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19. Juli 2017 3 19 /07 /Juli /2017 15:10
Ich werde früh wach wie immer. Auf das Dachlukenfestern tanzen die Regentropfen. Hoffentlich nicht heute den ganzen Tag mein erster Gedanke. Vielleicht klopft ja auch der, den ich so mag mit den Tropfen an mein Fenster. Ach, dann soll es weiter regnen, das wär mir egal. Draussen ist es grau in grau, aber meine Welt in mir ist bunt. Freude macht das Leben bunter. Leg mich noch mal hin und träume. Träumen kann so herrlich sein. Blicke mich im Zimmer um. Eigentlich alles schon entdeckt, gestern, dachte ich. Manchmal gibt es in Räumlichkeiten doch noch klitzekleine Dinge zu entdecken, die übersehen wurden. Da, auf meinem Nachtischchen steht eine Vase mit Kunstblumen. Herjeh...Wer findet denn so was schön. Ich nicht jedenfalls. Find die superhäßlich. Gab es nicht mal eine Zeit, in den 60ern, da war das angesagt? Also, nix gegen Nierentische, Schalensessel und Neonfarben, schrill und schräg, aber Kunstblumen, ne, das geht mir dann doch zu weit. Wozu stellt Jemand so was in ein Zimmer, heute, frag ich mich. Dann doch lieber gar nix. Vor allen Dingen, wenn der Inhaber des Zimmers, der Pension, ein Naturliebhaber ist und gerade in diesem Moment in den Bergen des Himalayas wandert, klettert oder sonst was macht. Komisch.
 
Jedenfalls, ich glaube nicht so richtig, dass es die Liebe zur Pflanzenwelt ist, die ihn daran hindert Frischblumen in ein Väschen zu stellen. Eher eine kleine lieblose Gleichgültigkeit. Empfinde das so. Schaut einfach nach nix aus. Leer. Ich liebe frische Blumen. Muss nicht die ganze Wohgnung voll davon sein. So ein kleiner Strauß auf dem Tisch, der Jahreszeit gemäß, erwärmt mein Herz jedenfalls. Es gibt auch Leuts, die jammern über abgeschnittenes Blumenwerk. Bei ihrem Anblick. Versteh ich nu nicht. Die selben Leuts jammern nicht, wenn ihnen ein geliebter Mensch stirbt oder es ihm schlecht geht. Da komm ich einfach nicht mit. Was soll´s, ist ja nicht mein Gefühlsleben. Jeder ist auf seine eigene Art komisch.
 
Frühstückshunger meldet sich. Das vegane Mettbrötchen vom Abend hat nicht lang vorgehalten. Unten im Frühstücksraum sind einige Tische gedeckt. Also, biste doch nicht allein hier Roeschen, obwohl ich Niemanden hörte oder anderswie wahrgenommen habe. Finde die Frau, die das alles managet, Frühstück und Räumlichkeiten, mit allem, was dazu gehört. Sympathisch ist sie. Kommt aus Berlin. Merke sofort, die Sympathie ist beidseitig, denn wir kommen sofort ins Gespräch. Frauen sind doch offener was das Erzählen über das Leben angeht. Besonders, wenn sich nicht gut gekannt wird. Einem neutralen Menschen etwas zu erzählen hat ein eigenes Geschmäckle. Du weißt genau, du siehst ihn nie wieder und er kann nichts gegen dich verwenden, ebenso umgekehrt.
 
Hat ne Trennung hinter sich, die sympathische Frau, wohl etwas jünger als wie ich. Wollte dann räumlichen Abstand und ist nach Leipzig gegangen. Räumlichkeit verschafft Abstand, das kann schon helfen, besser zu verarbeiten. Ich kann das bestätigen. War ja auch mein Weg, damals, vor Jahren, als ich mich in Frankfurt niederließ. Es war nicht einfach, sagt sie. Nun geht auch sie, wie ich, allein durchs Leben. Fühlt sich aber gut und in Ordnung an.
Gibt es gute und warmherzige Worte zwischen Menschen, schmeckt das Essen gleich viel besser, auch wenn es nix Besonderes ist. Satt macht dann doch Beides. Ob auch andere Gästen touristisch hier seien frag ich sie. Gemischt sei es, die einen kommen um Leipzig zu besuchen, die anderen, Monteure, kommen dann hier unter. Trinke meinen Kaffee, rauche meine Frühstückszigarette und mache mich auf den Weg in die Innenstadt. Will zu Fuß. Das ist aber weit, sagt sie, die Frau. Macht nix, ich hab ja erstens Zeit, zweitens  seh ich doch viel mehr. Immer wieder staune ich, dass zu Fuß gehen heute eine Sensation ist. Meistens siegt die Faulheit bei den Menschen. Ist so. Bequemlichkeit.
 
Der Mensch braucht Haltung, für das Leben, durch das er schreitet. Haltung haben heiß nix anderes, als zu dem, was man will und tut, zu stehen, und zwar nicht nur für einen Moment, weil irgendwas gerade angesagt ist und man sich gern in die Reihen der anderen stellt, sondern auch dann, wenn man allein damit steht. Meinungen findet man oft, aber die ändern sich ja stetig, wie der Wind gerade weht und dann ists meistens ja nicht mal die eigene. Egal, ich lauf los, genug der Gedanken in diese Richtung.
 
Es nieselt noch immer und die Luft kühl und frisch, fast schon herbstlich. Vor mir auf dem Boden liegend, schon braungefärbte Blätter, liegen da, wie bestätigend, dass dieser Sommer nicht so richtig Sommer ist. Laufe wieder den Weg vom gestrigen Abend, Connewitz, Richtung ganze südliche Vorstadt, die in den Innenstadtbereich führt. Finde alle meine gestrigen Eindrücke bestätigt. Es herrscht zwar etwas mehr Autoverkehr, aber ansonsten sind  Menschen, die die Strassen bevölkern, eher seltener anzutreffen.
 
Nachdem ich Connewitz hinter mir gelassen habe, komme ich an den Karli, wie die Leipziger liebevoll sagen, genauer gesagt, die Karl-Liebknecht Strasse, die sich hineinzieht in die City. Hier macht es richtig Spaß entlang zu flanieren. Kleine Geschäfte, Cafes, die hübsch anzusehen sind. Da macht es noch Freude, die Auslagen zu bestaunen. Hier gibt es keinen Pofel, der den Menschen ausgeteilt wird. Hier hat Kreatives und Indivudelles seinen Platz erobert. Komme an einen riesigen verschrobenen alten Plattenladen, der mein Herz frohlocken läßt. Hier kann ich stöbern, hier kann ich sein. Kauf aber nix, genug ist genug, Reisekosten, Konzertkarte und die Unterbringung. Auch bei den Klamottenläden staune und bewundere ich, ich muss ja nicht alles haben. Kleine schnuckelige Schnickschnackgeschäfte mit indischem oder asiatischen Devotionalien, Räucherwerk und anderem, Dampfläden für die nicht mehr richtigen Raucher, alles schön sortiert und ausgestellt. Macht Laune. Heutzutage ja nur noch selten zu finden in den gleichgestalteten Shoppingmeilen der Großstädte in denen gleichgeschaltete Menschen sich den Pofel zuteilen lassen, damit sie wie die anderen aussehen und sind. Unfiform gleich. Ist auch bequem nicht selber denken.
 
Komme an einem hübschen Cafe vorbei. Draussen sitzt Niemand. Es tröpfelt immer noch. Ich hab ja meine Mütze an, macht also nix. Will eigentlich nicht rein, doch fällt mein Blick auf das Namensschild des selben. Steh da: Hotel Seeblick! Hihi, denk ich. Geh mit nem Fragezeichen im Kopf weiter, aber nur ein Stück. Miss Marple, so nennt man mich auch, muss es jetzt wissen. Geh also wieder zurück, geh rein und frage, wieso? Hotel Seelblick. Dieser Name an einer großen Strasse mit Häuserzeile gegenüber. Ach, sagt sie, die Bedienung, einfach so, weil erstens, ist das hier kein Hotel, zweitens gibts auch keinen See. Lustig und schräg. Coole Idee. Hätte ja sein können, Ihr wißt schon vor drölfhundert Jahren hatte es hier mal, See und so. Sie will mir einen Kaffee anbieten, aber ich brauch jetzt keine koffeinhaltige Stimulation.Später dann. Wünsche noch einen guten Tag und zieh meines Weges weiter. Also, ich will mal was sagen, das hab ich schon im vorigen Jahr auf meiner Radtour Frankfurt-Berlin erfahren, die Leuts sind alle unglaublich freundlich. So freundlich, dass es schon ungewohnt ist für einen Großstädter der angenervte Leute da anzutreffen pflegt, wo eigentlich Dienstleistung sichtbar sein sollte. Lustlosigkeit und Abgespanntheit sind viel mehr die Tragsäulen des einsam dahinrotierenden Angestellten in Verkaufsläden. Ist so. Könnte ich Bücher drüber schreiben.
 
Die Geschäfte haben oft sehr einfalssreiche Namen, wie *Wörtersee* für eine Buchhandlung  *Unikaterie* für hübsch anzusehen und selbst geschneiderte schöne Frauensachen oder Sprachwohnzimmer für eine kleine Sprachschule. Gefallen hat mir auch der Spruch eines kleinen Geschäftes für Büromöbel, vorwiegend Schreibtische. Dort fand ich: "Der Schreibtisch, ein Ort, an dem sich die Welt entscheidet". Sehr schön und viel Wahrheit dran.
 
Erfrischend auch das nicht der Lebensmittelkonzern mit den vier Buchstaben seine Domizile hier errichtet hat. Gibts zwar schon, jedoch nur vereinzelt. Gut so. Find sowieso merkwürdig, dass das möglich ist und dass die dafür zuständige Behörde nicht endlich mal Einhalt gebietet. Hier gibt es noch Einkaufsparadiese, die *Konsum* heißen. Konsum, ein lustiger Name, erinnert mich auch zugleich an meine Kinderomazeit, als ich mit Oma in den naheliegenden Konsummarkt ging und schon voller freudiger Erwartung war, dass es an der Kasse nach dem Bezahlen anstatt für Pfennige immer ein paar buntleuchtender Bonbons gab. Süßigkeiten, damals, waren doch eher selten, in die ich in Genuß kam. Und ich hab die ewig gelutscht, diese sauer-süß schmeckenden Köstlichkeitzen, die das Leben, wohlgemerkt das Kinderleben so reich machten.
 
Nach ca. 7 km Fussmarsch von meiner Pension aus, gelange ich endlich in die Innenstadt. Sie präsentiert sich ebenso wie die Vororte in gross und weit angelegten Plätzen, breiten Strassen und wenig Menschen. Kaum zu glauben. Ich flaniere durch die Straßen, entdecke kleine Passagen in den Straßen, erinnert mich ein wenig an Paris. In diesen Passagen wiederum hübsche kleine Lokalitäten oder Lädchen. Herrlich. Wirkt alles so beschaulich und gemütlich. Ich mache ein Foto nach dem anderen. Will mitnehmen, die bildhaften Eindrücke. Immer wieder auch kleine Parks und Grünflächen, teils sind sie zwar verwildert, das hat aber auch seinen Reiz. Mir gefällt das, muß nicht immer alles so wohlfeil geordnet und zurecht gestutzt sein. Wo der deutsche Ordnungssinn uns schon überall hingeführt hat, wissen wir ja und da krieg ich immer das Schaudern. Auch im privaten häuslichen Rahmen ist er manchmal schon eine fast trostlose, gar beängstigende Angelegenheit. Denk dann immer, auweia, wenn die Fassade mal bröckelt.Dann lieber so und gut ist.
 
Jetzt soll ein kleines zweites Frühstück her, erstmal. Finde auch ein recht hübsches, fast schräg gegenüber von der Niccolaikirche, an einem Platz, der weite Aussicht hat und mach es mir unter einem großen Schirm gemütlich. Ingwertee, der durchwärmt, Müsli, das den Bauch füllt. Da sitz ich wieder und gucke doof in die Welt hinein, staune, freue mich an allem. Und was soll ich sagen:
 
Da sitzt er plötzlich neben mir, so wie ich, verträumt um sich schauend. Der olle Brian Setzer himself. Schaut zu mir herüber, ich zu ihm. Sage, nice to see you. Come from Cologne to see you und admire her great guitar playing. Wow. Er lächelt ein wenig geschmeichelt, aber freut sich. Ich wußte einfach, dass er ein cooler Typ ist. Er kommt zu mir an den Tisch und erzählt von den Erlebnissen seiner Tour, fragt mich, ob Rockabilly in Deutschland noch ein Thema ist. Klar sag ich ihm, es gibt Festivals und coole Bands, die ihn pflegen. Da freut er sich. Und sage ihm, das sicher alle, so wie ich, die ihn leider noch nie live gesehen habe, voller Erwartung und Vorfreude auf das Konzert heute Abend sind. Er erzählt noch ein wenig aus dem Vorleben seiner Jugendjahre und den wilden Zeiten. Ruhiger sei er geworden, aber der Rock´n Roll ist immer noch voll da und das werd ich ja dann auch am Abend erleben dürfen. Dann verabschiedet er sich und sagt, seine Leuts warten, Soundchecks und so. Alles klar, er gibt mir einen Kuß auf meine Wange und sagt, very nice und geht.
 
Ach herrlich...Ich schaue ihm nach und ja, Ihr habt es Euch sicherlich gedacht...Alles nur ein Traum, hihi. Aber ein schöner Röschen-Traum. Wohl einfach dahergekommen. Wahrscheinlich, weil die beiden Ehepaare an meinem Nebentisch einfach nur schrecklich anzusehen und anzuhören waren. Ich bin son Typ. Von doofen Sachen träum ich mich einfach weg. Ich kann das wie nix. Aber ewig kann der Mensch ja nicht träumen. Irgendwann muss er sich der Realität stellen. Und das sind nun mal diese beiden Ehepaare, die ich noch eine Weile beobachte aus den Augenwinkeln und ihren Gesprächen ungewollter Weise zuhören muß. Die sind so Mitte 60 wohl. Die Frauen unscheinbar adrett-nett gekleidet, Haare kurz und zweckmäßig, Birkenstock an den Füßen, Brille und verkniffenem Mund dasitzend. Die Herren immer wieder zurückkehrend zu des Mannes Lieblingsthema, das Auto. Klar, was sonst. Die Frauen blicken derweil stumm um sich, gelangweilt. Die Herren übrigens auch zweckmässig in Jeans und Turnschuhen mit Freizeithemd und Freizeitblick.
 
Also ich kann mich dessen oft nicht erwehren, darüber nachzudenken, was solche Ehepaare noch verbindet. Ehrlich. Ich kann da nix für. So wie die da sitzen und eher gelangweilt dreinschauen und versuchen das Gemeinsame zu schaffen, das aber doch scheinbar nicht die Nähe gibt, die sie sich vielleicht wünschen. Was führen die wohl für eine Ehe nach langer Zeit. Haben die noch Verlangen aneinander? Auweia...ich will das jetzt gar nicht vertiefen, aber ist halt so, dass ich es manchmal denke, bei einigen. Ist ja auch nicht immer so. Weiß jetzt auch nicht, ob ich mich dieser Gedanken schämen muss.
 
Ich gehe mal einfach weiter, gedacht und getan. Geh mal zur Thomaskirche und bestaune das Wunderwerk der neuen Bachorgel. Würd sie gern mal anhören, aber zu dieser Zeit geht da nix. Auf dem großen Platz vor der Thomaskirche gibt es eine Ausstellung. Dort findet man ausgestellt große jüdische Sportler, die maßgebend waren für die Entwicklung des Sports in Deutschland. Diese Ausstellung soll sie nachhaltig würdigen, auch weil sie zum großen Teil im Nationalsozialimsus, verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Unter ihnen finde ich auch Emanuel Lasker, einer der größten Schachspieler aller Zeiten. Muss sagen, viele andere darunter waren mir kein Begriff. Es war daher interessant dort ein wenig zu stöbern.
 
Das Bachmuseum hätte ich ebenso gern besucht, da es Montag ist, was ich zuerst gar nicht so im Kopf hatte, entdeckte ich vor der Türe erst, war es leider geschlossen, wie alle Museen in ganz Europa. Kann sich eigentlich gut gemerkt werden.
 
Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, genug Seightseeing. Ich wollte mich nun mal schon langsam auf den Weg zur Parkbühne machen. Da das Wetter mittlerweile regnerisch beruhigt war, kam mir der Gedanke in dem Park einfach zu warten. Vielleicht bekomme ich was vom Soundchek mit. Gedacht, also getan. Ungefähr die Richtung kannte ich. Aber irgendwie habe ich mich dann doch verlaufen. Passiert halt. Sehe da zwei Männer mit ner Karte herumschlendern, dachte, sprichst die mal an. Mach ich auch. In diesem Falle zögere ich dann nicht lange. Wohin ich wöllte, fragen sie mich. Parkbühne! Ahhh Brian Setzer, da wollen wir auch hin. Cool sagte ich. Da sie jedoch nicht direkt, meinten, sei doch noch viel zu früh, ich aber, ich will halt schon gucken, erklärten sie mir den Weg ihres Wissens nach. Herausgestellt hat sich im Nachhinein, der war total falsch. So sinds die Leuts, meinen etwas zu wissen, was sie doch nicht wissen. Kann man auch auf jeden Lebensbereich anwenden, diese Erkenntnis. Aber ich bin ja nicht doof, auch wenn ich mal doof in die Welt gucke, ich finde meinen Weg immer, selbst im fernsten Hindukusch. Ich frag dann eifnach weiter und irgendeine Antwort wird dann schon stimmen. Hats auch am Ende. Hat gar nicht so lang gedauert. Da find ich den Park. Schön ists, von weitem hör ich tatsächlich schon nen kleinen Soundcheck. Krieg ich Gänsehaut. Man, was freu ich mich auf den Abend.
 
Es gibt verschiedene gemütliche Lokalitäten, in denen ich mir einen Platz suche und mir ein kleines Eis genehmige. Sitze da, schaue, schreibe in mein Tagebuch und da kommen die beiden Herren vom Mittag auch angewatschelt. Entschuldigen sich gleich vielmals, dass es der falsche Weg gewesen sei, den sie mir gezeigt haben. Macht nix, ich bin ja da und ihr auch. Die zwei setzen sich zu mir und wir teilen ein wenig unsere Vorfreude und unsere Leidenschaft für Brian. Die beiden sind echt lustig, Gitarrenfreaks auch. Haben einige zuhause, u.a. hatten sie sich erst am vergangenen Samstag eine Gretschgitarre, wie auch Brian sie spielt, in Hannover in einem exclusiven Gitarrenhandelt gekauft. Sagen aber, sie spielten zwar, jedoch stümperhaft. Tja, was soll man auch sonst sagen angesichts der Gitrrenkünste vom ollen Brian sagen. Ein Songtextheft vom Brian hatte einer auch mitgebracht und hoffte, dass er am Abend nach dem Konzert seine Unterschrift gäbe. Die Beiden waren auch hin- und weg. Waren absolute 50er-Jahre-Freaks. Und dann war es endlich soweit. Einlaß. Vor dem Eingang standen einige Besucher, die wohl noch Karten wollten. Ich habe das gar nicht so mitbekommen, jedenfalls, es war ausverkauft, als ich dann später erfuhr und es mussten einige draussen bleiben. Aber hören konnte man überall gut. Es war eine kleine Bühne mit Fassungsvermögen von ca. 1000  Leuten. Hat mich ein wenig an den Palmengarten in Frankfurt erinnert, wo ich ebenfalls einmal die legendären Omer & The Howlers bewundern durfte. Im Gegensatz zu Brian jedoch, war der damals nicht so richtig in Spiellaune. Hat eher so ein wenig akurat und geschäftlich seinen Auftritt damals abgerissen. Dennoch war er natürlich gut. Aber ein Brian in Spiellaune ist da schon was anderes. Jedenfalls, das durfte ich zwei Stunden später dann erfahren, hören und sehen, so daß mir buchstäblich Hören und Sehen verging. Wahnsinn.
 
Beim Leutegucken entdecke ich auch ein paar irre fein gekleidete Rockabillyladys- und herren. Ein echter Hingucker und Highlight. Mache ein paar Fotos von ihnen, was sie gern zulassen, denn, wer sich so fein herausputzt, der will ja auch festgehalten werden. Schöne Klamotten einfach.
 
Die Vorband, Miss Mary Ann, zwar weichgespült, aber machten gut Stimmung als Vorprogramm.  Aber dann...aber dann kam er..und alles war wie im Taumel, jedenfalls ich. 58 Jahre ist er nun alt der olle Brian, aber noch frisch wie ein Jungstar. Er rockte und wirbelte über die Bühne, wechselte seine Gitarren wie andere Leuts Hemden und zeigte was er drauf hatte. Ganz sicher hat er ab und an ein wenig mit seinem Können kokettiert. Er wollts halt mal richtig zeigen. Na und..Soll er doch. Mir gefiel das. Finds herrlich wenn die älteren Herren noch mal zeigen, was abgeht und was sie beherrschen. Warum denn auch nicht. Die Zuschauer tobten und tatsächlich wie von mir erträumt fragte Brian doch einmal das Publikum, Deutschland mag Rockabilly oder? Alles brüllte, war eigentlich nicht nötig, denn man sah es. Die Fans gingen ab wie nur was, es wurde getanzt und enthusiastisch mitgesungen zum Teil und immer wieder Sympathiebekundungen für Brian, aber auch für seine Band, die hervorragend spielte. Der Schlagzeuger arbeitete wie jeck, man sah es ihm an und haute die Beats raus wie nur was. Brian spielte Brandbreite, nicht nur die Rockabilly Riot Songs sondern auch die  alten  Stray Cats Sachen. Natürlich Stray Cats Strut, Rumble, wer konnt e da noch still stehen bleiben. Ich jedenfalls nicht. Und das alles so virtuos, dennoch spielerisch mit Freuden. Ja, man sah dem ollen Brian seine Spiellaune einfach an. Er sah dass er vom Publikum eine Antwort bekam, in dem es mitging, sich über jeden Song freute und seine generöse Art und Weise die Gitarren zum Klingen zu bringen euphorisch feierte. Was für ein Gitarrensound da erschallte an diesem Abend, das ist doch live noch mal anders als wie auf einer Schallplatte. Und ihm dabei zu sehen, wie er da sich nach einer halben Stunde von seinem Nadelstreifenjacket verabschieden musste, aber im weißen Hemd nicht genau so toll aussah, wie mit, ließ mich fast an Teenagerzeiten des ohnmächtig werdens erinnern. Nein, nein, so schlimm wars bei mir nun nicht, aber ich war selbstvergessen, hin- und weg, einfach nur mich noch taumelnd fühlend. Man, dachte ich, vielleicht war das das nicht nur das erste sondern auch das letzte Mal dass ich ihn live erleben durfte. Weiß mans. Jedenfalls, so ich könnte, selbst mit Rollator, würd ich hin. Das ist doch wohl mal klar.
 
Fast 2 Stunden dauerte sein Auftritt. Und ich glaube ja, er hätte auch noch weitergespielt, wenn es da nicht die Zeitbeschränkung wegen der umstehenden Wohnhäuser gegeben hätte. Das war im Palmengarten auch immer so. Spätestens ab 22.oo Uhr musste schluss sein. Kann ich ja auch verstehen, dennoch war es so traurig. Zwei Zugaben gab es. Sleepwalk..einfach nur herrlich, wie er dann bei der vorletzten Zugabe in seinem chwarzen Riot-t-shirt da saß und es einfach hin zauberte. Oh man, ich war den Tränen nah, ehrlich, isch schwöre, es war einfach nicht zu beschreiben, dieser Moment. Er hätte das Ewigkeiten weiterspielen können, mir wär nicht langweilig davon geworden. Man ich bin so verrückt, ich glaub es selber manchmal kaum. Aber es kam wie es nun mal kommen musste. Die Bandmitglieder kamen ebenfalls nochmal auf die Bühne und spielten Rock his town. Rock Leipzig, Rock das Leben, Rock die Welt. Yeah Rockn´Roll ist die Revolution immer noch. Man muss sich nur davon erfassen lassen.
 
Hach ne, Rock his town im Ohr so ging ich in den dunklen Park. Fand meine zwei Herren wieder, die mich freundlicherweise bis zur Innenstadt begleiteten, damit ich nicht allein durch die fremde Stadt spazieren musste. Ich fand das sehr nett. In einer Pizzeria fragte ich, ob man mir ein Taxi rufen könne, was sie auch freundlich und bereitwillig taten. Wunderbar! Ein wunderbarer Brian-Setzer Abend. Unvergeßlich! Aber auch eine schöne Begegnung mit der Stadt Leipzig. Ich werde Beides gut in Erinenrung behalten.
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Published by Fernweh - in konzerte
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19. Juli 2017 3 19 /07 /Juli /2017 10:27
Es ist Sonntagmorgen. Endlich! Seit Wochen freue ich mich auf diesen Tag. Brian Setzer. Niemals hab ich ihn live erleben können, jetzt war es endlich soweit. Sein einzigstes Konzert auf seiner großen Tour in Deutschland. Die Karte schlummertt an meiner Pinwnand schon seit März. Tag für Tag hab ich einen Blick drauf geworfen. Vorfreude pur.
 
Die Tage zuvor hatte ich sehr schöne Begegnungen, die berührend und tief waren. Die Nacht vor diesem heiß ersehnten Tag war daher kurz, auch weil ich mich am Vorabend mal wieder nicht von meinen beiden Leidenschaften, dem Schach und der Musik, lösen konnte. Die Quittung folgt ja bekanntlich auf dem Fuß. Die müden Augen wollen einfach nicht sehen, was ich sehen will. Manchmal kannst halt wollen was du willst, nix geht. Sie finden nur schwerfällig hinein in die Welt. Es geht jedoch auch langsam, dies hab ich dem Himmel sei Dank vor Jahren entdeckt, die Langsamkeit.
 
Duschen, Sachen packen. Entscheide mich für so wenig wie möglich, brauche daher keinen Koffer. Schminkkoffer schon gar nicht. Tasche reicht. Mit wenig Gepäck durchs Leben. Herrlich. Geh raus, die Kirchenglocken läuten am Sonntagmorgen. Ich mag das so. Erinnerung an das, was es noch gibt, woran wir glauben möchten, aber doch immer wieder ein *Thomas*, der Ungläubige, bleiben. Immer müssen Wunder her, die gefühlt, berührt werden möchten, dass wir doch ein wenig glauben.
 
Bei diesem Gedanken sind sie sofort in meinem Herzen und meinem Kopf. All die, die gerade kämpfen ums Überleben. Das ist meine Nähe zu ihnen. Ich bin einfach son Typ, ich trage die Lasten der anderen mit. Ich kann gar nicht anders. Ich will das auch, das Mittragen. Sie, an die ich denke, wissen es. Ich glaube daran, das es hilft, das Mittragen, egal wie es ausgeht.
 
Noch ein wenig Proviant für unterwegs erstanden in den von Sonntagsmorgenbrötchenkaufwilligen in besuchten Bäckerei. Auf gehts Richtung Bahnhof. Wie immer bin ich zu früh. Ich bin son Typ. Brauch einfach Zeit für loslassen des Alltags. Reisezentrum kann spontan erledigt werden für die nächste Unternehmung im August. Prima, geht doch auch alles ohne großen festgelegten Plan. Rauf auf den Bahnsteig. Eng ist es im Kölner Hauptbahnhof. In den Hallen mit den sonntagsmöglichen Einkaufsläden, auf den Bahnsteigen, überall drängt es sich. Eine letzte Zigarette im Raucherbereich, an denen die Ausgeschlossenen stehen. Steh da, rauche, schaue. Da seh ich eine Menschengruppe, die ich ins Visier nehme. Und da seh ich sie. Gibts doch nicht! Zufall? Ich denk nicht lang drüber nach. Sie hat mich auch erspäht. Beide sehen wir uns über die Entfernung an. Mensch Hannelörchen, rufe ich ihr freudig zu. Röschen ruft sie zurück. Und schon haben wir uns in den Armen. Wir Zwei. Das kann doch nicht wahr sein. Wir sagen nicht viel. Ich: Du hast dich gar nicht verändert! Sie: cool schaust du aus wie immer, du kleiner Lachsack! Leidensgenossinnen waren wir damals vor Jahren, als wir uns kennenlernten in der Reha. Geschafft haben wir es bis hier her.  Wohin Du, frag ich sie. Seminar erzählt sie. Und du, fragt sie zurück: Leipzig, Brian Setzer-Konzert am morgigen Montag. Klasse, sagt sie, das alte Roeschen geblieben. Telefonnummern werden ausgetauscht, weil die Jahre und die ständig wechselnde neue Technik hatte sie sie uns gestohlen, die Telefonverbindung. Wir sehen uns, bald! Abschied. Mein Zug läuft ein.
 
ICE nach Leipzig. Erfrischend leer. Kaum Reisende. Wer will anscheinend schon in den Osten. Platz gesucht und gefunden. Geht schnell bei mir. Nehme einfach den ersten, direkt am Abteilausgang. Wegen aufgehender Türen beim Stop an nächsten Bahnhöfen, Frischluftzufuhr, die hereinströmt oder in kleinen Fetzen an Kleidung der Einsteigenden hängt und mit hineinweht. Ich spüre so was. Bin da empfindlich. Machs mir gemütlich. Meine drei Lieblingsmagazine, die ich zuvor noch in der Buchhandlung erstanden habe, liegen griffbereit. Aber erstmal Wahrnehmen, das Losfahren, hinter mir lassen. Fühle mich wohlig, trotz des kratzenden Halses und verschnupfter Nase. Die Freude überwiegt einfach alles. 6 Stunden Fahrt. Blicke aus dem Fenster in die Weite der sich darbietenden Landschaft mit abgeernteten Getreidefeldern oder einfach öde Industriegebiete. Zwischendurch leise Stimmen aus den Sitzreihen, keine Gespräche in die Geräte, befinde mich in der Ruhezone. Gut und angenehm! Kinder, die spielen wollen, selbst das ruhig, zwischendurch ein wenig nörgeln, aber auch das ist in Ordnung. Lese, schaue in meine Schachwelt, mall Hallo und Gruß sage, döse, schlafe und plötzlich ist sie vorbei, die Fahrzeit. Reibungslos, angenehm.
 
Leipziger Bahnhof. Wahnsinn! Riesige Flächen, groß, weit, wenig Menschen, weder auf den Bahnsteigen noch in den unteren Etagen, wo alle Sonntagsshoppingwahnsinnigen das finden, wie überall. Doch dieses Ausladende der Geräumigkeit, Großzügigkeit gefällt mir. Gehe zum Ausgang. Erster Blick hinaus, ebenso Weite, einfach alles nicht erdrückend, breite Strassen, wenig Menschen. Was für ein Gegensatz zur Kölner City. Bleibe eine Weile stehen und atme den ersten Eindruck der Stadt ein. Was mir in dieser Zeit hier wohl so alles begegnen wird, ausser Brian natürlich. Keine Lust mich durchzufragen nach Bahnfahrt zur Pension. Nehme ein Taxi. Das geht schon. Geschenke muss man annehmen lernen. Wie immer freundlicher Taxifahrer. Obs weit ist, frag ich ihn. Südliche Vorstadt Leipzig, sagt er. Macht nix. Sage ihm, dass mir der erste Eindruck der Stadt sehr gefällt, diese Leere und Weite. Erfrischend ist das. Noch, antwortet er, noch. Erzhält mir was über das Leben hier, gäbe viele Arbeitslose, aber noch bezahlbaren Wohnraum. Ganze 5,30 Euro bezahlt er für den Quadrathmeter seiner Wohnung. Veränderung sei jedoch spürbar. Noch vor nicht all zu langer Zeit habe er 2,20 Euro pro qm gezahlt. Sensationell sag ich. Ca. 500.000 Einwohner habe die Stadt, sagt er. Es wächst jedoch, Studenten wollen bleiben, Unternehmer siedeln sich an. Hoffnungsschimmer für die Stadt.
 
Wir fahren durch Connewitz, das noch bis 1891 eigenständig war. Wie Mülheim, dem Stadtteil, in dem ich lebe, erzähl ich ihm. Gab viel Randale hier noch vor nicht all zu langer Zeit, erzählt er mir, sei es von rechts oder links. Besetzte Häuser überall gab es damals. Soweit mein Auge reicht, überall graffitybesprühte Häuser. Ich mag das. Werd ich ablichten und mitnehmen, denk ich. Die Fahrt ist kurzweilig durchs Erzählen und schon sind wir an meiner Pension angelangt. Stadtteil Lößnig. Pension Am Stern. Heißt hier alles *Am Stern* Knotenpunkt der Strassen in verschiedene Richtungen, sonst hat das keine Bedeutung. Schade, dachte schon irgendwas Mystisches, Geheimnisvolles. So sind wir Menschen, immer erwarten wir das Besondere. Bisschen verlassen liegt da alles vor mir. Ich klingele an der Pensionshaustüre. Keine Reaktion. Huch und auweia... Wenn die das verpeilt haben. Hatte doch gestern noch ne Mail, aber keine Antwort. Rufe mal an, da unter der Telefonnummer. Bekomme gesagt, Schlüssel hänge im Kasten vor dem Nebeneingang. Gott sei Dank! Dachte schon ich müßte anderweitig suchen. Gegenüber seh ich ein kleines Kirchlein. Gefällt mir. Kann ja nicht schaden, die Nähe zu einem Kirchlein. Gehe 3 Stockwerke hoch zu meinem Zimmer. Alles still und ruhig. Bin wohl alleine hier. Bisserl unbehagliches Gefühl. Tür auf zu meinem Zimmer, ups, das ist klein, sehr klein. Weiß nicht, vielleicht 7 oder 8 qm. Ist aber alles da. Bett, Kommode, Schrank, Fernseher. Auf den kann ich verzichten. Brauch ich nicht. Ich hab ja mich und meine Eindrücke. Alles sauber, ordentlich. Ok, paßt, für die kurze Zeit meines Aufenthaltes. Schließlich schlaf ich hier nur. Leg mich kurz aufs Bett, Beine ausstrecken, dann ziehts mich raus. Tasche, Geld, Kamera, alles da. Mehr brauchts nicht.

