebenswertes sein. Sein Ehrgeiz musste in die andere Richtung gehen. Sie durften nicht nach unten schauen, auf die Masse, sondern hoch zu den Sternen. Ihre Aufgabe war es nicht, nach Normalität zu streben, sondern nach Vollkommenheit.  Vollkommenheit, das war für Boris Sidis ein großes strahlendes Wort. Danach strebte er. Und vollkommen sollte sein Sohn werden. Er sollte das vollkommene Leben führen.  Sein Sohn sollte eine starke und selbständige Persönlichkeit werden, die sich niemals von anderen herumkommandieren lässt, wie die breite Masse, die nur Marionetten sind und immer das tun, was andere von ihnen verlangen. 

Also begann er sein Konzept der Kindererziehung zu manifestieren. Denn Erziehung, so sagte er, ist die Hilfe von Erwachsenen für ihre Kinder, um ihre eigenen geistigen Fähigkeiten zu entwickeln. Und seltsamerweise war seine Beobachtung, dass Kinder zwar körperlich gediehen, wenn man ihnen vernünftige und gute Nahrung zuführte, jedoch um die Ernährung des Gehirns kümmerten sie sich seltsamerweise weniger. Seiner Meinung nach gab es einfach zu viele geistige Krüppel. Und so einen Geisteskrüppel sollte nicht sein Sohn sein. 

Man musste ihm, William, der als Kind nur *Bobby* genannt wurde, z.B. sofort mit korrekten Ausdrucksweisen konfrontieren.  Wie soll ein Kind fehlerfrei Sprache lernen, wenn man ihn anfangs mit Wörtern wie Dutzidutzi und Dingeling und Eiapopeia konfrontierte. Ein Hund heißt Hund und nicht wauwau. Er will auch nicht *Papa* von seinem Sohn genannt werden, sondern *Vater*. 

Boris Sidis, hängte alles Kitschige, Blumenbilder und andere Dekorationen von den Wänden ab und legte sie zusammen mit Vasen, Deckchen und Sträußchen in den Schrank.  Eine neutrale Atmosphäre sei wichtig, so sagte er seiner Frau Sarah. Ihr Sohn solle nicht von Fremdreizen abgelenkt werden. Er benutze Bildtafeln und sprach vor seinem Sohn laut aus, was auf ihnen zu sehen war: ein blaues Dreieck, zwei gelbe Kreise, drei grüne Quadrate usw... Mit einer Decke hängte er das Fenster zu: es ist dunkel, sagte er ihm, er nahm die Decke ab und sagte: es ist hell...Diese Vorgänge wiederholte  er immer und immer wieder. Das Gehör schulte er, nahm ein Glöckchen, läutete und sagte...das Geräusch kommt von links, dann hielt er das Glöckchen über den Wickeltisch und läutete, sagte dann, das Geräusch kommt von oben. Er trug alle Übungen, die er mit seinem Sohn machte, sorgfältig in ein Notizbuch und machte in der Spalte *Reaktionen* jeweils einen Strich.  Seiner Meinung nach war es wichtig, dass Kinder von Anfang an lernten mit Sinneseindrücken richtig umgehen zu lernen, sie unterscheiden zu können. Das Ergebnis sei, dass das Kind dann schneller als andere mit seinen Sinneswahrnehmungen etwas anfangen und sie früher für komplexere Aufgaben nutzen können. Sein Training verschaffe seinem Sohn einen Entwicklungsvorsprung, von dem er sein Leben lang profitieren werde. 

Ich will auch gar nicht alle Trainingsmethoden, Übungen usw... aufzählen, jedoch waren sie unglaublich vielschichtig und zeigten schnell ihre Wirkung.  In einem Alter, in dem Kinder mit Kinderbüchern konfrontiert werden, Kinderlieder gemeinsam mit den Eltern sangen wurden Bobby griechische Sagen vorgelesen. Boris Sidis, achtete immer darauf, dass alles das, was  er mit seinem Sohn und wie er es  tat, absolut spielerisch geschah. Er wollte keinen Druck ausüben. Erzieher oder Lehrer, die einem Kind Wissen mit dem Rohrstock einbläuen wollten, seien in seinen Augen Versager, weil es ihnen nicht gelingt, die Lust am Lernen zu wecken.