 
Hunger meldet sich noch nicht. Ich bin oft von meinen Eindrücken gesättigt. Beginne meinen Fußmarsch zurück durch Connewitz, leere Strassen, kein Mensch zu sehen. Ab und an mal ein Auto. Komme mir vor wie der Protagonist in Thomas Glavinics Roman: Die Arbeit der Nacht, in der sich ein Mann plötzlich über Nacht allein in einer von allen anderen Menschen verlassenen Stadt erfährt. Niemand mehr da, nur er. Trostlos und verlassen alles. Er irrt durch die Strassen, geht in die Läden, versucht zu erkunden, was hier passiert ist. Klasse Buch übrigens. Nun ja, ganz so ist es nicht, aber es mutet ein wenig so an. Ich wandere die Bornaische Strasse entlang. Finde die berühmt berüchtige Stockardstrasse, die einst wegen ihrer autonomen Szene deutschlandweit bekannt war. Der Taxifahrer erzählte mir zuvor, es sei immer noch einer der 80 berüchtigsten Strassen Deutschlands.
 
Bevor ich in die von graffitybemalte Häuserstrassenzeile einbiege, um mir einen eigenen Eindruck zu verschaffen, taucht plötzlich ein Mensch auf. Steht da vor mir, an einer Strassenecke. Ich höre zuerste nur ein merkwürdiges Pfeiffen, dann ein Ziehen, wie nach Luft. Das von mir wahrgenommene Geräusch stellt sich tatsächlich als Luftholen heraus. Ein verhutzelter, kleiner Mann steht da und saugt an einem Röhrchen mit Sauerstoff. Asthma wohl. Luftnot. Er klammert sich an sein Rollwägelchen und inhaliert. Empfinde das fast schon surreal, diese Szene. Mir fällt ein, wie Menschen manchmal sagen: Die Luft ist raus! Auweia, wenn die Luft raus ist, ist Gefahr in Verzug. Der Mensch hat Angst in der Situation, in der er steckt oder an einem Ort, an dem er festsitzt, zu ersticken. Keine Kraft mehr, auszuhalten oder kein Wille. Ich kenne solche Ereignisse aus meinem Leben natürlich auch. Geschehnisse, die mir dieses Gefühl vermittelten, hier gehts nicht mehr weiter. Lügen und Unwahrhaftigkeit, Bosheit und Neid, der einem manchmal entgegenkommt, sind ebenfalls solche Ereignisse, die mir die Luft nehmen. Dieser Mann da, der da steht und saugt, versucht zu überleben, mit einem Hilfsmittel. Und manchmal bleibt dem Menschen wohl nichts anderes übrig, als sich einem solchen zu bedienen, damit er nicht erstickt an unleidlichen, nicht mehr tragbaren Lebenssituationen, um sie auszuhalten. Künstliche Lebensbeatmungsgeräte. Kennen wir ja in dieser Welt. Ich ziehe und zog es immer vor, andere Wege zu gehen, mich zu lösen, damit ich wieder frei atmen konnte. Dazu braucht es jedoch Mut und Gewißheit, dass man vielleicht erstmal allein dasteht und Kraft und Stärke, den vorübergehenden Zustand auszuhalten, sonst kommt man schnell in eine neue Atemnot. So kanns gehen mit der Gedankenwelt, Gedanken kommen mit den Ereignissen, die vor einem geschehen.
 
Ich maschiere in die Stockardstrasse hinein. Schaut alles sehr freakig aus. Aus einem der Häuser erschallt laute Punkmusik. Ich spinxe durch die Haustür, entdecke einen Innenhof wild bepflanzt mit bunten Menschen, alternativ und schräg hocken sie da. Hören Musik, unterhalten sich. Nehme einen inneren Anlauf, überwinde mal wieder meine Scheu und geh einfach hinein. Gucken mich alle an. Hallo rufen sie mir dann doch zu. Willst nen Bier? fragen sie. Gern sag ich. Pflanz mich irgendwo hin und sie erzählen mir ein wenig über die wilden Zeiten, die vorbei sind, damals, als sie noch Häuser besetzt hatten. Die meisten sind ordnungsgemäß mietrechtliche Bewohner nun. Einige haben sich zu Genossenschaften zusammen geschlossen und organisieren sich selbst. Sie sind zwar noch unterwegs in Aktionen, aber es geht geruhsamer, übersichtlicher und geordneter, vor allen dingen gewaltloser zu. Einige haben mittlerweile Kinder, die in der Nähe in Kindergarten und Schule gehen. Letzten Endes siegt doch die Ordnung. Vielleicht hervorgerufen durch die Liebe und Nähe zu einem Menschen. Er scheint mir so nach ihrem Erzählen über ihren Lebensverlauf. Ich will weiter. Verspüre einen kleinen Hunger nun und verabschiede mich. Bedanke mich. Hey, viel Spaß morgen beim Brian, rufen sie mir hinterher. War schön, dass du dich getraut hast reinzukommen, sagen sie. Die meisten hätten immer noch Vorurteile. Ist nicht nötig, denke ich und werd es jedem sagen.
 
Meine Lokalauswahl für ein kleines Abendessen fällt auf ein kleines Bistro, an dem 2 Tische besetzt sind. Mich reizt das Angebot. Veganes Mettbrötchen. Möcht ich gern probieren. Bestelle es, ein Bier dazu und mache es mir gemütlich am Tisch. Versende ein paar Grüße auf meinem kleinen Gerät in die Welt meiner Lieben hinaus, schreibe in mein Tagebuch und spinxe einmal in meine Lieblingsschachseite und dem Kwaselort dort. Wenn du mal raus bist aus dem Alltagstrott, fällt dir sogleich noch stärker auf, dass es immer die selben Mechanismen und Gespräche, wenn man sie so nennen will, sind, die in solchen Forenchats ausgetauscht werden. Ist eigentlich wurscht, welchen Hintergrund diese Foren haben. Egal, ich mag meine Schachseite und ein paar Leutchen dort sehr. Das zählt.
 
An den Nebentischen wird hoch politisiert. Jösses, ab und an fange ich Gesprächsfetzen auf und denke, da will jeder Recht haben und besser wird die Welt dadurch auch nicht. Mich ödet so was zuweilen an. Ich schalte ab, blende aus, verspeise mit Genuß mein veganes Mettbrötchen, genieße mein 2.tes Bierchen seit langem und mach mich dann auf den Rückweg. Es tröpfelt leise vor sich hin.Gott sei Dank nicht in mein Gemüt. Denn es ist immer noch alles wie verlassen vor mir auf dem Weg. Ich fühl mich geradezu richtig wohl in dieser Stille und Einsamkeit. Steige wieder die drei Stockwerke zu meinem Zimmerchen hoch, werfe mich aufs Bett und sage mir: Feierabend für heute Röschen. Ein gutes, gelungenes Ankommen hier. Werfe noch mal einen Blick auf meine laufenden Schachpartien, aber nur die eine oder andere reizt mich zu einem Zug, keinen wirklichen Nerv hier. Sage nochmal Hallo in den Kwaselchat, spüre jedoch negative Energie und lösche mein Licht auf dem Display und auch in meinem Zimmer. Ende im Gelände. Meine Gedanken passieren den Tag revue und im Geiste erzähl ich es dem Menschen, den ich jetzt gern in meiner Nähe hätte. Das geht. Ich kann sowas. Dann fällt mein Blick auf die tanzenden Motten unter der Hausbeleuchtung und ich entschlummere. Schön wars.
 
Das war ja nur die Einstimmung:)
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12. Juli 2017 3 12 /07 /Juli /2017 07:50
 
Der Regen macht
die Zeit so zeitlos
 
meine Füße tapsen leise
über den Boden
 
ich bin ganz eingehüllt
in Stille
 
nur das Rauschen des Wassers
vom Himmel
dringt an mein Ohr
 
ich will jetzt gar nichts mehr
vielleicht ein einziges Mal
 
mit ihm die Tropfen
vom Himmel pflücken
 
mit unseren Händen
der Sonne guten Tag sagen
 
mit unseren Füßen
den Boden
gemeinsam berühren
 
und laufen, laufen, laufen
 
um dann
irgendwo weit weg
 
alles zu vergessen
 
mit ihm
nachdem mein Herz
sich unaufhörlich sehnt
 
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Published by Fernweh - in lyrik
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9. Juli 2017 7 09 /07 /Juli /2017 13:35

 

 

Ein sonniger warmer Tag. Ich dachte, Roeschen, du musst mal wieder raus aus deiner Höhle. Ich kann ja, nachdem ich Tage von kleinen Pflichterfüllungen hatte, mich tagelang in der selben verbarrikadieren. Es gibt ja so Vieles, das mir gehört. Ich kann schon allein mit meinem inneren Reichtum sein, auch wenn es manchmal Momente gibt, in denen ich nur einen einzigen Menschen vermisse, der mein *sein* mit mir teilt. Also, um es deutlicher zu sagen, der denkt und fühlt wie ich. Jedoch weiß ich, dass das schwer ist. Daher bleib ich lieber mit und bei mir. Stark musst du sein, wenn du bist, wer du bist, allein. Da ist Niemand, bei dem du dich ausheulen kannst oder einfach eine Zustimmung erfährst. Du musst einfach alles mit dir allein ausmachen. Aber das ist auch deine Stärke. Und ja, es ist alles nicht so schlimm, wie es scheint, wenn ich das so erzähle, ich bin ja gesund und ich kann mich bewegen und ich kann, wie ein Wanderer durch die Welt ziehen und mir alles anschauen. So wie gestern.
 
Plan war dem Käthe Kollwitz-Museum einen Besuch abzustatten. Wir feiern den 150.ten Jahrestag von  Käthe Kollwitz. Viele Ausstellungen an verschiedenen Orten weisen in diesem Jubiläumsjahr auf diese herausragende Künstlerin unserer Zeit hin. Hier in Köln gab es gestern einen Familientag. Der Besuch des Museums war kostenlos. Am Abend dann sollte es eine Aufführung eines biografischen Films über sie geben. Ich habe mich drauf gefreut.
 
Und so machte ich mich mit meinem Rad im Sonnenschein am Rhein entlang auf den Weg um kurz danach am Dom anzukommen. Ich wußte, dass es noch ein Ereignis an diesem Tag in Köln gab. Ein großes sogar. Wir hatten Christopher-Street-Day. Auweia...ich war da noch nie, weder fern noch nah. Ich bin halt kein sensationslüstiger Mensch und Menschenansammlungen in dieser Größenordnung machen mir zumeist ein Unbehagen. Ich stelle das nur klar, weil..ich hab ja nix gegen den Tag. Sollen sie feiern die Leuts, was auch immer, wenn ihnen danach ist.
 
Gestern aber dachte ich, ach Roeschen schaust dir das Schauspiel doch einmal an und spazierst durch die Gassen.
 
Am Alter Markt angekommen, Rad abgestellt und rein ins Gewühl. Entlang den Strassen gab es bunte Stände mit allerei Angeboten, natürlich viel Alkohol. Ein Fest dieser Art ohne Alkohol wie überhaupt auf solchen Festen, gar nicht auszudenken. Aber auch Informationsstände verschiedener Gemeinschaften. Natürlich kannte ich keine einzige davon. Daher wollt ich mal spinxen und wissen, was da so hervorgebracht wird. Ging ich also zielstrebig an einen Informationsstand mit dem Namen * SMart Rhein-Ruhr-e.v*. Stand ich da ne Weile verträumt, schaute mir ihre Auslagen an, wurde von den dahinter stehenden Leutchen beäugt. Hat mir nix ausgemacht. Ich halt da Stand und schau zurück, bis ich den Moment finde und frage...na, was seid Ihr denn, was vertretet ihr hier. Oha..Klare Antwort, wie aus der Pistole geschossen. Sado-Maso-Freunde. Hihi...innerlich musste ich schmunzeln, dennoch hab ich sofort ne Klammer ums Herz gespürt. Auweia, es soll wehtun. Na dann...wegen mir, jedem das seine und mir das meine. Aha, antwortete ich interessant. Ich meine, was soll ich da mit den Leuten diskutieren, nahm ein Informationsblättchen mit und zog weiter meines Weges.
 
Bühnen waren aufgebaut für das musikalische Untermalungsspektakel der Feierlaune der sich eingefundenen Menschen. Ein buntes Treiben, unscheinbare und verrückt verkleidete Leutchen standen in Gruppen oder zu Zweit irgendwo herum. Ich blieb immer mal stehen und ließ das alles auf mich wirken. Und wie so oft machte sich in mir das Gefühl breit..Wer bin ich eigentlich? Ich weiß nicht, ob das der geneigte Leser meiner Impressionen verstehen kann. Weil...ich merke dann immer, ich gehöre zu Niemandem. Keiner Gruppe angehörig, keiner Gemeinschaft. Hab ich alles hinter mir. Brauch ich nicht. Ist sowieso immer nur eine einzige Vereinsmeierei. Und ja..ich bin auch weder ein *ist* noch ein *er* Also, kein Buddhist, Islamist, Christ,Pazifist (weil..ich will schon Frieden unter den Menschen, jedoch manchmal muss der Mensch sich auch wehren, ist so), könnt ja jetzt noch viele dieser *ists* aufzählen. Aber Ihr wißt schon, was ich meine. Bin auch kein Veganer, Vegetarier, von allen *ers* vielleicht ein Radler oder Wegelagerer, der doof in die Welt herumguckt. Aber diese *ers* gefallen mir, das bin ich halt.
 
Jedenfalls, irgendwann hab ich mich anderen Dingen in meiner schönen Stadt zugewendet. Weil, ich fand das dann doch interessanter, als den verrückten Menschenzoo weiter zu begutachten.
 
Auch wenn ich es schon zig Male gesehen hatte, sind bestimmte Dinge immer wieder ein Anziehungspunkt für mich kölsches Mädscher. Z.b. die Stolpersteine, die überall in den Kölner Strassen zu finden sind. So auch auf dem Rathausplatz, direkt vor dem Eingang des Kölner Rathauses. Dort haben 1933 Nazitruppen den damaligen Bürgermeister Konrad Adenauer sein Amt entzogen und den Gauleiter Josef Grohe eingesetzt. Hier gibt es diese kleine Messingtafel, auf der eine Verordnung des damaligen Reichsführer der SS Heinrich Himmler zu finden ist, die auf die Deportationen von Roma und Sintis in das Konzentrationslager Ausschwitz mit Kreide auf dem Pflaster markierte und später dann ob des Erstaunens der Menschen bei dieser Ansicht sich dazu entschlossen hatte, das selbe in einem Messingschild auszuführen. Angebracht wurde sie von Gunter Demnig der 1990, der den Weg der Deportierten von ihrem Versammlungsort in Bickendorf bis zum Bahnhof Deutz aufzeigte. Dieses Messingschild ist ein Beispiel vieler solcher Stolpersteine in Köln. Alle diese Steine, überall zu finden, wenn du achtsam durch die Strassen gehst, weisen auf die unendlich vielen Opfer des Naziregimes hin. Demnigs Anliegen war es, dass diese Menschen nicht in Vergessenheit geraten, da sie keine Grabstätte hatten, keinen Ort, an dem ihrer gedacht werden konnte. Er setzte damit ein Zeichen, dass diese Gräuel niemals in Vergessenheit geraten sollen und der Mensch gut aufpasse, dass sich so etwas niemals mehr wiederholt. Übrigens hatte er den ersten Stolperstein 1966 in Berlin ohne Genehmigung angebracht. Ich mag diese Stolpersteine genau und gerade deswegen. Niemals vergessen, auch wenn es Leuts gibt die sagen, vergangen ist vergangen. Aber die Vergangenheitsgeschichte kann uns bewegen im Heute und wer sich nicht damit beschäftigt, vergißt zu schnell. Zudem schenkt diese Erinenrung eine tiefe Demut für das Leben. Ist so.
 
Es gibt jedoch auch humorige Dinge zu entdecken. Z.b. den *kölschen Kallendresser* Zu finden ist er am Altermarkt am Haus Nr. 24. Da hockt er oben am Dach des Hauses und zeigt den Leuts seinen nackten Hintern. Es gibt zwei Legenden, die die nicht sehr charmante Haltung des Herrn da oben am Dach des Hauses erklären sollen. Zum einen die Geschichte von damaligen Mönchen der in der Nähe sich befindenden Benedektinerabtei Groß St. Martin. Das Haus Nr. 24 am Alter Markt, das damals noch die Nr. *40* trug, hieß damals *Haus zur Sonne* Es wird erzählt, dass die Mönche einen Übeltäter den Behörden zum Gericht übergeben haben, obwohl er bei ihnen um Asyl gebeten hatte. Und was haben die Bürger gemacht ob dieses Verhaltens? Sie haben diese Kallendresserfigur aufs Dach gesetzt, als Ausdruck ihres Unmutes gegenüber der Kirche.
 
Die andere Version ist ganz einfach und ohne großes Einzelgeschehen. Sie soll den Unmut und die Verärgerung der Kölner Bürger gegenüber dem Stadtrat aufzeigen. Ja so ist das mit den Legenden, sie sind letzten Endes nicht die ganze Wahrheit. In den Kallendresser jedoch kann ja letzten Endes jeder der vorbeigeht, selber das hinein interpretieren, was ihm gerade auf dem Herzen liegt. Und ehrlich sind wir es doch mal, wem möchte man nicht mal...sie wissen schon... Und zur Erklärung sei noch angemerkt, die Bezeichnung Kallendresser rührt ganz einfach daher, dass zu mittelalterlichen Zeiten die sanitären Anlagen nicht so ausgestattet waren, wie wir sie kennen. Wer oft mal dringend sein Geschäft erledigen musste und nichts vorfand, der kackte eben in die *Kalle* in den Bürgersteig. Nun bitte nicht ausmalen ob der Gerüche, die zu mittelalterlichen Zeiten durch die Gassen wehten. 1828 soll englische Dichter Samuel Taylor Coleridge über das Fehlen einer Kanalisation in Köln festgestellt haben, in Köln stinke es, und zwar nach mindestens 72 Gerüchen, die alle sehr ausgeprägt sind und furchtbar sind. Auweia..man möchte nicht gelebt haben zu dieser Zeit.
 
Nun ja, ich könnte noch viele meiner Anziehungspunkte aufzählen, die ich an diesem Tag besucht habe. Es ergibt sich jedoch immer mal eine Gelegenheit, wo ich mal wieder auf das eine oder andere hinweise. Zu sagen hab ich dazu eben nur, dass ich dann diesen Dingen einfach dem für mich dann doch nicht nachzuvollziehenden Spaßfaktor der Zusammenrottung von Menschenansammlungen nicht Folge leisten kann und will, vorziehe.  Ist halt so, ohne dass, darauf weise ich immer wieder hin, irgendwelche Urteile gegen die Menschen habe. Sollen sie machen.
 
Jetzt war erst mal Durst angesagt. Also rein in ein schönes schattiges Strassencafe und Apfelschorle bestellt. Kam auch sofort, worauf sich die zwei Damen am Nebentisch pikiert beschwerten, sie säßen nun schon länger hier undf hätten immer noch nix und schauten mich vorwurfsvoll an. Ich machte Unschuldsäuglein, kann ich ja nicht dafür, sagten die, passiert halt mal. Nicht so pingelich sein. Manchmal frißt man den Bären und manchmal frißt er einen. Thats is Life. Sinierte also still vor mich hin, wieder Leute gucken. Immer wieder ein Vergnügen. Lang konnt ich den Tisch leider nicht für mich behalten, denn es näherte sich ein Ehepaar, aus Linz, wie sich dann eine Weile später herausstellte und fragte höflich, ob sie sich zu mir setzen dürften. Da kann ja eigentlich nicht nein gesagt werden. So was mach ich ganz selten, da muss mir schon einer sehr unsympathisch sein. Die Beiden waren es jedenfalls nicht. Er sah vor allen Dingen sehr lustig aus.
 
Und wie es so geht, erzählen die Leuts gleich munter weiter. Ich weiß es auch nicht, manchmal sogar, ohne dass ich frage, natürlich hake ich immer nach bei ihren Erzählungen. Die Beiden waren wirklich drollig. Sie erzählten mir, wie sie sich kenenngelernt hatten vor 40 Jahren auf einer Hochzeit. Sie kam aus Weilerswist und er aus Frechen und beide lebten sie eine zeitlang in Lindenthal, einem gutsaturierten Veedel in Köln und sind dann später ob des Gewusels in der Stadt in das ruhige Städtchen Linz am Rhein gezogen und haben es nicht bereut. Jedoch sei das Leben in dem kleinen Städchen scheinbar vom Aussterben bedroht. Die kleinen Läden, die früher dem Leben ein Geschmäckle eingehaucht haben und wie so oft in solchen kleinen Gemeinden gäbe es nur noch leerstehende Ladenlokale oder Apotheken, Handyläden und Spielhallen. Merkwürdig. Obwohl das Wohnen dort weitaus preiswerter sei als in einer Großstadt, auch was die Mietpreise anbelangt. Sie haben sich dort ein Häuschen vor Jahren erworben, dass sie liebevoll pflegen und sehr originell ausstatten.Die Küche z.B. haben sie an der Decke mit ausländischen Zeitungen tapeziert. Ich stellte mir das nicht nur lustig sondern auch interessant vor. Alle Bekannten und Freunde brachten ihnen immer von ihren Reisezielen die Tagesblätter mit. Jedenfalls, wenn es einem beim Rühren des Mitagsessens langweilig wurde, konnte man dort wohl an die Decke starren und die Tagesereignisse von vielen Jahren nachlesen, die sich ja eh nie verändern. Es ist immer das gleiche Schauspiel auf der Welt. Wir kamen von Hütchen auf Stöckchen, wie immer. Nun wollten sie aber zahlen und die Bedienung rechnete ab und als ich meinen Obulus entrichten wollte, sagte sie, oh, sie habe diesen den Beiden schon angerechnet. Das kommt nicht in Frage sagte ich, ich bin schon groß und kann selber zahlen. Und alle mussten wir lachen. Ich hatte es gesagt und getan. Nun aber wollten die Beiden doch nicht aufbrechen und bestellten eine weitere kleine Runde, dieses Mal aber wollten sie unbedingt meinen Obulus übernehmen. So kanns gehen. Ich hab mich dann auch nicht gewehrt. Geschenke sollten angenommen werden, es ist eine Geste der Höflichkeit. Ich habe auch schon erlebt, dass ein Geschenk, dass ich machte, nicht beachtet und gewürdigt wurde. Das hat mich traurig gemacht. Daher, was du selber erlebst, willst du den anderen nicht angedeihen lassen. Der Mensch lernt auch von kleinen Dingen. Es kann ja immer mal sein, dass ein Geschenk nicht passend ist, aber warum den Menschen vor den Kopf stoßen. Nun denn...irgendwann brachen sie dann doch auf. Die Bedienung kam und wollte abräumen, fragte mich, ob es recht sei, natürlich antwortete ich. Doof war nur, dass sie auch mein Getränk mitnahm, obwohl es noch halbvoll war. Gibts doch net, dachte ich, beschwerte mich aber nicht grossartig, auch, als sie mir ein Neues bringen wollte. Nene, lassen sie mal, ich wollt eh auch weiter jetzt. Und das machte ich dann auch.
 
Die Zeit war vorgerückt. Nun war endlich Käthe Kollwitz dran, mit der ich immer mal wieder in den vergangenen Jahren  beschäftigt habe und wechselnde Ausstellungen hier im Museum besuchte. Dieses Mal waren einige ihrer Werke über den Weberauftsand, Bauernkrieg, den 1. Weltkrieg, Selbstbildnisse und Gustav Seitz Plastik von Käthe sowie seiner Vorarbeiten zu diesem großartigen Werk. Ich kann stundenlang vor ihren Werken verweilen, sie war eine Meisterin des *Seele nach außen* zu tragen. Ich habe Bekannte, die sagen, ne, die Käthe, die kann ich mir nicht antun, zu depressiv. Ich verstehe das. Der Wahrheit ins Gesicht schauen, ist nicht so einfach. Vor dem Leiden schaut der Mensch lieber weg. Das erlebe ich ja jeden Tag in meinem Alltag mit den Menschen, denen ich zur Seite stehe.
 
Dabei war die Käthe auch durchaus ein humoriger Mensch. Sie hatte ein Lachen, das ansteckte. Jedenfalls konnte ich es dann später im ihrem biografischen Film entdecken und Zeitzeugen, die tatsächlich auch an diesem Abend anwesend waren und schon im Film Zeugnis gaben, bestätigten dies. Sie lachte selten, aber wenn so herzlich, dass es alle anderen mitpackte übers ganze Gesicht. So ist das eben, ein Mensch, der das tiefe Leiden in sich und in der Welt furchtlos anschaut, kann sich demgegenüber auch der Freude aus tiefster Dankbarkeit widmen und sie dann auch ausstrahlen. Ihre Bilder zeigen eine ungeheure Spannweite des menschlichen Empfindens. Anfangs waren diese Seelentiefe in ihren Selbstbildnissen zu erblicken, später dann erst widmete sie sich auch anderen Gestalten und Ereignissen. Geboren wurde Käthe 1867 als fünftes Kind in Königsberg. Herrliche, wenn auch kurze Bilder, über Königsberg aus der damaligern Zeit im Film zu erblicken. Das verbindet mich mit ihr, denn mein Vater kam ebenfalls aus Königsberg. Vielleicht hatten sie ja als Kinder gar zusammen gespielt, weiß mans. Ein verführerischer Gedanke.
 
Ihre künstlerische Ausbildung hatte sie ihrem Vater, einem Juristen, zu verdanken, der ihre Begabung recht früh erkannte und dafür sorgte, dass sie eine Kunstschule besuchte. Damals war es undenkbar, dass Frauen einen solchen Weg einschlugen, ganz davon abgesehen die allgemeine Rechtlosigkeit der Frauen zu dieser Zeit. So war sie eine Vorreiterin der Selbstbestimmung und Emanzipation der Frauen, die auch ihren Preis hatte. Wenn ich in diesem Moment daran dachte, was draussen vor der Tür gelebt wurde, die totale Freiheit. Das war zu ihrer Zeit gar nicht möglich und es war ein Eklat, als sie sich auch öffentlich zu ihrer Bisexualität bekannte, in dem sie ungeniert mit ihrer Freundin umging. Überhaupt war sie eine leidenschaftliche Frau, sie verliebte sich ständig in irgend Jemanden, obwohl der- oder diejenige oftmals gar nichts davon wußten. Selbst ihre spätere Ehe stellte sie vor eine Entscheidung, zu bleiben oder zu dem Mann ja zu sagen, den sie unsterblich liebte. Sie blieb letzten Endes. Ihr Leben war nicht leicht, gerade auch als Künstlerin. Unter Kaiser Wilhelm sollte sie für eine Ausstellung eine Goldmedaile erhalten, wogegen der selbe sich vehement verweigerte. Dieser meinte, Frauen hätten in der Kunst gar nichts zu suchen. Es wäre fast eine Schande für den Mann, ihr diese Medaille zu übergeben und dabei blieb es. Sage noch mal einer, wir wollen den alten Kaiser Wilhelm wieder haben. Hehe, Prozeß am Hals. Auch unter dem Naziregime wurde sie aussortiert und musste in dieser Zeit kämpfen, um zu überleben.
 
Der Unterschied zu unserer Zeit besteht auch darin, dass Käthe aufwuchs in der Umgebung des Elends. Die Arbeiter wurden ausgebeutet, die Kinder hungerten, das Leiden war allgegenwärtig. Zwei Kriege hat sie miterleben müssen, ihren Sohn im ersten verloren, den Enkelsohn im zweiten. Den Schmerz darüber hat sie nie verwunden. Nach dem Verlust ihres Sohnes, der gerade mal 18 Jahre in den Krieg zog kam es dann zu ihren ersten öffentlichen Auftritt, in dem sie eine Schrift herausbrachte, von der sie anfänglich nicht gedacht hat, dass sie veröffentlich würde. Doch eine Zeitung druckte ihn. Sie zeichnete ein grosses Schmerzensbild mit einem Text *Nie wieder Krieg*.  Keine Opfer mehr. So unendliche Millionen Menschen in sinnlosen Kriegen, auch heute noch. Nichts hat sich geändert, auch wenn es statistisch gesehen, weniger Kriege gibt auf der Welt, dennoch. Ganz davon abgesehen so viel Armut in der Welt, Hunger und Leiden, verursacht von Menschen an Menschen. Wer kann denn daran vorbeigehen. Es zeichnete sie einfach aus, dass es nicht nur auf und in ihrer Seele brannte, sondern dass sie dieses auch nach außen trug, wie ein Mahnmal, ein Hinweis, hinzuschauen, nicht zu vergessen. Und heute...haben wir zwar die Freiheit, noch können wir an vielem Elend vorbeischauen, gar vorbeigehen, an den Bettlern am Strassenrand, die immer häufiger anzutreffen sind, können die Meldungen überlesen von der statistischen Zahl der Kinderarmut, des Hungers und der Gewalt, noch...aber wie lange noch. Ich kann die Ausstellung  Jedem ans Herz legen. Man begegnet einer Frau und ihren Werken, die nicht nur sah, was aussen war, sondern die ein Vorbild ist, was Selbstreflexion für den Menschen bedeutet. So sagte sie einmal:
 
"Bei aller Arbeit an sich selbst, die mit Selbstreflexion notwendig verbunden ist, ist der Zustand schwer vermeidbar, dass man sich sieht.Alle möglichen Fortentwicklungen können wieder aufgehoben werden durch das ständige Gefühl der Zufriedenheit mit sich selbst"
 
Wie wahr, wer es in sich selber erkannt hat, wird dies bestätigen können.
 
Auch sagte sie:
 
"Mit 50 Jahren ist das Selbstgefühl nicht so ausschweifend und hochmütig wie es mit 30 ist...Man selbst weiß am besten, wo die eigenen Grenzen nach oben und nach unten sind. Das Wort Ruhm berauscht nicht mehr"
 
So ist es. Die Erfahrung allerdings nach Ruhm zu trachten war mir persönlich wohl nicht als Gen in die Wiege gelegt worden, dachte ich bei diesen Worten. Mir ging es immer darum, zu leben, gut zu leben, zu verarbeiten, aufzuarbeiten und niemals zu wiederholen, was mir andere Menschen angetan haben oder noch antun werden. Thats all.
 
Gefallen hat mir auch diese ihrer Aussage:
 
"Auch ich gebe sehr wenig auf Kritik, fast gar nichts. Worauf ich aber viel gebe ist dieses, dass man seine Arbeiten unter anderen hängen sieht, daß man Abstand zu ihnen gewinnt und sie wie Produkte eines Fremden ansehen kann. Das fördert sehr. Und was schadet es denn, wenn man trotzdem seine Mängel kennt, sie den Augen anderer preis gibt? Glauben Sie mir - Mängel bleiben stets"
 
Wie recht sie hat die Käthe. Ich denk ja auch so bei meinem Geschreibsel hier. Lass sie doch reden die Leuts, zu lang, zu langweilig, man könnte dies oder jenes besser machen., Mir doch wurscht. Ich bin wie ich bin und ich schreib wie ich bin und ich stelle das hier auch rein, damit es jeder sehen und lesen kann. Denn...es ist doch viel interessanter und schöner sein Geschreibsel da irgendwo vor sich stehen zu sehen, als es in der Schublade verschwinden zu lassen. Und so mache ich es mit allen Dingen die ich preisgebe, auch mit meiner Gedankenwelt. Macht damit was Ihr wollt. So! Denn...die größten Kritiker der Elche sind zumeist selber welche.
 
Käthe Kollwitz starb wenige Tage 1945 vor Ende des zweiten Weltkrieges. Sie hat den Frieden, den sie so herbeigesehnt hat, nicht mehr erleben können. Aber sie bleibt unvergessen, nicht nur durch ihre Werke, sondern auch durch ihr Leben als Frau mit ihrem ganz eigenwilligen und eigensinnigen Wesen und ihrem Blick auf das Leben der Menschen.
 