Jedoch, wie man dann nach einiger Zeit feststellen kann, litt der kleine Bobby schon früher unter dem Leistungsdruck, der auf ihn ausgeübt wurde. Er wollte natürlich wie alle Kinder seinen Eltern gefallen. Das war sein Antrieb einzig und allein.  Und er entsprach auch den Erwartungen seines Vaters. Für seine Eltern wurde er das Vorzeigeobjekt der Sidis-Lern-Methode, ein Wunderkind.  Wenn es Liebe zwischen ihm und den Eltern gab, bestand die nur darin, den Anforderungen zu genügen. Erfüllte er diese zeigte sich die Liebe im Stolz seiner Eltern, die jedoch, für mich jedenfalls beim Lesen des Buches, sich eher darauf bezog, dass der Vater eher stolz auf sich war, dass seine Lern-Methode den entsprechenden Erfolg zeigte, eher weniger auf den Sohn als Mensch bezogen. 

Bobby las mit 18 Monaten selbständig Zeitungen. Mit gerade mal 4 Jahren liest er Homer und Caesar im Original. Kurze Zeit später spricht er fließend Russisch, Französisch, Deutsch, Hebräisch , Türkisch, Armenisch sowie Vendergood, eine von ihm selbst, ähnlich wie Esperanto, erfundene Kunstsprache.  Zudem schrieb er schon Bücher.  Als er in die Grundschule eingeschult werden sollte, zeigten sich seine Eltern empört und die Lehrer wussten nichts mit diesem Wunderkind anzufangen. Er blieb einsam, ohne Freundschaften und absolvierte die sieben Grundschuljahre in sieben Monaten, die High School nach drei Monaten. Mit acht Jahren hatte er schon die Zugangsberechtigung zum Massachussets  Institut of Technology sowie zum Medizinischen Institut in Harvard in seinen Händen. Aber auch diese in den USA besten Eliteuniversitäten wussten nichts rechtes mit ihm, dem Hochbegabten,  anzufangen. Er wartete drei Jahre lang um endlich studieren zu können. Mit seinen 11 Jahren hielt er an der Harvard University einen Vortrag über die 4. Division, und das vor den seinerzeit hoch renommierten Professoren, die ihren Augen und Ohren nicht trauen wollten. Das machte er mit links wie wir zu sagen pflegen. In seiner Freizeit löste er mal eben so die Theorie von schwarzen Löchern. Wörtlich sagte er:

"Bei der Ausarbeitung meiner Theorien haben die Poleyderwinkel des Dodekaeder, die in zahlreichen Problemstellungen eine Rolle spielen, eine wertvolle Hilfe geleistet. Einige der Dinge, die ich über die vierte Dimension herausgefunden habe, werden zur Lösung vieler Probleme in der Ellipsengeometrie beitragen". 

Es klingt wie ein Märchen und scheinbar wie ein geglücktes Leben, wenn man mit einer solchen Intelligenz  gesegnet ist und einem im Grunde alle Türen offen stehen. Das Erziehungsexperiment seines Vaters, Boris Sidis, dem anerkannten Professor für Psychotherapie, der sich, wie wir auch lesen werden, heftigst dann mit Freuds Theorien befasst und sie nicht nur ablehnt, sondern auch bekämpft, was ihm zum Verhängnis wird in seiner eigenen beruflichen Karriere, ist zwar gelungen...aber...

Was ist aus dem Leben des Menschen William James Sidis geworden. Wie ist er mit all dem umgegangen. All das lesen wir auf 649 Seiten, hochspannend, mitreißend und vor allen Dingen mitfühlend. 

*Ich möchte ein perfektes Leben führen, sagte er. Das perfekte Leben aber lässt sich nur in Abgeschiedenheit führen".  Menschenmengen hat er immer gehasst. Auch die Journalisten, die ihn von jungen Jahren an verfolgen, ihn berühren, anschauen, über ihn schreiben wollen, immer neue Wunder von ihm verlangen, hasst er wie die Pest und muss sich vor ihnen verbergen. Diese Journalisten, die ihm dann am Ende das Leben schwer machen und gegen die er gerichtlich vorgeht, aber den kürzeren zieht. 

Man leidet mit ihm, dem Kind, dem jungen Mann und dann als erwachsenen Mann einfach mit. Denn er erwies sich in allen Bereichen des menschlichen Lebens, wo es auf eine andere Form von Intelligenz ankommt, nämlich der intuitiven, der Menschlichkeit, die er nie hat kennen lernen dürfen, weil ihm Liebe um seiner selbst willen, gefehlt hatte, als lebensunfähig. Welche Torturen er durchlitten hat, wie er damit umgegangen ist und was er tatsächlich aus seinem Leben mit all dem, was er konnte, wusste, wozu er fähig war, gemacht hat, aber das will ich nicht verraten, all das lesen wir und es machte mich sprachlos.