Alles in allem war dieser mein Tag ein ereignisreicher und voller mich nachwirkend beinflussenden Gefühlen und Gedanken. Nicht zu vergessen noch zu erwähnen, dass ich vor der Filmvorführung über Kätzhe Kollwitz eine sehr, sehr nette Frau kennenlernte, mit der ich nun Adresse ausgetauscht habe. Ich würde sie gerne wiedersehen. Sie war auch ein wenig anders, wie all das um mich herum. Das hat mir sofort gefallen. Und es wird ja gesagt, dass Menschen, die sich ein wenig ähnlich sind, sich finden. Manchmal sind die Ereignisse, die dazu führen, ein wenig unbeabsichtigt, so wie in diesem Falle. Ich setzte mich auf einen Platz und lehnte mich hinter mir an die Wand, so daß ich meine Füße auf meinen eigenen Sitz legen konnte und die Beine ausstrecken konnte, denn immerhin war ich schon lang unterwegs und schon zweimal die 111 Stufen zum Museum rauf und runter gelaufen und ein drittes Mal erwartete mich noch. Natürlich, ohne den meinigen Sitz zu beschmutzen. Die Füße baumelten drüber hinweg. Nichtsdestotrotz nahm so eine Gruppe merkwürdiger gutsaturierter Frauen neben mir Anstoß daran und beäugten mich argwöhnisch, dazu noch absichtlich darüber redend, wie man nur kann und so. Ich kenne so was. Pah...mir doch wurscht, die doofen Schnattergänse. Denn die schnatterten unaufhaltsam nix Wesentliches, langweiliges Zeug, hauptsache reden. Ich kann das nicht ab. Ich mach auch gern mal Späskes, aber ich kann mich einfach nicht unendlich über nichts unterhalten. Da schweig ich lieber. Kein Urteil, ne, sollen sie machen, aber auch mich bitte in Ruhe lassen und respektieren und meine hochgelegten Beine auch. So! Und die nette Frau neben mir, fand das übrigens eine gute Idee. Das mit den Füßen hochlegen und tat es mir gleich und so kamnen wir ins Gespräch. Und vielleicht ist diese Begegnung für sie ja auch schicksalshaft. Denn sie sucht nach einer schönen und preiswerten Wohnung in einer ruhigen Umgebung. Ich habe ihr sofort die Adresse meines Vermieters gegeben und mal schauen, vielleicht sind wir ja bald näher beieinander, als wir jemals vor diesem Tag gewußt haben. So ist das eben, wer weiß schon morgens, was abends ist.
 
Ich schloß mich nicht mehr der anschließenden Diskussionsrunde an. Ich wollte das was ich fühlte und dachte bei mir behalten. Daher machte ich mich auf den Heimweg. Quer durch die City an den mittlerweile stärker alkoholisierten CSDler, die Partystimmung verbreiteten vorbei und ich war heilfroh, als ich mein Fahrrad nach langem Suchen, irgendwie hatte ich im Gewühl die Orientierung verloren, endlich wieder fand und an meinen geliebten Rhein entlang nach Hause fuhr, wo meine kleine, gemütliche Höhle auf mich wartete. Hier darf ich sein wie ich bin. Niemand da, der was zu quengeln hat,-)
 
Schön wars alles in allem.  Ein gelungener Tag, dessen Eindrücke mich sicherlich und hoffentlich wieder ein Stück weiter zu mir selber bringen.

 

 
 
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25. Juni 2017 7 25 /06 /Juni /2017 08:50

Vielleicht
ist es die Zärtlichkeit
die den Menschen
verloren gegangen ist
in unserer Zeit
 
Augen blicken so kalt
gezeichnet
von Gier und Habsucht
von Leid und Kummer
von Schmerz und Klage
von Hasten und Eilen
von Resignation und Verbitterung
von Desillusionierung und ungelebten Träumen
 
vielleicht vielleicht vielleicht
ist es die Zärtlichkeit
die den Menschen
verloren gegangen ist

in unserer Zeit

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Published by Fernweh - in lyrik
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24. Juni 2017 6 24 /06 /Juni /2017 20:13

Das Wetter war plötzlich wieder auszuhalten. Keine wabbernde Hitze auf dem Straßenpflaster. Also zog ich meine Laufschuhe an und machte mich auf den Weg. Die Strecke umfaßte ca. 18 km. Viel dachte ich noch, da hat dein Wille dir ja wieder was eingebrockt Roeschen. Ganz schön musste ich innerlich gegen meinen inneren Schweinehund anstinken, ehrlich. Isch schwöre, das muss ich immer, obwohl ich nun schon seit so vielen Jahren laufe. Es ist jedes Mal das selbe. Ich sitze oder liege da gerade so gemütlich, wo ich bin und denke, och nö, ist gerad so schön. Die Musik ist herrlich, die Schachpartie ist gerade so interessant und ausnahmsweise bin ich mal hochkonzentriert oder ich will einfach das Sitzen oder Liegen gerade so unglaublich auskosten. Weil...der Himmel ist so blau und die Wolken ziehen so gemächlich dahin, dass ich mit ihnen irgendwo dahin ziehen will. Natürlich nur in Gedanken, denn sonst würd ich ja keinen Schweinehund in mir bemerken.

Lange Rede kurzer Sinn, ich bin dann mal weg, also los. In den ersten gelaufenen Metern war da immer noch dieser dicke Schatten des Schweinehundes. Wirklich, so war es. Gerad mal einen Kilometer und die gesamte Strecke zog durch meinen Kopf. Auweia...Durchhalten Roeschen, einfach weiter laufen. Ist doch wie im Leben. Wenns schwer wird, einfach weitermachen. Und irgendwann war es dann soweit. Ich hatte ihn hinter mich gelassen, diesen doofen Schweinehund. Der Wind war so köstlich frisch auf der Haut zu spüren. Hin- und wieder lugte die Sonne gar durch die Wolkendecke, dann wurd es wieder richtig warm. Dann wieder Zugezogenheit und es ging gerad noch ein wenig schneller. Ich finde das Bild des zugezogenen Wolkenhimmels einfach einmalig. Es erinnert mich  an meine eigene Zugezogenheit mit meinem damit verbundenen Rückzug aus allem. Nur ich und meine kleine Welt, in der ich Tag für Tag immer wieder einen neuen alten Schatz entdecke. Ich weiß, ich weiß, vielleicht versteht das jetzt mal wieder gar keiner. Das ist ja auch nicht so wichtig. Ich denk dann immer, hauptsache Roeschen du verstehst dich.

Am Rhein angekommen gehts bergauf über die kleine Brücke am Mülheimer Hafen wo der Weg schmal entlang des Hafengebietes verläuft. Links liegen die kleinen Yachten und hin- und wieder sieht man auch mal einen richtigen Frachter, der dort irgendwas ablädt oder einfach nur einen Stopp einlegt. Rechts von mir ist alles bebaumt und bestraucht, so daß der Blick auf den großen Vater Rhein nicht freigegeben ist. Es ist wie ein kleiner Damm da oben, der sich nun bis zum Parkplatz der Therme hinzieht und dann in einem rechten Bogen hinein in den Rheinpark führt.

Der Weg ist schon seit langem brüchig. Ich stellte es im vergangenen November fest, als ich ein paar Tage nach meinem Einzug hier in mein neues Domizil die Strecke das erste Mal wieder lief. Da kamen auch natürlich wie immer Erinnerungen in mir hoch. Das war vor hunderten von Jahren meine Hausstrecke mit meinen Hunden. Allein oder zu Zweit zog ich hier mit ihnen meiner Wege. Verlassen ist dieses Stück der Anlage am Rhein. Eine kleine Insel inmitten des Lärms der Großstadt. Achja, und der Mülheimer Hafen, früher lag dort das Schiff der Kelly-Family und das Töchterchen zog ein zwei mal die Woche mit ihren Freundinen vor Ort um ihren Lieblingen zu huldigen. Die taten nichts, die Mädchen damals. Die waren ja noch so süß und jung und unschuldig. Sie saßen einfach da auf dem Damm und warteten darauf, dass sie mal irgendeinen der Bandmitglieder sahen. Natürlich ich als Mama hatte doch immer ein wenig Sorge. So ist das eben mit den Müttern. Das Loslassen braucht eine Weile.

Und dann sah ich die Baustelle mitten auf dem Weg. Drumherum standen vier Bauarbeiter. Sie schauten mir schon von weitem entgegen. Ich musste da ganz schön balancieren um irgendwie an ihnen vorbeizukommen. Aber die waren lustig. Begrüßten mich freundlich und schon verwickelten wir uns in ein Gespräch. Ja, hier wird der Weg repariert meinten sie. Ja, das sehe ich auch, entgegnete ich. Wurd ja auch mal Zeit. Schon vor Jahren, damals, schrieb ich einen Blog im Kölner Stadtanzeiger mit Adressat an die Stadt, dass ich mich bereit erklären würde, alle Rad- und Fussgängerwege abzulaufen oder zu fahren, um die Mängel zu entdecken, denn damals, da wär ich beinahe mal verunglückt mit dem Rad.

Ich schwöre, die waren freundlich. Ich aber auch. Wir scherzten und einer von ihnen begann tatsächlich mit mir zu flirten. Hehe, so geht das nun aber nicht. Aber schmunzeln musste ich doch. Wir hoffen, sie kommen noch oft hier vorbei rief mir dann einer zu, als ich meines Weges weiter lief, ohne noch darauf hinzuweisen, dass dieser Weg, den sie gerade bearbeiteten, auch ein Teilstück des Kölner Jakobsweges ist. Das wussten die natürlich nicht. Die Menschen interessieren sich heutzutage ja vielmehr dafür, was in ihrem kleinen Gerät vor ihrer Nase passiert. Ist doch so. Obwohl, ich las neulich, es war einmal total cool, son Ding in der Hand vor sich her zu schleppen, scheinbar jedoch haben sich die Zeiten mittlerweile verändert. Es wird langsam uncool es nicht zu tun. Das find ich natürlich wieder cool.

Angespornt von der netten Begegnung lief ich also weiter und weiter, bog in den Rheinpark ein, vorbei an der Skaterbahn, auf der sich einige Kids mit ihren akrobatischen Künsten versammelt hatten, an der kleinen Kinderautobahn, auf der Kleinstkinder mal mit einem Autochen über die kleinen Strassen und Wege brausen können. Unglaublich, dass an jedem Ort, wo in der eigenen Heimat herumspaziert oder gelaufen wird, Lebenserinnerungen  da sind. Sie kommen einfach ungerufen. Es gibt ja auch Leuts die sagen, vorbei ist vorbei. Merkwürdiger Mensch bin ich anscheinend. Vorbei ist klar, aber doch nicht vergessen und immer da, sofort da, es braucht nur ein Bild, ein Wort oder eben ein Ort und da tauchen sie einfach auf, die Erinnerungen. Wie auch hier natürlich. Denn da sind meine Pänz auch immer bei einem Sonntagsspaziergang fröhlich und munter auf den kleinen Autos ihre Runden gezogen. Schöne Erinnerungen. Ich sags ja, nur mit und in der Gegenwart leben, ist doch recht langweilig. Die Erinnerungen sind ja auch unser innerer Reichtum, von dem wir mehr und mehr im Älterwerden leben. Denn irgendwann ist dieser Reichtum ganz besonders wichtig. Genau in dem Moment, wo wir uns nicht mehr durch die Welt bewegen können und vielleicht nur noch ans Haus gebunden in unserem Sesselchen oder auf dem Sofa aus dem Fenster schauen. Aus dem Fenster schauen und in die eigene Erinnerung haben ist sicherlich immer noch das schönere, als in den viereckigen Kasten, der da vor uns flimmert, obwohl ich den natürlich nicht verteufeln will, nein, nein, ich bin schon realistisch. Ganz ohne möcht ich ja auch nicht sein. Ich glaube, ich habe auch die meiste Ängstlichkeit, wenn sie denn dann mal in mir hochkommt, vor dem Vergessen.

 
Der Rhein hat wenig Wasser, stelle ich beim Laufen fest. Es sollte Regen geben, ab der Himmel erbarmt sich nicht, jedenfalls nicht über Köln. Manche Bäume haben schon klapprige Blätter und die Kastanie vor meinem Balkon färbt sich an manchem Blätterwerk schon braun. Gibts doch net, der Sommer hat doch gerade erst begonnen. Nun denn, wir können ja Wetter wollen wie wir wollen, es macht eh, was es will, das Wetter. So ist das mit der Natur. Das Einzige was der Mensch nun mal nicht steuern kann. Und das ist auch gut so. Wie sähe das denn dann wohl auch aus, wenn jeder ein anderes Wetter haben würde wollen. Nicht auszudenken, katastrophal der Gedanke.
 
Mittlerweile hab ich mich richtig gut eingelaufen, macht feinen Spaß. Weiter und weiter, rüber über die Severinsbrücke, unten Baustelle, muss ich fort vom Rhein, Strassen überqueren, Absperrungen umalufen, aber irgendwann gehts weiter auf der richtigen, der linken Seite am Rhein gelegen. Sagte ich schon, dass ich meinen Rhein liebe wie nix. An seinen Ufern entlang zu laufen oder zu radeln ist wie Urlaub im Alltag. Ist so. Etwas mehr wie die Hälfte meines Weges hab ich hinter mich gebracht. Meistens ist das dann so, dass ich ein Gefühl von...ich lauf jetzt immer weiter, weiter, weiter, in mir habe.  Wie Tom Hanks in Forrest Gump. Und mal schauen, was dann unterwegs so passiert. Doch muss ich gestehen, es bleibt bei Gefühl und Gedanke, letzten Endes bin ich denn dann doch zu feig.
 
Also auf gehts nach Haus, denk ich so und da seh ich ihn sitzen. Den Mann. Auf einer Bank. Strohut auf dem Kopf. Der fiel mir zuerst auf. Ich trag nämlich auch gern Strohut bei Sonne. Oder Mütze im Winter bei Kälte. Nimm doch mal den Hut ab, sagen die Leuts manchmal, vor allem das Töchterlein. Die ist wirklich immer so streng mit mir. Auch die Zöpf soll ich mal losmachen. Ich häng nu aber mal dran. Und überhaupt bin ich da total anthroposophisch. Irgendwas bleibt ja immer von der Vergangenheit. Kopf muss geschützt sein, Sommer wie Winter. Da halt ich dran fest. Weil, es tut mir einfach gut. Hat gar nix mit Eitelkeit oder Schönseinwollen zu tun. Wobei das Töchterchen ja immer sagt ohne Hut ist schöner. Doch gerade darum gehts mir ja nu nicht. Nu ist es jedoch so, heut hab ich keinen auf. Weil erstens ist die Sonn nicht doll und zweitens störts beim Laufen, denn...ich hab immer noch nicht die richtige Sportkäppi gefunden. So ist das eben. Vielleicht fällt er mir auch deshalb direkt auf, der Mann, der alte da, auf der Bank mit seinem Strohhut.
 
Ne, es ist nicht nur der Strohut. Es ist der ganze Mensch. Wie er da so versonnen sitzt und in seinem Buch liest. Ab und an schaut er auf, auch mal in meine Richtung und ich schaue zurück, laufe aber noch, etwas verlangsamt. Es gibt so einen Moment im Leben, der hindert dich manchmal das zu tun, was du eigentlich tun willst. Da gibt es schlechte und gute Beispiele. Dieses mal ist es jedoch ein schönes Beispiel, wie ich am Ende und zuhause auf meinem Sofa liegend feststelle, ein schönes Beispiel für Unterbrechungen des Tuns, das eigentlich getan werden wollte oder sollte.
 
Also, er zieht mich magisch an, der Mann mit Strohut, Buch in der Hand und ganz allein da. Ich stoppe, lauf wieder einen Meter zurück, denn...eigentlich war ich schon vorbei..aber wie das so ist bei des Weibes Neugier...stell mich neben ihn, er blickt hoch und ich frage ihn, nicht vergessend guten Tag zu sagen, was er denn da so lese, so vertieft unter einem schattigen Bäumchen. Bisserl erkläre ich auch meine Neugier, sage, wissen sie, ich bin Buchhändlerin und es interessiert mich immer rasend, was die Leuts so lesen.
 
Der ist voll nett, der alte Herr, das merk ich direkt. Er lächelt mich an und meint, tja, da werden sie nicht drauf kommen. Das glaub ich auch, wenn ich ihr Buch so anschaue sage ich. Das Buch sieht nämlich sehr, sehr alt und zerlesen aus. Mindestens 50 Jahre oder so. Ich weiß es natürlich nicht. Ausschauen tuts halt so. Er dreht das Buch um, hält es mir entgegen und ich lese: Auf den Könisgwegen der Inkas. Oha...Gut, dass ich mir vorher keine Projektion gemacht habe, was er da wohl lesen könnte. Darauf wär ich nie gekommen. Hier unterm Baum am Rhein im Sonnenschein ein Buch über die alten Inkas und ihre Wege durchs Land. Das ist ja interessant sag ich ihm. Sehr sehr speziell wohl. Natürlich sagt er und erzählt mir gleich, wie lange er nach diesem Buch gesucht habe, es ist Anfang des 19.ten Jahrhundert geschrieben worden, eine uralte Ausgabe also, zwischendurch natürlich mal neu aufgelegt. Fragt mich jetzt bitte nicht nach den genauen Zahlen, ich hab die wieder vergessen. Anderes war mir wichtiger. Also, das Buch war alt und das Thema nun nicht gerade sensationell oder für alle Horsts dieser Welt wohl uninteressant.
 