William James Sidis, ein Genie, ein Wunderkind, dessen Intelligenzquotient nie wieder von irgendeinem anderen  Menschen erreicht wurde, starb 1944 an einer Gehirnblutung. 

Worauf kommt es im Leben an? Was ist wirklich wichtig. Wie geht man in der Erziehung seiner Kinder heran, ohne Druck und Leistungszwang auszuüben. Aber vor allen Dingen, wie schafft man es, seine Kinder zu klugen und selbständig denkenden Menschen heranzuziehen, die es schaffen ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, ohne sich den Massen gleichzustellen und eigenständig zu bleiben, aber auch ohne einsam zu sein und die für sie richtigen Menschen an ihrer Seite zu haben. Aber auch Fragen über das Bildungssystem kann man stellen, die man nicht ohnehin sich schon immer mal gestellt hat, wenn man dabei zuschauen konnte, was in Schulen und Universitäten so abläuft. 

 

Und ja...je mehr der Mensch kann und weiß, bedeutet nicht immer, glücklicher zu sein. Vieles kann sich mit Wissen oder mit Geld nicht erkauft werden. Liebevolles Miteinander, Empathievermögen , Freundschaften, Tatkräftigkeit und der Freude am eigenen Sein, das sind meines Erachtens die Juwelen für das eigene Leben. 

In Köln pflegen wir ja zu sagen...de Hauptsache is, dat Hätz is jood... da ist was dran... wobei ich eine Mischung aus allem, klug sein und einen freundlichen Blick auf das Leben in der Welt und das Gegenüber als gelungen betrachten würde.

Ich lege dieses Buch wirklich ans Herz all derer, die gerne lesen und dabei viel mitnehmen möchten und Anregung zum eigenen Nachdenken erleben wollen. 

 

Klaus Cäsar Zehrer 

Das Genie

Diogenes Taschenbuch 

ISBN: 978-3-257-24473-1

14,00 Euro 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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17. Februar 2021 3 17 /02 /Februar /2021 13:46

Da ich die letzten Tage immer mal wieder in einem Buch von Arno Gruen gelesen habe, möchte ich heute meine geneigten Leser auf diesen von mir geschätzten Psychoanalytiker, der leider am 20. Oktober 2015 im Alter von 92 Jahren verstorben ist, aufmerksam machen.  Für mich war er einer der wichtigsten Menschen, die unserer Welt etwas zu sagen hatte. Leider wurde er von den Medien, nach meiner Beobachtung, kaum beachtet. Selber war er kein Mensch, der sich aufgedrängt hat. Er betrieb seine Wissenschaft, schrieb seine Bücher, darin sagte er alles, was er zu sagen hatte zum menschlichen Sein in der Gesellschaft. 

Arno Gruen ist für mich also nicht irgendwer. Er ist der Autor von Büchern wie "Der Verrat am Selbst", "Der Wahnsinn der Normalität" oder "Der Verlust des Mitgefühls". Es sind diese Bücher, die ich immer wieder gelesen habe und lesen werde und deren Gedankenwelt mich seit Jahren beschäftigen. 

Wenn man versucht, diesen Arzt, Wissenschaftler und Schriftsteller mit ganz wenigen Worten zu charakterisieren, so verfällt man auf die Aussage, dass Arno Gruen im Wesentlichen zwei verschiedene Existenzweisen des Menschen sieht. Die erste steht im Zeichen der Macht, ist von Beherrschung und Kontrolle, von Abstraktion, von Stärke, von Erfolg im Wettbewerb geprägt. Die zweite Existenzweise basiert auf Liebe, auf Mitgefühl, auf Zärtlichkeit und auf dem Begriff einer Autonomie, der nichts mit der Behauptung der eigenen Wichtigkeit und Unverletzlichkeit zu tun hat, sondern der eine nicht entfremdete Harmonie mit dem eigenen Selbst zum Ausdruck bringt. Diesem Selbst sind Erfahrungen der Schwäche, der Hilflosigkeit, der Angst und des Schmerzes nicht fremd und verhasst, sondern als unvermeidliche Bestandteile des menschlichen Lebens wohl vertraut. Überflüssig zu sagen, dass Arno Gruen ein unermüdlicher Verfechter der zuletzt genannten Orientierung ist. 