Ich hab noch mehr Mut gefaßt mit dem Reden und Gespräch führen mit einem Wildfremden, wie immer. Ist ja nicht so, dass mir das immer leicht von der Hand geht. Andere meinen das zwar, aber ich hab schon auch Scheu, dennoch siegt die Neugier oder das Interesse am Menschen immer.
 
Darf ich mich einen Moment zu ihnen setzen frage ich ihn, was er sofort fast freudig bejaht. Mir ist das jetzt so was von egal, dass ich meinen Lauf unterbrochen habe. Ich bin einfach gefesselt von dem alten Herrn. Frage ihn auch weiter. Warum lesen sie ein solches Buch. Das ist doch weder aktuell noch hat es sicher eine Botschaft an sie oder? Was nehmen sie mit aus dieser Erzählung. Er lächelt mich versonnen an und erklärt mir sogleich mit hochgezogenen Augenbrauen und einem *ach* wissen sie, das Thema ist hochaktuell und es kann sehr viel aus alten Zeiten für die Gegenwart übernommen werden. Viele Problematiken sind gleich geblieben. Man kann sehen, dass der Mensch nichts gelernt hat,  was er hätte anders machen müssen. Da kann ich ihm natürlich nicht widersprechen. Zum Beispiel weist er mich daraufhin, dass Peru zur Zeit eines der Länder ist, das am größten von der globalen Erwärmung betroffen ist. Fast die Hälfte der Gletscher, von denen sich 70% im Andenland befinden, seien bedroht. Sie sind die Sicherheitswasservorräte für die Landwirte gewesen. Auch haben die Menschen, verursacht durch Profitgier der Wirtschaftsunternehmen durch die Anlegung der Monokultur die terrassenförmige Anbauweise, die noch von den Inkas kultiviert wurden, vernachlässigt, so daß die Landwirte um ihre Ernten nicht nur bangen müssen, sondern sie zum großen Teil nicht mehr einfahren können.
 
Auch hat er sich mit dem Thema DNA beschäftigt und aus seinen Forschungen herausgefunden, dass viele Menschen aus dem Kulturkreis des Landes mit einigen gleichen Chromosomen ausgestattet sind, wie die Menschen in Europa. Das sei für ihn besonders interessant gewesen, weil es ja gerade auch ein Argument für die fremdenfeindliche Einstellung, die aus vielerlei Gründen immer mehr um sich greife, relevant sei. Wenn der Mensch nur begreifen würde, dass alle die selben Menschen sind, abgesehen vom Ort wo sie leben, beeinflusst durch die jeweiligen Traditionen und Kultur, aber sonst schlummertt in allen das, was im anderen auch schlummert.  Jetzt hätte er das erste Mal in seinem Leben ein 500 Seiten umfassendes Werk nur über dieses Thema veröffentlicht. Allerdings in englischer Sprache, hat es aber auch in Spanisch selber übersetzt. Manoman...was für ein Lebenswerk. Er schaute ganz stolz, als er es mir erzhählte und lächelte dabei.
 
Wieso er sich denn gerade mit Peru und den Auswirkungen des Klimawandels dort beschäftige und so begeistert von den alten Kulturen sei, fragte ich ihn dann. Liegt denn nicht das Nahe mehr am Herzen. Er schaut mich wieder mit einem freundlichen Lächeln an und sagt, nun er mache das jetzt nur noch aus Hobby. Er sei Anthropologe und lebe eigentlich in Peru. Dort habe er bis zu seiner Altersrente an einem staatlichen Kulturinstitut gearbeitet. Viel gereist sei er im Laufe seines Lebens in Peru. Vor Ort habe er recherchiert, angeschaut, mit den Menschen gesprochen, Nachforschungen angestellt, wie und warum sich etwas verändert hat. Das war für ihn eine Lebensuafgabe. Er liebt die Menschen dort und seine ursprünglichen Traditionen. Von ihnen hätte man viel lernen können. Auf meine Frage, ob es sich denn im Alter dort gut leben läßt, er sei ja nun schon weit über 70 Jahre, antwortete er, auch wieder mit einem Schmunzeln im Gesicht, er sei schon seit 1985 nicht mehr beim Arzt gewesen. Unfaßbar, nicht wahr. Jedenfalls dachte ich mir das. Hier in unserem schönen guten Deutschlande sind die Arztzimmer immer voll, die Menschen leiden an allem Möglichen, schwer oder weniger schwer. Oft geht es ihnen hauptsächlich darum, das ist jedenfalls meine Erfahrung aus meiner Tätigkeit in einer internistischen Praxis, ein wenig gehört zu werden. Da ist Jemand, der ihnen zuhört, dem sie erzählen können, was sie bedrückt, woran sie wirklich leiden, so der Arzt ein Gespür auch für den Menschen da gegenüber hat und nicht nur eine Körperstelle untersucht und diagnosiziert. Ja, das können wir ganz sicher von den Menschen dort lernen, sagt er mir, es besteht eine viel größere Zufriedenheit letzten Endes trotz der vielen Probleme die es in Peru gibt,  allgemein gesellschaftlich gesehen aber auch ganz persönlich. Die Menschen strahlen mehr Wärme aus und geben sich gegeneinander Sicherheit, Hoffnung und Zuversicht, gemeinsam etwas zu bewältigen.
 
Einen Monat bis zum Ende des Julis sei er noch hier in Deutschland. Eigentlich ist er kein Kölner, besucht hier nur Bekannte und Freunde, bei denen er übernachtet. Geboren wurde er in Winterberg im Sauerland. Ach, ich hätte ihm noch Stunden zuhören können. Gerade nach Abschluß seines schriftlichen Werkes, beschäftige er sich in der kommenden Zeit in Peru nur mit Gefäßen. Wo sie herkommen, wie sie beschaffen seien, welches Material dafür verwendet wird usw.usw. Ich fand das klasse.
 
Aber auch ich habe ein Gespür dafür, wann es genug ist, Fragen zu stellen und verabschiedete mich mit allen lieben und guten Wünschen für ihn und seine Zukunft. Es habe mir sehr gefallen von ihm aus seinem Leben und dem der Menschen an einem ganz anderen Ort auf dieser Welt zu hören. Ich liebe das so, diese unerwarteten Gespräche mit fremden Menschen. Sie geben mir sehr viel. Manchmal rede ich sogar lieber mit Fremden als mit Bekannten, von denen ich die immer wiederkehrenden Unzufriedenheiten höre. Natürlich ist das nicht immerr so, es gibt auch positiven Austausch. Dennoch dreht sich immer alles um Konsum, Arbeitserfolg und Selbstoptimierung. Mich ödet das zuweilen an. Mir fehlt da oft meistens die Dankbarkeit und die Zärtlichkeit für das Leben das wir doch letzten Endes hier in Deutschland haben. Verhungern muss hier Niemand, es gibt Sichereiten und Zufriedenheit mit dem was man hat, kann sich jeder selber schaffen,. Wenn er natürlich immer darauf schielt, was der Andere hat, materiell und immateriell dann tritt irgendwann ein bitterer Zug um den Mundwinkel auf. Ich frage mich oft, was die ganz spezielle Bitterkeit bei den Menschen wohl sein mag, wenn ich sie dann so betrachte. Woran sie leiden, was ihnen eigentlich wirklich fehlt.
 
Ich erinnere mich auch in diesem Moment an meine eigene Reise durch Indien und Nepal, wo ich Menschen in bitterster Armut traf, die mir Gastfreundschaft gewährten mit dem, was sie hatten und auf ihrem Gesicht immer ein strahlendes Leuchten war, auch wenn man, so das ein Gespür dafür da war, in ihren Augen auch das Leid, dass sie bisher im Leben getragen hatten, zu sehen war.
 
Ich gab dem alten Hern meine Hand, sagte danke für diese schöne Zeit und lief meinen Lauf nach Hause zurück.
 
Schön war das. Es braucht zwar ein wenig Mut, fremde Menschen anzusprechen und eine Frage zu stellen. Aber bisher hab ich es nie bereut und habe auch die Menschen, die mir so offen von ihrem Leben erzählt haben, nie vergessen. Hin- und wieder kommen mir die Bilder und Gedanken an sie hoch und ich verhehle nicht, dass ich bisweilen dann auch ein kleines Gebet für sie und an sie richte. Ich glaube, das ist ganz wichtig zwischen uns Menschen. Jedenfalls ist das meine Erfahrung.
 
Also. Mir nach! Einfach mal den Nebenmann/frau ansprechen, wenn sich die Möglichkeit ergibt und es einen vielleicht reizt es zu tun. Es kann ja gar nix passiern, ausser das man abgelehnt wird. Das macht ja dann nix, im Leben muss auch gelernt werden, abgelehnt zu werden.
 
Zuhause hab ich dann natürlich auch direkt recherchiert. Ich bin son Typ. Und für alle, die es interessiert, setze ich den nachfolgenden Link in meinem Blog. Es schadet nicht, im Gegenteil, es ist wichtig, sich nicht nur um sich selbst zu drehen, sondern immer die Augen und Ohren offenhalten, für das, was weltweit geschieht und zwar als Erfahrung ganz persönlicher Art und nicht nur aus den Medien.

http://www.tagblatt.ch/ostschweiz-am-sonntag/hintergrund/Peru-droht-ein-Wasserkrieg;art304162,4040614
 
Und natürlich habe ich den liebenswerten alten Herrn gefragt, ob ich das Foto für meinen Blog verwenden dürfe. Er hatte nichts dagegen.
 

 

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11. Juni 2017 7 11 /06 /Juni /2017 16:08


Ich habe einen Willen. Nein, ich habe eigentlich viele Willen. Heißt das so? Was ist eigentlich die Mehrzahl von Wille. Schließlich muss es das ja geben. Denn, wie ich feststelle, ich habe einen Willen für viele Willen. Hach mensch, ich gerate noch ganz durcheinander vor lauter so vielen Willen, die ich habe. Also zuerst mal gesagt, einen Willen zum Erfolg hab ich nie groß gehabt. Was bedeutet schon Erfolg. Heute Erfolg morgen gescheitert. Ist doch so. Daher hab ich diesen Willen einfach umfunktioniert zum Willen zur Zufriedenheit mit dem was ist. So!

Ein anderer Wille ist der, möglichst nicht mehr krank zu werden. Da bin ich mir jedoch bewußt, dass allein mein einziger, wenn auch großer Wille einfach nicht ausreicht. Zudem bin ich jetzt auch kein Pedant oder Eiferer geworden in Sachen Gesundheit. Ich tu was ich kann, aber auch manchmal, was ich nicht sollte. Ach mensch, das Leben wär doch sonst langweilig. Ehrlich!

Ich könnte natürlich jertzt unendlich weiter erzählen von den vielen Willen für irgendwelche Dinge oder Gemütszustände die ich habe, doch ich laß das lieber, sonst stöhnt mein geneigter Leser vor zu viel Länge meines Geschreibsels.

Einen will ich jedoch nicht vergessen zu erwähnen. Das nämlich ist der Wille zum völlig unaufgeregt sein für etwas, das geschieht oder nicht geschieht oder einfach mit der Tür ins Haus fällt, ohne angeklopft zu haben. Irgendwann hab ich nämlich kapiert, dass das Leben zweimal so schön sein kann, wenn ich mich nicht aufrege über Dinge, die ich eh nicht ändern kann oder mich gar ärgere. Ist so.

Es gibt ja solche Tage, da passieren dann Dinge nicht nur einmal, sondern zweimal, dreimal, viermal immer weiter, der ganze Tag hängt durch und ich schlittere von einem eigentlich ärgerlichen Geschehnis ins andere. Eine Reihenfolge von wir versauen dir den Tag Roeschen. Da kannst du heute noch so viel wollen wie du willst, es geht einfach nicht so, wie du willst oder es dir vorgestellt hast. Man, ehrlich, genauso ist es.

Heute. Heute begann mit Vorfreude. Sagte ich nicht, niemals zu früh freuen. Aber diesen Willen, der auch mein eigen ist, den vergeß ich einfach manchmal. Jedenfalls sie war da. Die Vorfreude. Heute nämlich wollte ich zur Eröffnung des Skultpurenparks mit Konrad Beikirchner. Hach, erstens mag ich den Beikirchner, zweitens bin ich ein Kulturfreak mit Suchtgefahr. Wenn ich immer alles könnte, was ich wöllte, ach herjeh...ich denke da nur an Kassel und die Documenta in diesen Wochen. Klagen ist jedoch nicht mein Ding. Mach ich halt das, was geht. Der Wille einfach zu machen, was geht, ist ja auch einer meiner vielen Willen. Merke gerade, dass ich doch mehr meiner Willen hier vorstelle, als ich versprochen habe es nicht zu tun.

Jedenfalls, ich hab dann nochmal nachschauen wollen wegen der Uhrzeit des Beginns der Veranstaltung. So what. Mir ist die Kinnlade runtergekippt, doof vor mich hingeguckt. Jawoll...ich bin so doof wie ein Ofen, das kommt mir immer, ich weiß gar nicht mehr, woher ich diesen Spruch habe, der ist aber da, immer, in solchen Situationen, ich find ihn einfach nur herrlich.

Also doof zu sein wie ein Ofen ist, wenn du was willst, unbedingt willst, dich darauf freust und dann feststellst, du hast dich im Datum vertan. So schnell geht das mit dem einfach doof sein. Ich hab dann noch ne Weile ebenso doof auf den Veranstaltungstermin geguckt, weil, wie das manchmal auch so ist, du willst einfach nicht glauben, was du siehst oder was du nicht gesehen hast, wie auch immer. Kann auch sein, dass ich nur so lange gucke, bis ich akzeptiere, dass ich nicht richtig geguckt habe und nun rien de va plus, nix geht mehr. Vorbei ist vorbei. Da kannste nix machen Roeschen.

Immerhin denke ich dann, ah...gestern war das ja, da hätte ich ja auch, bzw. da hätten wir ja eigentlich, meine Freundin und ich, gemeinsam dahin, dorthin maschieren können. Verwerfe den Gedanken aber sofort wieder. Blödsinn, so wie es gestern war, hat es einfach getaugt, und nicht nur mir, sondern auch ihr. Ein schöner ganzer Nachmittag bis in die Abendstunden hinein. Herz, was willst du mehr.

Daher denk ich, nachdem ich die Seite der Veranstaltung schließe, ok, machste halt was anderes Roeschen. Rad haste ja, Wetter ist prima, fast schon zu prima, denn die heiße Sonne wabert schon heftig über das Strassenpflaster, als ich dann am Mittag auf das Rad steigen will, um eine schöne Tour am Rhein, nicht nu wegen Rhein, sondern auch wegen Wind, der dort an der Uferfahrradwegstrecke leise übers Gesicht streicht und der Hitze ein kleines Gegengewicht setzt.

Zieh ich als das Rad aus dem vor meinem Haus befindlichen Fahrradständer, der immer pickepackevoll ist, leider auch mit Rädern, die nie genutzt werden, alt und gebrechlich sind, jedoch wohl niemand sich mal bereit erklärt zu sagen, ist meins, ich tu das mal weg, nä, geht gar nicht, aber was sag ich, ich reg mich nicht auf.

Hach, da kommt es langsam zur Sprache, wie ich mit all diesen ich bin so doof wie nen Ofen-Situationen oder Dingen, die ich nicht ändern kann, umgehe. Ich reg mich einfach nicht auf. Nä! Ich hab einen unverbesserlich großen Willen, ich glaube, den größten der Welt, ohne jetzt meinen Willen zur Bescheidenheit aufzugeben oder gar mit einem Angeber verwechselt zu werden, zur Unaufgeregtheit. Echt! Ganz ehrlich! Was soll ich mich auch aufregen. Das ist weder für Herz und Nerv noch für das gesamte Gemüt gut. Weil, kann ja auch passieren, dass dann einfach jemand anders, ganz Unbeteiligter wegen meiner doofen Aufgeregtheit mal was ab kriegt. Und ich hab natürlich selbstverständlich auch den Willen zu einem friedlichen Miteinander, das ist doch ganz klar.

Also Rad raus, draufgesetzt, paar Meter gefahren, jösses, da geht was nicht. Ich schaue vorsichtig während der Fahrt nach hinten zum Rad und sehe, huch, platt, oder sagen wir fast platt. Nä mit nem matten Rad kann ich nicht fahren, das geht gar nicht. Bisserl gestöhnt hab ich nun doch, für einen Moment, steig ab, schieb das Rad zurück. Sagte ich schon,  war sauheiß in der Sonne, kein Schatten da, vor meiner Tür. Beschloß ich also Luftpumpe zu holen. Ist ja nun kein Ding, mach ich halt was Luft nach und ab gehts. Aber nicht vor der Haustür. Zu heißt, einfach zu heiß. Schließ die Tür auf, trag das Rad die paar Treppenstufen rauf, wieder runter in die nächste Ebene zum Hof, öffne die Hoftür, nehm das Rad wieder, steig noch einmal paar Studen runter, stell es auf den Kopf, das Rad und will wieder hoch,  herein zur Hoftür um ganz nach oben zu gehen, Luftpumpe holen. So. Wäre doch gelacht, wenn ich dem Unvorhergesehenen nicht ein Schnippchen schlagen kann.

Hahaha..jetzt kommts. Hab ich so was schon gesehen? Ne, noch nie. Sachen gibts, die gibts gar nicht. Ich glaub, ich werd nicht mehr, mein Gedanke, als ich sah, was ich sah. Ein Schloß, dass von außen kein Schlüsselloch hat. Wieder wollt ichs erst nicht glauben, tastete vorsichtig nach meiner Brille, bisserl blind bin ich ja schon auch manchmal noch. Aber es blieb wie es ist und wie es war, wie so oft im Leben, das Schlüsselloch zeigte sich nicht.

Steh ich schon wieder doof wie nen Ofen auf dem Hinterhof, der nun nicht klein ist und blickte ratlos um mich. Gucke nach rechts, nach links, nach oben, nach ganz oben, alles ruhig, alles still. Ausserdem es ist Sonntag, den will ich nicht nur für mich, sondern auch für die anderen heiligen. Bloß kein Radau machen, brüllen oder so. Hilfe schon gar nicht. Nä.
Dennoch mußte ich mich schließlich mit dem Gedanken befassen, ich komm hier möglicherweise für Stunden nicht raus, aus dem Hof, wenn ich nicht mal brülle oder irgendwann irgendeiner kommt und auch zufällig auf den Hof will. Immerhin, Schatten ist hier ja.

Fang ich als an, die Mäuerchen zu inspizieren, wie hoch, wo runter, wohin und so. Auweia, alles dick und zu bewachsen. Irgendwo entdecke ich eine Lücke, sollte es mir gelingen von dort runter zu springen, auf das Nachbargelände, käme ich über Umweg durch deren Garagenhof wieder auf die Vorderseite meines Hauses, sprich auch zu meiner Haustür, die ich dann aufschließen kann und überhaupt wieder reinkomme, dann wäre ja alles in Butter. Gesagt getan, verwegen wie ich bin, tu ich das, was ich will. Klettere also auf dat Mäuerchen, spring ca. 2 m, gefühlt 3 m, aber ich weiss es nicht so genau, in die Tiefe und lande eigentlich recht gut, nur leider rutsche ich mit dem einen Fuß auf einer hervorgetretenen Wurzel aus und plumpse wie ein nasser Sack, peng, der Länge nach in die Büsch. Husch husch in the Bush, dachte ich, ehrlich und musste lachen. Ach, ich hab so einen verdammt starken Willen, die Dinge wegzulachen, das ist unbeschreiblich. Ich meine, es sah auch irgendwie komisch aus, wie ich da lag. Ich sah mich nämlich selber liegen. So was gibts. Nachdem ich meine Sinne wieder beisammen hatte, stand ich auf, klopte mir den Dreck von den Klamotten und humpelte ein wenig, war aber nix, wohl eher nur der Schock, von dannen zur Strasse, zur Haustür, nach oben, Luftpumpe geholt und weiter.

Ich hab so einen verdammt großen Willen weiter zu machen, wenns schwierig wird, glaub mir keiner. Ist aber so. Mit der Luftpumpe in der Hand, wieder runter, zur Hoftür, the same Procedere, Tür aber diesmal festgehakt, nicht nochmal, und nun mal heftig gepumpt. Mach ich auch, ne Weile, tut sich aber nix. Hm..Dreh ich das Rad und dreh und siehe da, da kommt die Stelle. Aufgeschlitzt. Hab ich nicht gesehen, vorher meine ich. Klein, aber fein. Die haben mir das Rad aufgeschlitzt. Gibts doch nicht. Wer macht denn so was. Nur meins, denk ich noch. Bsuffa wahrscheinlich in der Nacht. Kann ja mal passieren. So Leuts gibt, ist halt so Roeschen, kannste jetzt gar nix machen. Denn Schlauch hätteste vielleicht ja noch. Obwohl, da sind noch irgendwo paar Umzugskisten, da müßt er drin sein. Aber jetzt, heute, och nö...und ausserdem den Reifen, der ist ja auch kaputt, nicht nur der Schlauch. Na dann, isch reg mich nicht uff, ich schwitze zwar langsam vom Pumpen nach Zeit und nix passierte, aber egal. Machste halt was anderes Roeschen. Das Rad wieder brav nach oben gebracht, trepprauf, Trepprunter, in den Fahrradständer vor der Haustür, morgen ist ja auch noch ein Tag.

Erstmal Hände waschen, mittlerweile waren die schwarz wie die Nacht. Sauber machen, Rock gerade zupfen, Haare aus der Stirn, Hut wieder auf, Tasche umgehängt, gehste halt zu Fuß. Geht doch auch. Obwohl ist schon heiß eigentlich, zu heiß. Aber Rhein geht immer. Bis dahin kommen geht sicher auch, unversehrt hoffentlich. Also maschiere ich los.
An der Ecke meiner großen Einkaufsstrasse in der Nähe angekommen fiel es mir wieder ein. Wieso eigentlich nicht vorher. War doch gestern schon. Hätt ich mir doch merken müssen. Da war doch was. Ach ja..Straßenfest, jösses. Nicht das jetzt auch noch. Wäre besser andersrum gegangen. Nu war ich aber da, und umdrehen wollt ich nu auch nicht wieder. Mittlerweile war alles schon sehr durcheinander was noch vom Tagesplan meines Willens übrig geblieben war. Da musste halt jetzt durch Roeschen, dachte ich. Und wieder eine rettende Idee zur Überbrückung des Gefühls einer gewissen Aufgeregtheit oder Ärgernisses, da ist doch der Eisladen, der, wo ich immer das leckere Eis, zwei Bällchen, ich bin ein Gewohnheitstierchen, Blutorange und Erdbeer, das ist meine Eiswelt und ausserdem der nette Eisverkäufer immer sagt, bitte sehr schöne Frau, obwohl mir das grundsätzlich egal ist, ob er das sagt oder nicht, weil, was soll ich dazu sagen, aber insgesamt ist das alles in Ordnung und spornt mich jetzt an, den Weg durch die breite Masse, die da an Buden und Verkaufsständen entlangschlendert, mein Ziel möglichst schnell zu erreichen umd triumphierend mit meinen zwei Bällchen Eis von dannen Richtung Rhein zu ziehen. Hach, ich habs mal wieder geschafft mit der Unaufgereghtheit.

Selig eisschleckend und schlürfend zog ich also weiter, nur um ein paar Meter weiter dann folgendes erleben zu dürfen, nein wohl zu müssen, ich weiß es nicht. Jedenfalls, ich weiß nicht, ob der bsuffa war oder nicht, ist mir jetzt auch wurscht, so was von, jedenfalls der Depp rempelte mich an und was soll ich sagen, mindestens ein Drittel meines Blutorangeneisbällchensbällchens klatschte niedlich auf meinen Pullover genau an die Stelle wo eigentlich kein Eisbällchen zu sein hat, schon gar nicht ein mittlerweile geschmolzenes, denn klar, das suchte sich seinen Weg  auf meinem schöne grüne T-shit nach unten. Hab ich schon gesagt, dass ich mal wieder doof wie nen Ofen geguckt habe. Wenn ich mich selber angeguckt hätte, wär es mir bewußt gewesen. Aber ich kann mich ja nicht selber angucken. Manchmal tät ichs gern, ich würd sicher ausm Lachen nicht mehr rauskommen, wegen dem doof gucken meine ich. Jedenfalls der Rempler, der Depp, hat auch geguckt, aber nicht doof, sondern frech, ehrlich, isch schwöre. Gesagt haben wir aber beide nichts. Ich weiß nicht, er vielleicht aus Angst nicht, was ich sonst wohl tun würde und ich, weil, ach, mir fällt in solchen Momenten dann auch tatsächlich manchmal nix ein. Also ist es dabei geblieben. Ach ja...kann man nix machen, sagte ich ihm dann doch nach einer Weile, als er immer noch guckte. Passiert halt.

Ratlos stand ich mit meinem Hörnchen, der Rempler war seines Weges gezogen, versuchte noch etwas von meiner  Eisköstlichkeit zu erhaschen, sah aber schon doof aus alles, das bekleckerte T-Shirt, da mitten auf einer Stelle, wo es nicht gern gehabt werden will. Ich war jedoch nicht aufgeregt, Ehrlich, ich schwörs. Mir war das alles jetzt so was von egal. Nur eines wollte ich jetzt nicht mehr. An den Rhein, einfach keine Lust mehr. Dachte, nö, irgendwie geht die Serie dann weiter. Es war auch noch heißer geworden. Ich bog um die nächste Ecke und verschwand in den nächst gelegenen Stadtpark. Ist ja auch mal schön. Immerhin hatte ich meinen Churchill dabei. Dort, vor dem schön gelegenen Stadtteich mit vielen munteren Entchen, manchmal auch Fischreihern, fand ich ein halbschattiges Plätzchen auf einer Bank, wo ich endlich meine Ruhe und meinen Frieden hatte. Hier kann nix mehr passieren. Dachte ich. War auch nicht. Kam also nix mehr. Aber eigentlich hatte es genug gehabt an diesem Tag.

Ich verbrachte den Nachmittag auf diesem Bänkchen, schaute den teils lustig spielenden Kindern zu, Groß und Klein, wie sie an mir vorbeiflanierten, besonders die Dame mit Hund im Kinderwagen fiel mir auf, der ich noch fröhlich hinterherblickte, nachdem sie mir, als ich sie so im Vorbeigehen fragte, wieso der Hund im Kinderwagen und so, erzählte, der sei schon alt und kann nicht mehr wie er gern sollte möchte und daher führe sie ihn eben im Kinderwagen. Fand das drollig. Aber auch den Himmel beobachtend, weil, ich sah dann nach fortgschrittener Zeit, dass da sich was zuzog, konnte die mächtigen Wolkengebilde bestaunen, die das Blau des Himmels verdrängten und ab und an jetzt auch ein leichter, wenn auch warmer Wind durch die Wipfel der Bäume strich.

Ich meinte, es sei Zeit nun, nach Hause zu gehen, mir ein Kaffeechen zu machen, meinen Balkon zu besuchen, mal was hier reinschreiben, damit vielleicht der eine oder andere mir geneigte Leser von mir die Botschaft liest: Es nutzt gor nix, sich aufzuregen oder zu ärgern, die Dinge ändern sich dadurch nicht. Es könnte sogar passieren, dass es weitergeht, mit dem Unvorhergesehenen, Hinderlichen, was auch immer.

Da kann der olle Schopenhauer sagen wat er will, von wegen der Wille ist nicht dienlich. Ich meine doch, tät ich ihm jetzt auch sagen, wenn er vor mir stünde. Mein Wille zur völligen Unaufgeregtheit hat mir schon so manch schöne Stunden des Lebens geschenkt. Mir nach!

 

 

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4. Juni 2017 7 04 /06 /Juni /2017 10:20

Da ist ein Loch in Deinem Pulli, sagte mir neulich Jemand. Ich weiß, antwortete ich, heute Morgen, als ich ihn anzog, bemerkte ich es, heimtückisch, ganz klein, zuerst gar nicht sichtbar, erst beim Ziehen in den richtigen Sitz des selben.
 
Ich hab ihn dennoch nicht ausgezogen. Den Pulli. Mir war das ganz egal. Na und? Dachte ich!
 
So ein kleines Löchlein, wen stört das schon. Fast erwuchs in mir ein ganz klein wenig Liebe für dieses kleine Löchlein in meinem Pulli.
 
Ein Gefühl wie Zärtlichkeit und Wärme machte sich im ganzen Körper breit. Merkwürdig. Für so ein kleines Löchlein. So große Gefühle.
 
Da war dann noch etwas. An Gefühl. So ein ganz klein bißchen. Eine kleine Scham. Aber nur eine kleine. So ein wenig. Vielleicht...
 
Vielleicht dachte der Jemand jetzt komisch über mich. Dass ich eine Schludertante bin. Oder gar eine Unmöglichkeit für diese Welt.  Es kann doch nicht durch die Strassen des Konsums mit einem Loch im Pulli daherspaziert werden. Wo es doch überall das Neue gibt. Wenn du das Neue nicht willst, dann nimm wenigstens Nadel und Faden.
 
Stopf es, das Loch, was eigentlich nur ein Löchlein ist. Es ist dann wenigstens in Ordnung.
 
Adrett, sauber und in Ordnung. Wie das Leben so mancher Menschen. Wenn du von außen schaust. Auf das Leben so mancher Menschen.
 
Die haben das gut gestopft das sichtbare Leben. Es gibt ja so Vieles, mit denen die Löcher ihres Lebens gefüllt werden können.
 
Schwamm drüber, Loch zu, weiter gehts.
 
Ich kann das nicht. Es würde mir fehlen, das Gefühl in mir für das kleine Loch da im Pulli. Und von den vielen Löchern in meinem Leben mal ganz zu schweigen. Dieses schöne warme zärtliche Empfinden für die Wunden. So ist es doch. Selbst der Pulli zeigt mit seinem kleinen Löchlein eine Wunde auf im Material. Was macht das schon. So was passiert. Es hält nichts auf ewig. Es bleibt nicht alles in Ordnung für alle Zeiten.
 
Unachtsamkeit der Anderen, dein eigener Fehler, nicht aufgepaßt und schon ist es da. Das Loch, die Wunde.
 
Und wenn ich beizeiten jetzt doch stopfe, das kleine Loch, die Wunde im Pulli, dann bleibt es ja trotzdem. Solang ich ihn trage, den Pulli, wird die reparierte Stelle mich immer erinnern.
 
Ich hab dann einfach gelacht. Damals. Als der Jemand sagte, du hast da ein Loch. Im Pulli. Drehte mich um und sagte, ich weiß. Heute Morgen sah ich es. Macht doch nix, oder?
 
Ich bin froh, dass die Löcher, die Wunden, die das Leben mir zugefügt hat, zu sehen sind.
Manchmal jedenfalls. Von Menschen, die noch genauer hinschauen. Die bleiben bei mir so wie ich bei ihnen. Sehe doch auch ihre Löcher und Wunden. Und bleibe bei ihnen.
 

Die kleine Scham ist dann weg. Sofort. Es bleibt nur die Wärme und die Zärtlichkeit. Für meinen Pulli, den ich so gern trage. Das werd ich, bis er auseinanderfällt. Und auch mein Leben werd ich tragen, bis es auseinanderfällt. Die Zeit des Wegschmeissens ist Gott sei Dank vorbei. Schon vor Ewigkeiten gab es sie. Ich hatte verstanden. Irgendwann. Es läßt sich auch mit Rissen und Löchern durchs Leben gehen.

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1. Juni 2017 4 01 /06 /Juni /2017 14:46

Zack

 

An meinem Arm

hängt keine Uhr

 

nichts macht

tick-tack klick-klack

 

ich habe Zeit

davon ganz viel

 

denn an meinem Arm

hängt keine Uhr

 

die Anderen

sie rennen, hetzen, laufen

im Takt

des Tick-tack klack-klack

 

Zack

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Published by Fernweh - in lyrik
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28. Mai 2017 7 28 /05 /Mai /2017 19:09

Gestern war ich im Theater. Genauer gesagt, im Theater *Der Keller* Ich liebe dieses kleine Theater und habe es schmerzlich vermißt in meinen Jahren in Frankfurt. Daher war ich an diesem Tage so voller Freude, mir das angekündigte Stück von Max Frisch *Biografie...Ein Spiel* anschauen zu können. Ich hatte mir die Karte vorbestellt. Besser ist besser. Obwohl ich dachte, das Wetter ist sommerlich, viel Besucher wird es nicht haben. Um so besser mein Gedanke, ich mag es, wenn es nicht all zu voll ist.
 
Am Vormittag hatte ich noch eine Tour mit dem Rad gemacht, bin dann aber in der prallen Mittagssonne nach Hause und habe eine schöne Siesta zelebriert. Es war viel zu heiß zum Weiterradeln und der Weg am Abend zum Theater umfaßte ja auch noch einmal fast 30 km mit dem Rad hin- und zurück. Das sollte mir genügen an Bewegung.
 
Max Frisch, ich liebe ihn und seine Bücher. Noch vor einiger Zeit habe ich mir seine Tagebücher zu Gemüte geführt und bin in sein Leben eingetaucht. Gut, alles kann sich ja gar nicht gemerkt sein. Ich kann auch nicht immer so aus dem Effeff alles gleich runter erzählen, manchmal bedarf es eine Erinnerung und dann fällt mir so dies und das ein. Ich bin und bleib halt ein kleiner Montaigne, der musste ja auch immer alles nachlesen, hat sich alles angestrichen, sein Gedächtnis war nicht so gut, alles immer ad hoc abzurufen. So gehts mir auch oft.
 