Arno Gruen ging es nie um Gefühlsduselei. Und man glaubt es ihm einfach, diesem Menschen, der als kleiner Junge mit seiner Familie aus dem Hitler-Staat in die USA geflüchtet ist. Wenn man ihn an einem Rednerpult oder in einem Video zuschaut, kann man erkennen, dass er in jedem Augenblick den Ernst und die Sorgfalt eines Wissenschaftlers ausstrahlt. Der auf jegliche Show-Elemente verzichtet, der nicht einmal zur Auflockerung ein Witzchen einstreut. Das ist man nicht gewöhnt. Es handelte sich um einen Redenden oder Gesprächspartner, der sich keinerlei Sorgen um seinen "Marktwert" zu machen schien. Er wirkt glaubwürdig, die sachliche, fast demütige Form seines Auftritts korrespondiert vollkommen mit den Inhalten, die er teilweise schon seit Jahrzehnten zu vermitteln sucht. Man bemerkt mit einer Mischung aus Erstaunen und Dankbarkeit, dass in einem akademischen Umfeld plötzlich wieder Begriffe wie Liebe und Einfühlungsvermögen eine bedeutsame Rolle spielen. Welche angeblichen kritischen Geister in Deutschland haben es nach den 60er Jahren noch gewagt, sich in einer solchen Art und Weise zu äußern? 

Arno Gruen ist jedoch kein Ideologe, der da vorliest, keiner, der Realitäten setzen will. Sondern jemand, dem es in seinem ganzen Leben darum zu tun war, der menschlichen Wirklichkeit nachzuspüren. Sein Ausgangspunkt ist das Individuum, das er nicht vollständig von den Zwängen und Eigengesetzlichkeiten des Systems bestimmt sieht und dessen Wollen ein sehr persönliches Geheimnis sein soll. Die größte Gefahr für den Einzelnen sieht Arno Gruen in verzerrten und reduzierten Realitätsbegriffen, die nicht selten manipulativ und wie eine Waffe eingesetzt werden  - zum Beispiel von Erziehern. Wenn angepasste Menschen gern von freier Entscheidung oder von Eigeninitiative reden, sieht Arno Gruen häufig nur Gehorsamsakte, mit denen eine allgegenwärtige Angst beschwichtigt werden soll. Die Angst davor, den Leistungserwartungen nicht zu genügen, die Angst vor dem Versagen. Um Ängsten und Gefühlen der Schwäche aus dem Weg zu gehen, findet häufig eine Identifikation mit der Welt der Macht statt. Man halluziniert eine Teilhabe an der Macht und sucht Linderung seiner Leiden ausgerechnet bei denen, die einen überhaupt erst zum Leiden brachten. Stattdessen empfiehlt Arno Gruen der eigenen menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit zu vertrauen und davon ausgehend immer wieder neue Lebenserfahrungen zu machen. 

Arno Gruen war eng mit Henry Miller befreundet und wurde nach eigener Aussage stark von diesem beeinflusst. Von Miller stammt das Zitat: "Arno Gruen ist der erste Psychologe, der von Nietzsche geschätzt worden wäre". Dieses Urteil erscheint zunächst überraschend: Nietzsche hatte doch einerseits eine ausgeprägte Abneigung gegen Schwäche, und andererseits nahm für ihn das Streben nach Machterweiterung fast den Rang eines Naturgesetzes ein. Berührungspunkte der beiden sehe ich jedoch in der Hochschätzung von Individuum, Authentizität und Lebendigkeit. 

Es fällt leicht Arnos Gruens Gedanken zu folgen in seinen Büchern oder in seinen Gesprächen. Doch immer mal wieder drängte sich mir die Frage auf, ob der ganze Betrieb der Welt von seinen Thesen Kenntnis nimmt. Wohl nur Wenige, wenn man sich darauf bezieht, wie wenig er von der Medienwelt beachtet wurde. Doch ist es jetzt fast 6 Jahre nach seinem Tod immer möglich, sich mit diesen auseinanderzusetzen und seine Bücher zu lesen, und  Gesprächen, die man bei you tube oder anderen Medien findet, zu lauschen. Es lohnt sich. Jedesmal wenn ich in eines seiner Bücher schaue oder mir etwas anhöre, kommt mir der Gedanke, gibt es noch Hoffnung? 

 

Der Verrat am Selbst, Arno Gruen .... https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13514175.html

Der Wahnsinn der Normalität, Realismus als Krankheit, Arno Gruen  

Der Verlust des Mitgefühls, über die Politik der Gleichgültigkeit

 Das Lesen lohnt sich, sowie alle von ihm erschienenen Bücher. 

https://de.wikipedia.org/wiki/Arno_Gruen

https://www.deutschlandfunkkultur.de/nachruf-auf-arno-gruen-vordenker-einer-politik-des.1013.de.html?dram:article_id=334815

https://www.deutschlandfunkkultur.de/zum-tod-von-arno-gruen-warum-sind-wir-so-gerne-gehorsam.970.de.html?dram:article_id=304094

 

 

 

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