Auf dem Radelweg zum Theater, es war noch herrlicher Sonnenschein, die Menschen am Rhein flanierten oder saßen in den Biergärten, ging mir natürlich schon Einiges durch den Kopf. Jösses, in der Erinnerung an das Leben der eigenen Biografie als Spiel eine andere Wendung geben. Hab ich das je gemacht, so fragte ich mich unterwegs. War da mal irgendwann ein Gedanke in mir, der herausbrach in dem Sinne, hättest du doch an dieser oder jener Stelle deines Lebens anders gehandelt Roeschen. Eher vielleicht, wie wäre mein Leben verlaufen, wenn die Dinge, die von Außen auf mich zukamen, nicht geschehen wären, wie mein Unfall inm jungen Jahren oder gar, wenn ich in ein ganz anderes Elternhaus hineingeboren wäre.
 
Ich musste zu dem Ergebnis kommen, was zumindest die eigene Entscheidung- und Handlungstätigkeit bnbetraf,  bisher ist das nicht geschehen, aber wer weiß was am Ende des Lebens mit uns passiert, kurz vor Angesicht des Todes. Ob da wohl so etwas aus einem hervorbricht. Ich werds ja dann sehen. Ich hoffe es natürlich nicht. Denn, ich glaube, ein solcher Gedanke läßt den Menschen nicht in Ruhe sterben oder gar in Zufriedenheit weiterleben. Davon bin ich überzeugt.
 
Ich war mal wieder viel zu früh, wie immer. Aber das macht mir ja nix aus. Das Theater "Der Keller"liegt ruhig an einer baumbewachsenen Straße und hat einen schönen Vorhof mit einer langen Sitzbank, auf der sich gemütlich niedergelassen werden kann. Am Abend sogar im Schatten, ein lauschiges Plätzchen an dem verweilt und sich die Welt ein wenig beguckt werden kann. Oder einfach, weil die Leidenschaft zum Schach einen nicht losläßt, nochmal schnell via smarthphone in die laufenden Partien geschaut, um einen Zug zu machen. Ist ja nicht schlimm, oder? Ein paar weitere Besucher kommen, es wird nicht voll, aber auch nicht zu wenige derer, das wäre ja auch schade für die Schauspieler, die sicherlich an diesem schönen Sommertag auch etwas anderes lieber getan hätten.
 
Es ist ja klar, dass das Theater seinen Namen daher trägt, weil es sich tatsächlich in einem Keller befindet. Daher war es fein, in die kühlen Räumlichkeiten einzutreten. Ich suchte mir einen Platz genau in der ersten Reihe vor der Bühne in dem kleinen Aufführungsraum. Ich saß da alleine. Sie haben aber Mut, sagte die junge Frau hinter mir, mit der ich vorher schon ein paar Worte gewechselt hatte, die aus Berlin kam und erst seit drei Monaten in Köln lebte und sich hier sichtlich wohl fühlte. Das würde sie sich nicht trauen, meinte sie, es könnte ja sein, dass man plötzlich mit einbezogen werden würde, hätte sie alles schon erlebt. Och, antwortete ich ihr, es gibt ja ein *nein* Jaja, sie wiederum, das müsse man aber erst mal können. Nun, entgegenete ich ihr, das hab ich gelernt, mittlerweile, hat lang gedauert, aber es funktioniert jetzt. Da lachte sie. Irgendwie, das beobachte ich oft, haben die Leuts immer Probleme, wo sie wohl ihren Platz einnehmen wollen, egal, ob im Theater, der Oper oder sonstigen Veranstaltungen. Die wuseln da immer rum, unfaßbar. Hierhin, nein dorthin oder vielleicht besser doch nach da. Ich versteh so was nicht. Ich bin da so was von zielgerichtet, ich glaub es selber manchmal nicht. Sagte ich nicht schon, was ich will, das will ich und das zieh ich auch durch. Und so wartete ich ungeduldig auf den Beginn der Vorstellung, Füße hoch auf den Rand der Bühne, es war erlaubt, und machte es mir gemütlich.
 
Wie wird dieses doch sehr komplexe Stück von Frisch wohl umgesetzt worden sein, so die Erwartung meinerseits. Frisch selber hatte ja die erste Aufführung damals selber boykottiert bzw. hatte sie abgeblasen, weil es zu Differenzen gekommen ist und seine Vorstellungen nicht umgesetzt wurden. Er hatte kurzerhand die Bühnenrequisiten zum Verkauf angeboten und ist aufs Land gezogen. Konsequent war er ja, der Frisch, das muss man ihm lassen. Authentisch und aufrichtig zu sich selbst, jedenfalls, sofern ihm von seinen inneren Motiven und Antrieben bewußt war, hat er gelebt, was er wollte. Das bewunderte ich an ihm.
 
Er war zeit seines Lebens ein Mensch, der sich immer wieder fragte, wer bin ich und wieviele. Zwei Berufe hatte er erlernt, er begann mit dem Schreiben, legte dies aber ad acta, begann ein Architekturstudium, in dem und mit dieser Ausbildung er auch viel geschaffen hat, aber es dann später wieder los ließ und sich wieder ganz dem Schreiben zuwendete. Wer schreibt, sagte er, forsche auch, nicht nur nach sich selber, sondern auch nach der Welt. Viele Beziehungen ging er ein, zahlreiche Affären, unter anderem auch eine längere Beziehung zu Ingeborg Bachmann, die ich ebenfalls sehr schätze. Leider ging auch diese Beziehung in die Brüche und die Inge ist fast daran zerbrochen. Aber gut, ich will nicht abschweifen.
 
Es ging los...Die Protagonisten marschierten ein. Aber was war das denn? Jösses, dachte ich, wieso dieser schrille Kostümwahn. Ist das eine Karnevalsveranstaltung? Sorry, es ist eine Kommödie...das Spiel...dennoch sollte sie doch eigentlich für sich sprechen. Wieso braucht es so einen grotesken Aufputz. Mir ist das immer übel aufgestoßen, auch bei Operninszenierungen, wo ich den Eindruck hatte, es wird krampfhaft danach gesucht, etwas ganz Bsonderes hervorzubringen und dabei vergessen, dass das Stück, das gezeigt wird, das Besondere schlechthin ist, und es hauptsächlich darum gehen sollte, mit schauspielerischer oder gesanglicher Kunst diese Besonderheit herauszustellen. Für mich jedenfalls braucht es diesen Zirkus nicht. Ich kann mir nicht helfen, mich hat das abgelenkt, die ganze Vorführung.  Ich hab mich zwischendurch auch ermahnt. Hab gesagt Roeschen, Roeschen, sei nicht so kritisch. Ich erinnerte mich sogar daran, wie ich meinen allerersten Blog für den Kölner Stadtanzeiger schrieb, es ging um Opernkritiker, in dem ich ausführte, dass das, was der Kritiker sagt, nicht alles ist. Auch ein Kritiker ist von so vielem abhängig, worauf sich dann seine Kritik letzten Endes stützt. Aber ich schwöre, ich war nicht schlecht druff, ich hatte gute Laune, ich hab mich auf das Stück gefreut. Also davon konnte die Abneigung nicht kommen.
 
Dann kam auch noch diese etwas merkwürdige Choreografie daher, mit denen die Schauspieler auf der Bühne spielten. Ich verdrehte zunehmens mehr die Augen und musste tief durchatmen. Wer das Buch von Frisch nicht gelesen hat, ich gebe zu, bei mir war es nun ja auch lange Jahre her, aber immerhin wußte ich doch überwiegend, worum es ging und kontnte mich auch an Vieles erinnern. Aber ich habe mich gefragt, was machen die Leuts, die das Buch nicht kannten. Und ich hatte Recht mit meiner Frage, denn am Ende des Stückes kam ich mit zwei älteren Damen ins Gespräch die beide sagten, sie hätten streckenweise überhaupt nicht durchgeblickt, worum es ginge. Erst nach längerer Zeit wurden ihnen die Zusammenhänge klar. Damit will ich zum Ausdruck bringen, gut, es ist schwer dieses doch sehr komplexe Thema aufzuzeigen, jedoch hätte man sich da etwas mehr Mühe geben sollen, die anscheinend eher auf die Verrücktheiten des äußeren Erscheinungsbild gelegt wurden. So empfand ich es jedenfalls.
 
Um meinem geneigten Leser eine Kurzfassung zu geben:
 
Hans Kürmann, von Beruf Verhaltensforscher, bekommt in einem Moment seines Lebens, an der bei ihm eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird, die Möglichkeit sein Leben noch einmal neu zu beginnen, gedanklich, ein Spiel. Was hätte er an welcher Stelle seines Lebens anders gemacht, gehandelt, gesagt und wie hätte dies ausgeschaut, welche Wendung hätte seine Lebensbiografie somit bekommen. Ein Registrator der sein bisheriges Lebensbuch kannte, führte ihm einige Stellen in seinem Leben vor und überließ ihm die Wahl, noch einmal neu zu entscheiden. Im Vordergrund der Aufführung stand der  Lebenseinschnitt Kürmanns der Ehe mit seiner Frau Antoinette, die Kürmann gerne hätte rückgängig machen wollen. Sieben Jahre hat diese Ehe angedauert, kennengelernt haben sich die Beiden auf einer Feier nach Ernennung Kürmanns zum Professor. Dort beginnt das Stück auch. Immer wieder wiederholt Kürmann diesen Abend mit Antoinette, doch letzten Endes kommt es immer wieder darauf hinaus, dass die Beiden zueinander finden.  Es war seine zweite Ehe, denn seine erste Frau hatte sich nach einem heftigen Streit beider das Leben genommen. Aus dieser Ehe hatte er bereits ein Kind, dessen Kontakt zu ihm aber die Familie seiner verstorbenen Frau verweigerte. Warum wohl? 
 
Weiter zeigt ihm der Registrator einen Lebensmoment seiner Jugend, in dem Kürmann einen Unfall verursacht, er trifft mit einem Schneeball einen Schulkameraden, der daraufhin ein Auge verliert. Etwas weiter im Lebenslauf befindet er sich in den USA, begegnete dort seiner ersten großen Liebe, aber er verläßt sie, weil seine Mutter todkrank auf seine Heimkehr wartet und die Verlassene ihm nachwein wird. In beiden Fällen gelingt es Kürmann nicht, auch hier eine Korrektur vorzunehmen, was damals schon beim Lesen des Buches für mich unverständlich war. Wie kann es möglich sein, dass wenn ein Mensch einem anderen einen schweren Schaden zugefügt hat, nicht der Gedanke aufkommt, wäre das doch nicht passiert, hätte ich mich besser anders verhalten. Wenn überhaupt ein solcher Gedanke aufkommt, dann doch in diesem Fall oder? Nun denn...
 
Diese Lebensmomente wurden bei der Aufführung herausgeholt und aufgezeigt. Es gab in seinem Leben noch einan anderen wichtigen Moment, in dem Kürman tatsächlich eine Korrektur vornahm. Ich möchte sie aber nicht verraten, denn möglicherweise bekommt ein mir geneigter Leser ja nun vielleicht Luist darauf sich mit dem Buch von Frisch zu beschäftigen und da ist es ja doof, wenn alles schon im voraus gewußt wird.
 
Hiermit beschäftigte sich die karnevalskostümierte Schauspielergruppe, um nicht noch einen draufzusetzen und irgendwann während der Vorführung merkwürdige Kinderinstrumente herauszuholen, auf denen sie dann herumklimperten und nicht davon abließen, dazu immer mal wieder merkwürdige Verrenkungen machten. Auch hab ich überhaupt nicht begriffen, wieso so laut herumgeschrieen werden mußte. Ein, zwei mal hab ich mich sogar richtig erschrocken und ich bemerkte das auch bei den beiden älteren Damen, die sich, das vergaß ich vorher zu erwähnen, dann auch noch in meine erste Reihe gesetzt hatten. Irgendwie kam mir alles total überladen, aufgesetzt und schrill vor. Ich gebe auch ganz ehrlich zu, mein Eindruck war, die Schauspieler hatten gar keine Lust. Mir ist so was noch nie passiert, ich hatte für keinen der Aufführenden einen Hauch von Sympathie. Sie wirkten alle statisch, ohne Leben. Und ich fand, das paßte nicht. Sicher, dieser Kürman war ein lebensfeigling, ein mechanisch in seinem Leben herumlaufender, ohne wohl viel zu fragen, aber m.E. war diese Starrheit der Schauspieler ein ganzes Stück zu weit. Die einzige Lebendigkeit schien im dauernden Herumwirbeln und verschieben der Bühnenrequisiten zu sein, ihrem Schreien und merkwürdigen Herumhampeln. 
 
Ich habe versucht zu verstehen, was eine Jury wohl überzeugt hat, diese Aufführung für den Monica-Bleibtreu-Preis 2017 vorzuschlagen. Genauso wenig wie ich oft nicht  verstehe, wieso dieses oder jenes Buch nun unbedingt zu einem Preis gelangt im Literaturbetrieb. Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich da nicht intellektuell genug zu, weiß mans. Ich denke jedenfalls, die Leuts suchen immer nach Sensationen. Gut, der Beuys sagte ja, Sensationen müßten sein, verstehe ich, also ihn hab ich verstanden, weil er damit doch etwas ganz anderes mit gemeint hat. Diese Art von Sensation braucht es jedoch nicht. Es lenkt einfach ab. Es nimmt, auch wenn es eine Kommödie ist, die dennoch aber einen tiefen Ernst hat, denn, was ist denn das Leben des einzelnen Menschen nicht, wenn eine Kommödie.
 
Ich schäm mich ehrlich gesagt ein wenig, dass ich gar nichts Gutes an der Aufführung lasse, es sind jedoch meine ehrlichen Gedanken und Empfindungen. Als ich vor dem Theater nach Schluss dann mit den beiden älteren Damen noch ein längeres Gespräch hatte, bestätigten sie mir zum Teil meine Eindrücke. An dieser Stelle muss ich jedoch auch sagen, dass die Beiden jetzt nach dem Gesehenen Lust darauf bekommen haben, das Buch zu lesen. Immerhin. Und dass sie dennoch, auch ob des Durcheinanders auf der Bühne, sehr nachdenklich geworden sind.
 
Letzten Endes, was will denn ein Schriftsteller, der ein solches Buch schreibt und es auch zur Aufführung bringen will, denn für eine Botschaft vermitteln. Sicherlich nicht eine sarkastische Sicht auf das eigene Leben im Rückblick oder? Das wäre ja ein trauriges Ende seines eigenen Lebens.
 
Wenn Kürmann, zumindestens in der Aufführung am Ende  das  Lied " My Way"singt, was übrigens ganz schrecklich klang, dann kommt doch heraus, dass er sich mit seinem Leben versöhnt hat. Was anderes bleibt dem Menschen ja auch nicht übrig, sonst ist er verbittert.
 
Aber noch viel viel wichtiger empfinde ich es, so der Moment noch nicht eingetreten ist dass wir uns aus diesem Leben verabschieden müssen, vielleicht  einmal einen Blick nach hinten zu werfen, um diesen Prozeß abzuschließen, Versöhnung mit dem was gewesen ist, doch unser Augenmerk auf die Zukunft, die uns noch bleibt zu richten, und zu versuchen uns weiter zu entwickeln, zu verändern an all den Stellen, wo es möglicherweise gefehlt hat in der Vergangenheit, und vor allen Dingen, dieses zukünftige Leben so zu gestalten, dass es uns glücklich macht, auch wenn wir dafür Einiges zahlen müssen. Es gehört Mut dazu, eingefahrene Wege zu verlassen, das weiß ich sehr genau. Der Mut jedoch wird sich auszahlen und wenn er mit Geist und guter Gesinnung getätigt wird, kann gar nichts schief gehen. Letzten Endes muss der Mensch sich doch selber im Spiegel anschauen können. Und ich weiß auch, dass das alles nicht so einfach ist, denn unsere Gesellschaft macht es uns recht schwer, unsere eigene Identität zu finden oder sie zu  zu wahren und sich treu z bleiben. Manchmal dauert es viele viele Lebensjahre bis diese Erkenntnis erreicht wird. Es ist jedoch nie zu spät, finde ich.
 

Ich denke mir jetzt einfach, die Schauspieler werden gar nicht traurig sein, wenn sie wüßten, was ich hier so schreibe, was ich empfunden habe beim Anschauen ihrer Aufführung, sondern vielleicht auch ein wenig dankbar sein, dass kritische Stimmen sich auftun. Denn gelernt wird auch aus der angebrachten Kritik. Und ich will eines noch sagen, ich hab es nicht bereut, dabei gewesen zu sein, auf gar keinen Fall. Es war kein vertaner Abend. Ich habe mich nochmals mit Inhalt des Buches, mit dem Autor aber auch mit meinem eigenen Leben beschäftigt. Das ist es schon Wert gewesen.

Daher dennoch meinen Dank auch an die Menschen, die sich daran gewagt haben, dieses schwierige Thema aufzugreifen und sich damit zu präsentieren.

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